Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 3


Buch des Monats Juni

Manfred Durzak (Hrsg.): Der Dramatiker und Erzähler Hartmut Lange. Königshausen und Neumann, Würzburg 2003, 261 Seiten, ISBN 3-8260-2405-2, 25 €

Es gibt bereits eine Fülle von Zeitungsaufsätzen, ein Buch (die Dissertation von Ralf Hertling) sowie in Sammelbänden erschienene wissenschaftliche Arbeiten über Hartmut Lange, dessen hohe Bedeutung in der Landschaft der deutschen Gegenwartsliteratur niemand bezweifelt. Nun legt Manfred Durzak einen Band vor, dessen Autorinnen und Autoren insgesamt das ganze Spektrum des Schriftstellers Lange betrachten: seine Theaterstücke, die Prosa, besonders natürlich die Novellen, und die philosophische Essayistik werden in dreizehn Untersuchungen vorgestellt. Damit bekommen die Leserinnen und Leser des in Berlin und Umbrien lebenden Lange die Möglichkeit, sich bei der versuchten Erschließung der Tiefenschichten seine Texte helfen zu lassen; die Hilfe ist umso nötiger, als Rätselhaftigkeit nicht nur im Einzelnen, sondern insgesamt das Signum dieser Literatur ist.

Odo Marquardt, dessen Laudatio zur Verleihung des Konrad-Adenauer-Literaturpreises an Hartmut Lange ebenfalls abgedruckt ist, führt eine geschichtsphilosophische Perspektive an, unter der die seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts erschienenen Novellen betrachtet werden können: "Die große Vollendungsillusion der Geschichtsphilosophie, dass die Menschen unterwegs sein müssen zum universal erlösenden Endziel der Geschichte, instrumentalisiert die ganze Wirklichkeit und löscht dadurch das Eigenrecht der Einzelnen aus. Diese absolute Teleologisierung aber wird durchkreuzt, indem die Menschen sterben; jeder Tod negiert die teleologische Suspension der individuellen Wirklichkeit. Wir sind stets mehr unsere Endlichkeit als unsere Vollendung: das - unser Sein zum Tode - ist unsere Freiheitschance" (S. 14). Marquardt beschreibt so den Weg, den Lange selbst philosophisch gegangen ist. Aus dem Hegelianer und Marxisten, der an das Telos einer letztlich vernunftgesteuerten Geschichte glaubte, wurde jemand, für den existenzielle Krisen mehr über das menschliche Dasein enthüllen, als philosophische Systementwürfe, die vorgeblich das Ganze unseres Seins umfassen. Der von Lange seither gebrauchte Begriff der "Irritation" steht denn auch im Zentrum aller folgenden Darstellungen.

Michel-François Demet dechiffriert in seinem, inhaltlich etwas ungleichgewichtigen, Aufsatz: ""Die Wahrheit liegt im Verschwinden" oder Die Allgegenwart des heiteren Todes in den Novellen Hartmut Langes" den Beginn der "Bildungsreise": "Gleich am Anfang einer Novelle wie Die Bildungsreise findet der Leser z. B. den Ausdruck "kaum kniehoch". ("Ein provisorischer Lattenzaun, kaum kniehoch, sollte den Touristen daran hindern, [...] sich allzusehr zu nähern.") Gemeint damit ist der Ort des heiligen Schreckens, das lateinische sacer, dessen Grenze ohne Lebensgefahr (Gefahr des geistigen wie des materiellen Todes) nicht überschritten werden darf" (S. 25). Die jeweiligen Hauptfiguren in Langes Prosa sind diesem "heiligen Schrecken" ausgesetzt, zumeist, ohne selbst zu verstehen, was ihnen begegnet. Sie bemühen sich darum, der Irritation, die sie aus ihren normalen Lebensbezügen hinaus ins Leere führt, mit neuen Bildern und Sinngefügen zu begegnen, die jedoch allesamt nicht standhalten können. Das Nichts, dessen Sog sie nun ausgesetzt sind, drängt sie zwar dazu, es zu umkleiden - denn es lässt sich nicht ertragen und initiiert so gleichsam selber immer erneut, es mit mehr oder weniger kenntlichen Transformationsentwürfen zu füllen - , aber es behauptet sich schließlich, denn jeder solche Entwurf wird von ihm als lügenhaft demaskiert und zerschlagen. Die nihilistische Grundeinsicht Langes lautet, wir seien dazu verurteilt, dem Nichts, dem einzigen Garanten unserer Freiheit, mit Sinnkonstruktionen entgegenzutreten, die, wären sie schlüssig, unsere Freiheit aufhöben; deren Zerstörung jedoch zur Wiederholung des Versuchs, das Unbegreifliche zu begreifen und das sich jedem Sinnbegriff Entziehende mit scheinbaren Wahrheiten zu füllen, führen muss.

