Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 3


Alec A. Schaerer

Begriffliche Bedingungen für den Umgang mit Ganzheit und Gewißheit

 

Zusammenfassung

Fragen um Ganzheitserfassung oder Gewißheit werden beargwöhnt, während menschliches Tun, gespiegelt an der ganzen Wirklichkheit, uns vor Grenzen stellt. Der Umgang mit diesen Fragen ist (wie mit allen anderen) gefärbt von den gewählten Kategoriensystemen, durch die die empirischen Phänomene beurteilt werden. Die Kategorien der derzeit paradigmatischen Ansätze erlauben in der Tat keine Gewißheit, vor allem nicht im Umgang mit der Ganzheit; deshalb sind die 'modernen' Formulierung von Gesetzmäßigkeiten nicht mehr essenzialistisch, sondern zunehmend stochastisch geworden. Sie erlauben aber keine Einsicht in den Kern der Singularitäten (Einzelfälle) und es kann innerhalb dieser Ansätze nicht endgültig entschieden werden, ob die Ganzheit per se unzugänglich sei. — Wir legen einen Ansatz vor, der diese Schwächen nicht hat. Er verläuft in streng universell anwendbaren Grundbegriffen, in denen Perspektivität und Ganzheitserfassung kompatibel ist, und bietet auch eine Klärung der Basis der nun paradigmatischen Ansätze, die diese selbst nicht leisten können (Letztbegründungs-Problematik). Es resultiert eine Struktur von präzis ausgewogenen Leit-Ordnungen mit heuristischem Gehalt, welche die 'modernen' (d.h. auf äußerlich-empirischer Basis erreichten) Formulierungen von Gesetzmäßigkeiten und Ursächlichkeiten komplementär ergänzen.

 

1    Die Problemstellung und unser Lösungspfad

Erdumspannende Indikator-Phänomene machen zunehmend darauf aufmerksam, daß wir Fragen nach Ganzheitserfassung und Gewißheit mehr Raum lassen sollten, als ihnen gemeinhin zugestanden wird. Einerseits liegt viel Wissen über Teilsysteme vor, das eifrig angewendet wird, während sich andererseits die Aufsummierung vieler Effekte nicht den Intentionen gemäß auswirkt, sondern destruktiv. Das Problem der Ganzheit bleibt; es zeigt sich jeweils da, wo es am wenigsten erwartet wurde, weil man gerade da nicht hingeschaut hat. Solche 'blinden Flecke' können teuer zu stehen kommen, wie manche Altlasten zeigen. Wir produzieren die Klima-Erwärmung und das Ozonloch und die 'Globalisierung', deren Gesamtbelastung den Gesamtnutzen leise einholt, seit Konflikte, Ressourcenverschleiß und Umweltschäden die Vorteile allmählich aufwiegen. Die allopathische Medizin, zwischen Ursachen, notwendigen Bedingungen und Begleiterscheinungen nicht sicher unterscheiden könnend, hat sich auf das Töten von 'Krankheitserregern' ausgerichtet und züchtet damit resistente Mikroorganismen; dadurch ist sie zunehmend machtlos gegenüber der Mehrzahl von Krankheiten, den chronischen, und kann nicht begreifen, weshalb das Ausmerzen von Krankheiten nicht immer zu Gesundheit führt, sondern oft zum Ausbruch von neuartigen Krankheitsformen. Seit der Sprachwende ist der mehrheitliche Denkstil eine raffiniertere Version des scholastischen Nominalismus, der sich somit nicht über das Propositionale hinaus bewegen kann; dies erlaubt zwar manche Detailprobleme zu ordnen, während aber die großen sich seinem Zugriff entziehen und die letztlichen Konsequenzen der gewählten Axiome unklar bleiben. Das Interesse an strikter Ganzheit und Gewißheit hat darin keinen Platz. Die aus ('objektiver') Äußerlichkeit der Betrachtung folgende Selbstbegrenzung des naturwissenschaftlichen Wissens kann mit diesen Mitteln nicht überwindbar werden.

Die Liste könnte beliebig verlängert werden; es sind einige Beispiele für Wissen, das als wissenschaftlich gesichert gilt und in einschlägigen Kreisen akzeptiert ist — das aber in der Anwendung das Ganze zu Nebenwirkungen oder gar zum Gegenteil des Erwünschten führt. Wie steht es also um die wissenschaftliche Gesichertheit, um die systematischen und methodischen Verfahren, die hinter der Sicherung stehen?

Trotz wachsendem Realitätsdruck sind Ganzheitserfassung und Gewißheit nur marginal ein Thema. Die Holismus-Debatte verharrt in Perspektivitäten und die Gewißheits-Debatte in Zweifeln. Woran liegt das? Ist der Grund zwingend, oder bloß kontingent? Wie steht das Problem der Ganzheitserfassung im Zusammenhang mit dem Problem der Gewißheit?

Erst werden die heute diskutierten erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Ansätze analysiert. Es zeigt sich, daß trotz des scheinbaren Pluralismus ein gemeinsamer Grundzug herrscht, die die eingangs skizzierte Grenze nach sich zieht; diese Gemeinsamkeit ist also auszuloten. Sie liegt im unbedachten Übernehmen des 'linguistic turn' ('Sprachwende'), also im Prinzip von Sprachlichkeit. Durch eine Schwerpunktsetzung in der Diskursivität, also durch Operieren im prinzipiell diskontinuerlichen Medium des Sprachlichen (von welcher Art auch immer — von verbal bis Körpersprache, etc.), wird der Kommunikations-Aspekt der kognitiven Prozesse verabsolutiert zulasten des synthetisierenden Aspekts. Man scheint zu vergessen, daß Begriffe nicht nur eine unterscheidende Funktion haben (durch sie die zunächst ununterschiedenen Erscheinungen gliedern könnend), sondern zugleich auch eine verbindende (im Aufweis der Gleichartigkeit von Unterschiedenem, also im Aufweis von Gesetzmäßigkeit). Die Ordnung, das Regelhafte, Kontinuierliche aufzufinden ist in nichts als Sprachlichkeit nicht möglich (weil sie letztlich nur aus Diskontinuität besteht — sonst ist es keine Sprache mehr), sondern nur im Synthetisieren und Überbrücken: im Denken. Durch die Sprachwende wird diese funktional wichtige Differenz aber just vernebelt.

Als Lösung stellen wir einen Denkansatz vor, welcher die mit der Sprachwende normal gewordene Selbstbegrenzung prinzipiell nicht aufweist; damit werden die Grenzfragen klar lösbar. Es wird dafür nicht wie üblich von einer Annahme ausgegangen, die argumentativ ausgetragen wird, denn damit würden wir nur wieder in jene Art von Sackgassen gelangen, die zu überwinden ist. Vielmehr werden rein naturgesetzliche Zusammenhänge sozusagen eklektisch ausgebreitet. Der Ansatz basiert auf jenem Naturgesetz, dem alle Denkprozesse folgen. Wir sind seiner nur darum nicht bewußt, weil wir in aller Regel unsere Fragen nicht ganz zu Ende denken. Wenn wir dies tun, können wir dieses Naturgesetz selber erfahren und die Ebene thematisieren, die systematisch dem Urteilen und Argumentieren vorangeht, aber in der Debatte nicht ihrer Relevanz gemäß auftaucht: die Ebene des Frage-Akts, der den je nötigen Begriffsraum überhaupt erst eröffnet. Dieses grundlegende Gesetz kann wie folgt formuliert werden: Das unbeirrte Verfolgen einer Fragestellung bis zu dem Punkt, wo das Befragte inhaltlich durchgehend intelligibel wird, führt am Ort ihrer Erschöpfung zu einer Polariserung des Begriffsfelds, welches für ein Begreifen nötig ist. Darauf baut der in diesem Essay vorgestellte Ansatz auf. Seine Ganzheitserfassung bietet eine neue Klärung des Gewißheits-Problems durch die grundbegrifflicheAusgewogenheit der Lösungspalette, die mit ihm erreichbar wird; sie erlaubt es zudem im Prinzip, die Kennzeichen der heutigen Ansätze, Positionen und Theorien aus ihrer jeweiligen Einseitigkeit heraus zu erklären.

Um in die Betrachtung nicht schon Verfärbungen einfließen zu lassen, die zwar derzeit üblich, aber für unser spezielles Thema nicht hilfreich sind, sind einige Vorbemerkungen nötig. Zum ersten, was wie ein Gemeinplatz klingen mag, aber in seiner vollen Bedeutung kaum beachtet wird: alles erscheint dem Denken gemäß den Kategorien, die es in Anschlag bringt. Dies wird bei der Entfaltung unseres neuen Denkansatzes die zentrale Rolle spielen und fokussiert unsere Untersuchung der heute üblichen Ansätze auf ihre Grundannahmen. Zweitens sollten wir vorsichtig sein mit dem Übernehmen von kategorialen 'Schubladen' wie etwa 'Epistemologie versus Ontologie', 'deskriptiv versus normativ' (alias 'fact versus value'), 'nature versus nurture', 'Natur- versus Geisteswissenschaften', 'empirische versus rationale Theorien', 'theoretische versus praktische Philosophie', usw.. Denn so wird die Gesamtheit der Zusammenhänge jeweils einer Gliederung unterzogen, die eher Teil der hier spezifisch zu behandelnden Probleme als ihrer Lösung ist, weil nur zu oft die inhaltliche Abhängigkeit der beiden Seiten voneinander vergessen geht: sogenannte Fakten beruhen immer auf Bewertungen, während Werte immer konkrete Effekte nach sich ziehen; eine Ontologie ohne solide epistemologische Grundlage bringt bloß Phantasien zum Ausdruck, während eine Epistemologie ohne ontologische Relevanz in der Luft hängt; nurture muß sich nach nature richten, während nature stets durch die nurture-Perspektive gefärbt ist; Naturwissenschaften ohne geisteswissenschaftliche Basis werden destruktiv, während eine Geisteswissenschaft ohne Kenntnis der Naturwissenschaft schließlich pragmatisch durch letztere dominiert wird; empirische Theorien ohne rationale Basis sind gefährlich, rationale Theorien ohne empirische Anwendbarkeit unnütz; eine praktische Philosophie ohne solide theoretische Basis erzeugt vor allem Aktionismus, während eine theoretische Philosophie ohne praktische Relevanz leeres Gerede ist; usw.. Da es hier um Intelligibilität im Ganzen geht, sind solche Differenzierungen sinnvoll zur begrifflichen Unterscheidung, nicht aber wenn sie zu materialen Trennungen führen. Der in diesem Essay vorgestellte Ansatz bietet eine neuartig gesicherte Grundlage für solche Gliederungen.

 

2    Die heutigen Ansätze

Obwohl keine Wissensform sicher ist ohne die allgemeine Zweifelsfreiheit ihrer Basis, führten im Laufe der letzten 150 Jahre Schwierigkeiten der theoretischen Absicherung bei gleichzeitigen Erfolgen in Einzelbereichen zunehmend dazu, die strenge Allgemeinheit in der Suche zu verlassen zugunsten von pragmatisierenden Grundhaltungen. Das hatte seine Folgen. In der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit tauchte scheinbar aus dem Nichts alles aufs mal auf: in den naturwissenschaftlichen Bereichen die Quanten-Unschärfe, in der das Ding verloren geht und Prozessualität zum Thema wird, die 'Chaos'-Theorie, und die Unschärfe von Sprache, die vor allem in den sozialphilosophischen Bereichen zum Thema wurde. Diese Konvergenz von Unschärfe-Einflüssen beeindruckte die meisten Denker, ließ sie nach einer Naturalisierung der Erkenntnistheorie rufen, ontologisch nur noch Materiales als existent gelten zu lassen und sich auf breite Intersubjektivität abzustützen. Weil so zwar viele Dinge faßbar werden, aber nie die strikte Ganzheit einer Ordnung, mußte schon der Begriff der Naturgesetzlichkeit unklar bleiben (z.B. Earman [1978, 1984], Byerly [1990], Hooker [1998]). Damit muß die Wissenssuche, auch die erkenntnis- und wissenschafts­theoretische, auf dem Meer der selbst erzeugten Zeichen schwimmen, statt auf letztlich Sicheres rekurrieren zu können. Ihr Gesamtsystem erscheint als 'autosemeiopoietisches Netzwerk' (der Semiologe Floyd Merrell [1996:24f]), gemalt in Bildern von Symmetrie­brüchen und Dissipationen, in komplementären Sprachen bis zum semiotischen Gewebe als Ganzes, das paradoxerweise sich selbst enthält. Die allgemeine Unsicherheit in der Grundlage führte z.B. Derrida zu seinem allgemeinen Dekonstruktivismus oder Rorty zu seinem allgemeinen Relativismus. So kam die heutige Situation zustande.

Erkenntnistheoretisch haben normative Traditionen ('foundationalism', 'coherentism') das Hauptgewicht, wo unter sprachanalytisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung primär im angelsächsischen Raum die Qualität der Gründe für gerechtfertigten wahren Glauben geprüft wird (die aber unsicher bleiben; siehe Gettier [1963]), gefolgt von naturalisierten Ansätzen, wo das Schwergewicht auf die notwendigenBedingungen für sichere Information gelegt wird (was es aber nicht erlaubt, diese Art von Theorien letztlich zu begründen, weil jedes solche System zirkulär ist) und zunehmend wieder Formen des Skeptizismus (die aber letztlich immer in Paradoxien und Selbstwidersprüchen enden). Mit diesen Ansätzen ist die Gewißheit des Wissenkönnens stets begrenzt auf ein bestimmtes Gebiet, und sobald sie die Ganzheit anvisieren, zerrinnt die Gewißheit wie Sand zwischen den begrifflichen Fingern. Auch ein kognitiver Puralismus kann aus dieser Schwierigkeit nicht erlösen, denn er endet in einem weitläufigen Relativismus. Die Betrachtung auf die intellektuellen Fähigkeiten des erkennenden Subjekts fokussierend (statt auf einen 'gerechtfertigten wahren Glauben') ließ zu einigen Ahnungen gelangen,die aber nicht zu einer Endgültigkeit gerinnen konnten. Möglicherweise fand die feministische Perspektive etwas Richtiges darin, daß viele Banner auch erkenntnistheoretischer Art gehißt wurden, um Machtstrukturen zu errichten und zu bewahren, etwa gemäß den Anregungen von Francis Bacon in seinem Novum Organum; damit ist zwar berechtigte Kritik formuliert, aber noch keine gangbare Alternative.

Wahrnehmungstheoretisch läßt sich die Grundfrage dieser Positionen fassen als "Ist die Art, wie Dinge mir erscheinen, eine wahre Beschreibung dessen, was ich wahrnehme?" (in Routledge Encyclopaedia of Philosophy ebenso wieOxford Companion to Philosophy). Zu beachten ist der pragmatisierende Grundzug, schon in der Fragestellung. Die Eigenart des Begrifflichen ist darin — getreu der eingangs erwähnten tendenziellen Nominalisierung — auf den Aspekt des Vorstellungshaften reduziert. Da die Wirklichkeit sich darin nicht ganz einfangen läßt, sind die Grenzen in den derzeit diskutierten Wahrnehmungstheorien kein Zufall. In der Sinnesdaten-Theorie wird das Gewicht der Erörterung auf das gelegt, was im Bewußtsein auftritt (wo aber nicht klar werden kann, wie Klarheit von bloßen Phantasien abgrenzbar ist), welches die Abbild-Theorien zudem in einer bloßen Ähnlichkeit mit dem materiellen Faktum verorten (womit nicht klar werden kann, ob es die Welt wirklich gibt oder nicht). In phänomenalistischen oder idealistischen Theorien wird angenommen, der Bewußtseinsinhalt sei ein Konstrukt von geistesabhängigen Entitäten oder Erfahrungen (wo nicht klar wird, wie ein sicherer Bezug zur Welt zustandekommen kann). Es gibt auch adverbiale Wahrnehmungstheorien, die an die intrisischen Eigenschaften des Erfahrens appellieren (qualia, wo nicht klar wird, wie der mentale Zustand mit dem Weltenzustand korrespondiert), oder intentionale Wahrnehmungstheorien, worin ausgegangen wird vom Interesse, das die Aufmerksamkeit richtet und so das Bewußtsein färbt mit propositionalem Gehalt (wo aber insbesondere unter den heute üblichen Grundannahmen nicht klar werden kann, was von begrifflicher und was von wahrnehmlicher Art ist, womit der Weltbezug nie ganz gesichert werden kann). In disjunktiven Theorien wird angenommen, Wahrnehmung sei etwas sui generis,  das nur durch leibliche Sinneserfahrung zustande komme (wo nicht klar wird, in was nun der explanatorische Vorteil liegen soll).

Jede dieser Theorien hat ihr Schwergewicht, die sie wohl für ihr Spezialgebiet nützlich macht, es ihr aber durch Einseitigkeit verwehrt, im strengen Sinne das Ganze abzudecken und insofern generelle Gewißheit anzubieten. In den Befunden, welche sie erlauben, spielt zugleich die erwähnte Verkürzung des Begrifflichen auf das Vorstellungshafte eine große Rolle; dieser Aspekt wird uns deshalb in der Folge weiter beschäftigen.

In den derzeit konkret gehandhabten wissenschaftstheoretischen Positionen werden die genannten theoretischen Elemente kombiniert. Das Varianten-Spektrum scheint wenigstens den Namen nach reich zu sein, es reicht vom Logischen Empirismus und dem Kritischen Rationalismus, über Kritische Theorie und Konstruktivismus (nun Kulturalismus) zum Induktivismus, Deduktivismus und Abduktivismus, die anarchistische Erkenntnistheorie, (allenfalls transzendentale) Phänomenologie, zur Transzendental- und Universalpragmatik, dem Strukturalismus und Post-Strukturalismus bis zur sogenannten Postmoderne. Etwas spezifischer sozialwissenschaftlich ist auch der Funktionalismus, die Konflikttheorie und der symbolische Interaktionismus (ein auf soziale Fragen angewandter psychoanalytischer Ansatz) zu nennen. Diese Liste kann nicht vollständig sein, schon weil fast täglich neue Variationen hinzukommen — derzeit z.B. Grounded Theory, Metaphernanalyse, Objektive Hermeneutik, Typenanalyse, Zirkuläres Dekonstruieren, usw.

Das war eine Gliederung nach Namen. Aber es sind auch ganz andere möglich, etwa als formale Ansätze (Logik, Mathematik, Informatik) gegenüber den empirischen (Natur- und Sozial-Wissenschaften); oder mit Dilthey in erklärende und verstehende Wissenschaften, oder mit Feyerabend (z.B. im Vorwort zu Primas [1983]) in positivistische, realistische und strukturalistische Ansätze, oder Sozialwissenschaft nach konservativen, rechtfertigenden, kritischen und marxistischen Positionen, oder nach der Theorieform: normativ-ontologisch, empirisch-analytisch oder dialektisch-historisch. Interessant ist auch Hanspeter Padrutts [1984] Gliederung und Abrechnung mit den zeitgenössischen Positionen. Fast jede Epoche und jedes Lexikon bietet andere Gliederungskriterien.

Aber mit keiner solchen Gliederung ist der zentrale Punkt getroffen, um den es gehen muß, wenn strenge Ganzheitserfassung und wirkliche Gewißheit zum Thema werden: die grundsätzliche Klärung des Zugangs, den das Denken zur Ganzheitlichkeit hat. Stattdessen begnügen sich sämtliche heutigen Positionen mit einer Reduktion des Erkenntnisprozesses auf sprachliche Elemente und Prozeduren. Die Gewähr für das richtige Vorgehen wird im Urteilen über weltliche Dinge und deren Eigenschaften erblickt. Kein derzeit diskutierter Ansatz ist in seinem Prinzip unabhängig davon. Seit der Glaube an die Grundannahmen der Sprachwende (grob formuliert: 'das Denken ist prinzipiell diskursiv verfaßt'; für Details siehe etwa Quine [1960] oder Rorty [1967/1992]) praktisch alles Theoretisieren erfaßt hat, wird just durch diese vereinigende Fundierung ein gemeinsamer Grundzug wirksam. Er liegt in der Folge der Annahmen. Man kann dann der Sache selbst letztlich nur äußerlich gegenüberstehen — was auch das Kennzeichen der Naturwissenschaften ist. Dieser Effekt ebnet die Unterschiede zwischen den vielen Ansätzen in jenem Punkt ein, der für unser Thema zentral ist. Dennoch ist die Eigendynamik dieses Grundzugs offenbar praktisch unerkannt, denn diskutiert wird er kaum bzw. allenfalls leise hinter vorgehaltener Hand — während seine Folgen, wie eingangs skizziert, immer handfester wirksam werden.

