Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 2


Theater-Zeitung  3

Das Hessische Landestheater im März und April 2003

Premiere

„Wilhelm Tell“ von Friedrich  Schiller

 

Am 12. April steht die nächste große Premiere auf dem Spielplan des Hessischen Landestheaters: „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller. Dass das Marburger Theater – Regisseur ist Peter Radestock – dieses Schauspiel auf die Bühne der Stadthalle bringt, ist ein spannendes Wagnis. Denn bei keinem Stück klaffen Bekanntheitsgrad und Aufführungshäufigkeit so deutlich auseinander. Die meisten kennen „Wilhelm Tell“ als   Schullektüre, kennen den Rütli-Schwur, die Apfelschussszene oder die „hohle Gasse“, haben das Stück aber nicht auf der Bühne gesehen: Der „Tell“ wird nämlich nur selten aufgeführt. Woran liegt diese Zurückhaltung der Theater? Am unzeitgemäßen Inhalt?  Am Schillerschen Pathos der Sprache, das vielen fremd geworden ist?

Dabei kann, wer den „Tell“ wieder liest, interessante inhaltliche und sprachliche Aspekte entdecken. – So ist der Aufbau des Dramas auffällig: Es gibt eine Volkshandlung und eine Tellhandlung. In den ersten beiden Akten stehen der wachsende Widerstand der Vertreter des Volkes gegen die Unterdrückung durch die Vögte und der langsam sich entwickelnde Entschluss, gegen die Fremdherrschaft und die Tyrannenwillkür Maßnahmen zu ergreifen, im Vordergrund des Dramas. Tell spielt bei der Organisation der Auflehnung gegen die Vögte, die ihren  Höhepunkt in der Rütliszene erreicht, zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Er ist am Rütli-Schwur nicht beteiligt. Der Apfelschuss im dritten Aufzug löst dann aber Ereignisse aus, die schließlich zum Sturz der Vögteherrschaft führen. Dafür ist Tell verantwortlich, nicht so sehr der Zusammenschluss der Kantone. Die Vertreter des Volks unterstützen Tell, sind aber nicht mehr, wie in der Rütliszene angelegt, diejenigen, die die Handlung vorantreiben und die Abläufe kontrollieren. - Im Zusammenhang mit der  Figur des Tell erhebt sich die Frage nach der Motivation seines Handelns, z.B. als er Geßler tötet.

Schiller erkennt, dass diese Tat einer besonderen Rechtfertigung bedarf, und lässt deshalb Tell in einem Monolog seine Tat begründen. Bemerkenswert ist, dass der Mord an Geßler nahezu völlig persönlich und familiär motiviert wird. Politische Gründe spielen bei seinen Überlegungen eher eine untergeordnete Rolle. Und dennoch wird der Tod Geßlers unmittelbar nach Tells Tat zu einem politischen Fanal: „… Der Tyrann / des Landes ist gefallen. Wir erdulden / Keine Gewalt mehr. Wir sind freie Menschen. … Das Land ist frei.“ Tell löst unbeabsichtigt und unbewusst, ja zufällig eine Kette von Vorfällen aus, die zur politischen Freiheit der Schweizer führen. – Eines der auffälligsten Merkmale der Sprache des „Tell“ ist  ihre Sentenz- und Bildhaftigkeit. Die Sprache dient nicht nur dazu, Personen, Dinge und Ereignisse zu benennen, sondern allgemeingültige Ideen auszudrücken und zu vermitteln und Sachverhalte sprachlich zu überhöhen. Diese Entpersönlichung und Entindividualisierung der Sprache zeigen sich deutlich an der Figur des Tell. Er argumentiert nur bedingt als Person, die bestimmte Interessen verfolgt oder eigene Entscheidungen vertritt. Immer wieder vermittelt er seine Ansichten in Form von Sentenzen, Vergleichen und sprachlichen Bildern, die eine Distanz zwischen Ausdruck und Person herbeiführen und die Figur eher zu einem Sprachrohr von Ideen als zur Darstellung eines ganz bestimmten Schicksals machen. – Der Theaterbesucher wird gespannt sein können, wie Radestock mit dem Helden  Tell, seiner Sprache des „hohen Tons“ und den anderen weitgehend typisierten Figuren – Berta und Rudenz sind eine Ausnahme – umgeht und deren mögliche Fremdheit in produktives Bühnengeschehen umsetzt.