Das "Grundlose" (vgl. Hartmut Lange: "Irrtum als Erkenntnis", S. 48) ist mithin gerade keine Zone, die man wie geografische Orte betreten könnte. Man spürt, von ihm umgeben zu sein, wenn man begreift, dass jede existenzielle Erfahrung nach einer Erklärung drängt, die sie aufhebt, das eigentliche Grundlose also erst in der ausweglosen Bewegung zwischen dem Nichts und dem Versuch, es sprachlich zu bewältigen, aufsteigt. Das Nichts verdichtet sich zu einem falschen Etwas, das sich wiederum zersetzt: sieht man diesem Vorgang zu, steigert sich die nihilistische Erfahrung zu der des Grundlosen. Dass es keinen objektiven Sinn gibt, dieser Schrecken kann überwunden werden - aber dass wir aus und in einem Abgrund leben, der sich in unserem Zentrum fortwährend selbst wieder herstellt und so erneuert, setzt uns einem Unfassbaren aus, dem wir gleichzeitig standhalten und nicht standhalten.

Dies ist das Terrain, auf dem sich die Figuren der Langeschen Novellen bewegen. Sie "erfahren etwas, das sie gar nicht erkennen können, aber als wirklich wahrnehmen, und ich finde, das Leben ist so" (Hartmut Lange im Gespräch mit Lucie und Joachim Feldmann, Die Erkenntnis rettet niemanden. In: Freitag, 26.11.1999, zit. nach: Manfred Durzak: "Opfer und Täter. Hartmut Langes Beitrag zur Holocaust-Literatur in seiner Novelle Das Konzert", S. 180). Durzak zeichnet die Konkretisierung der existenziellen Erfahrung, die Lange in dieser Novelle vornimmt, nach: "Der Kreislauf der Gewalt ist auch im Tod noch nicht erloschen. Ja, mehr als das: Lewanski erkennt, dass er potenziell in der Lage gewesen wäre, sich von seinen Aggressionen genau so hinreißen zu lassen, wie er es an den Nazi-Tätern verächtlich findet. Die moralische Grenzziehung, die er zwischen Opfer und Täter sieht, wird auf einmal durchlässig. Er sieht sich in der Erfahrung mit dem Schatten seines Verfolgers potenziell selbst zum Täter geworden, und das moralische Regelsystem, das mit Gut und Böse operiert, wird auf einmal schwankend" (S. 186). Was Lange hier in den Blick nimmt und auch uns, den Lesern, so in den Wahrnehmungshorizont rückt, scheint ungeheuerlich. Im "Konzert" werden die nationalsozialistischen Verbrechen, die Morde an den Juden, zum schrecklichsten Zeichen dafür, dass die menschlichen Handlungsmotivationen unweigerlich, indem sie ihre Orientierungsmuster aufbauen und für verbindlich halten, das von Grund auf Zufällige mit einem Schein von Wahrheit und substanziellem Wesen umgeben. Alles, was für uns Wert hat, erweist sich, sagt Lange mit Schopenhauer und der indischen Philosophie, als "Schleier der Maya", als Täuschung, die uns dazu verführt, unsere Ziele zu rechtfertigen und das, was ihnen entgegensteht, als schlecht oder böse zu bekämpfen. Vor diesem Blick lösen sich die Inhalte der individuellen, wie kollektiven Bedürfnisse und Zwecksetzungen in Gebilde auf, die die Menschen wie Halluzinationen dazu antreiben, einander zu hassen und zu töten, oder aber zu lieben - wobei das eine wie das andere gleichermaßen in sich nichtig und bloß Ausdruck eines wesenlosen Spiels ist.

