Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 4


Theater in Marburg

Geschichte  - Konzepte -   Struktur -  Spielorte – Spielpläne der Marburger Bühnen

von Herbert Fuchs

Die eher „bühnenarmen“ Monate Juli und August in Marburg: Das Hessische Landestheater zeigt die letzten Vorstellungen des Wilhelm Tell, die Freilichtaufführung Der Graf von Monte Christo und zwei Premieren im Kinder- und Jugendtheater.  -   In der Waggonhalle läuft ein volles Programm: Die Compagnia Buffo reist mit Shakespeares Perikles an, das Theater GegenStand  lädt zur Ladies´ Night, der 4. Marburger Varieté-Sommer beginnt. -   Das Theater neben dem Turm (TNT)  -  german stage service – veranstaltet auf dem Schlosssteig eine Performance als Ergänzung  zu den Treppenkunst-Installationen und lädt ab 23. August zu einem Weltschmerz-Projekt ein. - Das kleinste und jüngste Theater Marburgs, der Schnaps & Poesie-Salon, bietet in seinem Zimmertheater an der Untergasse Abende zu Oscar Wilde, Novalis und Mark Twain.  -  Für eine 60 000-Einwohner-Stadt ein buntes, vielfältiges Theaterprogramm. Marburg ist eine „kleine“ Theaterstadt.

Im folgenden sollen Seiten der Marburger Theater vorgestellt werden, die vielleicht weniger bekannt sind: die Geschichte der Theater, ihre Organisations- und Arbeitsstruktur, ihre Spielorte und konzeptuellen Vorstellungen, ihre wirtschaftlichen Probleme, ihre Pläne und Wünsche.

 

Das Hessische Landestheater Marburg

Bei einer Umfrage unter dreiunddreißig Kritikern nach den Theatern, die in der vergangenen Spielzeit abseits der großen kulturellen Zentren mit beschränkten finanziellen Mitteln ein besonders mutiges, ambitioniertes und unkonventionelles Gesamtprogramm beim Publikum durchsetzten, wurde - neben Freiburg z.B., Braunschweig, Tübingen und Aachen - auch einmal das Landestheater Marburg anerkennend genannt. (Die Deutsche Bühne 8 / 03) - Das Theater ist mit knapp 60 Jahren das jüngste und mit 60 Beschäftigten das kleinste der sechs großen Theater in Hessen.

Die Stadthalle - größte Spielstätte des Hessischen Landestheaters

Geschichte

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Marburger Schauspiel gegründet. Bereits in der ersten Spielzeit 1945/46 standen Klassiker wie Goethes Urfaust, Shakespeares Was ihr wollt oder Goldonis Mirandolina auf dem Spielplan. Es muss eine kreative, theaterbegeisterte und spielbesessene Schauspielertruppe gewesen sein, die es trotz der widrigen Nachkriegsumstände wagte und schaffte, in einer kleinen Stadt wie Marburg ein Theater zu gründen, das bis in die Gegenwart hinein Bestand und Erfolg haben  und -  mit   allen Vor- und Nachteilen -    ein wirkliches Stadttheater werden sollte, eben das Marburger Schauspiel, wie es sich über viele Jahrzehnte hin nannte. Ein glücklicher Umstand war sicherlich für den nachhaltigen Erfolg des Theaters  mitentscheidend, die Intendanz von Heinrich Buchmann. Buchmann wurde am 1. 12. 1949 Intendant des Marburger Schauspiels und blieb es bis zum Ende der Spielzeit 1975/76. Er löste  Walter M. Holetzko ab, der das Theater drei Spielzeiten geleitet hatte. Unter Buchmann wurde 1951 die Spielstätte in den ehemaligen Stadtsälen eröffnet, später dann die Stadthalle (1969/70); die Freilichtbühne im Schlosspark wurde häufig bespielt. Vor allem aber erreichte Buchmann die Konsolidierung des   Schauspiels, indem er ein Ensemble aufbaute, das ohne allzu große Veränderungen über viele Jahre zusammenarbeitete, und indem er Jahr für Jahr einen Spielplan verwirklichte, der eine kluge Mischung aus Klassikern wie Shakespeare, Goethe, Schiller und den großen Dramatikern des neunzehnten Jahrhunderts war, aber auch von Beginn an starke Akzente auf die bekannten Theaterschriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts legte, auf Sartre, Camus, Arthur Miller, O´Neill, Wilder, Beckett, Anouilh, Giraudoux,   Frisch und Dürrenmatt. Dazu kamen mutige Inszenierungen von Stücken neuer, provozierender Autoren der sechziger und siebziger Jahre, etwa von Ionesco, Albee, Hildesheimer, Mrozek und Saunders.

In den Programmen der Spielzeiten unter Buchmann tauchen einige interessante Namen auf. Viermal – das ist wohl das bemerkenswerteste – hat Erwin Piscator am Marburger Schauspiel inszeniert: Lessings Nathan der Weise (1951/52), Büchners Dantons Tod (1952/53), Arthur Millers Hexenjagd (1954/55) und Sartres Die Eingeschlossenen (1960/61). Der Name der Stadthalle erinnert an den in Marburg   aufgewachsenen großen Theatererneuerer. Auch Heinz Hilpert, der spätere Intendant des Deutschen Theaters in Göttingen, führte in der Spielzeit 1960/61 in Marburg Regie (Pagnol, Zum goldenen Anker). Und noch ein Name fällt unter den Dramatikern des Spielplans ins Auge: der von Bertolt Brecht. Bereits in der Spielzeit 1957/58 wurde das Stück Herr Puntila und sein Knecht Matti am Marburger Schauspiel gezeigt, bei der Brecht-Diskussion in den fünfziger Jahren der Adenauerzeit keine Selbstverständlichkeit an einem kleinen Theater.