Noch ein weiterer Punkt fällt beim Wiederlesen auf: die dramatische Gestaltung des Themas Unterdrückung und Gegenwehr. Zwar werden die Ideen der Französischen Revolution als Leitbilder der Volkserhebung verwendet. Ihre inhaltliche Konkretisierung unterbleibt aber weitgehend bzw. hat nicht die auf gesellschaftliche Veränderung zielende Stoßrichtung, die 1789 in den Begriffen   égalité, liberté, fraternité  ausgedrückt wurde. Eher ist der „Tell“ eine in vielen Szenen und auf verschiedenen Ebenen sich wiederholende Rechtfertigung für Gewalt gegen Unterdrückung, ohne dass daraus ein wirkliches Revolutionsdrama wird. Das Bemühen Schillers, den Widerstand gegen obrigkeitliche Willkür als ethisch begründet, menschlich verständlich, moralisch gerechtfertigt und politisch erforderlich zu zeigen, macht den eigentlichen gehaltlichen Kern des Dramas aus.- Der Besucher der Marburger Aufführung wird überprüfen können, wie weit es Radstock und seinem Team gelingt, aus solchen und anderen inhaltlichen Vorgaben und Aspekten nicht einen „verstaubten“, sondern einen packenden, provozierenden Klassiker-Bühnenabend zu machen.

 

Peter Meyer in der Rolle des Tell

Die Rolle des Tell wurde von Regisseur Peter Radestock dem Schauspieler Peter Meyer übertragen. Meyer gehört seit April 2000 zum Marburger Ensemble. Er hat in den vergangenen Spielzeiten zum Beispiel den Carlos in Goethes „Clavigo“ und den Cyrano in „Cyrano de Bergerac“ gespielt. Er ist aber auch an der Regiearbeit interessiert. Mit seiner Inszenierung des Vorweihnachtsmärchens „Die Schneekönigin“ knüpfte er an Erfahrungen an, die er nach seinem Schauspieldiplom (1997) am DNT in Weimar als Assistent des Intendanten Beelitz sammeln konnte. Meyer hofft, auch in Zukunft Regieaufgaben übernehmen zu können.

Schillers „Tell“, so äußert er sich in einem Gespräch, stelle für ein Ensemble eine schwierige Aufgabe dar. Wie soll ein Schauspieler im Jahr 2003 die Wörter, die Schiller seinem „Helden“ in den Mund legt, sprechen? Wie soll er die Sätze, die manche im Publikum auswendig können, sprechen? Wie kann die Sprache Schillers lebendig werden, ohne übertrieben pathetisch zu klingen? – Peter Meyer findet die Rolle des Tell gerade auch wegen solcher Fragen spannend, interessant und betrachtet sie als eine Herausforderung in seiner bisherigen schauspielerischen Laufbahn.

 

„Theater sehen – Theater spielen“

8. Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche in Marburg  vom 16. bis 22. März

Längst haben die Theater erkannt, dass das – vielleicht – wirkungsvollste Mittel gegen Besucherschwund darin besteht, Kinder und Jugendliche neugierig auf Theater zu machen und sie so dazu zu bringen, Theater jetzt und später als „ihre Sache“ anzusehen. Theaterfestivals  sind eine Möglichkeit, jungen Besuchern die „Schwellenangst“ vor dem Theatersaal zu nehmen. Im Frühjahr jeden Jahres gibt es mehrere solcher Theaterwochen. So finden in der letzten  Märzwoche in Nordrhein-Westfalen das Kinder-Musik-Theater-Festival „Traumspiele“ statt, Anfang Mai in Berlin das Deutsche Kinder- und Jugendtheatertreffen „Augenblick mal!“ und in Marburg die Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche „Theater sehen – Theater spielen“. Nicht nur bei den jungen Besucherinnen und Besuchern und bei der Kritik stehen die Marburger Veranstaltungen – zum achten Mal bereits findet die Theaterwoche statt, die meisten Aufführungen sind seit langem ausverkauft – hoch im Kurs. Auch die Kinder- und Jugendtheater selbst sehen die Einladung nach Marburg als Auszeichnung: „Wer in Marburg spielen kann, hat es geschafft“ heißt es in ihren Kreisen.