Die Ideologie der Nazis, an die Millionen Deutsche glaubten und die ihnen als Rechtfertigung für die Hitlersche Ausrottungspolitik diente, hat unendliches Leid über die Menschen gebracht, obgleich sie: wie alle anderen Motivationsgebäude auch!, in sich völlig substanzlos ist. Kollektive und Individuen streben mit äußerstem Krafteinsatz Ziele an, deren Inhalte sich nicht erst, wenn sie erreicht werden, in Luft auflösen. "Der Täter und sein Opfer - was bleibt uns im Tode anderes übrig, als in Betroffenheit beieinanderzusitzen und darüber zu staunen, welche Absurditäten im Leben allerdings und unwiderruflich geschehen sind" (Das Konzert, in: Gesammelte Novellen, Bd. I, S 176). Anders jedoch, als Schopenhauer glaubt Lange nicht mehr an die Möglichkeit der Erlösung. Sie erscheint uns zwar in der Kunst - besonders die Musik wird in den Langeschen Novellen zu ihrem uneinlösbaren Bild -, aber nur, um sich immer wieder wie eine Fata Morgana zu entziehen: " Am nördlichen Himmel bewegte sich der Große Wagen dem Horizont zu. Seine Konturen waren klar, hell und überwältigend in ihren Ausmaßen. Aber Klevenow ließ es, obwohl Schulze-Bethmann ihn darauf hinwies, unbeachtet. Eine Stunde später war das Gestirn hinter den Dächern der Stadt verschwunden" (Das Konzert, a. a. O., S. 181). Verzichten jedoch können wir auf diese Hoffnung, es könne ein Ende des Mordens und der Täuschung und so etwas wie Wahrheit geben, nicht; sie keimt immer wieder in unserem existentiellen Kern selber auf und erweist sich so als Pendant der Freiheit im Nichts. Was sie uns zeigt, raubt sie uns auch wieder. Ihre Nichteinlösung gehört wie ihr Bild zu unserem grundlosen Dasein.

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Langes Novelle setzt sich mit dem Holocaust auseinander, unterscheidet sich aber, wie Manfred Durzak herausarbeitet, von den bisherigen literarischen Bewältigungversuchen in entscheidender Weise: "Insoweit verbleibt [Hermann] Lenz innerhalb der moralischen Schuldzuteilungen der Holocaust-Literatur, die zwischen den Opfern und Tätern unterscheidet und die Täter retrospektiv literarisch zur Verantwortung zieht. Mit dem Leidensanteil der Opfer wird auch der Schuldanteil der Täter herausgestellt, und mit den Normen einer übergeordneten Moral die in Unordnung geratenen Gewichte wieder austariert. Die Waage, die diese Gewichte gegeneinander ausbalanciert, ist im Gewissen des Autors und in seiner historischen Einsicht zu erkennen" (S. 182); das "Ungewöhnliche in der Darstellungsweise Hartmut Langes in seiner Novelle Das Konzert zeigt sich erst auf diesem Hintergrund" (S. 183). Lange kann, anders als Hermann Lenz 1949, die Frage nach einer Vergebungsmöglichkeit stellen. Sie impliziert, dass sich der kollektive Schuldzusammenhang verschoben hat, sodass in den untilgbaren Verbrechen etwas kenntlich wird, das sich dem entsetztem Blick auf das numinos aufgeladene Böse gar nicht zeigen konnte: die Sinnlosigkeit aller menschlichen Wert- oder Normensetzungen. Die Auseinandersetzung Langes mit dem Nationalsozialismus findet mithin auf der Schwelle des Übergangs von der Moderne in die Nachmoderne statt. Hier vollzieht sich eine Verwandlung: soll, was geschehen ist, nicht einfach in die geschichtliche Vergangenheit zurücktreten, so muss seine Bedeutung für unsere Gegenwart sich auf eine vom numinosen Schrecken losgelöste Weise zeigen - in der Einmaligkeit des Bösen erscheint seine Kontingenz, die es nicht etwa vermindert, sondern steigert und so im wiederum unvergleichlichen Maximum hält.