Die (selten zugestandene) Hilflosigkeit gegenüber diesen Folgen äußert sich auch im nur zögerlichen Aufsuchen der Einsicht, daß das Lebendige letztlich anspruchsvoller ist als die 'Schlüsselwissenschaften' (allen voran die Physik und Chemie) glauben ließen, die aus dem Umgang mit Inertem hervorgingen. Ob der Schwierigkeit in der Begrifflichkeit der Autopoiesis nach Maturana / Varela nachgegangen wird, oder in der Komplexitätstheorie (Santa Fé Institute), oder mit der Idee der morphogenetischen Felder (mit Brian Goodwin [1994] oder seinem Opponenten Rupert Sheldrake [1991]), ist insofern nicht entscheidend, als auch sie alle dem Bann der Sprachwende nicht entgehen. Jede dieser Theorien hat ihre Stärken und Schwächen, aber keine ist im strengen Sinne universell anwendbar, sowohl auf Materielles ebenso wie Immaterielles, Lebendiges ebenso wie Inertes, etc..

Dies ist jedoch das Kriterium, das sich allmählich als entscheidend für echte Lösungen herauskristallisiert. Ob es um die grundsätzliche Vereinigung der diversen Grundtheorien der Physik geht, oder um Bioethik und Medizinethik, oder um Technikfolgenabschätzung, oder um sozialen Frieden / Konfliktforschung, oder um wirkliche Nachhaltigkeit, oder um ökonomisch-politische Systemfindung, etc. — stets ist der letztlicheGesamtzusammenhang das Relevante und erfordert ein Begriffssystem, welches dem Gesamtkomplex (der strikten Ganzheit von Ordnung) gerecht zu werden vermag. Aus den derzeit gepflegten Ansätzen muß bereits das Ansinnen, dieses Insgesamte thematisieren zu wollen, dubios erscheinen, denn mehr als einzelne Perspektiven ist mit ihnen nicht erreichbar. Zwar läßt sich diese Schwäche 'dekonstruktiv' nachweisen (durch eine Analyse der Prämissenstruktur, die der gemeinsame Grundzug in sich trägt), aber damit ist noch keine Alternative erreichbar, wie es das das Ziel dieses Essays ist. Bevor dieser neue Ansatz diskutiert werden kann, ist der gemeinsame Grundzug genauer zu fassen; hier können wir erst ahnen, wo die Lösung liegt.

Allen Ansätzen, die der Sprachwende folgen, ist eine gemeinsame Annahme eigen: das vernünftige Wissen sei sprachgebunden, weil es der expliziten Reflexivität bedarf, was nur in einer Form von Sprache möglich sei. Das ist zwar nicht grundsätzlich falsch, aber es ist naiv zu glauben, dieses Kriterium sei durch die expliziten Sprachen des Menschen bereits letztlich erfüllt. Denn wenn Sie z.B. vergessen haben, wie die Stadt heißt, wo Sie waren oder wie die Person mit Namen heißt, der Sie auf der Straße begegnen, obwohl Sie genau (aber wortlos, ohne sprachlich benennen zu können) wissen, was Sie meinen, so ist dies dennoch ein klares Wissen. Es liegt in einer grundlegenderen Schicht von Gesamtzusammenhang oder Sprachlichkeit vor. Mathematiker, Künstler, 'intuitive' Menschen arbeiten in diesem Bereich der inhaltlichen Verbindungen, in welchem das Verbundensein zwanglos aus den Inhalten selbst erfolgt, immer neu je nach Realbedarf. Die Überzeugung, in den expliziten Geweben sei schon alles Nötige gefunden, läßt den Zugang zum Eigentlichen verlieren, zum 'geistigen Band, das die Welt im Innersten zusammenhält', wie Goethe sich ausdrückt.

Daß wir der Sprache nicht entrinnen können, trifft weniger zu als daß wir dem Denken nicht entrinnen können: es denkt immer in uns. Was wir aber sehr wohl können ist, unsere Aufmerksamkeit richten auf was auch immer wir wollen ('Intentionalität'). Das kann z.B. der Inhalt sein, ausschließlich zuzuhören, überhaupt nicht mehr hineinzuschwatzen. Der Effekt ist äußerst aufschlußreich (aber bei manchen Menschen ist sehr viel Geduld nötig, bis sich wirkliches Lauschen einstellt). Da liegt der letztlich wirkliche "Ockhams Razor"!

Das Thema der ideellen Auseinandersetzung unserer Ära ist die Differenz zwischen der menschgemachten und der naturgegebenen Ordnung. Menschliche Machtträger haben nun die menschgemachte Ordnung über den ganzen Planeten ausgebreitet und für die Konflikte keinen Ausweichraum mehr offen gelassen bzw. müssen ihn in den Weltraum ausdehnen, wenn sie ihre bisherige Grundhaltung nicht revidieren wollen. So wird das Tauziehen vom Ideellen ins Materielle gedrängt. Die Menschen werden so gezwungen, sich materiell an der naturgegebenen Ordnung zu reiben — obwohl dies nicht der intelligenteste Pfad ist.

 

3    Die gemeinsame Problematik in den heutigen Ansätzen

Die Prämisse der Sprachwende führt ins Netzwerk des unendlichen Verweisens — aber letzen Endes wird nicht das Entscheidende des Denkpotentials geklärt, sondern es taucht als logische Folge der je anfänglichen Fixierung schließlich ein Mysterium auf, oder eine Aporie, eine Antinomie, ein Trilemma, eine prinzipielle Unvollständigkeit, usw.. Wer im Prinzip 'Sprachlichkeit' verharrt, muß zur Überzeugung gelangen, es seien Manifestationen der conditio humana. Das zeigt eine Kapitulation (vor bloßen Glaubensannahmen!), die die prinzipielle Klarheit in Fragen um Ganzheit und Gewißheit behindert statt sie zu ermöglichen. Und doch kommen wir letzten Endes nicht darum herum, diese Klarheit zu suchen — entweder aus freiem Willen, oder getrieben durch die Folgen der Vernachläßigung.

Betrachten wir dies an einem Beispiel. Es herrscht inzwischen weitgehend ein Konsens, wonach Wissenschaftlichkeit nur durch Ausgehen von Empirischem erreichbar sei. Das ist eine Art der Kategorienbildung, die an sich sinnvoll ist, da Erkennen ohne Erfahrung nicht möglich ist. Sie erfuhr aber eine Verkürzung durch die Reduktion der Empirie auf das, was leiblichen Sinnen zugänglich ist, also auf die Außenwelt. Der Leitmythos dabei ist, das Vorstellbare und Greifbare sei der Quell aller Gewißheit. Die Empirie der 'inneren' Sinne ging vegessen bzw. wurde auf die formal-logische Dimension reduziert, die bekanntlich ihr eigenes Fundament nicht zu klären erlaubt. Der äußerlichen Empirie blieb so ein Problem: Auch ihre ausgeklügeltste Version kann in den Beobachtungen nicht die Kriterien finden, nach denen die Daten geordnet oder erst zu ordnen sind, schon weil die Art der Erhebung einen Einfluß hat. Letztlich bestimmend ist immer etwas, das selbst von begrifflicher Natur ist, nicht etwas Beobachtbares. Wer sich Klarheit über diese Zusammenhänge verschaffen will, muß die Natur des Begrifflichen als Gegenstück zum Wahrnehmlichen klären — also das postulierte Primat des rein Empirischen verlassen, um das Ganze zu denken. Weil der Umgang mit 'inneren' Sinnen nicht klärbar ist wie ein äußerlicher Mechanismus, da er nur durch ich-hafte Anstrengung zugänglich wird und den Ursprung der eigenen Motivbildung relevant werden läßt, also zwingend die Erste-Person-Perspektive impliziert, gilt der innere Aspekt zunehmend als 'bloß subjektiv'. Das erlöst aber nicht von den Paradoxien, in denen der Urgrund der 'Dinge' erscheinen muß (wie z.B. die der Quantentheorie, oder im Diskurs die logischen und semantischen Antionomien), solange die Debatte-Kategorien die nötige Universalität nicht bieten — wie unter dem Postulat des Empirie- oder des Sprach-Primats. Die Natur gibt keinerlei Grundmaß vor, weder für die Rede noch für die 'Dinge'; auch z.B. die Planck'sche Konstante oder die Lichtgeschwindigkeit sind nicht Absoluta, sondern bloß Früchte des Messenwollens. Jede Metrik setzt eine Vergleichsbasis voraus, als Maß oder als Handlung, die der Mensch setzen muß. Das alles zeigt keine absolute Grenze, sondern unser vollständiges Impliziertsein — viel vollständiger als es die Theorien besagen, die auf äußerlicher Beschreibung des Menschen fußen. Den Gesamtzusammenhang zu verkennen führt bloß zur eingangs erwähnten Konfliktproduktion, die an Versäumtes erinnert.

Nachteile der Diskursivität lassen sich nur mit diskursiven Mitteln nicht überwinden, jene der Empiristik nicht mit empirischen Mitteln. In der Tat ist jede Überschreitung einer Erkenntnisgrenze schon immer nur dadurch möglich geworden, daß bestehende Inhalte als solche, aber in einem erweiterten Zusammenhang gedacht wurden, jenseits der üblichen Handhabung in einem 'akzeptierten Wissen'. Aber dieses Überschreitungsprinzip wird stets in einmaliger Weise aus der Situation heraus angewendet und läßt sich daher nicht einfach formalisieren. Jede solche Überschreitung nährt sich aus dem Gesamtzusammenhang, den wir am Ende von Abschnitt 2 kurz umrissen.

Ob wir im Sinne Wittgensteins ein Problem im Spiegel seines gesamten Kontextes (des je relevanten 'Sprachspiels') betrachten, oder wie die Naturwissenschaften ein heuristisches Prinzip bis zur Neige auskosten (z.B. das Messenwollen), oder mit den Wahrheitstheorien den Rückbezug zum Ganzen suchen müssen, so ist doch die Ganzheitserfassung letztlich immer der relevante Pfad, auch in der Erörterung der Gewißheitsfragen. Die Frage ist: wie?

Wo das Ganze ein Thema ist ("Holismus"), ist dies heute — wegen des Grundzugs in der großen Mehrheit der Ansätze — nur möglich für Teilaspekte. Dies gilt auch z.B. für die Quantentheorie oder die Relativitätstheorie, die selbst in kontraintuitiven Situationen stets zutreffen, also im Reich des Erscheinenden einen Holismus-Aspekt anzubieten haben. Die Quantentheorie ist besonders attraktiv geworden für Hoffungen, holistisch vorgehen zu können (wie etwa im Ansatz von Michael Esfeld [1999, 2000, 2001, 2002]). Was durch diese Theorie aus der Perspektive des Messenwollens als 'Verschränkung' beschreibbar ist, ist nicht falsch, denn Materie hat in der Tat eine 'innere Verbundenheit'; aber der letztliche Grund für diese Verbundenheit (d.h. die Gesetzmäßigkeit, nach der sie zustandekommt) wird durch Verschränkung nicht erklärt, sondern nur etwas detaillierter beschrieben, als es 'Komplementarität' und 'Nichtlokalität' erlaubten. Denn Ordnungen und Gesetze lassen sich durch keinerlei Messung erfassen, sie sind nur dem Denken zugänglich. Ein neuer Ansatz, der die innerste Verbundenheit der Materie begrifflich kompromißlos zu erklären erlaubt und auch das quantentheoretische Bild der Materie begründet, ist in Schaerer [2001, 2002] zu finden und wird im vorliegenden Essay in seiner allgemeinen Form entwickelt.

Trotz ihren prinzipiellen Schwächen scheint die Reduktion auf äußerliches Beschreiben und Messen auf viele noch immer eine gewaltige Anziehungskraft auszuüben. Die damit unverrrückbar verbundene Grundhaltung, der Sache — um was es sich auch handeln möge — letztlich bezugslos gegenüberstehen zu müssen, verwirklicht einen spezifischen Inhalt, nämlich den, am Ureigensten der Sache vorbeigehen zu müssen, weil man ja nur Attribute beschreiben kann, aber nicht die Ordnung, welche die Konstellation dieses Entstehens und Vergehens mit gerade diesen Attributen ausbildet. Durch die Attribute soll diese Eigenart gefunden werden — aber durch Messen kann das nie vollständig gelingen. Man kann z.B. die Bedeutung eines Naturgesetzes nicht messen, oder die Bedeutung einer Beziehung, die sie für einen Menschen hat. Die Quantentheorie ist nie falsch, ja sie ist das Beste, was die heutige Wissenschaft hat, wenn es um das Messen des Kleinsten geht. Sie erlaubte es, die Separabilität der physikalischen Systeme (z.B. Atome, Partikel) — an der etwa Einstein festhielt — als eine für das Begreifen der Materie unnütze Vorstellung zu entlarven. Aber sie blieb der Vorstellung von separablen Meß-'Observablen' treu (z.B. Ladung, Masse, Ort, Geschwindigkeit, Spin, etc.). Durch diese begriffliche Strukturierung ist sie den Grenzen und letztlichen Paradoxien ausgeliefert, die alle auf Propositionen gegründeten Systeme kennzeichnet. Innerhalb der Sprache des Messenwollens trifft die Quantentheorie immer zu. Darum wird sie durch jede Situation, die in Termini des Messens interpretiert wird, erneut bestätigt. Aber auch die beste der etwa ein Dutzend bekannten Interpretationen ist in diesem Punkt nicht hilfreich, weil keine das propositionale Prinzip des Messenwollens prinzipiell überwindet. Das verführt viele Theoretiker dazu zu sagen, die Komplementarität sei nicht epistemisch (d.h. auf Begriffs-, Meß- oder Rechenfehler zurückführbar), sondern ontisch (d.h. in der Realität der Sache selbst begründet; z.B. Scheibe [1973], Primas [1983, 1990], bis z.B. zu Esfeld [2001] oder Atmanspacher et al. [2002]). Aber Komplementarität tritt nur innerhalb des Messenwollens auf, nicht absolut. Weil andererseits jeder Ansatz, der der Sprachwende folgt, sich derselben Haltung befleißigt (der Sache selbst äußerlich zu sein), kann er zu solchen Behauptungen nur unbedacht in einem Kollusions-Verhältnis stehen und ihnen daher keine fundierte Kritik entgegensetzen, selbst wenn es z.B. 'intuitiv' gewünscht würde. Der nun weithin akzeptierte Externalismus und die Naturalisierung der Erkenntnistheorie sind nicht Früchte der freien Einsicht, sondern der Getriebenheit durch Grundannahmen, deren Folgen nicht zu Ende gedacht wurden und in je ihre Einseitigkeit abgleiten lassen. Darum vermögen Theorien auf propositionaler Basis immer nur einen Teil- oder Aspekt-Holismus zu verkörpern (siehe dazu etwa Martin Seel [2002]). Es wäre aber ein (sprachwende-induzierter) Irrtum zu glauben, das müsse prinzipiell der Fall sein.

Wer sich auf das Beschreiben und Messen festlegt, kann nur noch entscheiden, was als messenswert gelten soll und was nicht. In Bezug auf die Gesamtordnung handelt es sich um mögliche Annahmen, die man prüfend durch ihre Konsequenzen verfolgen kann — die aber durch ihre prinzipielle Selbstbegrenztheit (auf das Messenwollen) nie über die eine oder andere Perspektive hinaus gelangen lassen und somit dazu zwingen, am letzten Grund bloße Hypothesen und damit Glaubenshaltungen zu haben. Wie provisorisch oder definitiv sie sind, ist dann individuell verschieden. In jedem Fall bleibt stets das letzlich Singuläre unbegreifbar — generell das Prinzip bzw. der Begriff der Naturgesetzlichkeit (Abschnitt 2), der Einzelfall (ausführlich diskutiert z.B. von Karl Popper [1979:401ff; 1994:19ff]), die Eigenordnung der Sache ('Universalien-Problem', 'Essenzialismus-Problem'), die personale Identität, das Ich als Seinsprinzip ('Selbst'), kosmologische Fragen nach Ursprung und Ziel des Universums, etc.. Wer sich als Fundament die Sprachlichkeit oder die Empirie gewählt hat, kommt nicht aus dem Gewebe des gegenseitigen Verweisens heraus und kann sich die eigene Gesamtüberzeugung letztlich nur ahnungshaft zusammensuchen. Die prinzipielle Unvollständigkeit dieses Fundaments, das darum mit Gewißheit nie zu einer zwanglosen Gesamtklarheit gelangen lassen kann, ist noch zu wenig ins Bewußtsein gedrungen. Wie zu Zeiten eines Descartes, Kant oder Thomas von Aquin muß nun wieder dualisiert werden: hier Wissenkönnen, dort Glaubenmüssen, bis hin zum 'Anthropischen Prinzip' der Physik.

Dabei muß das Wissen, weil es das letzlich Singuläre nicht bewältigt, sich ans 'Gesetz der großen Zahl' halten. Darum ist die Formulierung von Gesetzmäßigkeiten zunehmend probabilistisch geworden: durch das Verbleiben in der Äußerlichkeit sind nur stochastische Beschreibungen und Voraussagen möglich. Das Eigentliche, Wesensgemäße, geht verloren.

Aus dem Prinzip der äußerlichen Beschreibung speisen sich nunmehr viele Formen des Holismus, je ihren Aspekt fassend (z.B. der epistemische, ethische, methodische, methodo­logische, ontische, quantenphysikalische, sprachphilosophische bzw. semantische, soziale, soziologische Holismus). Dies ist aber noch nicht der Kern des Problems, um welches es hier geht, denn 'auf Materielles immer zutreffen' ist noch nicht ein 'Gelten für sämtliche Sachbereiche', also auch z.B. für reine Ordnungen und Gesetze — insbesondere für die Gesamtordnung, nach welcher die Welt gerade so und nicht anders strukturiert ist, also beispielsweise, daß 'etwas ist und nicht vielmehr nichts' (wie Leibniz sich wunderte), daß Dinge entstehen, eine Weile lang dinghaft sind, vergehen, erneuert wieder auftreten, usw..

Am Problem der strikten Ganzheit muß jedes diskursive Vorgehen scheitern. Dies ist sehr oft erfahren worden und als Letztbegründungs-Problematik bekannt. Zwar hat es auch immer wieder Kritik am diskursiven Vorgehen gegeben. Sie tritt schon bei Plato auf, wird explizit in Aristoteles' metaphysischer Fundierung (er sollte nur nicht immer vom Organon her gelesen werden!), und Hegel ist ein einziges großes Manifest der Diskriminierung mit dem Versuch einer Alternative. In neuerer Zeit wäre etwa Nietzsches fulgurante Kritik zu erwähnen, oder Dewey mit seinem Aufsatz "Qualitative thought", dann selbstverständlich Husserls differenzierter Versuch und Heideggers gründliche Ahnungen. Ein systematisch lückenloser Lösungsvorschlag steht jedoch noch aus.