Die erfolgreiche Arbeit des Marburger Schauspiels und seine Weitererntwicklung setzten sich   in der dreijährigen Intendanz von Peter Schlapp (1976 – 1979) und in der sich anschließenden elfjährigen Intendanz von Franzjosef Dörner fort, der 1980/81 mit der Uraufführung von Wer durchs Laub geht des damals viel diskutierten Autors Kroetz einen großen Erfolg für das Marburger Schauspiel verbuchen und 1982 mit dem Theater im Afföller eine neue Spielstätte für Studioproduktionen eröffnen konnte. Allerdings zeigte sich unter seiner Leitung auch, dass das Marburger Schauspiel am Ende der achtziger Jahre mit der nicht besonders theaterattraktiven Stadthalle, dem seit vielen Jahren praktizierten en suite-Spielmodus und unter den sich verändernden Publikumsinteressen  (Stichwort: Fernsehen)  an die Grenzen seiner Arbeits- und Wirkungsmöglichkeiten gestoßen war, die größere organisatorische Einschnitte erforderten.

Diese erfolgten mit Beginn der Intendanz von Ekkehard Dennewitz in der Spielzeit 1991/92: Der neue Intendant stellte den Spielbetrieb auf ein Repertoire-Theater um und erreichte damit ein breiteres Publikum. Er eröffnete, durch die Schließung der Stadthalle in der ersten Spielzeit dazu gezwungen, neue Spielstätten: den Deutschhauskeller, den Fürstensaal im Schloss, neue Spielorte für die Freiluftaufführungen. Er setzte im Spielplan neben den bekannten Namen und Titeln auf publikumsattraktive, anspruchsvoll-unterhaltsame, auch kabarettartige Stücke und Programme. Inszenierungen von Texten zeitgenössischer Autoren – mit Schwabs Volksvernichtung oder … (Regie: Peter Radestock) gelang gleich in der ersten Spielzeit eine auch überregional beachtete Aufführung -   wurden eine feste Größe im Spielplan. Das Kinder- und Jugendtheater war ein besonderes Anliegen und führte dazu, dass das Marburger Schauspiel 1991 die Sparte Hessisches Kinder- und Jugendtheater eröffnete. Seit 1996 veranstaltet das Theater jährlich die Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche Theater sehen – Theater spielen mit herausragenden Aufführungen aus Deutschland und den   angrenzenden Ländern und mit zahlreichen Workshops für Jugendliche. -   1991 wurde aus dem Marburger Schauspiel das Hessische Landestheater Marburg. Die Umbenennung trug   der Tatsache Rechnung, dass das das Theater an vielen Orten in Hessen und darüber hinaus mit seinen Inszenierungen auftrat, also auch ein Gastspielbetrieb geworden war.

 

Der Fürstensaal im Marburger Schloss

Struktur - Spielstätte(n)

Das Hessische Landestheater Marburg hat von seiner Struktur her drei Verpflichtungen:

Es ist zum einen im alten Sinn des Wortes das Marburger Schauspiel. Die Eröffnung der Spielstätten TASch 1 und 2 im ehemaligen Offizierskasino am Schwanhof im Jahre 1996  hat  dazu gute Voraussetzungen geschaffen. Mit dem größeren Saal (etwa 200 Plätze) und der Studiobühne (99 Plätze), einer Probebühne, einem Cafe und den Verwaltungsräumen im ersten Stock hat das Theater seit Abriss des barockig-verspielten Aufführungssaals in den ehemaligen Stadtsälen zum ersten Mal ein eigenes „Haus“. Die weiteren Spielstätten, vor allem der Fürstensaal und der Deutschhauskeller, ermöglichen ein auf   besondere Inszenierungen zugeschnittenes Theaterambiente. Natürlich gibt es immer wieder Pläne und Wünsche auf seiten des Theaters und des Publikums, weitere Spielräume zu eröffnen. Die derzeitige Finanzsituation der Stadt und des Landes durchkreuzt jedoch alle diesbezüglichen Vorschläge und Ideen.

Das Landestheater hat darüber  hinaus die Aufgabe, Kinder- und Jugendtheater zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit zu machen. Mehr als ein Drittel der Inszenierungen einer Spielzeit wendet sich daher  auch an die Adressatengruppe der Kinder und Jugendlichen. Die Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche, die im März 2004 zum neunten Male in Marburg veranstaltet wird, ist in diesem Rahmen ein besonderer Höhepunkt. Seit einigen Spielzeiten übrigens spricht das Hessische Landestheater nicht mehr vom Kinder- und Jugendtheater, sondern nur noch vom Kindertheater. Die Theaterstücke für Jugendliche – in der Spielzeit 2003/04 werden das zum Beispiel   CreepsStones und Klamms Krieg sein – finden sich im normalen Abendspielplan wieder. Dahinter steht die Erfahrung, dass 14-Jährige und Ältere eher Abendvorstellungen als solche am Nachmittag besuchen und die Inszenierungen für Jugendliche natürlich auch ein Erwachsenenpublikum ansprechen. Ein gutes Drittel der Besucher des Theaters wird von den Kinder- und Jugendstücken erreicht.

Schließlich ist das Marburger Theater auch ein so genannter Abstecherbetrieb mit der Aufgabe, theaterfreien Gemeinden Spielangebote zu machen. Von  50 und mehr Städten in und außerhalb Hessens werden Aufführungen gebucht: wichtig für die finanzielle Situation des Theaters, gleichzeitig - Abstecher bis südlich von Hamburg sind keine Seltenheit! -    immer wieder eine Erschwernis für Ensemble und Probenplanungen. Dazu kommt in den letzten Jahren, dass  durch die Tourneetheater mit ihren Stars aus Film und Fernsehen als Zugpferden den Gastierbühnen wie dem Hessischen Landestheater starke Konkurrenzen erwachsen sind.