Dass die Marburger Theatertage so beliebt und angesehen sind, hat Gründe:

In jedem Jahr wird zum Beispiel ein Festivalpreis, gestiftet vom „Freundeskreis Marburger Schauspiel“, für die beste Produktion vergeben. Eine Jury, in der auch Kinder und Jugendliche  mitwirken, trifft die Preis-Entscheidung. Am Samstag, dem 22. März, wird der Preisträger um 2o Uhr im TASch 2 bekannt gegeben.

Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts der Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche ist das Workshop-Begleitprogramm. Unter der Leitung von Theaterpädagogen/-innen, Schauspielerinnen und Schauspielern, Regisseurinnen, Musiker/-innen und überhaupt „Theatermenschen“ wird Theaterspielen mit Kindern und Jugendlichen geprobt. Die Themen reichen vom „Kreativen Kindertanz“ über „Geschichten-Spielen“, über Begleitseminare zu Festivalstücken und über Musical- und Theaterspiel bis zum „Märchentanz“, zu Clownerien und zur Vortragstechnik. Die 36 Workshopangebote richten sich an Kinder und Jugendliche von der 1. bis zur 13. Klasse. Gerade in diesem „Selbermachen“, in  dieser Motivation zum Spielen liegt eine Stärke des Marburger Festivals.

Der wesentliche Grund aber für den Erfolg der Marburger Theaterwoche ist die kluge Auswahl der Stücke. Festivalleiter Jürgen Sachs bringt ein Jahr Arbeit in die Stückeauswahl ein. Zusammen mit  Norbert Ebel hat er um die 100 Inszenierungen besucht und schließlich 20 zum Marburger Festival eingeladen.

Die Theaterwoche – das Folgende ist nur eine kleine Auswahl - beginnt bereits mit einem kleinen Paukenschlag, mit der Uraufführung „Westindische Früchte“ von Norbert Ebel (Sonntag, 16.3., 15 Uhr im TASch 2). Interessant dürfte am selben Tag – um 18 Uhr im TASch 1 – auch die Vorstellung einer Tanzgruppe aus Utrecht/Niederlande sein: „Fabel van Verwarring“. „Verwarring“ heißt so viel wie Verwirrung der Gefühle, der Instinkte, des Gefühls und ist wohl ein Hinweis darauf, wie die choreographischen Bewegungen und Abläufe gesehen werden können. – Am Montag,  dem 17.3., um 15 Uhr im TASch 1 steht „Die Schöne und das Biest“ vom Nationaltheater Mannheim auf dem Programm. Es geht darin um große und kleine Leute, um Küssen und märchenhafte Geschichten. „Der Regie ist es vorzüglich gelungen, den Kontrast von Groß und Klein als Motor des Geschehens lebendig zu halten, ohne ihn clownesk auszureizen.“ („Die Rheinpfalz“). – Für 15jährige und Ältere wird „Klamms Krieg“ von Kai Hensel in einer Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden geboten: Selbstmord eines Schülers – Schuldvorwürfe gegenüber dem Deutschlehrer Klamm – Unterrichtsstreik … . „Klamms Krieg“ erhielt den Deutschen Jugendtheaterpreis 2002.  (19.3, 11 Uhr, TASch 1)  - Das Theaterhaus Frankfurt präsentiert am Donnerstag, dem 2o.3., um 2o Uhr im TASch 2 „Tristan und Isolde“, ein Stück mit Musik über Liebe und Tod. Der Autor Friedrich Karl Waechter schreibt dazu: „Ich muss darauf hoffen, dass jüngere Zuschauer, trotz der sie fütternden Medien, eine Ahnung bewahrt haben von der Zauberkraft der Liebe und des Todes, der ihr Schatten ist.“ – Und natürlich stehen „Vom Jungen, der in ein Buch fiel“ (21.3., 10 Uhr, TASch 2) und „Creeps“ auf dem Spielplan (Freitag, 21.3, und Samstag, 22.3. jeweils um 2o Uhr im TASch 2), die sehr erfolgreiche Produktion des Marburger Schauspiels  mit drei Schülerinnen in den Hauptrollen unter der Regie von Luisa  Brandsdörfer. Die Inszenierung wird sicherlich bei der Preisvergabe ganz vorne „mitmischen“ können. – Die Workshopergebnisse werden am Freitag, dem 21.3., um 16 Uhr im TASch 1 präsentiert.