In letzter Zeit wurden demgegenüber eher Formen des Ausweichens vorgetragen. Sie traten in vielen Gestalten auf — etwa in Tarskis Vorschlag, bei formalen Paradoxien das Warheitskonzept zu retten durch eine präskriptive Trennung von Objekt- und Metasprache (statt Antinomien vom implizierten Inhalt her aufzulösen), oder in der Auftrennung von propositionalen Eigenschaften, Relationen und Mengen gemäß der Typentheorie (Russell / Whiteherad, Principia Mathematica), oder in Luhmanns Kommunikations-Perspektive, die die 'psychischen Systeme' (das autonome Agens) abschaffen muß (um mit einer formalen Fassung der Selbstbezüglichkeit nicht in Schwierigkeiten zu geraten), oder die Debatte zur konstruktivistischen Abstraktionstheorie (Siegwart, Hartmann, Thiel in der Zeitschrift für philosophische Forschung Nr. 2 und 4 / 1993), oder Paul Hoyningens Diskussion von Georg Pichts Versuch eines Ganzheitsdenkens (in derselben Zeitschrift, Nr 1 / 1997): immer zeigen die Verläufe eine 'Verbotstafel'-Struktur statt einer prinzipiellen Auflösung der Frage. Es gab auch andere Formen des Ausweichens, so etwa die konstruktivistische Haltung, Ordnungen und Gesetze nicht für existent zu halten, sondern für konstruiert. Das führt ins Problem, nach welchen Kriterien ein 'Konstruieren' erfolgen soll; selbst Versuch-und-Irrtum reicht nicht aus: kein Dispositiv kann ordnen ohne irgendwelche Kriterien. Im Hauptstrom der Sprachwende nahm — durch die Kritik des späten Wittgenstein, Sellars, Quine und Davidson, durch ihr Auflösen aller Fragen in Sprachlichkeit — das Ausweichen vor den Folgen der Einseitigkeit die Gestalt des Verwischens von Grundunterscheidungen an (z.B. 'notwendig' vs. 'kontingent', 'semantisch' vs. 'pragmatisch'). Eine ähnliche Figur finden wir bei George Spencer-Brown [1994 / 1969], den Luhmann als ideelle Basis nahm. Er geht aus vom Prinzip 'Unterscheidung' und formalisiert dies konsequent. Unterscheiden-und-Bezeichnen interpretiert er als Beobachten. Weil der Beobachter nicht sehen kann, was er nicht sieht, aber letztlich Teil des Ganzen ist, taucht ein 're-entry'-Problem auf. Es läßt sich nur durch eine neue Beobachtung auflösen, was eine Willkür impliziert. — In dieser Perspektive verbirgt sich die Welt in der paradoxalen Einheit ihrer Unterscheidungen. So löst sich am Ende der Unterschied auf zwischen Welt und Weltbezug. Manche lesen solche Auflösebewegungen als "Holismus"; z.B. Brandom fühlt sich explizit hegelisch mit seiner Auflösung in Verrechnungen. Höhere Formen der Logik (mehrwertig, fuzzy, modal, etc.) verschieben das Problem nur in andere Formulierungs-Dimensionen.

Die massivste Form des Ausweichens wird durch das Vergessen geleistet, daß letztlich jede Glaubensannahme nur ich-haft durch Akzeptieren zustandekommen kann — während bekanntlich am letzten Grund jedes derzeit diskutierten Ansatzes bloß Glaubensannahmen stehen, d.h. gerade keine letztliche Gewißheit. Tragisch wirkt sich an diesem Punkte eine Trennung aus, die seit Wittgenstein (siehe Über Gewißheit) weitgehend akzeptiert ist: die kategoriale Differenz von Wissen (Zutreffen von Aussagen) und Gewißheit (fundamentale Überzeugungen, die in einem sozialen Kontext zustandekommen), wobei die Gewißheiten auch nur Glaubensannahmen sind, aber nicht gewußt werden können, weil sie sozusagen 'zu tief sitzen', ihrer Plausibilität wegen zu gründlich akzeptiert sind. Wittgenstein selbst hat sich zeitlebens von solchen Enflüssen freizumachen versucht. Der wesentliche Punkt ist hier, daß nicht kategorial unterschieden wird zwischen Ordnung als solcher und Vollzug von Ordnung, sondern nur zwei Formen des Vollzugs von Ordnung zu einer kategorialen Basis gemacht werden. Das muß im wirklich Ganzen unausweichlich zu Problemen führen, weil Ordnung als solche sich nicht zugleich vollziehen kann, außer sie ist ihrer selbst völlig bewußt, was hier nicht gegeben ist. Daß Zweifel sich erst aufgrund von Wittgenstein'schen "Gewißheiten" (Weltbildsätzen) konstituiert, ändert nichts an diesen Problemen solange in einer Kategorialität verharrt wird, welche nur immer in neuen Zirkeln verbleiben läßt.

Wer Perspektivisches nicht rein begrifflich klar unterscheidet, ist am Ende gezwungen, das Ganze materiell aufzuteilen (s. Beispiel des Physikers, Abschnitt 5). Das ist aber das Kennzeichen von Sprachlichkeit, nicht von Denken (ausführlich dargelegt in Abschnitt 4).

Mit solchen ausweichenden Vorgehensweisen kann natürlich nie ein wirklich sicheres Fundament im Sinne der Einsicht ins letztlich Relevante erreicht werden, denn die Welt der Zeichen kann das nicht hergeben. Sprachlichkeit ist prinzipiell diskontinuierlich und daher sinnvoll für die Bedürfnisse der Kommunikation, die stets spezifisch sind. Aber mit keiner Sprachlichkeit ist Ordnung (Gesetzmäßigkeit) vollständig faßbar — als ein simples Beispiel: die Rundheit von geometrischen Kreisen impliziert die Zahl p, die aber schon numerisch nie vollständig erreichbar ist; im reinen Denken ist das Prinzip aber klar faßbar. Die Folge des Verharrens in der Zeichenwelt ist aus solchen Gründen unausweichlich ein reduktionistisches System (auch wenn es sich anti-reduktionistisch nennt). Solche Systeme bilden ein weites Spektrum, von Relativismus und Pragmatismus bis Nihilismus. Oft sind sie unauffällig, aber hochwirksam. Wer in einer Sprachlichkeit verharrt, statt das Denken in seinem ganzen synthetisierend-integrativen Potential zu pflegen, kann prinzipiell nicht anders als tendenziell kurzsichtig und konfliktbildend sein. Das ist täglich beobachtbar.

Die nun modische Wende zum Pragmatismus ist in diesem Lichte zu sehen. Es herrscht die Ahnung, daß es um den letztlichen Gesamtzusammenhang geht. Wer keinen prinzipiell universellen systematisch Zugang zum Ganzen findet (streng vollständiger Holismus), muß mit dem Gewebe der menschheitlichen Intersubjektivität Vorlieb nehmen. Daraus nähren sich die heutigen Teil-Holismen. Die Bedingtheit erklärt, weshalb sie von pragmatistischer Natur sind. Denn durch die Auflösung aller Zusammenhänge in der Welt der Zeichen kann Bedeutung — als Prinzip ebenso wie im Ausloten von Perspektiven — nicht mehr aus dem letztlich relevanten streng universellen Gesamtzusammenhang erkannt werden, sondern nur noch pragmatisierend aufgesucht werden, beispielsweise mit Richard Rorty [1998] (pragmatistischer sozialer Relativismus), Karl-Otto Apel [1973] und Wolfgang Kuhlmann [1985] (transzendentale Sprachpragmatik), Jürgen Habermas [1981] (Universalpragmatik), oder Robert Brandom [1994] (eine inferentielle Semantik, letztlich rekurrierend auf das in einer Gemeinschaft geteilte und akzeptierte Wissen).

Keine Annahme kann vom eigentlichen Begründungsproblem erlösen. Jedes Behaupten von irgend etwas erfolgt in der Gesamtordnung, die als Vollständige zu begründen ist — sonst ist die Theorie nicht als ganzheitlich relevant einzustufen. In den pragmatistischen Ansätzen gelang es nicht, die Leitbegriffe auf eine naturgesetzliche Grundlage zu stellen. Rorty strebt eine antirepräsentationalistische Transformation des common sense an [1991], nennt aber kein Instrumentarien dafür und kann so nur auf den Glücksfall hoffen, daß aus privaten Läuterungsformen Neben­produkte von gesellschaftlichem Nutzen hervorgehen; er tut dies "romantisch" [1996]. Die Leitbegriffe der Diskurstheorie verbleiben im Bereich des Präskriptiven, als Diskursnormen aus den Argumentations- bzw. Diskursbedingungen (Apel, Kuhlmann) sowie den Bedingungen kommunikativen Handelns (Habermas). Mit Brandoms Verrechnung werden zwar die implizit normativen Zusprechungen explizit; aber weil die Inhalte nicht 'flüssig' im Gesamtzusammenhang betrachtet, sondern in den Raum der Aussage herunterfixiert werden, erstarrt die Lebendigkeit in einem Normierungsdruck.

Gewiß sind in abstrakter Logik einige Sinnbedingungen des Redens unhintergehbar, weil deren Anzweifeln in einen performativen Selbstwiderspruch führt (Apel). Gewiß sind letzten Endes nur die Betroffenen in der Lage, ihren Wertentscheid zu fällen (Habermas). Und gewiß kann das Verrechnen von Zusprechungen eine Hilfe in unklaren Situationen sein (Brandom). Aber nichts davon ist im strengen Sinne universalisierbar. Da Prozeduren der geschilderten Art — die formaliserenden und instrumentalisierenden Umgangsformen, welche die äußerliche Betrachtung in den Naturwissenschaften und der Sprachwende mit sich bringen — letztlich lebensfremd sind, kann gerade nicht vorausgesetzt werden, alle Menschen wollen sich stets in verständlichen Sprachhandlungen äußern oder seien immer zu Verständlichkeit, Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit zu bewegen. Entfremdende Prozeduren nähren vieles, von Krankheit bis Revolte. Darum kann der Wunsch, sich in die Gemeinschaft der Vernünftigen (Kommunikationsgemeinschaft) konfliktfrei einzugliedern, nicht vorausgesetzt werden — während andererseits ein adäquater Umgang mit den sich Ausgliedernden gefunden werden muß. Das ist nur möglich, wenn die Vernünftigen den gesunden Keim in den Entfremdeten erkennen. Da pragmatistische Theorien den status quo der Einsicht bewahren, haben sie für die Innovation letzten Endes nicht viel anzubieten.

Statt auf die 'gute' oder 'richtige' Norm zu hoffen und sich in Erörterungen zu verlieren, lohnt es sich, den Blick zu richten auf die Tätigkeiten, die es den Menschen ermöglichen oder es verhindern, daß sie überhaupt zu vorurteilsfrei urteilsfähigen Personen werden. Die relevante Bezugnahme fängt schon intra-uterin an, und die Erfahrungen des Kindes in den ersten Lebenswochen sind entscheidend. Spätere Einwirkungen dringen nicht mehr so tief ein; was anfangs geformt wird, ist später nur teilweise korrigierbar. Die Ermöglichung der Autonomie kann gar nicht früh genug beginnen — aber sie darf nicht nur als das gesehen werden, was Erwachsene in ihrem Abgerichtetsein für 'autonom' halten. Auf dieses Thema werden wir zurückkommen müssen (in Abschnitt 5). Jedenfalls sind, im Lichte bisheriger Konditionierungen betrachtet, Befunde einseitig wie etwa jener, ein konsequent zu Ende gedachter Autonomiegedanke müsse im Krieg aller gegen alle münden, oder Autonomie impliziere primär die Fähigkeit des Regelverstehens und des intentionalen Regelfolgens, also Formen des Gehorsams. Das sind Facetten, aber sie treffen nicht den Kern.

 

4    Die vernachlässigte Eigengesetzlichkeit der Sprachlichkeit

Das Befolgen von Spielregeln und Normen ist nur attraktiv, wenn sie aus der Ordnung des Lebens geschöpft sind. Das ist jedoch nur bedingt möglich, wenn bloß intersubjektive Vereinbarungen zum Kriterium werden. Diese Inadäquatheit ahnend wurde im Laufe der Geschichte oft gesagt, die menschgemachten Gesetze müßten sich nach den universellen richten. Es kommt auch in Joh 5:44 zum Ausdruck, in den damals möglichen Metaphern: 'Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt?' Schon insofern ist die Entscheidung, sich letztlich auf die menschgemachten Sprachen und Regeln zu stützen, eine heikle Sache. Aber es kommt noch ein wesentlicher Punkt dazu, auf den wir in Abschnitt 10 eingehen können, wenn das Bewußtsein dafür durch den neuen Denkansatz geweckt ist. Es ist der Unterschied zwischen der Seins-Ordnung (als Integration aller Seinsgesetzlichkeiten) und der Lebens-Ordnung (die aus dem Bewußtsein um die Seins-Ordnung entsteht).

Das Kernproblem ist, wie Ordnung verstanden wird. In Abschnitt 2 wurde erwähnt, daß durch das Aufgeben der strengen Allgemeinheit in der Wissenssuche schon der Begriff der Naturgesetzlichkeit nie völlig klar werden konnte. Das Prinzip 'Eigengesetzlichkeit' (alias 'Ordnung') in Sprachlichkeit zu zerlegen hat einen Preis: es entgleitet die Gesamtordnung. In der Tat lassen sich nun viele Denker nur schon durch dieses Wort in Harnisch bringen. Damit hat sich das sprach-orientierte Wissenschaftssystem die eigenen Hände gebunden. Einerseits sind die einzigen Gesetze, die für alle Kulturen gelten, die Naturgesetze — aber durch ihre kategoriale Einseitigkeit kann die Naturwissenschaft nur Teilgesetzlichkeiten fassen, nicht prinzipiell z.B. die Eigengesetzlichkeit des Lebendigen. Das Verbleiben in immer mehr Teiltheorien erzeugt eine Vielfalt von Fragmenten, die nie ganz grundsätzlich integrierbar sind (wie z.B. die Physik selbst zeigt). Transdisziplinarität wurde so zu einem Problem gemacht. Zudem kann die Grenze, die diskursiv erzeugt wurde durch nicht-ganz-bewußten Umgang mit dem Begrifflichen, dann nur noch für die conditio humana gehalten werden (explizit formuliert z.B. von Paul Hoyningen in der oben erwähnten Diskussion von Georg Picht). So entstehen unbedacht Formen der Selbstfesselung.

Es müßte also eigentlich ein starkes Interesse daran bestehen, die Eigengesetzlichkeit von Sprachlichkeit gedanklich vollständig zu durchdringen, damit sie transzendierbar wird — statt sich, wie nun üblich, in ihr aufzulösen und im Intersubjektiven zu verbleiben. Aber wo durch eine reduzierten Zugang zur Ganzheitsfrage das Prinzip von Eigengesetzlichkeit (Singularität) ein Problem ist, kann auch die Eigengesetzlichkeit von Sprachlichkeit nicht eindeutig klar sein. Weil wenig Bewußtsein davon besteht, erscheint Sprachlichkeit noch immer als das Verbindende, Überbrückende, Vermittelnde — während sie, genau besehen, diese Eigenschaften nicht als Sprachlichkeit (oder als Sprachspiel) hat, sondern durch die denkende Verwendung von Sprachlichkeit (durch den fragend-denkenden Umgang mit den Elementen oder Aspekten eines Sprachspiels). Nachdem die meisten Wissenschaften sich entschlossen haben, sich letztlich in der Intersubjektivität aufzulösen, besteht vor allem in der Theologie ein explizites Interesse an Ganzheit als prinzipielle Frage. Aber wie läßt sich diese Frage in fruchtbarer Weise angehen? Gehen wir von der heutigen Erwartung aus.

Die Idee, empirisch vorzugehen und die Idee der Sprachwende sind eng verwandt: sie finden sich beide in der Tatsache 'Bewußtsein ist Bewußtsein von etwas'. Im Sinne des Vollzugs von Bewußtsein (im Gegensatz zur Eigengesetzlichkeit) ist der Befund richtig, aber in der heute üblichen Form nicht genügend ausdifferenziert und bietet deshalb keine universelle Basis. Zwar trifft zu, daß das Denken vieler Personen diskursiv organisiert ist, aber diese Struktur bestimmt nicht schlechthin alle. Und die Idee, empirisch vorzugehen, ist sinnvoll, weil Erkennen ohne Erfahrung nicht möglich ist, wird aber erst dann fruchtbar, wenn auch die 'innere Empirie' mit einbezogen wird, was nur wenige Ansätze überhaupt als Möglichkeit ins Auge fassen. Das Prüfen von begrifflichen Strukturen als gedankliche Verknüpfungsleistung darf nicht vermischt und verwechselt werden mit dem Mittel zur Kommunikation von Strukturzuständen. Just dem leistet die Sprachwende aber Vorschub. Die Wahl, Mentales nur noch im Spiegel seines sprachlichen Ausdrucks zu betrachten, gibt es aus der Hand, die übergeordnete Ordnung klären zu können, wonach überhaupt Inhalt aufgegriffen und zum Ausdruck gebracht wird. Dann läßt sich nur noch wissen, daß es der Fall ist, aber nicht mehr letztlich, weshalb. Dann beispielsweise zu sagen, das Sprachspiel sei der Träger der Bedeutungen, ist die unausweichliche Konsequenz einer Grundannahme, aber nicht ein allgemein gültiges Ergebnis. Zweifellos operieren zahllose Menschen noch nach dem Muster, über die ersten Gründe und letzten Konsequenzen ihres mentalen Tuns nicht Bescheid zu wissen. Aber eine Tätigkeit, die sich darauf beschränkt zu erzählen, was die Mehrheit tut, und diese Gewohnheiten dann noch zum Gesetz erheben (was eigentlich nur ein naturalistischer Fehlschluß ist), kann nicht mit Fug und Recht 'Philosophie' genannt werden — egal wie hoch formalisiert und mathematisiert.

Was auch immer das Thema oder die Frage sei, so ist dies doch nur immer im Denken zugänglich. Auch das Ganze oder das Denken selbst kann nur denkend zugänglich werden. Wer sich nur auf Zeichen abstützt, hat wohl vergessen, daß Zeichen und Zeichenstrukturen nicht per se Bedeutung tragen (wie Wittgenstein richtig erkannte), auch nicht in der Form von Sprachen oder Sprachspielen (wie Wittgenstein glaubte). Um Bedeutung mitzuteilen, müssen Zeichen gelesen werden, was das ganze Interpretationstheater impliziert, mit allen seinen Kulissen. Lesen ist aber — wie alles Interpretieren von Wahrnemlichem — nur in einem Denk-Akt möglich ist, weil wir nachher nur noch Erinnerungen haben, Zeichen aller Art. Entscheidend ist stets der Denk-Akt — aber mit der Sprachwende bleibt gerade dieser zentrale Punkt unzugänglich, weil durch sie nur immer dessen Ergebnisse ins gedankliche Blickfeld gelangen können. Sie kommt für das Eigentliche stets zu spät, weil sie gewählt hat, im Reden über die Rede über Dinge zu verbleiben. Das Wirkliche des Dings, das ihn bewegende Agens, bleibt so in der Tat unerreichbar.

Es ist in diesem Lichte besehen kein Zufall, daß Ganzheitserfassung umso eher als ein unlösbares Problem erscheint, je stärker die Grundhaltung im Zeichenhaften verhaftet ist. Fast alle Philosophie hat sich nun zu einer Sprachphilosophie gemacht — obwohl es genau genommen ihren Gegenstand, das Phänomen 'Sprache', als solches gar nicht gibt, sondern nur die vielen Sprachformen. Wie steht es also um 'die Sprache an sich'? Kann es diesen Gegenstand überhaupt geben? Er muß die Eigengesetzlichkeit haben, Sprachlichkeit zu sein, nicht etwas anderes. Aber gerade Eigengesetzlichkeiten sind erst dann klar, wenn sie in einem einzigen kohärenten Gedanken gefaßt werden. Da ihr Inhalt nur in persönlicher Auseinandersetzung zugänglich wird, ist mental ein Akt in der Ersten-Person-Perspektive erforderlich — während die Naturwissenschaft oder die Denkformen der Sprachwende nur in der dritten Person operieren ('S ist p'). Darum können sie nur reden über das Reden über was auch immer, aber nicht die Sache selbst finden — die Eigengesetzlichkeit der Materie etwa, oder die von Sprachlichkeit. Auch das üppigste Reden-über ist noch kein Erfassen-von: das Lesen auch der umfassendsten Menükarte kann auch das schlichteste Essen nicht ersetzen, sprich: das Einsehen auch des schlichtesten Zusammenhangs nicht leisten, da dies nur gelingt wenn man 'sich für ihn einsetzt'. Bereits Plato wies darauf hin, daß eigentliches Denken nur im 'Ich'-Modus möglich ist. Eigentlich weiß dies auch Wittgenstein, aber seine Grundannahmen erlauben es ihm nicht, dies in streng universell gültiger Form ausdrücken: etwa wenn er von der Notwendigkeit spricht, die Wahrheit von Sätzen an der Wirklichkeit zu überprüfen (Tractatus, 4.05), als Kriterium aber nur die gesamte Naturwissenschaft hat (Tractatus, 4.11); dies korrigiert er auch in Über Gewißheit nicht. Es entgeht ihm, daß Kategorialität in der Naturwissenschaft nicht verhandelbar ist; dennoch ist das Überprüfen ein Akt, der nur im Denken zu leisten ist. Betrachten wir kurz den Prozeß der Überprüfung.