 

Der Deutschhauskeller

 

Ensemble – Dramaturgie – Regie

Zum Hessischen Landestheater gehören in der Spielzeit 2003/04 sechs Schauspielerinnen und vierzehn Schauspieler. Damit reicht das Theater in Marburg an die Ensembles ungleich größerer und finanziell besser ausgestatteter Theater heran. (Am Staatstheater Kassel zum Beispiel arbeiten   zweiundzwanzig Schauspielerinnen und Schauspieler). Die Situation innerhalb des Ensembles ist durch eine recht große Fluktuation geprägt. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler betrachten Marburg, wo sie oft ihr erstes Engagement antreten, auch als Sprungbrett zu größeren Häusern. Allerdings gibt es   mit Uta Eisold, Christine Reinhardt, Fred Graeve, Jürgen Helmut Keuchel, Jochen Nötzelmann und vor allem Peter Radestock und Thomas Streibig   bewährte Kräfte, die   Kontinuität im Ensemble garantieren.

Zur Dramaturgie gehören Jürgen Sachs (Leitung) und Anne-Kathrin Guder. – Der Leitung des Theaters gelingt es immer wieder, Regisseurinnen und Regisseure von außerhalb für bestimmte Aufgaben zu verpflichten. So werden in der kommenden Spielzeit neben Dennewitz, Eisold und Radestock vier Gäste inszenieren: Louisa Brandsdöfer, David Gerlach, Manfred Gorr und Lutz Gotter. Bis auf den letzteren  haben alle anderen bereits in früheren Spielzeiten in Marburg Regie geführt. - Die Zusammenarbeit mit der Hessischen Theaterakademie in Frankfurt macht es möglich, Studenten am Theater als Praktikanten oder Assistenten arbeiten zu lassen.

 

Spielplan

   

  Besucher – Aufführungen

Rund 90 000 Zuschauer haben die etwa 400 Vorstellungen des Hessischen Landestheater Marburg in der Spielzeit 2002/03 besucht. Davon entfielen  fast 200 Vorstellungen  auf das Kinder- und Jugendtheater mit insgesamt über 40 000 Zuschauern. – Gastspiele: ca. 135 in 45
Orten, davon allein 30mal Dantons Tod.

Etat

Das Hessische Landestheater verfügt über einen Etat von 2,9 Mio. Euro. 59 % der Summe kommen vom Land, 41 % von der Stadt. Das Einspielergebnis beläuft sich auf mehr als 15%. Das Marburger Theater ist im Vergleich aller deutschen Landesbühnen das Theater mit der niedrigsten Subvention pro verkauften Platz.

 

Ausblick

Ekkehard Dennewitz, der Intendant des Hessischen Landestheaters Marburg, über das Verhältnis der Stadt zu ihrem Theater, über Wünsche, Sorgen und Forderungen:

„Wenn wir den Kulturbegriff richtig verstehen, dann arbeitet die Stadt Marburg ständig an der Erweiterung ihres Kulturverständnisses. Im Zentrum die Universität mit ihrer Lernkultur, umrahmt von ausgeprägter Kneipenkultur. Dazu kommt die in Deutschland führende Kinokultur und mit über 60.000 Besuchern die nicht mehr wegzudenkende Theaterkultur des HLT. Kulturservice für Magen, Kehle, Herz und Hirn! Ohne diese Kulturbausteine wäre Marburg eine arme Stadt.

Wenn die Rezession uns am Leben lässt, spielen wir weiter. Wir waren zwölf Jahre gut, weniger gut und besser. Das tägliche, qualitativ gute Angebot stellen wir den Events entgegen. Für unsere Spielpläne brauchen wir Neugier – vor allem der Zuschauer. Mehr Gier auf Neues eben. Wir sind ein sparsames, effizientes Theater, seit Jahren. Noch mehr spielen, noch mehr sparen geht nicht. Bis jetzt haben das alle begriffen, in Marburg und in Wiesbaden. Jetzt hoffen wir, dass es so bleibt.“

 

Intendant                      :    Ekkehard Dennewitz
Oberspielleiter            :    Peter Radestock
Leitender Dramaturg :    Jürgen Sachs

Internet :  www.hlth.de
E-Mail  :  info@hlth.de und dramaturgie@hlth.de

 

german stage service     -      das Theater  neben dem Turm  (TNT)

Ein Theater, das, wie es auf seiner Website schreibt, „den Dingen auf der Spur [sein will]: dem Höherschnellerweiter, den Sehnsüchten, Wunden, Irrtümern und Katastrophen“ - das Theater neben dem Turm, german stage service, ein so genanntes Freies Theater,   auffällig und bemerkenswert in vielerlei Hinsicht.

 

Das Theater neben dem Turm (TNT)

Geschichte

In diesem Jahr, am 2. November 2003, feiert das TNT ein nicht ganz alltägliches Jubiläum: Das Theater besteht seit zwanzig Jahren und kann auf etwa fünfzig Inszenierungen zurückblicken. Für ein alternatives Theater, auch wenn es sich um ein „professionelles freies Theater“ handelt, sind das ein ungewöhnlich langer Zeitraum und eine erstaunlich große Zahl an Bühnenproduktionen. Es wird nur wenige Freie Theatergruppen im deutschsprachigen Raum geben, die erfolgreicherer waren als das TNT.

Dabei war der Anfang - zunächst - eher der übliche Beginn einer Freien Theatergruppe: Sieben junge Theaterbegeisterte, die vorher in verschiedenen Ensembles, z.B. in der Gruppe MAS-O-MANOS, oder im Straßentheater ihre gemeinsamen Interessen entdeckt hatten, beschlossen, sich zusammenzutun und als Freie Gruppe so unabhängig und gleichzeitig professionell wie möglich Theater zu spielen. Gründungsmitglieder   waren damals schon Claudia Weiss und Rolf Michenfelder, die auch heute noch das Kernteam  von german stage service bilden. -   Ein glücklicher Umstand am Anfang hat das Theater Feuerzunge – der erste Name der Gruppe -   in vielfältiger Hinsicht geprägt: Auf Einladung des Teatro Potlach nahmen die Schauspielerinnen und Schauspieler an einem einwöchigen Theaterfestival in dem kleinen italienischen Dorf Montecellio teil, zusammen mit so Prominenten wie Jürgen Flimm und Mitgliedern seines Kölner Ensembles. Aus der Begegnung entstanden eine intensive viermonatige Zusammenarbeit und Probenarbeit in Italien, bei der die Marburger Gruppe ihr professionelles Handwerk erlernen  und ihre Ideen vom Theater entwickeln konnte. Ergebnis der Arbeit war eine Aufführung des Textes Der Untergang der Titanic von Hans Magnus Enzensberger, die das Theater Feuerzunge auch über Marburg hinaus bekannt machte.