Die Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche stellt einen Höhepunkt in der Spielzeit des Marburger Schauspiels dar. Das Angebot ist so attraktiv, dass nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene – eingeladen sind die vor allem auch in die Abendaufführungen – ihren Theaterspaß haben werden.

 

Empfehlung

„Hoppla, jetzt komm ich“   -    eine Erwin Piscator-Revue

Auch wer weiß, wer Erwin Piscator, nach dem die Stadthalle in Marburg benannt ist, war, dass der große Regisseur zum Beispiel 13 Jahre seiner Kindheit und Jugend in Marburg verbrachte, später nach dem Zweiten Weltkrieg mit Inszenierungen am Marburger Theater Erfolge feierte und in den 6oer Jahren die Freie Volksbühne Berlin leitete, sollte sich die  „Hoppla, jetzt komm ich“ – Revue von Peter Jung im TASch nicht entgehen lassen. Das Leben Erwin Piscators (1893 – 1966) zieht in achtzehn bunten, manchmal grellen chronologisch angeordneten Szenen am Zuschauer vorbei. Peter Jung ist mit der Textcollage ein packendes Lebensbild  dieser Marburger Theatergröße gelungen. Es kreist vor allem um vier wichtige Stadien  seiner Biografie: um sein „Prolettheater“ nach russischen Vorbildern, seine Erfahrungen im Dritten Reich, seine Flucht als „Unperson“ in die USA und seine Rückkehr nach Deutschland 1952. Ein Vergleich Piscators mit Bertolt Brecht liegt wegen ihrer ähnlichen Theaterauffassungen, einer in vielem ähnlichen Entwicklung ihrer Theaterarbeit und auch wegen des Streits, wer der eigentliche Erfinder des epischen Theater gewesen sei, nahe.  So greift die Revue konsequenterweise auch die inhaltliche und formale Nähe ihrer Theaterkonzeptionen in einer ironisch stark gebrochenen Filmszene auf: Brecht und Piscator begegnen sich auf der Toilette und tragen dort  ihren Theater-Zwist aus.

Eine eindrucksvolle Szene gelingt der Regie und den Darstellern mit der  Revuenummer 13, die den Titel „Objektive Spielweise“ trägt und Piscator bei den Proben mit Marlon Brando im amerikanischen Exil zeigt: „Don´t  Hollywood!“ versucht er dem Schauspieler in gebrochenem Englisch klarzumachen. Der aber verfällt immer wieder in sein „method acting“; eine wirkliche Verständigung Piscators mit der ihm durch die Flucht aufgezwungenen amerikanischen Theaterumgebung kann nicht gelingen.. Die Szene erhellt schlaglichtartig die schwierige Situation deutscher Künstler in der Emigration während des Dritten Reichs. Brechts Lage war da  nicht besser. Nächste Vorstellung: 5. April

Ein Theatererlebnis wird die intelligente und  kurzweilig inszenierte Revue durch Boris Leibold am Klavier und die drei jungen SchauspielerInnen Regina Leitner, Harald Preis und Arthur Werner. Sie machen durch ihre Wandlungsfähigkeit, ihre Ausdrucksmöglichkeiten und ihre Spielfreude die manchmal knappen textlichen Vorgaben zu spannendem Theater.

 

Theater intern

Die jungen „Nicht-Besucher“

Die Frage, warum so viele junge Leute – die vielleicht wichtigste, da zukunftentscheidende Zielgruppe – nicht ins Theater gehen, können Theaterleute  nicht mehr hören, leider auch – bisher jedenfalls – nicht wirklich beantworten. Das hat sich jetzt ein wenig - umwerfende neue Erkenntnisse liegen nicht vor - geändert. Im Jahr 2002 führte der Deutsche Bühnenverein in Zusammenarbeit mit dem Institut für Marketing der Universität Düsseldorf und dem Marktforschungsinstitut SKOPOS erstmals eine Befragung unter Nichtbesuchern deutscher Theater im Alter zwischen 16 und 29 Jahren durch. Als Nichtbesucher galt, wer länger als drei Jahre nicht in einer Theateraufführung war. Die Studie ist, so die Befrager, aufgrund der hohen Stichprobenzahl und der Vielzahl der berücksichtigten soziodemographischen Kriterien hochrepräsentativ.