Wenn wir z.B. in einer Ebene drei gerade Linien sehen, von denen jede die anderen kreuzt, wissen wir gleich: das ist ein Dreieck (das zeigt uns die passive Seite im Erkennen, das Bereits-Kennen, ein Vor-Urteil). Das eigentliche Erkennen als Überprüfung, ob es sich wirklich um ein Dreieck handle, kann nur die eigene Denk-Aktivität anhand des ideellen Bezugs zur Eigengesetzlichkeit der Dreieckheit leisten, die gleichzeitig ihre Einheit von qualitativen Bezügen ist und doch sämtliche möglichen Dreiecke umfaßt. Wo wir nicht diesen Letztbezug denken, sondern bloß Zwischen-Vorstellungen, sind wir eigentlich noch nicht sicher. Dann verbleiben wir im Alltagsdenken und kommen nicht über den 'common sense' hinaus. Das Dreiecksgesetz seinerseits ist selbstverständlich — wie jedes genuine Gesetz (d.h. nicht wie die Gesetze unserer Jurisprudenz) — frei von jeder Sprachlichkeit oder Raumzeitlichkeit (die andererseits jedes erscheinende Dreieck an sich hat); als Gesetz kann es nur einmal existieren (sonst müßte klar werden können, was der Unterschied zu anderen sei, womit es sich nicht mehr um dieses Gesetz handeln würde). Eine ganz andere Sache ist die propositionale Definition, die stets aus einer Perspektive erfolgt. Es sind viele Definitionen einer Sache möglich; sie müssen sich nicht stören (Abschnitt 5). Die Debatte um platonische Entitäten gerät immer dort in Probleme, wo real Eigengesetzliches (das letztlich unausweichlich platonisch ist, auch wenn das selbstverständlich von GegnerInnen nicht zugestanden werden darf) mit Erscheinungsmäßigem durcheinander geworfen wird.

Zugleich ist klar, daß die materiellen Geraden, die das vorhandene Dreieck bilden, in der erscheinenden Welt nie absolut gerade sein können. Nichts materiell Vewirklichtes kann je perfekt sein, weil die Materialisierung eines Gesetzes mit der Umfeldkonstellation fertig werden muß, die andere Gesetze manifestiert. So kommt die spezifische Erscheinung zustande. Und doch ist für jede Intelligibilität letztlich immer der Bezug zur jeweiligen Eigenordnung der Sache entscheidend, die ihrerseits nur als Idealität faßbar sein kann, weil Gesetzmäßigkeiten letztlich nur als sich selbst bestehen. Wer dies klar denken will, muß die Differenz erfassen zwischen der prinzipiellen Kontinuität des Eigengesetzlichen gegenüber der prinzipiellen Diskontinuität in allem Erscheinungsmäßigen; in Abschnitt 5 werden wir für die Erfassung dieser Differenz den Unterschied zwischen der Sprache der Intelligibilität und der Sprache der Manipulabilität einführen. Wenn wir die Geometrie mit ihren einfachen Beispielen verlassen, die jedoch als Beispiele sinnvoll sind, können wir z.B. die Eigengesetzlichkeit (Art, Gattung) der Rosenblütler ins Auge fassen, dann z.B. die der Birne als einem Teilgesetz (differentia specifica) gegenüber der des Apfels, dann die Teilgesetzlichkeit von der-und-der Sorte, oder auch Gesetze der Wesens-Arten auf anderen Stufen des Lebendigseins, etwa die des Tierseins oder schließlich auch des Menschseins — oder die Eigengesetzlichkeit von Sprachlichkeit. All das steht übrigens keineswegs im Widerspruch mit der Möglichkeit, daß wirklich lebendige Arten und Wesen sich bzw. ihre Eigengesetzlichkeit selber verändern können (wie dies etwa mit Darwin zu fordern ist), denn jede Eigengesetzlichkeit kann erfaßt werden durch ihre Hierarchie von qualitativen Bezügen (Ordnung der Prädikabilien, seit Porphyrios ein Thema), die unter der Aegide des Leitgesetzes in den Details modifiziert werden können. Solche Veränderungen können aus vielen Gründen zustandekommen — je autonomer die Lebensform, desto leichter.

Zeichen — welcher Art auch immer — haben nicht mehr Bedeutungs-Wert als sonstige Dinge; ungelesene oder unverstandene Zeichen sind informationstheoretisch ausgedrückt bloßes 'Rauschen'. Aber 'Information' im kybernetischen Sinne ist kein nützlicher Begriff für die Tatsachen, da diese formale Information nicht die inhaltliche Information enthält, die nötig ist, um unterscheiden zu können zwischen dem Relevanten und bloßem Rauschen. Der nun modisch gewordene poststrukturalistische Slogan "information is a difference that makes a difference" ist ebenfalls nicht zielführend, weil Differenz das Kennzeichen des Wahrnehmlichen ist, aber das Überbrückende des Begrifflichen nicht klar fassen läßt, ohne welches keine ordnungmäßige Klarheit möglich ist.

In Sachen Zeichen und Sprache ist das Faktum interessant, daß sich Widersprüche von "3+5=9" über "krumm ist gerade" bis "ich lüge jetzt" in Sprachen ausdrücken lassen, aber nicht in einem einzigen kohärenten Gedanken denken (durchaus auch im Sinne von Freges 'Gedanke'). Wer sich Grundannahmen hingibt, die zu Antinomien und Paradoxen führen, ist angewiesen auf mehrere Zeichen, die unter sich intrinsisch verbunden sind — was ja die Eigengesetzlichkeit von Sprache ist (egal ob semantisch offen oder geschlossen, mit hergeleiteten oder zugewiesenen Bedeutungen [Natursprache oder Kode], mit oder ohne adäquater Grammatik, etc.). Eine disjunktive Basis macht abhängig von Sprachlichkeit,um die erzeugten Widersprüche zusammenhängend beherbergen zu können, also nicht gleich alle Kohärenz zu verlieren. Sprachlichkeit ist stets ein Corpus von Uneinigkeit, der Zeit gewinnen läßt für die ideelle Lösung der erzeugten Probleme. Dies ist nur durch bewußte Verschmelzung des Corpus möglich (was als Vollzug Bedingungen unterworfen ist — z.B. Lärm oder Elektrosmog behindern organismisches Einssein).

Wenn in einer sprachlichen Konstellation nicht ein Kontext wirkt, der ganzheitlich-kritisches Denken fördert und damit Autonomie bis zur vollen Synthesefähigkeit, besteht die Gefahr, in 'Rechtfertigungen' abzugleiten, welche letztlich nichts klären, sondern eher Sophismen sind, Beschwichtigungen, Kulissen für Versteckspiele im nur scheinbar Neuen, die eher Lebenslügen als wirkliche Lösungen nach sich ziehen. Aber manche mögen diese Ecke und so existiert sie eben; der Gestus des Ausweichens (Abschnitt 3) trägt dazu bei.

Man sagt oft, der Mensch zeichne sich durch die Fähigkeit zur Sprache aus; aber man vergißt noch öfter, daß die Fähigkeit zu kohärentem Denken das eigentlich Entscheidende am Menschen ist. In einem gewissen Umfang haben auch einige Tiere eine 'Sprache' und können beschränkt mit Zeichen umgehen; was sie aber nie können, ist Ideen und wirkliche Ideale erfassen, weil diese mit der Idee des Letztlichen, Ganzen, All-Einen zu tun haben — dem Gegenstand unserer Betrachtung. Wirkliche Ideale — z.B. Wahrheit, harmonischer Zusammenklang, Begreifenwollen, Freiheit, Liebe, Frieden — haben als solche nie etwas äußerlich Zwingendes an sich, sondern sind 'horchend', offen-dialogisch und universell. Die gewußte (d.h. nicht bloß geglaubte) Kohärenz bis hin zum All-Einen, Ganzen erweist sich insgesamt gesehen als wichtiger, als heute meist geglaubt wird. Sie umfaßt das eigene Denken; erst wenn Wissenschaft diese Kohärenz leistet, wird sie wirklich wissenschaftlich.

Aber woher kommt das, was inhaltlich in den Sprachen zu stecken scheint und das in den Sprach-Philosophien untersucht wird? Kann dieses 'Etwas' selber lebendig sein?

Jedes Zeichensystem, jede Sprache und damit auch jede Logik, ja schon jedes Zeichen wird bekanntlich intelligibel, wenn es in seinem syntaktischen, seinem semantischen und seinem pragmatischen Aspekt verstanden ist. Dabei müssen einige Zeichen einer Sprache ihre Semantik in der Syntax haben, sonst wäre kein Zusammenhang möglich, während andere Zeichen sie im Pragmatischen haben müssen, sonst würde es sich insgesamt um eine bloße Phantasiestruktur handeln. Syntax meint die Semantik von internen Relationen, Pragmatik die von externen Relationen. Zentral ist bekanntlich letztlich die Semantik — während in der Sprach-Philosophie die Frage offen bleibt, woher Bedeutung komme, weil die Aufmerksamkeit ja nicht auf der grundlegenden Ebene des Zusprechens liegt, sondern auf Ergebnisse gerichtet bleibt, während Zeichen sich selber keine Bedeutung zusprechen.

Es ist also durchaus erklärlich, weshalb in einem sprachlichen Gefüge in der Tat schon immer 'Information' vorliegt, die inhaltlich und damit logisch strukturiert ist. Von diesem Fundus zehrt jede Sprach-Philosophie, und einige DenkerInnen lassen sich vom Faktum selbst blenden. Das widerfährt auch manchen Physikern, aber auch Ökonomen, wenn sie auf die syntaktische Information in einem formal-logischen Gefüge abheben, nur weil die Syntax sie scheinbar immer weiter zu neuen Theorien und damit zu 'neuen Wahrheiten' führt (eigentlich: verführt). Aber damit drehen sie sich letztlich in einem Karrussell. Gewiß gelten beispielsweise alle Messungen der Quantenphysik — während die Absicht, die Realität durch Messenwollen zu fassen, letztlich unweigerlich zu einer quantenartigen Formulierung gelangen muß (weil damit Minimalteile zum Thema werden). Innerhalb des quantentheoretischen Formalismus selbst kann über dessen Geltung aber nicht entschieden werden (das erstaunt Paul Finsler und Kurt Gödel nicht). Die ihr inhärenten Paradoxien sind nicht naturgesetzlich erklärbar durch bloß deskriptive Termini wie 'Verschränkung' oder 'Dekohärenz'. Das Problem liegt darin, die allerletztliche Wirklichkeit der Materie um jeden Preis in der Meßbarkeit suchen zu wollen. Gespiegelt an der ganzen Wirklichkeit hat dieser Frage-Vektor unausweichlich seine Folgen.

Im heutigen, etwas galileischen Wissenschaftsgefüge ist wesentlich für die Auflösung der Problematik, die Mathematik zu begreifen als was sie letzlich ist: eine Sprache, weiter nichts. Ihr Vorteil liegt, wie bei guter Philosophie, in einer durchgehenden Formalisierung und damit in der totalen Transparenz zwischen Annahme und Folgerung. Wie jede Sprache ist auch die Mathematik formal nicht letztbegründbar. Es ist also kein Zufall, daß ihre letztliche Basis selbst noch immer nicht geklärt ist: zwischen Intuitionismus, Formalismus, Platonismus und Konzeptualismus ist die Lage noch offen. Ob eher die 'Inhalte' (Poincaré, Wittgenstein) in Betracht gezogen werden, oder der sie verbindende 'Leim' (Frege, Peano, Russell), ist ein Teil des Problems. Oben wurde gezeigt, weshalb die Mathematik manche dazu veführt, Inhaltliches im 'Leim' zu erblicken. Ein weiteres wichtiges Element ist das Unendliche mit seinen vielen Facetten zwischen potentiell und aktual; das Unendliche wird immer dann zum Problem, wenn es durch die Idee der Grenze betrachtet wird. Das zeigt sich auch in der Art, wie das Negieren begriffen ist: etwas und seine Negation zugleich als formal handhabbare Objekte sehen zu wollen impliziert Widersprüche (die Negation von etwas Objekthaftem kann nicht wieder objekthaft sein, sonst ist die Negation begrifflich unvollständig gedacht). Differenzen in diese Urpunkt führten zu unterschiedlichen Formen der Grundlegung von Mathematik. Der hier vorgeschlagene Denkansatz hat keine solchen Widersprüche, weil darin zwischen polar und dual klar underschieden ist (Abschnitt 8).

Das Nützlichkeitskriterium für die (mathematischen oder logischen) Modelle ist ihre Anwendbarkeit. Aber kein Modell ist absolut universell anwendbar, schon weil Zeit und Raum das Tun begrenzen. Die letztliche Nützlichkeit muß also anders bestimmt werden, nämlich rein begrifflich. Da gibt es zwei Vorgehensweisen: entweder schon im Ansatz zu versuchen, eine begrifflich insgesamt makellose Struktur zu finden, oder eher pragmatisch vorzugehen und die Begriffsklärung aus der Reflektion an der Realität zu schöpfen. Der erste Pfad hat das Problem der Kategorien, in denen das Ganze denkbar werden kann. Der zweite Pfad kann nicht anders als dem gewählten System treu bleiben; dann hat er nur die Wahl, innerhalb des Systems den als unvollständig, paradox, antinomisch, trilemmatisch, mysteriös, usw. erscheinenden Inhalt immer weiter zu verschieben. Weil der erste Pfad mit den bisher in Anschlag gebrachten Kategorien mißlang, wurde er weitgehend aufgegeben und praktisch nur noch der zweite Pfad beschritten.

Im konkreten Wissenschaftsverlauf sind in der Tat die entsprechenden Ergebnisse zu beobachten. Im Versuch, die Eigengsetzlichkeit der Materie zu erkennen, wurde die Physik durch ihr Ansetzenwollen mit der Idee des konstitutiven separablen Systems bzw. Teils, später der unterscheidbaren Observablen, vom Materie-Teil zum Atom zum Partikel immer weiter ins Kleinste geführt, ohne einen prinzipiellen Halt finden zu können (empirische Versuche sind nur durch den Energiebedarf begrenzt); an ihrem anderen Ende führt die Idee des Gesamtzusammenhangs als Relation der Teile zu einer Auffassung des Größten, die ebenfalls keinen letztlichen Halt finden kann, sondern in der Strukturierung der 'Teile' hängen bleibt. In der Linguistik führte der Wille, Bedeutung in sprachlichen Elementen zu orten, von Satz zu Wort zu Morphem / Semem / Phonem, ohne daß sich letztliche Klarheit finden ließe; an ihrem anderen Ende, dem 'Sprachspiel', ist aber Bedeutung im letztlichen Sinne auch nicht zu finden. In der Ökonomik führte der Wille, die Eigengesetzlichkeit des ökonomischen Prozesses in 'Etwas' zu suchen, von Wertbetrachtungen allgemein zu Wert in Gütern zu Bewertungs-Entscheiden der Akteure; so wurde nicht die Eigengesetzlichkeit des Wirtschaftsprozesses als Ganzes zugänglich, sondern nur ein Wust von Teilgesetzen.

Die Hoffnung, in 'Sprache' sei vielleicht ein Wissen gespeichert, das die Philosophie in beschreibender Art und Weise freilegen könne, wird sich in subtiler Weise als trügerisch erweisen. Es ist mit Gewißheit eher gefährlich als nützlich,sich auf Sprachlichkeit als Basis für das Begreifen aller Zusammenhänge abzustützen. Denn letztlich ist Sprachlichkeit dem Menschen äußerlich, ein bloßes Mittel. Sprachliche Strukturen können streng genommen nur Vergangenheit beherbergen. Die Frage ist, wie bewußt wir in Bezug auf unser ganzes mentales Geschehen und Tun sind. Menschen werden das Phänomen 'Sprache' umso eher für mit ihnen selbst innerlich verquickt halten müssen, je insgeheim verwirrter sie sind in ihrem Kategoriensystem, durch das sie alles beurteilen. Dann halten sie für Resultate, was nur Effekte ihrer Grundannahmen sind. Daraus resultiert die Flut von Worten mit wenig Inhalt, welche die heutige Wissenschafts-Landschaft weitgehend bestimmt.

 

5    Der Ansatzpunkt zu einer Überwindung

Das Vorangegangene dürfte zeigen, daß die Problematik der Ganzheitserfassung brisant ist und bleibt — als prinzipielles Thema und, falls nicht zeitig bedacht, durch die erzeugten Effekte, wenn die Ausweichräume für "business as usual" allmählich entfallen.

Die Relevanz von Ganzheit zeigt sich auch darin, daß das allerletztliche Ergebnis jeder behaupteten theoretischen Perspektive eine Spiegelung ihrer Grundannahmen ist. So zeigt z.B. die Quantentheorie, die zwar die Separabilität der physikalischen Systeme aufgeben mußte, aber an der Separabilität ihrer Observablen festhält, am Ende die Ordnungsstruktur von Komplementarität plus Nichtlokalität, d.h. die Verabsolutierung des Vorurteils der Separabilität ihrer Observablen. 'Verschränkung' und 'Dekohärenz' bieten keine eigentliche Erklärung, sondern detaillieren nur die Vorstellungen. In der Relativitätstheorie wird die Lichtgeschwindigkeit als Absolutum genommen; am Ende steht der gekrümmte Raum als Lichtlosigkeit (z.B. 'schwarze Löcher'), d.h. die Verabsolutierung des Vorurteils, daß Licht als Informationsträger entscheidend sei. In den Neurowissenschaften wird das Beschreiben der Strukturen bis in die molekularen Dimensionen verabsolutiert. Am Ende die Ordnung des Ich (das Selbst) als eine Illusion zu bezeichnen, weil es wie alles Ordnungshafte nicht beobachtbar sein kann, ist eine logische Folge der Annahme, nicht ein ernstzunehmendes Ergebnis. — Und-so-weiter.

In der Kommunikationsgemeinschaft wird heutzutage gemeinhin erwartet, daß ein als Problem erkannter Zusammenhang argumentativ angegangen wird. Man muß dann von etwas ausgehen und sich gegen etwas wenden. Problematisch wird diese Erwartung jedoch, wenn die Problematik selber durch prozedural-argumentative Prozesse erzeugt wurde, wie im Fall der Sprachwende. Andererseits muß man den Menschen die Erfahrung lassen, mit ihren Systemen an die Grenze zu gehen und zu spüren, wo es weiter geht und wo nicht. Nicht alles ist machbar, aber bisweilen sind — definiert durch die 'blinden Flecken' im Ich — 'quere' Schritte nötig auf dem Entwicklungsweg. Darum verläuft der Lernprozeß an gewissen Stellen durch Mißerfolg und Ent-Täuschung. So stirbt auch das intransigenteste Dogma gelegentlich aus. — Es bestehen also offenbar zwei Arten der Erfüllung: die eine (negative) ist das Ver-Enden, das Scheitern am Widerstand der Welt; die andere (positive) ist die geistige Durchdringung der Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit. Jedenfalls ist die Erwartung fragwürdig, alles am Fortschritt müsse durch Argumentation zustandekommen. Wenn Argumente zu nichts führen, beispielsweise weil die Konventionen zu massiv sind, oder wenn die Inhalte zu schwer darstellbar sind, weil sie nicht in die Sprachspiele passen, so bleibt immer noch der Pfad offen, die Irrtümer am Widerstand des Ganzen abzuarbeiten. Ob dies ideell geschieht, im Denken des strikten Ganzen, oder materiell im Falsifizieren von Hypothesen, ist den denkenden Wesen freigestellt. Besonders gefährlich ist natürlich der kollektive Irrtum, denn er führt am härtesten an die materiellen Klippen heran.