Der Kern der Schauspielerinnen und Schauspieler um Sigrid Giese, Brigitta Gamm, Claudia Weiss, Stephanie Vortisch, Helga Bachmann, Ulrike Rogowski und Rolf Michenfelder arbeitete, ergänzt jeweils um weitere Mitspieler, über einen längeren Zeitraum eng zusammen und entwickelte so den besonderen Stil der Marburger Theaterwerkstatt, wie sich die Gruppe später nannte. Das Ergebnis der intensiven Ensemblearbeit waren in den Anfangsjahren große Inszenierungen, z.B.   Deutschland. Kalte Erde (1986), ein Stück, in dem, anknüpfend an die Geschichte des Postraubs in der Subach (1822), die Sprachlosigkeit der armen Bauern Texten aus Hölderlins Menons Klagen um Diotima und des Vormärz gegenübergestellt wurde. Was mit Enzensbergers Titanic zwei Jahre vorher bereits versucht wurde, nämlich die Umsetzung  eines vorgegebenen Textes in ein eigenwilliges Aktions- und Körpertheater, fand in Deutschland. Kalte Erde einen vorläufigen Höhepunkt in einer Collage aus rhythmischem Spiel, der Umsetzung einer Geschichte in bilderreiches Theater und dem theatralischen Vortrag „hoher“ Dichtung.

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des TNT war sicherlich 1988 die Inszenierung von Heiner Müllers Germania Tod in Berlin, in dem der 17. Juni-Aufstand 1953 im damaligen Ostteil Berlins in eine Reihe von Ereignissen deutscher Geschichte eingereiht wird, die den ideologischen Hintergrund des Aufstands freilegen und grell beleuchten. „Die Beschäftigung mit deutscher Geschichte, mit individuellen und gesellschaftlichen Irrtümern, Katastrophen, Wunden, Verlusten, Absurditäten, mit menschlichen Wahrnehmungen, mit der Zeit“ formulierte Michenfelder einmal als ein Arbeitsziel der Gruppe und mit Aufführungen wie Germania Tod in Berlin gelang ihr die Verwirklichung solch politisch-aufklärerischen Theaters.

Der Versuch, „nah hinzuschauen“, zu analysieren, zu verstehen und dann das , was sich in den Akteuren entwickelt   und was gedanklich und emotional entsteht, in Bühnengeschehen umzusetzen und im wahren Sinne des Wortes zu „zeigen“, hat in den Folgejahren zu weiteren   Produktionen geführt wie   Was vergeht wie Tage (1989),   Abend. Die Stadt in der Ferne. Marie und Woyzeck (1990),   Wunderland. Mein Ein und Alice (1991), zu zweiten Inszenierungs-Versionen von  Germania Tod in Berlin und Der Untergang der Titanic (1989  bzw. 1992) und, in den letzten Jahren, zu Umschlagplatz*, Laufschritt*, Schwanzparade* - *Im Original deutsch (1996), einer Collage von Texten und Lebensäußerungen von Menschen, die im Warschauer Ghetto lebten, oder zu Teresa steht (2002), einem Stück, in dem german stage service, wie sie sich mittlerweile nennen, versucht, die bedrohliche Situation von Krieg auf die Bühne zu bringen: Teresa tritt auf eine Mine und weiß, dass sie zerfetzt werden wird, sobald sie ihr Gewicht verlagert.

Die Erfolge für die zwanzigjährige Arbeit als so genanntes Freies Ensemble auf der Suche nach anderen Ausdrucksformen und Inhalten des Theaters blieben nicht aus. Es gab Einladungen zu Theatertreffen, Werkschauen und nationalen wie internationalen Festivals nach Italien, Slowenien, Österreich, der Schweiz, Peru und Irland. Inszenierungen wie Umschlagplatz oder Alice wurden zu Impulse, dem renommierten Treffen freier Theater in NRW, eingeladen (1992 und 1996) und mit Preisen ausgezeichnet. Mit dem Stück   Umschlagplatz, Laufschritt, Schwanzparade reiste das TNT zu Gastspielen nach Polen und Litauen   und erhielt 1999 den Ensemblepreis des 4. Festivals Politik im freien Theater der Bundeszentrale für politische Bildung.

Zur Geschichte des TNT gehören von Anfang an Gedankenaustausch und Zusammenarbeit mit ausländischen Freien Theatergruppen. Es ist daher nur folgerichtig, dass das Team um Michenfelder und Weiss seit 2002 im September ausländische Theatergruppen nach Marburg einlädt und mit ihnen das Festival Exciting Neighbours veranstaltet. Das Marburger Publikum erhält hier die Gelegenheit, die Ergebnisse alternativen Theaters in überdurchschnittlichen Inszenierungen kennen zu lernen.

 

Das TNT im Afföller

Theaterkonzept

Festivals wie „Exciting Neighbours“ und die großen Produktionen des Theaters Feuerzunge, später dann der Marburger Theaterwerkstatt, jetzt von german stage service machen deutlich, dass der Begriff   alternatives Theater, der mit Freien Theatergruppen verbunden wird, vielschichtig ist. Er meinte zunächst einmal sicherlich eine Auflehnung gegen herkömmliche Theaterformen und damit einen Kulturbegriff, der mit bestimmten Inhalten und letztlich  weitgehend festgelegten ästhetischen Formen vor allem ein Bildungsbürgertum erreichte und dessen fragwürdig gewordenen Wertvorstellungen in immer wieder neuen Ansätzen, nur leicht variierend, reproduzierte. Die Stadt- und Landestheater und die Autoren haben den Zerfall des Bildungsbürgertums, ihrer eigentlichen  Klientel also, natürlich auch gespürt und erkannt und versuchen  längst mit ihren gelegentlich etwas schwerfälligeren Mitteln, aber in immer wieder hoch interessanten Inszenierungen und Theaterexperimenten darauf zu reagieren. An den Grundsätzen der Aufführungspraxis herkömmlicher Theater, der Trennung zwischen Bühne und Zuschauer nämlich, der eher passiven, rezeptiven Haltung der Zuschauer, den hierarchischen Strukturen der Arbeitsverhältnisse innerhalb des Theaters, der Idee von der Aufführung als einem fertigen Produkt, der Vorstellung vom dramatischen Text als einer nur in Grenzen bearbeitbaren und veränderbaren Vorlage, hat sich jedoch letztlich nicht sehr viel geändert.