Die Barrieren, die junge Frauen und Männer davon abhalten, Theateraufführungen zu besuchen, sind eigentlich bekannt, haben aber durch die Befragung eine Bestätigung erfahren. Es sind an erster Stelle alternative Freizeitangebote wie Kino, Fernsehen und Computer, die – das scheint ein entscheidender Punkt zu sein – Zerstreuung und Abwechslung bieten, ohne geistig fordernd oder anspruchsvoll zu sein. – Die Nichtbesucher nennen auch soziale Gründe für ihr Fernbleiben. Im Theater treffe man keine Freunde, ihre Altersgruppen seien dort nicht  vertreten und sie seien  von Familie und Schule nicht wirklich zum Theater hingeführt worden. – Die Kleiderordnung, die die jungen Befragten mit einem Theaterbesuch verbinden, stellt für sie ebenfalls eine Hemmschwelle dar. – Und natürlich werden die Preise als zu hoch und der Kartenservice als zu umständlich empfunden.

Schwieriger fast, als herauszufinden, warum die 20 bis 30jährigen dem Theater fernbleiben, ist die Frage, wie die Theater dem Trend entgegenwirken können. Nach Auffassung der Meinungsforscher ist es unabdingbar,  die Nichtbesucher  damit zu locken, dass sie Theater als Erlebnis erfahren, als moderne, aufregende und spannende Freizeitgestaltung, die etwas Besonderes, aber nichts Elitäres darstellt. Werbung müsse die Affekte der jungen Leute ansprechen und ein Gefühl des „Dabei-sein-Wollens“ erzeugen.

Es erscheint mehr als fraglich, ob die Theater hinter einer  „Event-Kultur“, denn das ist wohl im letzten mit „Live“-Erlebnis gemeint, herlaufen sollten, nur um diese Art von Wettbewerb  sowieso zu verlieren. Natürlich können sie davon lernen, aber der „event“ kann letzten Endes nur – wie jetzt auch schon, und das seit vielen Jahrzehnten und länger – im Theaterereignis selbst bestehen,  nicht im wie gut auch immer gemachten Drum-Herum. Eine falsch verstandene Anpassung an bestimmte Erwartungen kann hier sehr schnell Selbstaufgabe bedeuten.

Im übrigen wird aus den Antworten der Befragten klar, wie sehr sie vorgeschobene Argumente benutzen, um ihren Nicht-Besuch zu rechtfertigen. Preise, Kleidung und Ticketbeschaffung kommen – zu Recht – jugendlichen Besuchern heute so weit entgegen, dass sich darin der Theaterbesuch von dem populären Kinobesuch beispielsweise kaum noch unterscheidet. Es scheint schon eher der intellektuelle Aufwand, den die Nichtbesucher mit einem Theaterabend verbinden, zu sein, der sie zu anderen Freizeitaktivitäten treibt. Hier kann das Theater  durch gezielte Informationen und Angebote wie Probenbesuche oder Inszenierungsgespräche einiges tun, um solche Haltungen zu verändern und gleichzeitig produktiv für sich zu nutzen. Wer allerdings Besucherzahlen bestimmter Filme vor Augen hat, wird allen diesbezüglichen Maßnahmen, zumal sie ja auch längst probiert und praktiziert werden, skeptisch gegenüberstehen. Vielleicht sollten die Theater sogar an diesem Punkt den anderen Weg einschlagen, sich nämlich darauf  besinnen, dass sie manchmal – oft? immer? – anders sein müssen, nicht mithalten dürfen mit anderen Unterhaltunseinrichtungen, um sich nicht selbst aufzugeben.

Letzten Endes hilft wahrscheinlich nur ein Mittel, um Barrieren junger Menschen dem Theater gegenüber abzubauen: der Theaterbesuch selbst. Kinder- und Jugendtheater sind dabei mehr als hilfreich. Sie entwickeln bereits in  Kindern jene Begeisterung für Theater, die es einem Erwachsenen später leichter macht, Theater für sich zu entdecken.  Auch Schulen sollten ihre nicht voll ausgeschöpften  Möglichkeiten in der Erziehung zum Theater begreifen. Sie können bei den Jüngeren eine Neugierde auf Theater wecken, die aus den 15 bis 20jährigen vielleicht einmal erwachsene Theatergeher macht. Die einfache, mittelfristig wirkende Lösung des Problems jedenfalls ist auch nach der Umfrage unter den Nichtbesuchern nicht in Sicht. Für die Theater heißt das: weiter zu versuchen, gutes Theater zu machen für alle.

