Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 3


Der Graf von Monte Christo

Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas (Vater)
in der Bearbeitung von Gerold Theobalt

Premiere: Freitag, 6. Juni 2003

Kirchhof der Lutherischen Pfarrkirche

Inszenierung                  Peter Radestock
Dramaturgie                  Anne-Kathrin Guder
Fechtszenen                  Peter Meyer
Einstudierung
Flamenco                       Marion Ansorge

Edmond Dantès           Bernhard Hackmann
Caderousse, Wirt
Abbé Faria
Richter                            Thomas Streibig
Carconte
Renée Villefort               Christine Reinhardt
François Morell,
Reder
Kerkermeister
Wache 3
Andrea Cavalcanti         Arthur Werner
Danglars                         Stefan Gille
Frau Danglars                Iris Stibbe
Mercédès, später
Gräfin de Morcerf    
Prinzessin Haydée         Regina Leitner
Fernand Mondego,
später Graf de Morcerf   Michael Bolz
Frédéric Villefort
Alter Dantès                    Jürgen Helmut Keuchel
Albert de Morcerf
Wache 1
Wärter 1
Schmuggler 1                  Harald Preis
Lucien Debray
Wärter 2
Wache 2
Schmuggler 2                  Peter Meyer

 

Es gibt auch in Deutschland Sommerabende - aber wenige genug - , an denen man lange im Freien sitzen kann. Im Augenblick haben wir dieses Glück. Die Tageshitze weicht einer angenehmen Wärme, die drohenden Gewitterwolken sind vorbei gezogen, und jedermann spürt in der Marburger Oberstadt eine Atmosphäre von Entspannung und Lebensgenuss. Die Tribüne auf dem schönen Platz neben der Lutherischen Pfarrkirche ist vollbesetzt, man blickt über die Unterstadt (und den aufragenden "Affenfelsen") weit nach Süden und wartet, vielleicht eine der von Peter Radestock verkauften Grillwürste in der Hand, auf den Beginn des Schauspiels.

Bernhard Hackmann als Graf Monte Christo

Gegeben wird "Der Graf von Monte Christo", eine Theaterfassung nach dem berühmten Abenteuerroman von Alexandre Dumas. Die Zuschauerinnen und Zuschauer wissen also, was sie erwartet: ein Mantel- und Degen-Stück aus dem 19. Jahrhundert, in dem es um Liebe und Verrat, Rache und Tod geht. Und eben das wird nun vom Hessischen Landestheater mit großer Besetzung in Szene gesetzt. Von Anfang an liegt etwas, sicherlich hart erarbeitetes, Beschwingtes und Leichtes, dann auch etwas Komisch-Dramatisches im Spiel der Darsteller. Radestock ironisiert die Szenen, die sonst leicht ins Schwerfällig-Täppische oder Melodramatische abrutschen könnten, wie die Begegnung des Abbé Faria und Edmond Dantès’ in den Gefängniszellen des Chateau d’If, aber glücklicherweise schlägt die Ironie nicht oder nur selten in Klamauk um. Dann wieder wird es ernster, etwa wenn Dantès auf seine frühere Verlobte, nun Gräfin de Moncerf trifft.

Aufgelockert wird die Handlungsführung immer wieder von Tanz- und Kampf-Einlagen. Der (vielleicht ein wenig zu lange dauernde) Flamenco, kurz nach Beginn, vermittelt tatsächlich so etwas wie Lebensfreude. Und auch die (ebenfalls recht langen) Fechtszenen gehören unbedingt dazu, denn sie bringen das notwendige Element von physischer Auseinandersetzung ins Abenteuer-Spiel.