Hier hat das alternative Theater der Freien Gruppen, und german stage service ist dafür ein markantes Beispiel, gesellschaftlich-kulturelle Zusammenhänge frühzeitig erkannt und eigene Theaterwege eingeschlagen, auch wenn es in den letzten Jahren Annäherungen und Überschneidungen zwischen dem institutionalisierten Theater und den Freien Gruppen gegeben hat.  Themensuche und   Erstellung einer Inszenierungsvorlage als Teamarbeit, intellektuelle Lernprozesse als Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und menschlichen Situationen, die einen grundsätzlich offenen Ausgang haben, nicht immer geradlinig auf ein Ziel zusteuern, von Zufällen begleitet werden und  schließlich in ein offenes Konzept übergeführt werden, das auch nach der Premiere noch verändert und weiterentwickelt wird, -  die meisten Stücke des TNT werden so erarbeitet, nur wenige gehen auf  beim Arbeitsbeginn bereits  fertig vorliegende Textvorlagen zurück. Die Methode, Textcollagen und Textmontagen für ein Stück in einem längeren kreativen Prozess zu erstellen und zu verändern, ermöglicht es der Gruppe, genauer auf Zeitströmungen , wie im neuen Projekt Weltschmerz, aber auch auf allgemein menschliche Situationen - Every Day we Die A Little, das assoziativ Fragen, Gedanken, Aktionen, Bilder zum Thema Sterblichkeit und Tod verknüpfte, könnte dafür als Beispiel stehen - zu reagieren. Der aufklärerisch-gesellschaftskritische Impuls dabei ist nicht zu übersehen. Er gehört zu den Wurzeln freier Theaterarbeit und ist ein Merkmal aller Produktionen von german stage service, einmal verhüllter, z.B. im nächsten Projekt Weltschmerz, einmal unverhüllter wie in Germania Tod in Deutschland vor fast zwanzig Jahren oder in Teresa steht vor kurzem. Aber, und hier werden die Theaterformen der Improvisation, des Experimentierens, des Zeigens über Theaterbilder, des körperbetonten Spiels wirksam, der aufklärerisch-gesellschaftliche Impuls wird nicht als   didaktische Botschaft verpackt. Die Gruppe erfindet Zusammenhänge, die es dem Zuschauer ermöglichen, das Geschehen auf der Bühne als gezeigtes Geschehen aufzunehmen, Ja und Nein zu sagen zu dem, was vor ihm abläuft, das Theater als eine Form zu nutzen, die ihm neue, andersartige Sichtweisen auf Zusammenhänge eröffnet, vor allem sich zu wundern, sich selbst also, andere und anderes in Frage zu stellen, Theater nicht als etwas Repräsentatives zu konsumieren, sondern als etwas zu sehen, das sich vor den Zuschauern als Prozess ereignet und damit auch brüchig, unfertig, grundsätzlich offen ist. Es ist ein weitgehend anti-psychologisches Theater, nicht auf die Identifikation der Zuschauer mit dem Bühnengeschehen zielend, sondern auf deren assoziative Mitarbeit. German stage service will „kein kopfnickendes Publikum, sondern eins, das sich wundert.“  

Ein solches Theatermachen ist langwierig; drei bis neun Monate dauert beim TNT in der Regel die Vorbereitungs- und Probenzeit. Spielpläne im herkömmlichen Verständnis gibt es nicht. Die Gruppe greift Themen auf, die „da“ sind, beispielsweise Weltschmerz als eine typische Befindlichkeit  vieler Menschen von heute. - Es ist für dieses Theaterkonzept nur folgerichtig, dass das TNT-Ensemble immer wieder auch mit anderen Künstlern zusammenarbeitet. Der theater-übergreifende Arbeitsansatz war schon immer in den Bezeichnungen Installation, Performance oder Projekt deutlich. Wenn die Gruppe ankündigt, dass beim  Weltschmerz-Projekt Theateraufführungen neben Musik-,  Gesangsveranstaltungen, Installationen, Performances, Vorträgen und anderen Aktionen stehen sollen, dann wird damit ein weiter, prinzipiell offener Theaterbegriff realisiert: Theater ist nicht mehr die herkömmliche Zweistunden-Vorführung, sondern eine Kommunikationsform, die – zunächst -  bruchstückhaft, uneinheitlich, ausufernd, vielleicht unüberschaubar an den Besucher herantritt und erst durch den aktiven Zuschauer, der sich vorurteilslos auf die verschiedenen   inhaltlichen und formalen Angebote einlässt, zu einer inneren Einheit und  nachhaltigen Wirkung zusammengeführt wird.

 

Spielorte

Das jetzige Domizil von german stage service war bereits bei der Aufführung von Enzensbergers Titanic der Spielraum und das Turmgebäude im Afföller ist immer noch der eigentliche Spielort von german stage service. Aber das Experimentieren mit Theaterformen und das Suchen vielleicht auch nach den Zuschauern haben von Anfang an zu anderen Spiel- und Aufführungsorten geführt. Ein ehemaliger Zeitschriften- und Lotto und Tabakladen in der Barfüßerstraße in der Marburger Innenstadt wird Hauptspielort des Weltschmerz-Projekts sein. Andere ähnliche Spielstätten in der Vergangenheit waren ein Shopping-Center (Every day we die a little) oder ein leerstehendes Ladenlokal (Cry Baby Cry). Die Präsentation einer Inszenierung an solchen Spielorten schafft für die Akteure eine spannungsreiche Situation, weil sie sie mit einem zufällig vorbeikommenden Publikum und mit Besuchern, die bewusst erschienen sind, konfrontiert. Das Publikum selbst spürt diese eigentümliche, ungewohnte Theaterumgebung ebenfalls und sieht sich mit dem Spielort zu anderen Seh- und Rezeptionsweisen gezwungen.