     (Quelle:  Die Deutsche Bühne  3 / 03)

 

Programmhefte

  Was sollen sie enthalten?  Worauf können Theaterbesucher verzichten? Werden sie gelesen, gesammelt? Wie werden sie überhaupt genutzt?

Das Programmheft von heute hat sich in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts herausgebildet. Vorher gab es eher nur Besetzungszettel mit einigen wenigen Hinweisen zum Stück. Vorreiter für die neue Konzeption waren ab etwa 1970 die Schaubühne am Halleschen Ufer (Berlin) und das Württembergische Staatstheater in Stuttgart unter dem Schauspieldirektor Claus Peymann. Deren Ideen  zeichneten sich durch aufwendige Textzusammenstellungen mit historischem Material zu den Stücken, mit Werkanalysen und gesellschaftspolitischen Aufsätzen aus.

Heute gibt es an den Theatern eine große Vielfältigkeit in der Gestaltung der Programmhefte. So legt das Berliner Ensemble immer noch, wie es Peymann schon in seiner Stuttgarter Zeit gehalten hat, vollständige Textfassungen  der Inszenierungen vor. Das Düsseldorfer und das Bochumer Schauspiel verfahren zweigleisig: Zum herkömmlichen Programmheft kann man die neueren Stücke in einer gesonderten ansprechend aufgemachten Reihe kaufen. Die meisten größeren Theater -  das Hamburger Thalia, das Frankfurter Schauspiel – verzichten dagegen darauf, ganze Stücke anzubieten. – Anders verfährt die Volksbühne in Berlin. Ihr „Programmheft“ variiert von Aufführung zu Aufführung und besteht oft nur aus einem zeitungsähnlichen Druckbogen mit kurzen Informationen zu Schauspielern und Regieteam. Zusätzlich kann der Besucher  ein Buch mit Texten erwerben, die die inhaltlichen Fragen der Stücke aufgreifen, vertiefen und weiterführen. – Die Berliner Schaubühne bietet ein leporelloartiges Heft an mit vielen Fotos und knappen Informationen zu Autor und Stück.

Viele Programmhefte sind aber so gestaltet wie das des Marburger Schauspiels: Informationen zu Autor und Stück, einige wenige weiterführende Texte, die Namen der Schauspieler, des Leitungs- und des Produktionsteams. Dabei fällt auf, dass es hinsichtlich der Informationen ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Autor / Text und Schauspielern / Regisseur / Leitungsteam gibt. Zu den letzteren werden in der Regel außer den Namen keine zusätzlichen Angaben gemacht, allenfalls werden Probenfotos der einzelnen Schauspieler veröffentlicht.

Was in einem Programmheft stehen sollte, hängt letztlich natürlich davon ab, wie es von den Besuchern der Theatervorstellungen genutzt wird. Als Möglichkeit, sich kurz vor Beginn der Vorstellung  über den Inhalt des Stücks zu informieren? Als weiterführende Beschäftigung mit Aspekten der Aufführung danach? Als Sammlerstück, auch zum Wiederlesen viele Jahre später? Je nach Benutzerfunktion könnten Inhaltszusammenfassungen oder  Zusatztexte oder viele Fotos zum Erinnern hilfreich sein. Für viele Besucher wäre es aber  sicherlich interessant, entgegen der heutigen Programmheftpraxis etwas mehr über die Darsteller, den Regisseur oder den Kostüm-/ Bühnenbildner zu erfahren. Schließlich ist das, was auf der Bühne abläuft, vor allem  ihr Produkt, ihre Leistung. In diesem Punkt könnten die Theater von Konzert und Kino lernen. Da hat man schon seit Jahrzehnten begriffen, dass die Besucher auch etwas über die, die in einem Konzert oder Film spielen, wissen wollen und dass solche Bindungen des Publikums an Personen für Erfolge und volle Häuser mitentscheidend sein können.  Für Theaterprogrammheftmacher liegen in dieser Richtung noch Gestaltungsmöglichkeiten.  Haben sie schon verstanden, dass Programmhefte, auch wenn nur zwanzig bis dreißig Prozent der Besucher ein solches Heft erwerben, ein nicht ganz unwichtiges Aushängeschild ihrer Arbeit sind?

Herbert Fuchs

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