In der letzten bisher erschienenen Novelle: "Das Streichquartett", findet sich die für Lange typische Verschränkung mehrerer Zeitebenen als Rekurs der Gegenwart auf die Epoche der neuen Wiener Klassik, hervorgerufen durch ein Mittelglied, eine Aufnahme des Schönbergschen Streichquartetts aus dem Jahre 1937. Manfred Jurgensen analysiert in seinem Beitrag: "Die Metaphysik des Geschehens: Wahrnehmung und Erscheinung in Hartmut Langes Prosa", auf welche Weise durch diese Bezüge sich "das individuelle Leiden eines Grenzgängers, das verstörte Bewusstsein zeitgenössischer Kultur - und das anlogische Stilkonzept des literarischen Texts" (S. 147) ineinander reflektieren. Wenn es richtig ist, was eben ausgeführt wurde, dass Lange ein Schriftsteller des Übergangs ist, in dessen Werk Moderne und Nachmoderne auf bisher unbekannte Weise koexistieren, dann muss dem von Jurgensen bezeichneten Vorgang des Reflektierens der unterschiedlichen Text- und Sinnebene der Novelle ineinander genauer nachgefragt werden. Weil die auf einen Mittelpunkt ausgerichtete Wahrheitsstruktur der Moderne und die plurale unserer Zeit sich im "Streichquartett" durchdringen, kann dessen narrative Oberflächenschicht nicht mehr, wie sonst ein Besonderes für das Ganze, symptomatisch für "das verstörte Bewusstsein zeitgenössischer Kultur" stehen - oder vielmehr kann ein solcher Verweisungszusammenhang nur dann noch existieren, wenn er von anderen Formen der Spiegelung, die ihn aufheben und gewähren lassen, begleitet wird.

Im "Konzert", sahen wir, wird der moderne Erlösungsanspruch zugleich bewahrt und zurückgewiesen.  In der späteren Novelle macht Lange das Wiederaufleben dieser Struktur, ihre Konfrontation mit der Gegenwart, selber zum Thema. Was der Hauptfigur, dem Geiger Berghoff, unbewusst-bewusst die Wahrheit seines Spiels, des Kulturbetriebs und letztlich der einander fremden Sphären von Rationalität und Inspiration zu beinhalten scheint: die Schönbergsche Musik, das enthält doch ein "falsches Versprechen" (Ges. Nov. Bd. II, S. 555), dessen versuchte Umsetzung misslingen muss, und an dem festzuhalten ebenso nötig, wie zerstörerisch ist. Aus dem Largo steigt "ein vielstimmig überdehnter, quälender, aber doch, man wusste nicht, wie, tröstlicher Ton" auf (a. a. O., S. 512). Ließe sich die Spannung dieses Ineinanders von Qual und Trost bewahren, so gelänge in ihr die paradoxe Begegnung von Moderne und Nachmoderne. Soll sie aufgelöst und in "Gelungenheit" (ein Blochscher Terminus) transformiert werden, so mündet sie in ein direktes Scheitern.