Zudem schließt nicht jede neue Perspektive die alten aus; dann muß sie auch nicht mit ihnen kämpfen. Im vorliegenden Fall (Sprachwende und ihre Eigendynamik) ist es eine Frage der Qualität der Alternative, ob eine Bezugnahme durch argumentativen Kampf oder durch konflikloses Umsteigen auf die neue Perspektive nötig ist. Prinzipiell umfassendere (d.h. systematisch lückenlose und stringente) Arbeiten können für sich selbst bestehen.

Die Kernfrage zur Überwindung des aufgezeigten Problems bleibt: wie kann Ordnung prinzipiell verstanden werden — ohne mit kontingenten empirischen Aspekten vermischt zu werden? Diese Gefahl lauert ja überall, weil Ordnung sich gerade nicht als solche zeigt, sondern nur in den 'Dingen'. Die Kategorien der Betrachtung müssen gute Gewähr bieten.

Alles in der Welt erscheint unserem Bewußtsein gemäß der Kategorienstruktur, die wir ich-haft akzeptiert haben. Daraus folgen später Beschreibungen von äußeren oder inneren Welten. Aus diesen Ergebnissen allein läßt sich die Struktur unserer Kategorien aber nicht eruieren; dazu ist der von fertigen Beschreibungen unabhängige Standpunkt nötig, der das Beschreiben als Akt bestimmt. Ganzheit läßt sich durch nichts fassen, was dem denkenden Bewußtsein nur äußerlich ist; z.B. eine Psychoanalyse wird erst durch die Übertragung des Analysanden auf die analysierende Person wirksam. — Der Schlüssel zur Transparenz liegt in der strikten Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit der eigenen Kategorienstruktur. Klarheit erfordert den Denkakt; Reden reicht nicht aus. Darum fängt jede ernstzunehmende Philosophie mit jenem Gestus an, der auch kreative Menschen und Künstler kennzeichnet: sich die Unkonventionalität und Neugierde-Tiefe zu leisten, die nötig ist für das Ausloten der eigenen Grundstruktur, die sämtliche Annahmen, Vorurteile, Illusionen, Ängste usw. mit umfaßt. Es wird dann der Pfad der 'Anti-Sprache' beschritten, alles Übliche anhaltend — bekannt als 'systematischer Zweifel' bei Sokrates und Descartes, als 'Suspendieren' bei Kant, als 'Epoché' bei Husserl, als 'das neugeborene Leben' bei Hannah Arendt, usw.

Im grundsätzlichen Offensein für das Ganze kann klar werden, daß wir unser System von Repräsentationen und Begriffen durch Erleben unseres Organismus als Ganzes ('Leib'-Aspekt und 'Seele'-Aspekt) aufbauen, der in derselben Sprache aufgebaut ist wie der Rest des Universums. Insofern enthüllt die nun modische Frage 'wie kommt die Welt in meinen Kopf?', entstanden aus der Idee einer 'Welt da draußen, unabhängig vom Bewußtsein', eine massive Entfremdung. Denn sie spaltet das natürlich gegebene Kontinuum künstlich auf und stellt das Sinnessystem abstrakt zwischen die res cogitans (urteilende Instanz) und die res extensa (Materialität) — welches doch in Wirklichkeit die Brücke zwischen den beiden Aspekten bildet, just nicht den phantasierten Abgrund. Die Phantasie in der Entfremdung ist, unsere Haut bilde eine Grenze für das Verstehen der physischen Realität — als wäre unser eigenes Sinnessystem, einschließlich das Gehirn als Organ für ideelle Sensibilität, nicht in derselben Weise begreifbar wie der Rest der Welt. Die wirklich relevante Frage ist also, ob wir im Laufe der Begriffsbildung die adäquate Kategorialität entwickelt haben.

Dies tangiert direkt das dominium terrae (Gen 1.28), welches exegetisch zum Zankapfel wurde, da es meist äußerlich ausgelegt wird. Es kann genau so gut innerlich-metaphorisch ausgelegt werden aus seinem Kontext (Fruchtbarkeit und Vermehrung): 'werdet völlig Herr über euer Fleisch, eure Kräfte zum Umgang mit Luftigem, Flüssigem und Erdigem'. Das ist erst erreicht, wenn die adäquaten Kategorien gebildet sind. Wie wir bis hierher erkennen können, bietet die übliche Sprachlichkeit dafür noch keine Gewähr. Andererseits ist jedes Baby reines Horchen, 'weiß' genau, was es braucht, noch ohne jede Verbalsprache, hat aber nur die Negation als quasi-sprachliches Ausdrucksmittel. Entscheidend für das Entwickeln der Kategorialität — förderlich oder hinderlich — ist die Position des sozialen Kontextes.

Nützlich ist hier eine Unterscheidung zwischen der Sprache der Intelligibilität und der Sprache der Manipulabilität. Die erstere besteht aus reinen Ordnungen (Gesetze, reine Strukturen, echte Prinzipien): in der Tat ist etwas jeweils dann verstanden, wenn dessen Eigenordnung ideell völlig durchdrungen ist. Die Sprache der Manipulabilität besteht aus Namen und Prädikaten ('Griffen', mit denen sich die Sache festhalten läßt in persönlichen Vorstellungen). Auf Anhieb scheint die Sprache der Manipulabilität auch den Aspekt der Intelligibilität zu enthalten oder wenigstens anzubieten. Erst wenn das Netzwerk sämtlicher Vorstellungen bis zu seinem letzten Ende durchgedacht wird, zeigt sich, daß es nicht ganz alles erfaßt, daß etwas damit schief läuft — aber solange gedanklich in der Sprache der Manipulabilität verblieben wird, kann nicht gewußt werden, was schief läuft. Wer in dieser Sprache verbleiben will, kann nicht anders als zum Glauben gelangen, die implizierten Grenzen seien absolut. Es ist aufschlußreich, Russells Kritik an Frege, die Ergebnisse von Paul Finsler und Kurt Gödel in Bezug auf letztliche Entscheidbarkeit, Merleau-Pontys "écart", Derridas "différance", Lyotards "différend", usw., in diesem Lichte zu betrachten.

Auf unserem Pfad wollen wir vermeiden, dominatorisch aus dem Urteilsdenken heraus von einem 'Etwas' auszugehen — Axiom, Grundannahme, Proposition, Sinnesdaten, usw. — weil wir damit nur in die Schwierigkeiten der Sprachwende-Ansätze geraten würden. Stattdessen gehen wir systematisch von der allem Urteilen vorausgehenden Fragehaltung aus und halten uns in der Betrachtung ausschließlich an naturgesetzliche Zusammenhänge. Für die Darlegung des neuen Denkansatzes setzen wir darum hier nicht an mit Definitionen und "Begriffsbestimmungen", also einer Reihe von Vorannahmen, Voraus-Setzungen oder gar Vor-Urteilen. Die Gepflogenheit des Definierens von Begriffen scheint auf Anhieb Klarheit zu stiften. Aber in letzter Konsequenz erzeugt sie Probleme in den Resultaten, da durch diesen Gestus etwas festgelegt wird, dessen Rolle im Zusammenhang doch erst zu klären ist. Das Bestimmen von Begriffen ist durch pragmatische Setzungen wohl erfüllbar und kann in rein technischen Kontexten sinnvoll sein, aber es hat einen hohen Preis, wenn es auf das Ganze angewandt wird, weil damit eine Einseitigkeit der betreffenden Theorie bzw. Perspektive erzeugt wird. In der Folge wird sich zeigen, wie wichtig es im Gegenteil für die Nützlichkeit einer Theoriestruktur ist, daß alle ihre Grundbegriffe in einem präzisen 'inneren Gleichgewicht' stehen. Dieses Kriterium wird selten in Betracht gezogen. Es ist keine harmonistische Annahme, sondern folgt aus der Ausgewogenheit der Sacherfassung.

Es ist zudem sehr gut möglich, für eine Sache viele Definitionen zu benützen, die sich keineswegs stören müssen (siehe z.B. Liske [1985], Rapp [1995]). Nehmen wir als Beispiel den geometrischen Kreis. Er kann beispielsweise definiert werden als sämtliche Punkte mit gleichem Abstand von einem Punkt, oder als die Kurve, welche eine konstante Krümmung hat, oder auch als alle rechten Winkel über einer gegebenen Strecke. Dabei ist die Anzahl von Definitionen nicht prinzipiell begrenzt. Es ist die jeweilige Frage-Perspektive, welche die entsprechende Bestimmung bzw. Definition nach sich zieht; das prinzipielle Objekt wird in seiner Eigengesetzlichkeit gewürdigt und ist in allen Fällen dasselbe (Fig. 1).

Im selben Sinne wird z.B. die Materie der Physik jeweils grundbegrifflich anders zur Geltung kommen, je nachdem ob sie aus dem Gesichtspunkt des Messenwollens betrachtet wird (was schließlich zu einer Theorie der Extremmaße führen muß, z.B. Quantentheorie), oder aus der Perspektive der gegenseitigen Bewegungen (was eine Relativitätstheorie nach sich zieht), oder aus der Untersuchung ihrer Gestalt-Metamorphosen (was eine Theorie der nichtlinearen Dynamik entsehen läßt, vulgo 'Chaostheorie'), usw.. Wenn eine Physik alle ihre Gesichtspunkte 'unter einen Hut' bringen will, muß sie für ihren Gegenstand mutatis mutandis ihren 'Blick von nirgendwo' entwickeln, wie Thomas Nagel ihn angeregt hat. Das kann die Physik aber so lange nicht tun, als sie objekt-fixiert denkt, also bloß propositional. Dasselbe Problem erzeugt sich eine Philosophie, die sich ausschließlich auf das kapriziert, was dem denkenden Bewußtsein äußerlich ist. Das Denken muß sich selber mitbewältigen.

Der Hauptstrang dieser Darlegungen wird also nicht aus Meinungen bestehen, die zu akzeptieren oder zu verwerfen sind. Vielmehr sind jene Zusammenhänge zu zeigen, die zu neuen Gedanken anregen sollen, welche erörtert werden können. Im Prinzip ist der Gestus das Hinweisen auf etwas. Es geht also nicht um Behauptungen oder einen Wahrheitswert-Kalkül, mithin nicht um Kontextrelativität und die historische Kontingenz von Rechtferti­gungen. Es wird auch nicht erst eine Ontologie gesetzt etwa mit der Frage, ob äußerliche Dinge nun erste Substanzen im Aristotelischen Sinne seien, oder partikuläre Eigenschaften ('Tropen'), oder Sachverhalte, oder ob vielleicht ein Geflecht von mehreren grundlegenden Kategorien nötig sei, oder ob eine Ontologie des Mentalen und des Selbstbewußtseins ganz anders auszusehen hätte. Das Kriterium für Vollständigkeit ist nicht als potentielle Summe aller Urteile zu erwägen, wie in Kants Urteilstafel (Kritik der reinen Vernunft, A 67-70 / B 92-95) — schon weil diese Urteilskategorien, auch wenn sie vollständig sind, heuristisch keine Gewißheit sichern (sie hindern die Urteile bekanntlich nicht daran, falsch zu sein). Es wird auch keine explizite Epistemologie oder eine z.B. 'dekonstruktive' Abwehr derselben ins Feld geführt, wasDefinitionen des Subjekts und seiner epistemischen Funktionen (mit ontologischen Rechtfertigungen) oder Pflichten (mit deontologischen Rechtfertigungen) nötig macht, was uns nur einmal mehr die Last des Ausgehens von Definitionen aufbürden würde, dessen inhaltliche Schwäche zur Krücke des Rechtfertigenmüssens treibt. Keine propositionale Denkform bietet prinzipiell die Gewähr dafür, daß nicht schließlich gegen eine Windmühle gekämpft oder allmählich in einen kollektiven Irrtum abgeglitten wird.

Der hier zu pflegende Gestus des Hinweisens soll demgegenüber auf einem Pfad von streng universell anwendbaren Grundbegriffen beschritten werden. Es ist ja interessant, daß die soeben genannten Debatten alle in Termini geführt werden, welche ihrerseits nicht universell anwendbar sind: 'Subjekt', 'Objekt', 'Gesetz', 'Kraft', 'Raum', 'Zeit', 'Information', 'Energie', 'Materie', 'Erkennen', 'Wahrnehmung', 'Begriff', 'Existenz', 'Substanz', 'Theorie', etc.. Ihre (linguistische) Konnotation enthält Nebenvorstellungen, die die Sache nie genau treffen lassen. Der nicht universell geklärte Begriffsgebrauch hat Konsequenzen, weil unter der zusätzlichen Last, prinzipiell auf 'Sprache' gesetzt zu haben, ein Netz geknüpft wird, das wegen seinen Lücken dauernd neuer Reaktionen und Korrekturen bedarf, um die zu klärenden Inhalte einigermaßen in den Griff zu bekommen — während objektiv gesehen keine Aussicht besteht, in völlig prinzipieller Weise zu einer Klärung zu gelangen. Damit kann das diskursive Geschehen nicht anders, als auf dem Meer der vielen eigenen Worte schwimmen. Oder, in einem anderen Gleichnis: Wir schaffen uns andauernd eine verbale Schallmauer, durch die eine beschränkte Rationalität nicht hindurchstoßen kann.

Im gängigen Einwand, reine Begrifflichkeit als völlig immaterielle Geordnetheit könne es nicht geben, schon weil Ordnung immer an der Materialität auftrete, wird begriffliches Unterscheiden durcheinander geworfen mit stofflichem Trennen. So muß z.B. ein Physiker, dem nicht klar ist, was die Eigengesetzlichkeit des Lebendigseins ist, unweigerlich — als praktische Folge des theoretischen Nicht-Unterscheidens — an seinem Forschungsobjekt zuerst das Leben vom Stoff trennen, um seine engen Begriffe anwenden zu können. Diese Problematik hat nichts mit zweifelhaften Absichten zu tun, sondern nur mit der Natur des Begrifflichen, das als Motiv in Handlungen wirksam wird — insbesondere dann, wenn es nicht in seiner Eigenart erkannt ist. Die begrifflich implizierte Selbstbegrenzung läßt sich selbst durch die ausgeklügeltsten 'nicht-invasiven' Verfahren (z.B. Kernspin-Tomographie) nicht überwinden: auch sie können nur das Nicht-Autonome des betrachteten Organismus zeigen, gewisse repetitive Prozesse, also just nicht das Eigentliche des Lebendigen, das — wie jede Ordnungsform — nur rein begrifflich faßbar ist.

Es ist sinnvoll, die Treibguttendenz auf dem Wortmeer an ihrem eigentlichen Ursprung aufzulösen. Trotzdem die große Mehrheit dies aus den in Kraft gesetzten Sprachwende-Prämissen für unmöglich halten muß, sollte es eigentlich leichter möglich sein, als diese Meinungen heute glauben lassen. Denn Rationalität in Debatten ist nur möglich, wenn ein Minimum an Eingehen auf das 'Andere' vorliegt, was wiederum nur möglich ist, wo eine wenn auch nur leise Ahnung der Idee von Ganzheit und Möglichkeit von Gewißheit im Spiel ist. Wäre diese Ahnung nicht am Werk, könnten wir gleich aufhören mit jedwelcher Diskussion. So gilt es denn in der heutigen Situation, von dieser schmalen, aber eigentlich bereits bestehenden Basis aus die bloßen Ahnungen zu Klarheiten gedeihen zu lassen. Das Vorliegen dieser Basis aufzuzeigen ist nützlicher als die vielen Anstrengungen um Details, die nicht wesentlich weiter führen. Dazu soll dieser Essay einen Weg weisen helfen.

 

6    Der prinzipielle Zugang zu den Einsichten

Erst wenn eine Betrachtung des Denkens sich vom bloß formalen Umgang mit den verschiedenen Inhalten löst, kann sie adäquat eingehen auf die Wirkung des Fragens, denn die Ergebnisse dieser Dimension des Denk-Akts treten nicht in derselben Art und Weise zutage wie die üblichen Urteile. Der Frage-Vektor ist völlig unmittelbar wirksam, während das Urteilen im engeren Sinne durch die Grundannahmen vermittelt wird. Insofern ist Denken längst nicht einfach gleich Denken. Eigentlich ist der Frage-Akt das Ur-Teilende, nicht erst das Urteil im engeren Sinne, das die inhaltslogische Folge der Fragevektors ist.

Heutzutage, nachdem uns die Psychoanalyse für unser Inneres etwas offener gemacht hat, können wir im Bewußtsein leichter zulassen, daß schon die Haltung des Fragens einen Einfluß hat auf alles Nachfolgende. Und nachdem in der Philosophie viele systematische Zusammenhänge aufgezeigt wurden, können wir uns darüber im Klaren sein, daß keine Wahrnehmung je für bare Münze zu nehmen ist ('Aussagen ist stets ein Interpretieren', 'alle Aussagen sind theorie­geladen'): Wir 'sehen' nie direkt, sondern immer alles durch die Brille unsere fundamen­talen Kategorien. Wo das Kategoriensystem beispielsweise aus statischen Grundelementen aufgebaut ist (z.B. als 'letzte Teilchen'), wird die Dynamik im Kosmos zu einem Problem, das letztlich nur näherungsweise erfaßbar ist (z.B. Entwicklungsbiologie: wie ein Film, aus Fotos zusammen­gesetzt; oder Quanten-Theorie: bloß probabilistisch).

Wo das Prädizieren zum zentralen Thema wird zeigt sich, daß das Fest-Stellen zugleich das Zer-Reissen der Ganzheit ist und daß das Denken sich selbst mit diesem Gestus in die endlosen Verweisungszusammenhänge manövriert. Die Verlorenheit im Verweisungsnetz ist so lange aktuell, als das Gesetz nicht erfaßt ist, welches letztlich die Art der Folgen des zerreissenden Feststellens bestimmt. Dieses Gesetz ist aber nicht ganz unbekannt, denn die Dialektiker spielen seit Jahrtausenden damit herum. Dieses Gesetz zu erkennen bietet in den Denkprozessen einen sichereren Boden als das unbedarfte Weitergehenmüssen im Verweisungsnetz. Ja, mit propositionalen Mitteln ist die Ganzheit in der Tat nie ganz 'zu haben', sondern bestenfalls irgendwie annäherbar — und so lange wie das Denken selbst nur als sprachliche Verfaßtheit gedacht wird, kommt man aus diesem Kerker nicht heraus, weil "Wie geht es weiter?" nur immer in weitere Epizyklen führt.

Ist 'das Ganze' ein besonderes Objekt? Seine Prädikation muß geklärt werden. Was soll gemeint sein, wenn auf "das Ganze" referiert wird? Sobald auch nur eine leise Konnotation in das Prädizieren einfließt (z.B. 'alle Teile und ihre Relationen'), ist bereits ein Vor-Urteil eingeführt, das alles Nachfolgende belastet. Es ist somit nötig, 'das Ganze' als eine reine Idee aufzufassen, als 'Was-das-Ganze-als-solches-auch-immer-sei', wobei die Explizitheit des Nicht-Ausschließens das Wesentliche ist. Kant würde dies wohl als eine 'regulative Idee' bezeichnen. Als reine Idee ist sie völlig klar, rational und immer dieselbe, unabhängig vom jeweiligen Entwick­lungsgrad des betreffenden Bewußtseins. Wer diese Idee fassen und zum Motiv des eigenen Denkens erheben will, kann das also tun. In der Kombination von theoretischer und praktischer Vernunft können wir weiterhin wissen, daß alle realen Verwirklichungen der Idee 'Ganzheit', also die unter ihrer Aegide erfolgenden Begriffs­bildungen, immer wieder anders ausfallen werden, daß sie aber durch ihr Gefaßtsein in der Grundidee der Ganzheit doch immer koordiniert sind. Jede Philosophie, die sich (etwa mit der Entschuldigung von 'epistemologischer Bescheidenheit') damit begnügt, nur noch einen Teil des Ganzen zu fassen, macht sich damit unbedacht zu einer Einzelwissenschaft. Mit dem Aufgeben der Grundidee von Ganzheit gibt sie die Grundlage preis, auf der sich unter den Philosophierenden de facto eine Verständigung jeweils suchen läßt, wie begrenzt sie im einzelnen Fall auch immer sein möge. Jede Selbstimmunisierung stirbt einmal aus.

