Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 3


 

Martin Heidegger / Heinrich Rickert, Briefe 1912-1933 und andere Dokumente. Aus den Nachlässen herausgegeben von Alfred Denker. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 2002. Kt. 156 S. ISBN 3-465-03148-2. 24,00 EUR

Der von Alfred Denker herausgegebene Band enthält alle erhaltenen Briefe, die zwischen Martin Heidegger und Heinrich Rickert ausgetauscht wurden. Außerdem sind ein Referat bzw. ein Vortrag Heideggers für Rickerts Freiburger Seminare und eine Reihe von Dokumenten zu Heideggers Promotions- bzw. Habilitationsverfahren beigegeben.

Der Briefwechsel zwischen Heidegger und Rickert gehört sicher nicht – weder philosophisch noch literarisch – in eine Reihe mit denjenigen, die Heidegger mit Karl Jaspers, Hannah Arendt, Rudolf Bultmann oder Elisabeth Blochmann geführt hat. Rickert war für Heidegger kein wirklich wichtiger philosophischer Einfluss, noch weniger war er persönlicher Freund oder philosophisch Verbündeter. Rickert war neben Wilhelm Windelband das Haupt der südwestdeutschen Schule des Neukantianismus. Er war Ordinarius in Freiburg als Heidegger dort studierte.

Wichtig wurde der Kontakt zu Rickert für Heidegger erst nach seiner Promotion. Heidegger wollte, so kann man unterstellen, von Beginn seiner philosophischen Laufbahn an ‚Karriere machen‘. Dabei war es für ihn hinderlich, dass er allgemein als ‚katholischer‘ Philosoph galt. Sein Doktorvater Arthur Schneider, auf dessen Nachfolge Heidegger sich zeitweise Hoffnung machte, hatte in Freiburg den Lehrstuhl für christliche Philosophie inne. Das Stipendium, das Heidegger für seine Habilitation benötigte, wurde ihm vom Freiburger Domkapitel aus Mitteln der ‚Stiftung zu Ehren des heiligen Thomas von Aquin‘ mit der Erwartung gewährt, er werde „dem Geiste der thomistischen Philosophie getreu bleiben“. Heidegger hat sich bekanntlich später von der katholischen Kirche distanziert, ohne dabei aber – wie viele Zeitgenossen unterstellten – zum Protestanten oder gar zum Atheisten zu werden. Es war sein Freund Ernst Laslowski, der ihn schon früh davor warnte, sich in die katholische Ecke drängen zu lassen. Dies war ein Problem gerade gegenüber Rickert. Rickert war aus kirchlicher Sicht ein Vertreter der modernen, subjektivistischen, ‚anti-thomistischen‘ Philosophie. Wo es gerade passte, versuchte Heidegger daher, seinen Katholizismus herunter zu spielen. Dies allerdings mit wenig Erfolg. Noch 1917 gibt Rickert Heidegger den Rat: „Sie sind auch als Philosoph überzeugter Katholik und müssen auf jeden Fall an einer Universität bleiben, an der eine katholisch-theologische Fakultät ist.“ (40)

Rickert war 1916 einem Ruf nach Heidelberg gefolgt. Heidegger blieb als Privatdozent in Freiburg, wo er 1918 Assistent von Edmund Husserl wurde, der von Göttingen nach Freiburg auf Rickerts Lehrstuhl gewechselt war. Ein größerer Karierresprung gelang Heidegger erst 1923, als er eine außerordentliche Professur in Marburg erhielt. Während Heideggers Marburger Zeit schläft der Briefwechsel mit Rickert fast ein. Erst gegen Ende der 1920er Jahre wird der Austausch wieder intensiver. Zugleich erfährt das gegenseitige Verhältnis eine Krise. Heidegger war 1928 als Husserls – und damit auch Rickerts – Nachfolger nach Freiburg zurückgekehrt. Offensichtlich ist Rickert beleidigt, dass dies für Heidegger „als ein früherer Schüler“ von ihm, der jetzt auf dem Lehrstuhl sitzt, auf dem er zwanzig Jahre gesessen habe, kein Grund war, bei ihm in Heidelberg persönlich vorzusprechen (vgl. den Brief vom 17. Juli 1929). Der eigentliche Anlass für Rickerts Ärger ist aber die berühmte Davoser Disputation zwischen Heidegger und Ernst Cassirer. Die philosophische Auseinandersetzung zwischen dem Daseinsanalytiker Heidegger und dem Kulturidealisten Cassirer war von den Zeitgenossen als ein Markstein der abendländischen Philosophiegeschichte empfunden worden. Nach allgemeiner Überzeugung war Heidegger aus dem Disput als Sieger hervorgegangen.