Der junge Cioran hat in seinem Erstlingswerk "Auf den Gipfeln der Verzweiflung" mit äußerster Emphase ausgesprochen, worum es hier geht: "Sans savoir pourquoi, je ressens, dans la progression incessante de ce vide, dans cette vacuité qui se dilate à l’infini, la présence mystérieuse des sentiments les plus contradictoires qui puissent jamais affecter une âme. Je suis hereux et malheureux à la fois, je subis simultanément l’exaltation et la dépression, je suis submergé par le désespoir et la volupté au sein de l’harmonie la plus déconcertante. Je suis si gai et si triste que mes larmes ont à la fois les reflets du ciel et ceux de l’enfer. Pour la joie de ma tristesse, j’aimerais que cette terre ne connaisse plus la mort. (…) Qu’est donc l’anxiété du néant sinon la joie perverse des dernières tristesses, l’amour exalté de l’éternité du vide et du provisoire de l’existence? Celle-ci serait-elle pour nous un exil, et le néant un patrie?" ("Ohne zu wissen warum, spüre ich, im unaufhörlichen Vorrücken dieses Nichts, in dieser sich bis ins Unendliche ausdehnenden Leere, die rätselhafte Präsenz der widersprüchlichsten Gefühle, die jemals eine Seele erregen können. Ich bin glücklich und unglücklich zugleich, ich erleide gleichermaßen Exaltation und Depression, ich werde verschlungen von Verzweiflung und Lust im Schoß der verwirrendsten Harmonie. Ich bin so fröhlich und so traurig, dass meine Tränen zugleich der Widerschein des Himmels und der Hölle sind. Wegen der Freude meiner Trauer wünschte ich, dass diese Erde den Tod nicht mehr kennte. (...) Was ist also die Angst vor dem Nichts, wenn nicht die perverse Freude der tiefsten Traurigkeiten, die überschwängliche Liebe zur Ewigkeit des Nichts und dem Vorläufigen der Existenz? Wäre dieses unser Exil und das Nichts eine Heimat?")

Der Zustand gesteigerter "Irritation" beinhaltet Trauer und Freude, Angst und Trost gleichermaßen: hier ist der grundlose Ort, an dem wir zu uns selber finden - das Nichts als "Heimat", die es doch nie sein kann. Im Übergang von der Moderne zur Nachmoderne ereignet sich eine Verschiebung unserer geistigen Strukturen. Cioran ist noch wie Heidegger der Überzeugung, der existenzielle Kern unseres Daseins sei diejenige Zone, in der die Wahrheit in ihrer eigentlichen Form entstehe, aber anders als dieser geht er von vornherein davon aus, dass ihre Anwesenheit kein Wegzeichen für die menschliche Geschichte überhaupt sei. Ihre innere Bewegung - das Zugleich des einander Ausschließenden - ist nicht mehr auf eine Lösung des Spannungszustandes beziehbar, obgleich die Sehnsucht danach ihr einbeschrieben ist. Weil diese Sehnsucht und die Unmöglichkeit ihrer Erfüllung sich als letzte Steigerungsform in ihr begegnen, stellt Ciorans Philosophie die krasseste Ausprägung des Nihilismus dar. Sie entsteht, wenn die Nichtrealisierbarkeit des Ziels der Wahrheitsbewegung als ihr notwendiger Impuls erkannt und akzeptiert wird.

In Hartmut Langes Novellen findet sich immer wieder dieser Grundimpuls, die Zone der untergegangenen Wahrheit aufzusuchen, um ihre noch existenten Kräfte zu mobilisieren, ohne sie jedoch freizusetzen. Ihr Ausbruch wird bereits stilistisch verhindert. Die gespannte Ruhe der Langeschen Prosa erzeugt ein Gleichgewicht, in dem Erlösungssehnsucht und melancholischer Verzicht sich wechselseitig transformieren. Diese Kommunikation, denn darum handelt es sich, schafft mithin einen Bereich der Begegnung zweier Wahrheitsstrukturen. Die auf ein Zentrum bezogene drängt auf Universalisierung und trägt doch nun ein Moment der Hemmung in sich, das zur Voraussetzung der pluralen wird. Diese jedoch muss sich, will sie sich nicht selbst verlieren, auf ihr Herkommen beziehen. Ihre eigene Existenzberechtigung beruht darauf, diejenige der anderen zu akzeptieren: in ihr selbst liegt die Tendenz, die ihr vorhergehende nicht auszugrenzen.