Ein praktisches Problem ist, daß das Alltagsleben uns davon abhält, den allerletzten Konsequenzen von Grundannahmen nachzugehen. Es drängt uns andauernd dazu, Frage­perspektiven zu vermischen, statt sie klar zu unterscheiden und ihnen kompromißlos zu folgen. So verlieren wir die Möglichkeit, Klarheit bezüglich des Gesamtzusammenhangs zu finden, d.h. das Gesetz, das den Zusammenhang zwischen formaler Frageperspektive und inhaltlich nötigem Begriffsraum allgemein regelt. Die Einzeltheorien in Wissenschaft und Philosophie, die für pragmatische ja durchaus dienlich sind, können dann überhand nehmen — aber keine Aufsummierung ihrer Ergebnisse kann jemals die Lücke schließen, weil damit die übergeordneten Gesetze nicht ins Bewußtsein treten können. So entsteht der moderne Aktionismus, der sich letzten Endes auflösen wird; ob durch erarbeitete Einsicht oder durch materialisierte Zwänge, steht uns frei zur Wahl.

Statt axiomatische Festlegungen stellen wir historische Beispiele an den Anfang. Sie zeigen eine Naturgesetzlichkeit: das konsequente Verfolgen des Inhalts einer Fragestellung bis da, wo der Inhalt durchgehend intelligibel wird, führt an diesem Punkt der inhaltlichen Erschöpfung zu einer Polariserung des Begriffsfelds, das für ein Begreifen nötig ist.

So begriff Heraklit, den dynamischen Kosmos betrachtend, ihn schließlich als Struktur von polaren Gegensätzen, welche in Gleichgewichten die 'Dinge' bilden. Empedokles, die Urgründe der 'Dinge' befragend, fand 'Liebe' vs. 'Haß', Affinität vs. Antipathie. Aristoteles' Frage nach dem Prinzip von Veränderung führte ihn zum 'Form'- vs. 'Stoff'-Aspekt. Kants Frage nach dem Wesen des Erkennens endete in der Polarität von Wahrnehmen vs. Denken.In der Seinsphilosophie führt die Frage nach den letztlichen Seinsformen zu 'Geist' vs. 'Materie' ('Geist' verstanden als reiner Akt, 'Materie' als reiner Nicht-Akt, 'materia prima'). Saussure, das letzliche Wesen des Zeichens ergründend, fand schließlich 'Bezeichnendes' vs. 'Bezeichnetes'. Goethes Erforschung der (nicht nur physikalischen) Natur der Farben endete in 'Helligkeit' vs. 'Finsternis' als die letztlichen Konstituentien. Hegel wurde nicht müde, an allem Seienden aufzuzeigen wie der Versuch, es zu begreifen, die begriffliche Notwendigkeit nach sich zieht, dessen 'Hintergrund' zum 'Vordergund' einzusehen, damit einen übergeordneten Standpunkt der 'Aufhebung' findend. In der projektiven Geometrie, wo die einzige Invariante die Linearität ist und wo das Aktual-Unendliche in jedem Schritt streng mitgedacht werden muß, wird der Begriff der Räumlichkeit erst dann vollständig, wenn dieser als Raum-und-Gegenraum gedacht wird, während die vollständige begriffliche Gestalt jeder geometrischen Figur in sich exakt polar ist. — Diese Liste ist beliebig verlän­gerbar; sie zeigt nur einige besonders markante Erscheinungsformen dieses Naturgesetzes.

Die notwendige Polarisierung der Grundbegriffe zum Begreifen des jeweils befragten Sachverhalts ist eine Grundgesetzlichkeit im Erkennen, die jedoch bis jetzt noch nicht klar an die ihr gebührende Stelle gerückt wurde. Plato verwendet sie zur Strukturierung seiner Dialoge. Aristoteles versucht sie in seiner Topik zu ergreifen, während er sie eher intuitiv verwendet, um Begriffe wie eidos und hylé, dynamis und enérgeia zu entwickeln. Hegel nutzt sie klar im Dreischritt seiner begrifflichen Entfaltungen. Nicolai Hartman versucht zu zeigen, daß eine Ontologie nur möglich ist aus einer Differenzierung von Kategorien, die aus Gegensatzpaaren bestehen wie Relation / Substrat, Einheit / Mannigfaltigkeit, etc. Und Morris Cohen formulierte [1956: Kap. IV] ein 'Polaritätsgesetz' ("law of polarity"), wonach in solchen Gegensatzpaaren keine Seite eine Bedeutung haben kann ohne die andere Seite.

Die hinter diesen Formulierungen stehende Naturgesetzlichkeit bildet das Fundament des hier präsentierten Denkansatzes. Wir kennen die Gesetzmäßigkeit aus der Entstehung von Begriffen, bei der ein beliebiger begrifflicher Aspekt 'A' als 'Vordergrund' letztlich nur auf dem 'Hintergrund' von 'nicht-A' denkbar ist. Dies führte zu vielen Formen der Dialektik, weil das Bewußtsein um 'A' ein Bewußtsein um seine Abhängigkeit von 'nicht-A' impliziert, während beide zusammen eine bestimmte Allumfassung in sich tragen, nämlich diejenige aus der Perspektive der Betrachtung, die in diesem Fall von 'A' ausgeht. Buddha benützt das Beispiel des Apfels, der nur aufgrund des ganzen übrigen Universums existieren kann. Dialektisch gesehen wird der im Propositionalen als absolut erscheinende Gegensatz von Perspektivität und Allumfassung präzis überbrückbar.

Andererseits ist damit auch die Problematik der völligen Gewißheit — die Crux vieler Theorien heute — auf der Basis der genannten Naturgesetzlichkeit in befriedigender Weise lösbar. In einzelnen Aussagen oder Aussagesystemen ist Gewißheit bekanntlich nicht zu finden. In den meisten wird von Teilaspekten ausgegangen; wo mit propositional basierten Systemen vom Ganzen ausgegangen wird, um die entsprechenden Teile zu fassen, ist dies nur in jenem Rahmen möglich, den die jeweiligen Grundannahmen erlauben. So kann aber nicht zu Begriffen mit strenger Universalität gelangt werden. Dies erfordert ein begrifflich klares Denken vom Ganzen zum Teil hin. Am Ende müssen wir immer diesen Rückbezug in Gewißheit bewältigen, um sicher zu sein, während erst im Ganzen auch das Unerkannte mit umfaßt ist, das aus Teilperspektiven zu Unsicherheiten führte. Bei der Theoriebildung bietet erst das begriffliche Gesamtgleichgewicht eine sichere Ordnung (s. Abschnitte 6 - 9).

Das Gesetz der begrifflichen Polarisierung im Verfolgen einer Frage bis zu ihrer inhalt­lichen Erschöpfung gilt allgemein. Aber Allgemeines kann nicht direkt diskutiert werden. Wir müssen es in Verwirklichungen sehen ('Empirie'). — Die erste: Da alles Erscheinende letztlich von prozessualer Natur ist, fragen wir: Was ist Prozessualität? Was wirkt dabei verändernd, und was läßt Veränderung zu? Was ist die Eigengesetzlichkeit dieser beiden begrifflichen Elemente, oder m.a.W. ihr reiner Inhalt? Diesen Fragen ist bekanntlich schon Aristoteles nachgegangen; er gelangte schließlich zu in sich polaren, streng universellen Begriffsbildungen (z.B. 'eidos' / 'hylé', 'dynamis' / 'energeia'). Propositionale Denkformen können aber immer nur 'Bilder' ihrer Sache 'sehen'. Diese für kausal zu halten führt immer wieder an 'Grenzen' und zwingt zu immer neuen Verschiebungen der alten Frage in neue elementare Erscheinungsformen (physisch oder mental): von Teil zu Atom zu Partikel; von Satz zu Wort zu Phonem, Morphem und Semem; von Güterwert im Tausch zu Entscheiden der Akteure; etc.. Auf dieser Basis ist eine ganzheitliche Erfassung prinzipiell unerfüllbar; man sagt 'das Ding an sich ist unerreichbar'. Auch der phänomenologische Ansatz kann, egal wie weit die Beschreibung getrieben werde, nur immer tiefer in Details reichen, aber nicht prinzipiell seine Basiskategorien klären, weil diese ihrerseits nicht beobachtbar sind.

Völlig klar muß werden, daß die streng polaren Grundbegriffspaare nur reine Mittel für die Intelligibilität sind, aber niemals materiell existierende Entitäten bezeichnen. Wer nur von Dingen reden will, die es als Erscheinungen gibt — auch als mentale Erscheinungen, persönliche Vorstellungen — gibt schon durch seine Wahl die Sphäre seines letztlichen Begreifenkönnens auf. Denn in Vorstellungen ist Teilordnung, aber nie die Hüll-Ordnung faßbar, der gemäß Vorstellungen von Nicht-Vorstellungen geschieden sind — allgemein gesagt: daß das je Erscheinende gerade so entsteht und vergeht, wie es dies realiter tut.

Zugleich ist festzustellen, daß mit polaren Begriffsbildungen wie 'A' und 'nicht-A' zwar schlechthin alles im Universum aus der jeweiligen Perspektive abgedeckt wird, daß solche Begriffspaare indes auch eine inhaltliche Schwäche in sich tragen, insofern als nicht klar ist, was 'A' und 'nicht-A' (z.B. 'Form' / 'Stoff', 'aisthesis' / 'noesis', 'Raum' / 'Gegenraum', 'Bezeichnendes' / 'Bezeichnetes', usw.) letztlich 'meint'. Mit der Frage nach Prozessualität, also im Falle von 'Form' / 'Stoff', erlaubt die begriffliche Polarität noch keine eindeutige Klärung der Fragen, die am Anfang des 21. Jahrhunderts von besonderem Interesse sind, nämlich nach der Struktur des eigentlich Aktiven im 'Form'-Aspekt der Sache sowie nach den konkreten Qualitäten ihres 'Stoff'-Aspekts. Diese noch zu wenig klaren Punkte — die großteils ein Ergebnis sind von Dualisierungen (eine begrifflich notwendige Polarisierung nicht adäquat handhabend) — führten beispielsweise zu den heiklen Debatten um die vier aristotelischen Ursachen, in deren Verlauf sachlich wichtige Aspekte unter den Tisch fielen und daher in der Folge versucht werden mußte, alle Kausalität unter der Aegide der causa efficiens zusammenzufassen. Dies muß seinerseits im Versuch, das in seinem Maße jeweils Autonome und sein Verändern von Inertem — mit anderen Worten: das Lebendige — zu begreifen, naturgemäß zu Unklarheiten oder gar Konflikten führen.

 

7    Anwendung auf die Fragerichtung 'Prozessualität'

Wissen wollen, was die Eigengesetzlichkeit des 'Form'-Aspekts ist, ist vom Prinzip her gleich wie wissen wollen, was die Eigengesetzlichkeit von Veränderung ist: es geht um das Entfalten des zur Intelligibiltät erforderlichen Begriffsraums eines Inhalts aus dem Inhalt selbst. Insofern läßt sich, da es ja immer noch um Veränderung geht, rein inhaltlich der 'Form'-Aspekt und der 'Stoff'-Aspekt auf den verändernden 'Form'-Aspekt anwenden. Wir können also fragen: Was ist (a) der 'Form'-Aspekt der 'Form', und was ist (b) sein 'Stoff'-Aspekt? Im vollständigen Sinne begriffen ist der 'Form'-Aspekt als die Lebensordnung in 'Dingen', Pflanzen und Tieren anzusehen, die sie durch ihren ganzen existenziellen Zyklus als Folge von 'Geburten' und 'Toden' führt, mit allen Charakteristiken ihrer physikalisch-chemischen oder biologischen Art (egal ob sie in Genen, einer 'vis viva', einem eidos etc. geortet ist). In dieser Weise umfassend gesehen ergibt sich: (a) ist die 'Eigengesetzlichkeit' ('Naturgesetzlichkeit des Prozesses'), während (b) die 'Kraft' ist (das Verwirklichende, das begrifflich nötig ist, da kein Gesetz von sich aus wirken kann). Auch 'Eigengesetzlichkeit' und 'Kraft' sind Prinzipien, strukturell eine Polarität von reinen Grundbegriffen. Ihnen steht (noch undifferenziert) der 'Stoff' gegenüber; das Ganze ist eine Begriffs-Triade (Fig. 2). Es ist instruktiv, daß wir auf unsere Frage die Grundgesetzlichkeit des Lebendigen anwenden: Selbstbezüglichkeit (vom Einfachen wie Chemotaxis zum Komplexen wie Selbstreflexion).

Ob Prozesse von Unlebendigem oder von Lebendigem betrachtet werden, ist in dieser begrifflichen Struktur nicht wichtig: diese Begriffsbildung ist allgemein, sie erfaßt beide Bereiche in demselben Kontinuum. Lebendiges und Nichtlebendiges werden erst durch zusätzliche Kriterien ausdifferenziert. Damit wird die Eigenheit beispielsweise des Unter­suchungsgegenstands 'Haushuhn' nicht mehr gesucht in Huhn-oder-Ei, sondern gefunden in Huhn-und-Ei-und-Gockel-und-Gegacker- und-Geflatter, etc.. In derselben Art und Weise ist ein 'Partikel' in der Physik nicht Wellen-Aspekt oder Korpuskel-Aspekt, sondern beide, Wellen-Aspekt und Korpuskel-Aspekt; nicht zufällig begreifen Physiker und Chemiker die Materie so; daß manche Mühe haben mit der Formalisierung ihrer Intuition, ist ein anderes Problem. Probleme um Entweder-Oder entspringen nur grundbegrifflichen Unklarheiten.

In einem zweiten Schritt läßt sich die Frage stellen: Was ist (c) der 'Form'-Aspekt des 'Stoffs' und was (d) sein 'Stoff'-Aspekt? Denn immerhin ist das unerklärlich Dynamische, dem das Stoffliche in Veränderungen unterworfen ist, nicht minder interessant, ist es doch gerade diese Dimension, die den Naturwissenschaften gewaltige Flügel verliehen hat aus der Hoffnung, durch sie zur Herrschaft über alle Natur gelangen zu können.

Auch diese zweite Fragestellung nach dem 'Form'-Aspekt und dem 'Stoff'-Aspekt des 'Stoffs' wird auflösbar, wenn den implizierten Inhalten genau nachgegangen wird. Wenn der 'Stoff'-Aspekt veränderbar sein soll durch den 'Kraft'-Aspekt im Verbund mit dem 'Gesetzes'-Aspekt, muß der 'Stoff'-Aspekt selbst von einer mit dem 'Kraft'-Aspekt intrin­sisch verwandten Natur sein — andernfalls wäre keine direkte Wechselwirkung möglich, etwa als überlagerte Kraftfelder. Genauer gesagt muß 'Stoff' eine Art sein, wie 'Kraft' ist, um eine Veränderung zu erlauben. In diesem Sinne muß 'Stoff' eine spezifische Art sein, wie Kräfte strukturiert sind. Diese spezifische Art des Veränderns muß völlig passiv sein für 'Stoff', und doch zugleich auch vollständig strukturiert. Dies impliziert, daß einerseits die Art der Struktur relevant ist, wobei diese andererseits gänzlich die Qualität von 'Kraft' haben muß und dies doch so, daß sie alle Initiative ("Kausalität") der 'Kraft' überläßt.

Dieser zweite Schritt führt uns, in Analogie zur Triade in Fig. 2, zu einer neuerlichen Begriffsbildung als Anschauung der Polarität zwischen (c) der prinzipiellen Möglichkeit einer Kraftstruktur, aus ihrem strukturellen Gleichgewicht gebracht werden zu können (oder je nach Grad der Autonomie sich selber aus dem Gleichgewicht zu bringen), was also eine Störbarkeit des gesamtstrukturellen Gleichgewichts zeigt (als der 'Form'-Aspekt von 'Stoff', Veränderungen bewirkend), sowie (d) dem Grundgleichgewicht aller Kräfte in der Kraftstruktur (als der 'Stoff'-Aspekt von 'Stoff', Veränderungen ermöglichend durch einen innersten Ausgleich). Wie 'Form' (klarer gefaßt als 'Gesetz' mit 'Kraft') und 'Stoff', sind 'Störbarkeit des Gesamtgleichgewichts' sowie 'Gleichgewicht aller Kräfte' ebenfalls als Prinzipien im strengen Sinne zu verstehen, welche auf absolut alle Prozesse (bzw. 'Dinge') anwendbar sind und keinerlei ontologische Valenz haben im Sinne eines sinnenfälligen Erscheinenkönnens. Diese Stufe der Begriffsbildung ist in der folgenden Grafik dargestellt (Fig. 3).

Der Begriff des Gleichgewichts ist hier völlig dynamisch gemeint: wie ein Partikel der Physik, ein Wasserfall, ein Organismus, eine Stadt oder eine mathematische Gleichung als sinnenfällige 'Dinge' erst durch einen Durchfluß bestehen (in diesen Beispielen: Energie, Wasser, diverse Arten des Metabolismus, Begriffsinhalte), der das jeweilige 'Ding' gerade dadurch konstituiert. Die Gleichgewichtigkeit zeigt sich prinzipiell dreistufig: beobachtbar sind (a) die lokalen Störungen des Strukturgleichgewichts durch äußere Einwirkung sowie (b) die Regelungen des Strukturgleichgewichts von innen her (Homöostase), wodurch jedes Ding' mit dem ganzen Universum verwoben ist; dazu kommt (c) das nicht-beobachtbare und nicht-regelbare Fundamentalgleichgewicht der Materie, welche die Auf- und Abbauten überhaupt erst ermöglicht. Der begriffliche Ansatz der heutigen Wissenschaft erlaubt die äußere Störungsdynamik zu erfassen, ansatzweise die Eigendynamik (z.B. von Bertalanffy: 'Fließgleichgewicht'; Ansatz von René Thom; usw.), aber nicht die Fundamentaldynamik.

Das Fundamentalgleichgewicht der Materie entspricht übrigens, für Organismen, dem Todeszustand. Das Fundamentalgleichgewicht des vollen Bewußtseins enthüllt den Punkt, in dem Tod durch Bewußtwerdung in Leben umschlägt (siehe auch Schaerer [2002]). Für die christliche Theologie ist die Seinsgesetzlichkeit dieses Punktes relevant als Gott-Vater; das daraus wachsende Leben heißt Gottes Sohn, dessen bewußter Ausdruck Heiliger Geist und das Einswerden aller Dreieinigkeit. Durch die Prozeßtetrade gesehen wird vieles klarer. Dasselbe nochmals in anderen Worten: Wo die Seins-Gesetzlichkeit dieses Ur-Punktes voll im inkarnierten Bewußtsein steht, wird sie zur Lebens-Gesetzlichkeit, die sich selbst ganz zum Ausdruck bringen kann und alle ihre Aspekte ihrer selbst bewußt werden lassen kann.

 

8    Direkte Folgerungen ....

Die denkenden Wesen unter den belebten können ein Bewußtsein davon gewinnen, daß das, was sie durch sich hindurch gehen lassen, nicht bloß Totes oder sonstwie Belangloses ist, sondern daß es letztlich reale Ordnungen sind, Ideen (in der Prozeßtetrade-Sprache: Gesetze), die durch Akzeptieren oder Verwerfen gewählt werden. Das ist nur eine andere Bezeichnung für die Motivbildung, welche die dauernde Urteilstätigkeit regelt, die laufend in die leiblichen Bewegungen einfließt und deren die denkenden Wesen sich nolens volens bewußt werden müssen, wenn sie nicht in Konflikt mit dem Kosmos geraten wollen. Wir wählen unser Essen ebenso wie unsere Bücher. In der Bibel heißt es dazu etwas kryptisch 'sein wie Gott, Gut und Böse erkennend' (Gen 3.5): andauernd ur-teilend — das Potential, das wir mit dem neuen Denkansatz auffassen können als: andauernd horchend, wenn wir bewußt im Gesamtzusammenhang stehen. Der Frage-Akt ist das Entscheidende, eigentlich Ur-Teilende, da er den Begriffsraum der Denkmöglichkeit aufspannt; das Urteilen ist darin begrenzt (Abschnitt 6). Die Frage ist also: Wie bewußt tun wir Menschen dies? Betrachten wir dies in der Tetrade für Prozessualität (aber es gilt sinngemäß auch für jede andere).