Die nächsten Monate werden für german stage service auch aus anderen Gründen die Spielstätte verändern. Im Herbst soll mit der Umgestaltung des Platzes, auf dem das Theater untergebracht ist, begonnen werden. An die linke Seite des Gebäudes wird ein ähnliches Gebäude angebaut werden wie der Turmteil, in dem der Theaterraum und die Verwaltungsräume von german stage service im Moment untergebracht sind. Geplant ist, dass german stage service in diesen neuen Gebäudetrakt umzieht und Cafe Trauma den jetzigen Turmteil als seinen Veranstaltungsraum, vor allem für die Kinovorstellungen, übernimmt. Für das Theater würden sich mit der Nachbarschaft des Cafe Trauma neue Arbeitsmöglichkeiten und eine neue Wirkung in die Öffentlichkeit hinein ergeben.

 

Etat

German stage service erhält 66 000 Euro an Zuschüssen von der Stadt Marburg, 5 000 Euro zusätzlich vom Land Hessen. Jedes dritte Projekt etwa wird noch einmal mit weiteren 5 000 Euro aus einem Fond für darstellende Künste bezuschusst. 30 % - 40 % des Etats des TNT werden durch Eintrittskarten finanziert. Allerdings spürt das Theater, dass es bei den 30 bis 40 Aufführungen pro Jahr in Marburg immer schwieriger wird, Publikum zu gewinnen. Der Erfolg der Inszenierung von Umschlagplatz lässt sich nicht   ohne weiteres wiederholen. Dazu kommt, dass Gastspiele   schwieriger geworden sind. Auch Festivals und andere Freie Gruppen sind unter den scharfen ökonomischen Zwängen zu Sparmaßnahmen gezwungen.

 

Weltschmerz – das neue Projekt

Am 23. August beginnt das neue dreiwöchige Projekt  von german stage service. Im Ankündigungszettel heißt es: „In Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen mehren sich negative gesellschaftliche und individuelle Gefühlslagen. Arbeitslosigkeit, Vereinsamung, schlechte Fußballänderspiele, fehlende individuelle Perspektiven und damit einhergehende Zukunftsängste führen heute häufig zu lebensbedrohlichen Depressionszuständen, Panikattacken und Affekthandlungen. Das Theaterensemble german stage service versucht darauf eine emotionale Antwort zu geben: Weltschmerz als Alternative.“ -   Ein ehemaliger
Zeitschriftenladen in der Barfüßerstraße 38 soll für das Projekt die Kulisse sein.  Das Publikum wird eingeladen, so genannte gute Nachrichten an das TNT-Team zu schicken, die gegen Ende des Projekts vorgelesen werden.

 

Fragen

Vor allem aber, so formulierte es Michenfelder  einmal, stellten  sie mit ihrer Theaterarbeit   Fragen: „Nach einer glaubhaften theatralischen Welt. Nach den Möglichkeiten und Grenzen, mit Theater Geschichten zu erzählen. Nach der Bedeutung von Theater im Spannungsfeld zwischen Simulation, sich verflüchtigender Realität und Authentizität. Nach dem Wie, dem Was, dem Warum. Zum Beispiel. Die Fragen werden bleiben.“

Leitungsteam:

Rolf Michenfelder
Claudia Weiss
Manuela Weichenrieder
Frank Düllmann

Theater neben dem Turm / german stage service
Afföllerwiesen 3a
35039 Marburg

Tel.  06421 – 62582
Internet   :    www.germanstageservice.de
E-Mail    :     weichenrieder@germanstageservice.de

 

Waggonhalle    -    Theater GegenStand

Dass es das berüchtigte August-Theater-Sommerloch in Marburg nicht gibt, dafür sorgen Waggonhalle und Theater GegenStand. In diesem Jahr zeigt Theater GegenStand nach seiner erfolgreichen Ladies` Night - Produktion die Inszenierung der Komödie Die Toscana-Thearapie von Robert Gernhardt. Vor allem aber findet in der Waggonhalle wieder der – mittlerweile 4. – Varieté- Sommer statt, ein buntes Programm aus Akrobatik, Musik, Sketchen und Unterhaltung.

 

Die Wagonhalle, Eingang

 

Geschichte

Am Anfang gab es die Literaturzeitschrift GegenStand. Aus szenischen Lesungen der darin vorgestellten Texte und aus Verbindungen zum Freien Theater Marburg entwickelte sich   langsam die Idee eigener Theaterprojekte. 1989 trat Theater GegenStand mit einem ersten Stück, Isolation – eine szenische Vorführung, an die Öffentlichkeit. Bis 1996 folgten   24 weitere Produktionen - das Theater GegenStand   hatte sich in Marburg ein Publikum und einen Platz in der Kulturlandschaft erobert. - Von Anfang an begleitete die Suche nach einem geeigneten Spielort die Arbeit der Theatergruppe. Die Studiobühne der Universität in der Gillerstraße und das „Cafe Trauma“ waren Behelfs-Spielorte. 1993 stieß die Gruppe auf die Waggonhalle auf dem Betriebswerksgelände der Deutschen Bundesbahn, das 1980 wegen Baufälligkeit geschlossen worden war. Nach langwierigen Verhandlungen kam es zum Abschluss eines 20-jährigen Pachtvertrags mit der Bundesbahn und durch private Finanzierung wurde es möglich, das Gebäude auf dem Bahnhofsgelände auszubauen und -  weitgehend in Eigenarbeit – in einen Komplex mit Theaterraum, der Kneipe Rotkehlchen und einem Tagungshaus umzuwandeln. Am 11. 4. 1996 wurde die Waggonhalle eröffnet.