Die Wichtigkeit des Langeschen Vorhabens, sich immanent, stilistisch wie inhaltlich, auf die unmittelbare Tradition zu beziehen, ohne sich aber von ihr vereinnahmen zu lassen, resultiert, wie wir sahen, bereits daraus, dass in ihm eine Literatur des Übergangs entsteht, also eine Form der Kommunikation zwischen den Tiefenschichten von Moderne und Nachmoderne. Die Spiegelung von "Grenzgänger" und dem "verstörten Bewusstsein zeitgenössischer Kultur" im "Streichquartett" mündet in das Einbekenntnis der "Täuschung" (ein weiterer Grundbegriff der Langeschen Philosophie), also in das Geständnis Berghoffs; seine Frau wird nicht in seine Konzerte kommen, die unterschiedlichen Sphären der Existenz lassen sich nicht versöhnen. Auf äußerst merkwürdige Weise koexistieren somit in diesem Werk Erlösungs- und "Täuschungs"-Struktur. In ihrer wechselweisen Akzeptanz erkennen sie nicht nur die andere, sondern auch sich selbst als kontingent. Das Bild des Ganzen ist eine Luftspiegelung, die Bedingung seiner Möglichkeit ein furchtbarer Gewaltakt; und dieser zehrt selber gleichsam seine Realität auf, denn er ist eigentlich ein Zitat, und reflektiert als solches die etwa vom frühen Thomas Mann, neben Kafka nach eigenem Bekunden für Lange der für ihn wichtigste Autor der Moderne, gestaltete Künstlerproblematik.

Im Wissen um die Uneinlösbarkeit einer Forderung, die als Zitat der eigenen, auch literarischen, Tradition überlebt, entsteht ein Erzählraum des Zwischen. Eine scheinbare Realität löst sich in ihr Unsagbares auf und dieses zersetzt sich und deutet auf eine krude Wirklichkeit zurück. Die so erzeugte Binnenspannung ist die Daseinsweise des Übergangs und der Koexistenz. In ihr erzeugt jeder Bewegungsimpuls auch seine eigene Gegenrichtung und transformiert dergestalt sein ihm innewohnendes Ziel in die Gegenwart eines sich plural ausdehnenden Zeit-Raums. Langes Prosa arbeitet an der Gestaltung einer Erfahrungswelt, in der universalistische und multiforme Wahrheitsstrukturen einander begegnen und verstehen können. Ein solcher mit dieser Konsequenz, Gewissenhaftigkeit und Meisterschaft durchgeführter Versuch ist einzigartig in der Gegenwartsliteratur. Er zeigt, dass wir das Erbe der Moderne, deren unablegbare totalitäre Tendenzen ihr Scheitern herbeigeführt haben, weder zurückweisen dürfen, noch können.

Der vorliegende Band, auf dessen von der italienischen Germanistik gelieferte Beiträge – Eva Banchelli: "Die Landschaft der Melancholie: Raumdarstellung und Raummetaphorik bei Hartmut Lange", Giovanni Scimonello: "Das Unheimliche im Alltagsgeschehen. Zum ästhetischen Aufbau der Italienischen Novellen im Werk von Hartmut Lange" und Dina Bonu: "Das Streichquartett von Hartmut Lange. Dissonanzen der Seele und die Stimmen der Kunst" - besonders hingewiesen sei, ist ein wichtiger Versuch, in das Werk eines der interessantesten Gegenwartsautoren einzuführen. Es liefert erste Einblicke in die Bauprinzipien und Metaphernverwendung des Werks von Hartmut Lange, die schon deswegen der Vertiefung bedürfen, weil dieses Werk nicht abgeschlossen ist, sondern sich weiterentwickelt.

Max Lorenzen

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