Harald Preis, Bernhard Hackmann und Peter Meyer

Bernhard Hackmann gibt einen überzeugenden jugendlich-naiven, dann von seinem eigenen Rachedurst gemarterten Dantès. Manchmal wirkt er eine Spur zu steif und zeigt so, dass ihm das inhaltlich ernste Fach vielleicht mehr liegt - eben dadurch werden wir noch einmal daran erinnert, welchen guten und wichtigen Darsteller das Hessische Landestheater mit dem Ende dieser Spielzeit verliert. Aber halt: auch das Komische beherrscht er, umso mehr, wenn es mit einer gegensätzlichen Komponente angereichert ist. Seine Lübke-Rede in der Fünfziger Jahre-Revue ist einfach umwerfend und sicherlich einer der Höhepunkte des Abends.

Auch Arthur Werner prägt sich ein, im "Monte Christo" ebenso, wie zum Beispiel in "Bash". Schade, dass auch er Marburg bereits wieder verlässt. Die "Verräter" machen ihre Sache gleichfalls gut, wobei Michael Boltz vielleicht ein wenig viel herumschreit. Hervorzuheben sind, wie eigentlich immer, Christine Reinhardt, Thomas Streibig und Jürgen Helmut Keuchel, die hier wie sonst gewissermaßen das Grundgerüst der Stücke ausmachen. Regina Leitner wirkt als Mercédès zu hart und müsste grundsätzlich in ihrem Spiel andere Charakterzüge noch mehr herausarbeiten.

Eine lange Pause - fünfundzwanzig Minuten - gibt Gelegenheit, noch ein Bier oder eine Wurst zu kaufen, einen kleinen Spaziergang um die Pfarrkirche herum zu machen und sich dabei zu freuen, dass wieder ein Fachwerkhaus der Oberstadt von seinem hässlichen Betonverputz befreit wird, sowie über die Brüstung des Platzes hinweg einen Blick über das Land und in den weiten Abendhimmel zu werfen. Ein schöner Regie-Einfall: wie Dantès / Hackmann an dieser Brüstung steht und vom "weiten Meer" spricht, dessen Küste ihn immer wieder beeindrucke. Insgesamt herrscht unter den Zuschauern eine lockere und doch konzentrierte Stimmung. So stört es auch wenig, dass während des Spiels einige Bierflaschen auf dem Pflaster zerschellen oder von Zeit zu Zeit ein Handy klingelt. Selbst dass eine Frau, unmittelbar hinter dem Rezensenten, kurz vor Schluss noch ein längeres Gespräch, offenbar mit ihren Kindern, führt und ihnen versichert, sie käme nun bald nach Hause, ist zwar überflüssig, aber nicht wirklich ärgerlich. Man nimmt es hin, weil es sich, gerade noch, in den Verlauf dieser Aufführung integrieren lässt.

Regina Leitner als Mercédès, Bernhard Hackmann und Michael Boltz als Fernand Mondego

Was macht einen guten Abenteuerroman und seine Bühnen-Adaption aus? Natürlich muss es Identifikationsfiguren geben und eine Handlung, die quasi mythische Züge trägt. Ein langer Zeitraum - zwanzig Jahre - vermittelt den Eindruck von fürchterlicher Schuld, die eine ebensolche Rache legitimiert. Es wäre lohnend, die Komponenten dieser Literatur genauer zu untersuchen, aber nicht hier und jetzt: denn dieses Mal überwiegt der Eindruck eines schönen Abends, der ein Gefühl davon hinterlässt, dass das Leben sanfter und angenehmer sein könnte. Wahrscheinlich sind diese Momente nicht öfter in es eingestreut, als solche warmen Nächte in die deutsche Wetterlage. Zu gedanklich-emotionaler Entspannung gehört gleichsam das Auftreten des Schicksals als Spiel. Hinter dem Schein steckt immer etwas anderes. Das sieht man auch daran, wie angestrengt, ja beinahe verkrampft die Schauspieler den langen Schlussapplaus entgegennehmen. Sie haben hart gearbeitet und vielleicht manche Klippe umschifft, damit wir diesen Abends genießen konnten. Aber sie waren erfolgreich. "Der Graf von Monte Christo" ist eine gelungene Produktion in großartiger Umgebung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Weitere Aufführungen: 7. - 12. Juni 2003 und 7. - 12. Juli 2003, jeweils 20.30 Uhr.

Max Lorenzen

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