Wo etwas begrifflich zu durchdringen ist (Analytik, Epistemologie), zeigt die Tetrade in ihren Kategorien die Grundgesetzlichkeit, die am Seienden die Prozessualität bestimmt, vom letzten Gluon zum Universum aller möglichen Universen: alle haben sie eine Struktur ('Gesetzes'-Aspekt, ihre Eigengesetzlichkeit), sie erleiden und bewirken Veränderungen ('Kraft'-Aspekt), ihre Kräftestruktur kann beeinflußt werden ('Störbarkeits'-Aspekt), und strukturell können sie nur durch ihr Grundgleichgewicht bestehen, das passiv auftreten (in unlebendigen Strukturen) oder zusätzlich aktiv beeinflußt werden kann (in den lebendigen Strukturen, mit Autonomie-Stufen). Diese Ordnung von heuristisch relevanten Kategorien ist aus genau einer Perspektive heraus entwickelt (hier: Prozessualität), und muß somit im Verbund angewendet werden, weil sonst interpretatorische Verzerrungen auftreten.

Im komplementären Vorgehen (Synthetik, Ontologie) vereinigen diese Kategorien die die Sache begründende existenzielle Ordnung als dasjenige, was exakt diese Sache ist und keine andere ('Gesetzes'-Aspekt bzw. genauer: Eigengesetzlichkeits-Aspekt), passiv oder aktiv in Veränderungen genaus so stehend, wie sie es kann ('Kraft'-Aspekt), störbar (bis tötbar) exakt so, wie sie es ist ('Störbarkeits'-Aspekt), und für ihr Sein abhängig von ihrem eigenen Grundgleichgewicht ('Gleichgewichts'-Aspekt). Die Erhaltung dieses dynamischen Gleichgewichts kann ganz ohne Bewußtsein erfolgen, wie in den mineralischen Strukturen, oder zunehmend bewußt, wie in den lebendigen Strukturen, die sich bewegen können, essen müssen, etc. — und somit Wahlmöglichkeiten haben. Je nach Strukturtyp, je mit der entsprechenden Autonomiestufe, kann ein Lebewesen seiner eigenen Prozessualität mehr oder weniger bewußt werden. Die volle Selbstbewußtheit kann logischerweise nur durch vollständige Selbstbezüglichkeit möglich werden. Diese kann nicht automatisch durch den menschlichen Leib gewährleistet werden, wie dies bei einem Mechanismus der Fall ist, sondern bedarf des integral organischen Denkaktes, weil Einsichten durch bloßen Konsum von Information nicht gesichert werden können. Solche Denkakte müssen gewollt werden — und dazu ist jeder Mensch frei; der sozio-ökonomische Kontext kann nur hilfreiche oder hinderliche Bedingungen bieten, aber nicht im strengen Sinne kausal wirken.

Die hier vorgeschlagene Vorgehensweise läßt den Begriff des 'Prinzips' in ein etwas neues Licht rücken. Denn oft ist von Prinzipien die Rede, wo bloß Postulate am Werk sind. In Anlehnung an den Gedanken der Polarisierung könnte es z.B. sinnvoll sein, nur das als Prinzipien gelten zu lassen, was rein ideell und in sich von polarer Struktur ist — in erster Linie im Gegensatz zur 'Dualität', welche die Symmetrien im Erscheinenden kennzeichet.

Die hier entwickelte Grundmenge von Kategorien widerspricht in keiner Weise z.B. der von Prigogine ins Feld geführten Idee von 'dissipativen Strukturen', weil seine Idee 'fern vom Gleichgewicht' nur die probabilistisch-statischen Gesetze der existenziellen Erhaltung eines thermodynamischen Gleichgewichts 'fern des Todes' beschreibt, was aber noch nicht die dynamischen Seinsdimensionen meint, welche die Eigengesetzlichkeit umfaßt. Gemäß diesem Seinsgesetz oszilliert das 'Ding' bzw. (Lebe)-Wesen zwischen dem Entstehen und Vergehen, was wir im Reich des Lebendigen als Geburten und Tode bezeichnen. Diese Eigengesetzlichkeit ist zugleich stringent (keine Seinsform kann sich ihren Geburten und Toden entziehen) und dennoch nicht-zwingend (Geborenwerden und Sterben ist integraler Bestandteil der Eigengesetzlichkeit und nicht zwingend mit Leiden verbunden).

Durch die Universalität der inhaltlichen Umfassung wird also nicht nur die Periode des Daseins des Objekts in Betracht gezogen, die man üblicherweise als 'Existenz', 'Leben' oder ähnlich bezeichnet, sondern in ausgewogener Weise der ganze Zyklus von Entstehen, Dasein, Vergehen und Sich-Erneuern — die 'vier Jahreszeiten' der Wirklichkeit. Vor allem von letzterer besteht in der heute üblichen Perspektive kaum ein Bewußtsein. Die Tetrade macht demgegenüber jenen 'Nulldurchgang' im Unendlichen klar denkbar, der sich z.B. bei mathematischen Objekten als 'Umkehr' oder 'Umstülpung' manifestiert.

Punkto Leiden ist es ein großer Unterschied, ob der Tod durch Selbsterfüllung eintritt (vollständig erreichtes inneres Gleichgewicht; in der Zellbiologie bekannt als 'Apoptose') oder durch äußeren Einfluß (vollständige Zerstörung des Grundgleichgewichts; bei Zellen als 'Nekrose'). In der Ökologie wurde während einiger Zeit die Idee des Gleichgewichts auf ökologische Systeme angewendet, diese dann aber wieder verlassen. Das war nötig, weil jener Begriff zu statisch war. In der hier entwickelten dynamischen Form auf allen Ebenen braucht das damalige Problem nicht mehr aufzutreten. Mit dem hier skizzierten Ansatz und seinen präzisen Gleichgewichtsbedingungen zwischen Gesetz (Eigengesetzlichkeit eines Systems / Teilsystems) und Kraft (Agens) läßt auch jene Art von Problemen lösen, die den Funktionalismus immer belasteten, weil er die Idee der Funktion und ihrer Relevanz nie genau genug fassen ließ. — Soviel zur Ebene der Natur, als natura naturans ('Gesetz & Kraft') und als natura naturata ('Gesetz & Kraft & Stoff').

Auf der Ebene der Kultur faßt das Prinzip von 'Störbarkeit & Grundgleichgewicht' auch die Dynamik des Bewußtseins, der emotionalen und propositionalen Strukturen, bis hin zu den Aussagen- und Gleichungs-Systemen. Denn das Prinzip sowohl der Aussage wie der Gleichung ist das Gleichgewicht aller impliziten Inhalte, die durch Vorstellungen (oft auch Zeichen in Formalismen) repräsentiert werden, bekannt als "S ist p". Das mentale Handeln erlaubt es, die Gleichgewichts-Bedingungen von realen Objekten begrifflich nachzuvoll­ziehen. Während materielle Strukturen das Ergebnis materieller Gleichgewichts-Prozesse sind, formulieren Aussagen- und Gleichungs-Systeme die spezifisch nötigen begrifflichen Gleichgewichts-Bedingungen. Ein klares Denken 'horcht' auf den Inhalt von Perzept und Konzept zugleich und bringt die beiden Inhalte zur Übereinstimmung. Das Gleichgewicht ist also gekennzeichent durch 'Kraftlosigkeit' — wie beim Zeiger einer Balkenwaage auf 'Null', wo keine Seite die 'Übermacht' hat. Der Denk-Akt ist das tertium comparationis, das zwischen Perzept und Konzept zu vermitteln hat, bis die be-dachte Sache strukturell in sich selbst stimmt. Die jeweilige Wahrheit liegt in der jeweiligen Schwebe; Irrtümer treten auf, wo der Wille nicht die 'Kraftlosigkeit' sucht, d.h. die falsche Idee favorisiert. Im bewußten Denk-Akt ist der Gedankeninhalt seine eigene Erscheinungsform. Nur hier können 'Form'- und 'Stoff'-Aspekt identisch sein. Der Inhalt verbirgt nichts, er ist ganz sich selbst. Jede Art von Glauben ("Überzeugtsein") ist ein konstantes Ungleichgewicht, dessen Inhalt einst willentlich gewählt oder mindestens nicht abgelehnt wurde. Verführtsein hat seinen Preis.

Wenn ein Denken sich in sich selbst ganz ins Gleichgewicht bringt, etwa wenn es sich als Grundlage völlig offen halten will, das Nichtwollen wollend — also den basalen Inhalt jeder Form von Meditation suchend — so ist das tertium comparationis das 'Ich' selbst, das tätige Feld reiner Unteilbarkeit ('in-dividuum'). Seine Eigengesetzlichkeit ist also die streng vollständige Selbstbezüglichkeit. Die Manifestation des Ich als Ganzes, als Persönlichkeit (räumliche, d.h. stoffliche Erscheinung), erfordert einen Kraft-Aspekt, der im Gesetz allein noch nicht vorliegt. Das noch Fehlende ist der 'individuelle Wunsch', als Ergebnis davon, daß eine Individualität (zeitliche, d.h. entwicklungsmäßige Erscheinung) ein Lebensideal anstrebt (wenn sie keines hat, kommt keine Stoffbewegung zustande). In ihrem Erfüllen der Eigengesetzlichkeit von Selbstbezüglichkeit hat sie Freiheitsgrade. Aus dem Tun ergibt sich die versammelte Spur aller Lebensakte, der Ego-Aspekt. Weil das Ego kein Gesetz ist, sondern nur eine Erscheinung von Gesetzen, muß es entstehen und vergehen. Dies kann aber völlig konfliktfrei geschehen; so 'stirbt' es jedesmal friedlich im Schlafe, während der Leib sich durch höhere Gleichgewichte regenerieren läßt. Dieselbe Struktur gilt auch für alle anderen Lebewesen, nur mit dem zusätzlichen Kriterium, daß das Bewußtsein nicht vollständig selbstbezüglich sein muß, sondern diese Ordnung graduell manifestieren kann je nachdem, ob die mineralische (physisch-chemische), wachstumsorientierte (vegetative), oder sinnesorganische (animativ animalische) Ebene mit einbeschlossen ist. Wichtig für das Verständnis ist die Vorstellung des in sich selbst organisierten Kraftfelds, wie es etwa ersichtlich ist in der Gesamtgestalt eines Baumes, dessen Äste ihre Abstände einhalten und insgesamt einer Hüllkurve folgen. Dafür bilden die in der Physik erfaßten Kraftfelder eine erste Grundlage. Sie ist für das Lebendige zu erweitern durch Anerkennung der Möglich­keit, daß im Lebendigen andere Pole strukturell wirksam sein können als die einfachen, die die Physik kennt. Das Denken in Polaritäten (Opposition von Prinzipien) und Dualitäten (Opposition von stofflichen Strukturen, Symmetrien) ist dazu ein gutes Hilfsmittel.

Die Eigengesetzlichkeit der völligen Selbstbezüglichkeit ist der Gegenpol zum Ego und kann das 'Selbst' genannt werden. Diese Ordnung hat zur Folge, daß jedes Individuum einer inhaltlichen Logik folgen kann, weil es in seinem innersten Grunde für das Verfolgen der Zusammenhänge eingerichtet ist — es aber wollen muß. Zum Denken sind Gesetze das (ideelle) Mittel, (materielle) Zeichen zum Kommunizieren. Weiter folgt daraus, daß jedes Individuum unabhängig von Rasse, Status usw. nur zu sich selbst "ich" sagen kann, weil es letztlich selbstbezüglich organisiert ist — auch wenn das Ego sich dessen nicht bewußt ist.

Interessant ist es, die Triade / Tetrade auf die Materie als Prozeß anzuwenden — als Kontrast zur heute üblichen Folie in den Naturwissenschaften, von abgrenzbaren 'Dingen' auszugehen und sich am Ende dennoch fragen zu müssen, was so ein Ding denn eigentlich sei, da es doch letztlich mit dem ganzen Kosmos verwoben ist. Die seit David Hume zur Gewohnheit gewordene Tendenz, die Kausalität letztlich den 'Dingen' zuzuschreiben, da ja Kräfte nie beobachtbar sind, trägt das Ihrige bei zur Erschwerung der Lage. Daß auch die Gesetze nie beobachtbar sind, hat folgerichtig zur Auffassung geführt, jedes Ding sei nur für sich zu begreifen, als sein eigenes Gesetz. Nur ist damit natürlich nichts gewonnen.

Durch die Tetrade betrachtet und damit in ihrer vollständigen Prozessualität anerkannt erweist sich Materie ganz generell nicht als eine Ursache, sondern eine Wirkung, nämlich von den Kräften, welche sie konstituieren. Ihre grundlegendste Form, die 'materia prima', besteht aus der Entgegensetzung von zwei Grundkräften. Wir kennen die mental analoge Form als 'Wille zum Nichtwillen', der Basis aller Selbstgleichgewichtung. Dieser Zugang zur Natur der Materie wirft ein klareres Licht auf viele bislang unklare Zusammenhänge in der Physik  und in der Biologie.  Es kann damit beispielsweise auch verständlich werden, weshalb Genome mit Gewißheit im Vererbungsprozeß einer wichtige Rolle spielen und insofern eine Seinsbedingung in allem Lebendigen darstellen, während Veränderungen am Genom vom Organismus nach einigen Generationen doch wieder ausgeschieden werden. Damit kommt im Therapie-Wunsch nicht einfach die alte Krankheit wieder; im Gegenteil geht es um das Bewältigen der noch nicht bewußten Ungleichgewichte, die das Spezifische der Krankheit ausmachen. Das kann u.U. in die Nähe des Todes oder in das Erlebenmüssen eines Todes führen. Aber das zeigt eher einen Bedarf an Klärung an als etwas zu Vermei­dendes (wie es durch genetische Manipulation zustande käme, was aber der Organismus wieder abstößt). Insofern ist die Abstoßreaktion eher eine Selbstreinigung, etwa im Sinne einer Hegelschen 'Aufhebung'. Zu wissen, was Krankheit und was Gesundheit wirklich ist, erfordert also mehr als Naturwissenschaftlichkeit, weil kein naturwissenschaftlicher Prozeß als solcher schon krank oder gesund ist, sondern diese Konnotationsmöglichkeit erst im organischen Kontext bekommt.

 

9    .... und weitere Konsequenzen

Die Frage nach der Einflußnahme läßt sich auch von einer anderen Seite her betrachten: von der Fähigkeit her, andere Dinge zu lenken. Es gibt nämlich prinzipiell zwei Verfahren, dies zu tun. Das erste ist gut bekannt, während nur das zweite wirklich konstruktiv und nachhaltig durchführbar ist. Beide ergeben sich aus der Art, wie wir Menschen die Welt verstehen und mit den 'Dingen' umgehen.

Das erste Verfahren besteht darin, die materiellen Bedingungen des 'Dings', d.h. die Gleichgewichtsbedingungen seines Leibes, in den Griff zu kriegen. Diese Vorgehensweise kann deshalb nur über Verhinderungen und Störungen operieren — wie etwa einen Fluß zu lenken durch Verlegung seiner Ufer, oder den Wuchs eines Organismus zu lenken durch Veränderungen seiner Genstruktur, oder einen Diskurs zu lenken durch Bestimmung der zulässigen Begriffe. Man bedrängt das Objekt. Der andere, zweite Pfad verfährt auf der kommunikativen Ebene. Hier wird die Lenkung erreicht durch Ausgehen von einer nicht-beeinflussenden Anteilnahme an der Existenz des anderen Wesens — 'horchend' auf sein Eigensein und es durch das Erkennen dieser seiner Eigenheit bestärkend, kon-firmierend. Hier wird ein allfälliger materialer Akt geleitet von der möglichst ganzheitlichen Einsicht, womit er tendenziell konfliktfreier sein wird als auf dem ersten Pfad.

Jeder Akt verkörpert seine bestimmte Mischung der beiden Aspekte, auf das jeweilige 'Ding' horchend und seine materiellen Seinsbedingungen verändernd. Auch diese beiden Attitüden spannen begrifflich ein polares Feld auf, in dem alle menschlichen Handlungen klar betrachtet werden können, einschließlich die mentalen Akte.

Der Pfad der materiellen Kontrolle verbleibt prinzipiell in einer Abhängigkeit vom Pfad des 'Horchens', weil die letztlich im Prozeß wirksamen Kräfte nie greifbar sind und durch Eingriffe nur umgelenkt werden. In obigen Beispiel sind es: was den Fluß fließen läßt (die Gravitation), was die Pflanze wachsen läßt (Wuchskräfte, Lebenskräfte), was den Diskurs kohärent vorgehen läßt (die Willenskraft im Denken, die dem inneren Bezug zwischen den Inhalten folgen muß, wenn Begriff und Rede übereinstimmen sollen). Realität ist real, auch wenn erst durch Einsicht wißbar wird, daß die Kräfte das eigentlich Wirkende sind und die Gesetze das Ordnungsbestimmende. Jedes Wissen gelangt erst zu letztlicher Klarheit, wenn es diese Nicht-Beobachtbarkeiten erfaßt: die relevante Regelmäßigkeit und das zugehörige Agens. Wer glaubt, mittels nichts als materiellen Eingriffen eine letztlich gute Veränderung erreichen zu können, folgt Illusionen. Denn was damit erreicht wird, ist mit Gewißheit eine Verschlechterung der Umstände, weil die Einsicht, das 'Horchen' in die Zusammenhänge zwischen Inhalten, fehlt. Weil das Machenkönnen noch kein Verstandenhaben ist, mußte nach Ethik und Moral gerufen werden nach all den euphorischen Hoffnungen, mit bloßem Machenkönnen sämtliche Probleme lösen zu können. Ein Minimum von Erkennen ist in jedem Fall nötig, auch wenn es bloß instinktiv erfolgt, wie z.B. bei Tieren. Der zweite Pfad (Erkennen) kann den ersten (blinde Tat) enthalten, aber nicht umgekehrt. Taten im Zustand inadäquater Einsicht führen letztlich zu Chaos und sinnlosem Tod. Sie enthüllen den Täter, aber nicht das Objekt, das er traktiert. Das kann hier prinzipiell klar werden, ohne Moralin.

Bis jetzt wurden die meisten Eingriffs-Techniken auf der destruktiven Linie entwickelt. Die lebendige Natur operiert aber nach dem Prinzip der Einladung bzw. Kooperation (die Biologin Lynn Margulis entwickelt einen Aspekt davon): die Pflanze lädt das Mineral ein, zu Wachsendem zu werden; das Tier lädt die Pflanze ein, sinnlich zu werden; der integrale Mensch lädt das Tier ein, gedankenfähig zu werden. Das ist es, was es der Pflanze erlaubt, ohne Aggression durch Steine und Asphalt zu wachsen — während der durchschnittliche Mensch aus dem Vorurteil von 'Zentralsteuerung' und 'Befehl' nur mit Gewalt durchdringen kann. Diese Art von Mensch merkt gar nicht, wie einseitig seine gedanklichen Kategorien sind und welch üble Folgen sie zeitigen. Die Nachgiebig­keit des Objekts erscheint ihm als Einladung zu wildem Wuchern. Modelle zu haben ist noch kein realitätstaugliches Wissen. Am Ende starrt er wie gebannt auf sein Werk und meint, etwas anderes müsse das Unglück vollbracht haben, z.B "Mangel an Ressourcen" oder sonst etwas (es ist leicht, Sündenböcke zu finden, denn die irrationale Hoffnung hatte ja insgeheim auf irgend etwas gesetzt).