 

Struktur

Die Waggonhalle war als Gastspielbetrieb und als Spielort für die Eigenproduktionen von Theater GegenStand vorgesehen und wurde so auch mehrere Jahre geführt. In jeder Spielzeit fanden zwischen 200 und 250 Veranstaltungen statt. Die Organisation und der Theaterbetrieb lagen zunächst in der Verantwortung  eines gemeinsamen Leitungsteams. „Um einerseits die künstlerische Arbeit zu verbessern und andererseits den Gastspielbetrieb professioneller organisieren zu können, entschloss sich das Team Anfang 2000 die beiden Bereiche Theater GegenStand e.V. und das Kulturzentrum Waggonhalle e.V. personell wie auch finanziell und rechtlich voneinander zu trennen.“ Beide Trägervereine gestalten seither jeweils etwa die Hälfte des Programms in der Waggonhalle. Die Kneipe Rotkehlchen ist ebenfalls seit 2000 selbständig. Die Mittel, die seinerzeit zum Ausbau der Waggonhalle von privat zur Verfügung gestellt wurden, werden von einer Treuhandgesellschaft verwaltet. Die Vereine Waggonhalle, Kneipe Rotkehlchen und Theater GegenStand haben die Räume von der Treuhandgesellschaft gemietet. – In einem Gästehaus stehen ein Übungsraum und zehn Übernachtungsmöglichkeiten für Gastspielgruppen zur Verfügung. Außerdem finden dort Kurse, Seminare und Workshops zu verschiedenen Themen statt, aus denen sich manchmal Aufführungen entwickeln. Die Räume des Rotkehlchen werden gelegentlich für Ausstellungen benutzt. Auf dem Außengelände der Waggonhalle finden Flohmärkte statt.  

 

Die Wagonhalle, das ehemalige Bundesbahn - Gelände

Konzept

Waggonhalle:

Die Waggonhalle will ein soziokulturelles Zentrum mit dem Schwerpunkt Theater sein, offen für Laientheatergruppen und für experimentelle Theatergruppen aus dem Raum Marburg / Gießen, dem ganzen Bundesgebiet und dem Ausland. Sie will mit ihrer professionellen Infrastruktur, ihrer technischen Einrichtung, ihrer Beratung und Öffentlichkeitsarbeit „vielen Menschen ein Forum bieten, um selber Kultur zu produzieren und öffentlich zu präsentieren oder aber Kultur als ZuschauerInnen zu genießen.“ Zu dem Arbeitskonzept gehören Offenheit und Vielfältigkeit und bei den Projekten eine enge Zusammenarbeit zwischen Laien, Halb-Profis und Theater-Profis wie auch zwischen TheatermacherInnen im engeren Sinne und AutorInnen, Bildenden KünstlerInnen, KomponistInnen, MusikerInnen und TänzerInnen. „Grenzüberschreitungen“ sind für dieses Konzept charakteristisch. – Mittlerweile gibt es in der Programmgestaltung der Waggonhalle  feste Einrichtungen, z.B. Tanz- und Clownprogramme, vor allem aber den Varietè-Sommer, der in diesem Jahr vom 6. August bis 7. September in der Waggonhalle stattfindet. - Die Halle wird auch für private Feiern vermietet und beispielsweise für Veranstaltungen von Tuntonia, die Jugendkonflikthilfe oder die mittelhessischen Schultheatertage zur Verfügung gestellt. - Der Verein Waggonhalle organisiert ca. 50 % der Veranstaltungen zur  Auslastung der Halle. Ein Drittel davon sind Veranstaltungen von Vereinen, gut zwei Drittel von Spiel- und Theatergruppen aller Art.

Theater GegenStand:

„Gegen-Stand heißt: für Bewegung. Wir suchen neue Formen und Inhalte und erweitern die Grenzen unseres Theaters durch Zusammenarbeit mit anderen.“ Nicht ein festes ästhetisches Konzept, sondern die Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen und Arbeitsweisen stehen dabei im Vordergrund Ein Blick in den monatlichen Spielplan zeigt, dass in der Tat verschiedene Herangehens- und Spielweisen für das Theater GegenStand charakteristisch sind. Inszenierungen wie Der Theatermacher von Thomas Bernhard stehen neben Produktionen von burleskeren Stücken wie Ladies´ Night oder der Improvisations-Show Real Live Game.  Dazu kommt eine enge Zusammenarbeit mit dem Theaterjugendclub ACT easy, einem bundesweiten Zusammenschluss von TrägerInnen der Jugendarbeit, Theatern und freischaffenden Theaterpädagogen, der 1997 in Marburg gegründet wurde und in jedem Jahr ein eigenes Festival veranstaltet. - Getragen wird das Theater GegenStand von einem Verein aus etwa 50 – 6o Mitgliedern, die alle in irgendeiner Form „künstlerisch“ tätig sind oder sein wollen. Die Vereinsmitglieder bestimmen das Programm von Theater GegenStand: „Was einzelne wollen“, so der Leiter Nisse Kreysing, „wird unterstützt.“ Dieser offene Ansatz ermöglicht es nicht nur, dass immer wieder Laien mit professionellen Schauspielern zusammenarbeiten; er gewährleistet auch eine große Vielfalt an verschiednen Sprechtheaterstücken.

 

Etat

Waggonhalle und Theater GegenStand erhalten ca. 42 000 Euro an Zuschüssen von der Stadt Marburg, ca. 11 000 Euro an Projektmitteln vom Land Hessen  und gezielte Fördermittel in begrenzterem Umfange für bestimmte Vorhaben und Veranstaltungen. – Die Jahresmiete, die an die Treuhandgesellschaft  überwiesen wird, beträgt  20 000 Euro. Die finanziellen Bedingungen für die Mitarbeiter sind unter solchen Voraussetzungen „unmöglich“, wie es in einem Gespräch hieß. Es ist deshalb nicht zu verwundern, dass die Fluktuation innerhalb der Gruppe bei der unsicheren finanziellen Absicherung   relativ groß ist, was die Arbeit, die auf   personelle Kontinuität, nicht nur auf die räumliche, wie sie durch die Halle gegeben ist, angewiesen ist,   erschwert. Von einem kürzlich gegründeten Förderverein erhoffen sich die Mitarbeiter von Waggonhalle und Theater GegenStand mittelfristig eine gewisse finanzielle Unterstützung.