Im Kern ging es bei der Auseinandersetzung, bei der sich beide Philosophen auf Kants Kritik der reinen Vernunft bezogen, um die Frage, was die eigentliche Aufgabe der Philosophie sei. Heidegger warf den Neukantianern -–und somit auch Rickert – vor, sie betrieben Philosophie lediglich als Erkenntnis der Wissenschaft, nicht aber als Erkenntnis des Seienden überhaupt. Rickert fühlte sich durch diesen Vorwurf in seinen philosophischen Bemühungen von seinem ehemaligen ‚Schüler‘ missverstanden. Heidegger sieht sich daher zu der Richtigstellung veranlasst, er habe lediglich die gängige und von den Neukantianern maßgeblich beeinflusste Interpretation von Kants transzendentaler Ästhetik und Analytik kritisieren wollen. Indem Heidegger sich auf die Frage der angemessenen Kant-Interpretation zurückzieht, vermeidet er es, seinen Bruch mit der ‚Kathederphilosophie‘ Rickert gegenüber allzu deutlich hervortreten zu lassen.

Sofern in den Briefen überhaupt philosophisch-inhaltliche Fragen diskutiert werden, geht es meist um die Betonung von Gemeinsamkeiten. Ist es anfänglich Heidegger, der ein Interesse daran hat, so scheint es später eher Rickert zu sein, der in Heidegger gern seinen Schüler sehen möchte. Zwischen dem „lieben Herrn Heidegger“ und dem „hochverehrten Herrn Geheimrat“ herrscht in den Briefen der ‚ewige Friede in der Philosophie‘ – trotz aller tatsächlichen Gegensätzlichkeit. Der Briefwechsel ist daher philosophisch auch eher unergiebig. Heidegger erläutert in einigen Briefen aus seiner Freiburger Privatdozentenzeit sein Bemühen, „die Phänomenologie philosophischer zu machen“. Den Ausgangspunkt bildet dabei Rickerts Wertphilosophie, da diese als Subjektphilosophie nicht einseitig am theoretischen Erkennen orientiert ist (vgl. den Brief Heideggers vom 27. Januar 1920). Mehr kritisch als anerkennend äußert sich Heidegger in dieser Phase über Rickerts Heidelberger Kollegen und seinen späteren ‚Kampfgenossen‘ Karl Jaspers. In einem Brief vom 26. November 1930 findet sich dann noch einmal eine kurze Auseinandersetzung Heideggers mit Rickerts Buch Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie vor dem Hintergrund von Sein und Zeit.

Der Briefwechsel zwischen Heidegger und Rickert hat einen ausgesprochen akademischen Zug. Man erfährt einiges über das philosophisch-universitäre Leben zwischen Kaiserreich und dem Ende der Weimarer Republik. Es unterscheidet sich – so muß man sagen – kaum von heutigen Gepflogenheiten. Auffällig ist, dass kaum etwas von den politischen Geschehnissen der Zeit in den Briefen vorkommt. Auch die wichtigen Krisen und Wendepunkte in Heideggers philosophischer Entwicklung werden nicht sichtbar. Rickert wäre hier auch sicher der falsche Ansprechpartner gewesen.

Rainer Friedrich
rfriedri@uni-wuppertal.de

[Zurück zur Startseite]