Selbst die Medizin, die Heilkunst an Mensch und Tier, funktioniert in der nun üblichen Form (Allopathie) noch immer nach dem destruktiven Prinzip und kämpft mit seinen 'Sündenböcken' (Viren, Bakterien, Amöben, usw.). Diese zu zerstören verbessert in der Tat die materiellen Seins-Bedingungen der Patienten, weil es sie von einer parasitischen Last befreit. Aber dieser Akt ist nicht das Agens der Heilung, wie manche noch glauben. Der eigentliche Heilungsprozeß erwächst aus der Erarbeitung des Selbstgleichgewichts, das der Organismus leisten muß. Mit zunehmender Bewußtheit der Menschen müssen sie mehr Anteil nehmen an dieser Erarbeitung ihres eigenen innersten Gleichgewichts. Das kann die heute übliche Medizin nicht herausfinden, weil sie in Begriffen denkt, die das Prinzip nicht zugänglich machen: 'krank' und 'gesund' sind keine naturwissenschaftlichen Kategorien. Parasiten sind eigentlich nicht Feinde, sondern Indikatoren für innere Ungleichgewichte — und selbstverständlich ist das Aufsuchen des not-wendigen Ausgleichs ohne die Last der Parasiten leichter. Durch ihre Toxine bedrängen sie die Person; dies erlaubt es ihr aber, der vernachläßigten Aspekte bewußter zu werden. Das Ego ist ja immer frei zu beachten, was es grad will. Aus mangelnder Empfindsamkeit entstand ein Ungleichgewicht, das es den es Parasiten erlaubte, von den so erzeugten Energiedifferenzen zu zehren. Es geht primär um Gleichgewicht und Ungleichgewicht und das Sensorium dafür, nicht um die sekundären Parasiten. Durch die geeignet universellen Kategorien hindurch betrachtet ergibt sich ein Zusammenhang, der u.a. auch zu erklären erlaubt, warum nicht alle Menschen gleich anfäl­lig sind für "Krankheitskeime", nämlich je nach ihrer Pflege des innersten Gleichgewichts.

Neues Licht wirft dieser neue Ansatz auch auf die Frage, ob die Evolution ein Ziel habe oder nicht. Meist wird dies vehement verneint. Rational im neuen Lichte gesehen muß man aber sagen: alles, was entstand, muß auch wieder vergehen. Die Frage ist, ob es dies blind erleiden muß oder ein Bewußtsein vom ganzen Zusammenhang erringen kann — vielleicht durch geeignete totale Hingabe so, daß der 'Nullpunkt' des Todesdurchgangs durchstehbar wird. Insofern hätte die Evolution zugleich kein Ziel (für die 'Blinden') und doch ein Ziel (für die 'Sehenden'), wobei die Wahl, sehen zu wollen oder nicht, im Prinzip freigestellt ist. Aufgabe der Vergesellschaftung wäre dann nicht bloß der effiziente Ressourcengebrauch, sondern das Schaffen von Voraussetzungen, damit ein Horchen auf den Zusammenhang als Ganzen ideell angeregt und materiell im Vollzug gewährleistet wird.

 

10  Die Universalität dieses Ansatzes

Wenn hier der Akt des Fragens thematisiert wird, so heißt dies nicht, daß wir nun ewig im 'Lauschen' auf die Ordnung verbleiben sollen. Vielmehr ist damit der Ort aufgewiesen, wo sich auf der Erkenntnissuche die neue Orientierung finden läßt, d.h. das Motiv für das insgesamt sinnvolle Handeln in der erkenntnis-erheischenden Situation. Die Eindringtiefe des jeweiligen Befragens ist eine Frage des Ermessens und der Persönlichkeit.

Was implizit thematisiert wird, ist das Erschöpfen — oder von der 'anderen Seite' her gesehen: das Erfüllen — eines Inhalts. Das ist wissenschaftstheoretisch nicht ein übliches Thema; ja man kann sagen: von Erfüllung versteht die heutige Wissenschaftstheorie nichts; darum kommt sie mit Ganzheiten (alias Singularitäten) nicht eigentlich zu Rande. Für eine inhaltliche Erschöpfung müssen zwei notwendige Bedingungen erfüllt werden: sowohl die subjektive Hingabe an den Inhalt (Prozeßtetrade: Willens-Aspekt) wie die Ausrichtung der Hingabe auf den objektiven Inhalt (Prozeßtetrade: Gesetzes-Aspekt). Dies impliziert das Akzeptieren der Idee von reinen Ordnungen. Deren Notwendigkeit ist einsehbar, allenfalls über Mißerfolge. Wer Ordnung nicht im im platonischen Sinne akzeptiert (als Naturgesetz im lebendigen Sinne), sondern nur irgendwie dinglich-vorstellungshaft, gerät letzten Endes immer in Aporien und Widersprüche — weil Realität nur mit prädikativen Mitteln nie vollständig einholbar ist ("Existenz ist kein Prädikat"). Wer zur Idee von reiner Ordnung einen Zugang hat, kann auch die Seins-Ordnung auffinden. Die Summe aller reinen Ideen subsistiert in sich selbst als lückenloser Gesamtzusammenhang; erst wo ein Frage-Vektor auftritt, spaltet er den Zusammenhang auf in die entsprechende ideelle Polarisierung (es ist das Motiv von 'Figur und Grund').

Weil die grundbegriffliche Polarisierung aus einem zu Ende geführten Frage-Vektor (z.B. 'A' und 'nicht-A') nicht schon alle ihre Inhaltlichkeit preisgibt, also schon nicht klar ist, was es mit 'nicht-A' genau auf sich hat, hatten wir in zwei Schritten — ausgehend vom Polariserungs-Gesetz im Mentalen — unsere Frage-Polarität (im Beispiel: Prozessualität, begrifflich als 'Form'- und 'Stoff'-Aspekte) rein inhaltlich zu einer Tetrade ausdifferenziert. Dasselbe hätten wir mit jeder beliebigen der erwähnten Polarisierungen tun können. Hegel hat Teile dieses Programms durchführen wollen in seinem Dreischritt, immanent kritisch an allen Inhalten expliziert — also nicht im Feststellen von 'nicht-A' verharrend aufgrund von 'A', sondern die Aufmerksamkeit dafür pflegend, daß ein Bewußtwerden der beiden Seiten die neue, beiden übergeordnete Perspektive eröffnet. Er war sich darüber im Klaren, daß keinerlei Konnotation in das Prädizieren einfliessen sollte; dieser Notwendigkeit versuchte er dadurch gerecht zu werden, daß er immer nur immanent kritisch vorging. Diese Klarheit kann als Idee klar gefaßt werden: 'strikte Offenheit für die jeweilige Sache'. Beispielsweise Husserl baute darauf auf; er wandte aber diese Idee nur auf die Beobachtung von Objekten an, die dem Bewußtsein äußerlich sind, weil der Denk-Akt selbst nicht beobachtbar ist. Die transzendentale Phänomenologie (Husserl, Merleau-Ponty) blieb stets problematisch, auch in den späteren Versuchen. Die Phänomenologie konnte sich nicht vollständig klären und das Kategorienproblem als entscheidend anerkennen. Das 'Unsichtbare' verblieb im 'Form'-Aspekt, gelangte nicht zur Klarheit von 'Eigengesetzlichkeit plus Eigenkraft'. Damit mußte Husserls Intention der prima philosophia unerfüllt bleiben. — Von der Sprachlichkeit als strukturelles Prinzip wird unabhängig, wer einen Inhalt bewußt in völlig reiner Offenheit angehen kann. Das gelingt vielleicht nicht von heute auf morgen, aber allmählich....

In dem hier vorgeschlagenen Ansatz läßt sich diese Hürde durch Erreichen der Klarheit überwinden, daß die beiden Inhalte, die im Pol einer Polarisierung ideell faßbar werden, als reine Inhalte ihrerseits der gleichen erschöpfenden Befragung unterworfen werden können. Im Beispiel 'Prozessualität' wurde dies bereits durchgeführt, in zwei Schritten. Um hier die allgemeine Tauglichkeit des Verfahrens durch ein weiteres Beispiel zu illustrieren, können wir  z.B. die Natur des Erkennens, also die begriffliche Polarität von 'Wahrnehmung' und 'Begriff', befragen nach dem 'Begriff des Begriffs', der 'Wahrnehmung des Begriffs', des 'Begriffs der Wahrnehmung' und der 'Wahrnehmung der Wahrnehmung'. Diese Methode macht die Fragerichtung Kants in fruchtbarer Weise systematisch vertiefbar (Fig. 4).

Im Prinzip ist jede andere grundbegriffliche Polarisierung aus einer Fragerichtung mit dieser Methode weiter auslotbar — etwa jene, die anfangs Abschnitt 6 aufgelistet wurden. Wir wenden damit das Grundprinzip an, welches alles in sich Verbundene, also alles Organische kennzeichet: Selbstbezüglichkeit — die zugleich die Klippe bildet, an welcher alle formal-logischen Strukturen letztlich scheitern müssen, während die inhalts-logischen überleben (deshalb können z.B. Paul Finsler und Kurt Gödel ihre Gedanken zur logischen Vollständigkeit und Entscheidbarkeit überhaupt klar denken). Aber Scheitern ist ja nichts Böses; man könnte jeweils daraus lernen. Aus den oben genannten Erwägungen kann mit naturgesetzlicher Sicherheit gewußt werden, daß das vollständige Ausloten einer Polarität zwei neue inhaltliche Polarisierungen erzeugt, womit also eine doppelte Polarisierung zu einer Tetrade von präzis konjugierten Kategorien führt — die somit, um das begriffliche Gleichgewicht zu wahren, gemeinsam anzuwenden sind. Für ein vollständiges Erfassen der gewählten Perspektivität müssen die entwickelten Begriffe selbst vollständig die Qualität der befragten Perspektive haben — beispielsweise müssen für ein wirkliches Erfassen der Materie-Dynamik (inklusive alles Lebendige) die Grundbegriffe selbst völlig dynamisch sein; dies kann selbst die raffinierteste formal-logische Anwendung von objekt-fixierten Begriffen auf noch so kleine 'Teilchen' nicht adäquat leisten. Das ist der tiefere Sinn dieser Verdoppelung der Polarisierung. Aber mehr als die Doppelung ist nicht nötig, da dann das Feld inhaltlich vollständig abgedeckt ist. Das muß hier vielleicht nachgewiesen werden.

Den Anstoß zur ersten Differenzierung bildet der Frage-Vektor. Das ist nicht nur eine abstrakte Richtung, sondern ein spezifischer Inhalt (beispielsweise: Veränderung, Prozeß­sein). Durch diese Ordnung werden alle Pozesse umfaßt, die überhaupt möglich sind, also aktual wie potenziell. Begrifflich gefaßt ergibt sich so eine logische Klasse der relationalen Bezüge 'Typ 1', nämlich der betreffenden Ordnung in sich selbst (im Fall 'Prozessualität': Prozeß-Sein als solches, nicht etwas anderes). Es ist also eine Relationalität der Gleichheit im Nebeneinander. Die erste Polarisierung ist die erste Anwendung des Frage-Inhalts auf sich selbst und führt zu einer zweiten Relationalität 'Typ 2' als explizite Ausfaltung der Ordnung dieses Inhalts, d.h. als Offenbarung ihrer Spannweite als Extreme ihrer Wesensart (das Beispiel ‘Prozeßsein’ wird zu ‘Form’-versus-‘Stoff’). Hier gilt also eine Relationalität der totalen Entäußerung, des Auswählenkönnens (oder -müssens) aus der Sammlung des großen Aufgelöstseins. Jedes ‘Ding’ ist seine eigene Kombination. Die zweite Anwendung auf sich selbst führt zu einer Relation 'Typ 3', wo die Wesensart der Ordnung in sich selbst ‘aufgehoben’ ist (um den hegelschen Term zu verwenden). Es ist also wieder eine Relatio­nalität der Gleichheit im Nebeneinander, nun aber in expliziter Verbundenheit. In der Seinsweise des Aufgehobenseins konvergiert alle Geordnetheit, und Ordnung kann nicht mehr als gemäß sich selbst geordnet sein. So ist mit Gewißheit wißbar, daß die begriffliche Ordnung, die durch eine solche Tetrade aufgespannt ist, eine Letztlichkeit in sich birgt, die mit der Eigengesetzlichkeit aller anderen Tetraden (auch der potenziellen) organisch in der Ganzheitlichkeit konvergiert — in etwas, was wir somit als die ‘Seinsordnung’ bezeichen können, die durch jede Bewußtwerdung zur ‘Lebensordnung’ gemacht wird. Im Falle der Prozessualität ist deshalb mit Gewißheit wißbar, daß z.B. eine Physik auf dieser Basis das Lebendige klar umfassen kann.

Der Wert der so auffindbaren Kategoriensysteme liegt wie erwähnt in der heuristischen Dimension, die sie eröffnen: Sie bieten keine direkten Objekt-Prädikate, sondern zeigen an, was für ein Begreifen genau zu suchen ist. Jedes solche System ist aus der Ganzheit der jeweiligen Frage heraus entfaltet und kann somit der Einheit des Befragten vollumfänglich gerecht werden. Diese intrinsische Einheit ist im Beispiel 'Prozessualität' faßbar durch die Gleichgewichtsbedingungen, welche die Entität existenziell bestimmen. Das Lebendige regelt diese Gleichgewichtsbedingungen nach Maßgabe seiner Bewußtheit von innen und ist nach Maßgabe seiner Unbewußtheit denselben äußerlichen Einflüssen unterworfen wie Unbelebtes. Im Beispiel der kantischen Frage der Bedingungen für das Erkennen zwischen 'Wahrnehmung' und 'Begriff' regelt der Denk-Akt sein Erkennen frei durch seine Stellung gegenüber seinem Gegenpol, dem leiblich vorgegebenen Bewußtsein. — Die mit diesem Ansatz auffindbaren Ordnungsformen stehen mit keinen der bisher erkannten Naturgesetze im Widerspruch, sondern bilden dafür einen neuen integrativen Rahmen. Darüber hinaus eröffnet dieser Ansatz eine neue Klarheit für den Umgang mit Ganzheit und Gewißheit.

Die Seins- und die Lebens-Ordnung (als begriffliche Strukturen: 'Baum der Erkenntnis' und 'Baum des Lebens') können — wie jede Eigengesetzlichkeit — niemals erschöpfend abgebildet werden. Aber durch die aktive Selbst-Assimilation an die Seins-Ordnung kann diese allmählich klarer werden im eigenen Bewußtsein; dadurch wird die Lebens-Ordnung aktualisiert. Darum kann Christus mit Fug und Recht sagen 'Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich' (Joh 14.6). Er hat es zudem öfters empirisch bewiesen, im vollständigsten Sinne auf Golgatha. Die implizite Hierarchie in dieser Bewußtwerdung und damit Verwirklichung der Lebens-Ordnung deutet Joh 4.37 an: 'Einer sät, und ein anderer erntet': das Eigentliche der Lebendigkeit kommt stets von der Lebens-Ordnung, die Verführungen und daher der Tod kommen von woanders.

 

11  Kurz zusammengefaßt

Das Selbstverständnis von Philosophie hat sich dahin gehend entwickelt, Strukturen von Aussagen zu entwerfen und zu debattieren. Weil keine der daraus hervorgegangenen Positionen universelle Geltung beanspruchen kann, wetteifert eine Unzahl von Versuchen. Sie sind nicht alle falsch, sondern dort sinnvoll, wo sie einer Fragestellung bis zu deren Erschöpfung nachgegangen sind. Derzeit wird das Fundament vor allem im Sprachlichen und Empirischen gesucht. Auf der Suche nach Ordnung läßt sich damit aber keine streng universelle Erfassung sichern, sondern letztlich nur probabilistische Formulierungen von Gesetzen. Im Gegensatz dazu macht der hier vorgeschlagene rationalistische Ansatz streng universell gültige Ordnungen zugänglich. Sie sind nicht absolut, sondern folgen aus der Erschöpfung ihrer jeweiligen Frageperspektive; die je nach Situation notwendige Offenheit bzw. Frage-Perspektive sachgemäß zu wählen wird einem nicht abgenommen. Daß wir im Alltag dauernd Perspektiven vermischen, ist unser tägliches Problem. Dann müssen wir uns fragen, was wir eigentlich wollen, wissen wollen, erreichen wollen, usw.. Es wird hier nicht ein autoritäres System oktroyiert, sondern nur darauf hingewiesen, daß immer dann, wenn in irgend einem Ansatz etwas schief geht, wieder in das Fragen zurückgekommen werden muß, womit man an dem Punkt ist, den dieser neue Ansatz transparent organisiert.

Das Neue an diesem ist somit, daß er nicht wie bisher üblich vom Aussagenwollen ausgeht, sondern vom Fragenkönnen und dieses systematisiert, sich inhaltlich an das zu Erkennende assimilierend: aus dem Inhalt einer Fragerichtung folgt erst ein polares Paar von kategorialen Grundbegriffen; weil sie damit noch nicht alles von sich preisgeben, wird der Inhalt derselben Fragerichtung auf dieses Paar angewendet. Damit entfaltet sich die Ordnung vollständig, welche dem Frageinhalt entspricht. Die Methode im Vorgehen ist also, den Inhalt der Fragerichtung auf sich selbst anzuwenden. Das Ergebnis ist eine Triade und dann Tetrade von konjugierten Kategorien. Es sind begriffliche Kontinua, heuristisch relevant, anwendbar auf schlechthin alle Strukturen für die phänomenologische Erfassung, nun mit einer präzisen Ausrichtung. Deshalb bestehen im neuen Ansatz keine disziplinären Grenzen; im Gegenteil erlaubt er prinzipiell unbegrenzte Inter- und Transdiziplinarität.

Die übergeordnete Einheit aller Wissenschaften ist gewährleistet — aber nicht in der Manier des Wiener Kreises — denn die Triaden und Tetraden aus den beliebig möglichen Fragerichtungen konvergieren alle in der Seins-Ordnung. Sich dieser bewußt zu werden metamorphosiert sie in die Lebens-Ordnung. Beide Ordnungen haben naturgesetzlichen Charakter im Sinne der Eigengesetzlichkeit eines Organismus. Wichtig für die Anwendung ist es deshalb, die Universalität und Strenge des Naturgesetzes denk-anteilnehmend zu erfahren, welches alle Ordnungsbildung regelt: das Gesetz der Polarisierung eines Inhalts, wenn er durch einen ideellen Akt zur Frage erhoben wird.

Die beiden Verfahren ergänzen sich also grundlegend: während das hier vorgestellte rationale Vorgehen (als 'Kultur' des Geistes) die heuristisch relevanten Ordnungen für die empirischen Methoden findet, bieten diese (als 'Natur' des Geistes) das ebenso notwendige konkrete Anschauungsmaterial, aus welchem die wissenschaftliche Sprache und damit die Verständigung schöpft. Nur wenn beide Seiten gemeinsam gepflegt und offen für einander zum Zusammenklingen gebracht werden, kann das Gesamtunternehmen 'Wissenschaft' grundsätzlich integrativ werden und ein ausgewogenes organisches Gebilde bilden — statt wie bis dato eine quantitativ wachsende Sammlung von qualitativ bloßen Teilwahrheiten. Metaphorisch: Genauso wie der wirklich gute (d.h. biologisch wirtschaftende) Bauer den stofflichen Boden, so kultiviert auch die gute Wissenschaft den ideellen Boden nicht nur kurzsichtig, sondern in einer nachhaltig durchführbaren Art und Weise (Fig. 5).

Die Fragen der Ganzheit des Erfassens und der Gewißheit im Erfassen sind also ohne jene Kompromisse lösbar, die die Mehrheit der heutzutage üblichen Denkansätze aus ihren Glaubensannahmen meinen muß. Das Aufgeben der vollen Tiefe der Fragen nach Ganzheit und Gewißheit hätte die Konsequenz, sich des eigenen letztlichen Fundaments zu entheben und sich Kontingenzen auszusetzen — was wohl kaum erwünscht ist.

 

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