 

Ausblick

Theater GegenStand  und Waggonhalle zu ihrer Arbeit: „Anders als städtische Theater haben wir weder einen Millionenetat zu verwalten noch einen kulturellen Auftrag zu erfüllen. Wir sind frei in dem, was wir tun, abhängig nur von der Gunst des Publikums und von unseren Zielen und Möglichkeiten.“

Leitung

Waggonhalle             :  Matze Schmidt

Theater GegenStand :  Nisse Kreysing

Theater GegenStand e.V. 
Rudolf-Bultmann-Straße 2a, 35039  Marburg
Tel.:  06421 - 686901
E-Mail :   mail@theater-gegenstand.de
Internet:    www.theater-gegenstand.de

Waggonhalle
Kulturzentrum e.V.
Rudolf-Bultmann-Straße 2a, 35039 Marburg
Tel.: 06421 – 699626
E-Mail: mail@waggonhalle.de
Internet: www.waggonhalle.de

 

Schnaps   §   Poesie  -  Theater

Ein Zimmertheater, etwa zwanzig Sitzplätze, zwei Schauspieler  -  das kleinste Theater Marburgs, ein Hör-Theater, seit Februar 2003 in der Untergasse zu Hause, im Augenblick von einer Kündigung der Räume bedroht, demnächst wahrscheinlich also wieder auf Wanderschaft in ein neues Domizil.

 

Das Schnaps- und Poesie-Theater in der Marburger Untergasse

Geschichte

„Wanderschaft“ könnte als Überschrift über dem Theaterleben von Ellen Bittmann und Uli Düwert stehen. Folkwangschule in Essen; Theaterengagements in Dortmund, Tübingen, Oberhausen, Recklinghausen; ein längerer Aufenthalt in Amsterdam mit Regie-, Choreografie- und Bühnenbildarbeiten am Pantomimetheater „caroussel“; die erste
Gründung eines eigenen Theaters in Verden: Schnaps & Poesie wurde es genannt nach einem Schlagwort aus der Russischen Oktoberrevolution, und „poetischen Schnaps“, an dem sich jeder, der Theatererfahrene wie der Theaterfremde, innerlich „erwärmen“ kann, wollten sie bieten, in Eigenregie, ohne die Gängelungen und Einschränkungen  eines städtisch-staatlichen Theaterbetriebs. Von 1972 – 1979 dauerte diese Bühnen-Wanderschaft, bis sie 1980, durch einen glücklichen Zufall begünstigt, auf einem echten Thespis-Wagen auf erfolgreiche Theater-Wanderschaft gingen: Ellen Bittmann und Uli Düwert gründeten in Braunschweig den „Komödiantenkarren“, mit dem sie fast zehn Jahre lang über das flache Land zogen und in Wirtshäusern und auf Höfen, auf   Marktplätzen Hans-Sachs-Stücke und Clownerien vorführten. Parallel dazu eröffneten sie mit Unterstützung der Stadt Braunschweig in einer alten Schmiede, die sie in viel Eigenarbeit herrichteten, ihr Zwei-Personen-Theater, das mit viel beachteten Inszenierungen bald zu einer festen Größe in der Kulturszene der Stadt werden sollte. 90 Inszenierungen entstanden in den Jahren zwischen 1980 und 1996, ihr „Lebenswerk“, wie sie sagen.

Ihre Theater-Wanderschaft war mit der Station Braunschweig, so erfolgreich diese auch war, noch nicht beendet. Ohne Ankündigung oder Vorwarnung wurden 1996 die Subventionen, die die Stadt für das Theater in jedem Jahr zur Verfügung gestellt hatte, gekürzt, der Mietvertrag für das Theatergebäude gekündigt: Ellen Bittmann und Uli Düwert mussten ihr Theater schließen, standen buchstäblích auf der Straße. In Zeitungsannoncen suchten sie nach einer Scheune zur Unterbringung der Kulissen und des Fundus, die ihnen allein geblieben waren. Eine Scheune bei Schröck ist dafür der vorläufige Lagerungsort geworden. Und deshalb ist Marburg eher zufällig als absichtlich ihre neue Theaterheimat. Aber auch die ist längst nicht gesichert. Zwar haben sie nach Anläufen in Borken, nach Literaturprogrammen in verschiedenen anderen Städten, nach einem Zwischenstopp in der Waggonhalle, nach Straßentheaterauftritten in der Untergasse seit Februar diesen Jahres ihr Zimmertheater eingerichtet. Die Zukunft aber ist düster. Eine erneute Mietkündigung droht für Ende August, und was danach folgt, ist  nur in einem Punkt gewiss: Wanderschaft eben.

 

Ellen Bittmann und Ulli Düwert im Schnaps- und Poesie-Theater

Konzept    -   Spielplan

„Wir sind von der APO, aber auch von der Hippie-Bewegung der siebziger Jahre geprägt“, beschreiben Ellen Bittmann und Uli Düwert ihren ideologischen Ort, von dem aus sie in den vergangenen 35 Jahren versucht haben, Theater zu spielen. Sehr früh gehörte dazu das Konzept, mit ihrer professionellen Ausbildung ein von den Stadttheaterzwängen unabhängiges, ganz der Kreativität verpflichtetes, selbst entwickeltes und selbst verantwortetes Theater zu gestalten. Die Gründung eines eigenen Theaters war von  daher schließlich der Schritt aus der Theorie in die Praxis, in die Verwirklichung eigener Ideen, Vorstellungen, Konzepte. - In ihrem Marburger Theatersalon machen sie, natürlich auch durch ihre Zwei-Personen-Situation dazu gezwungen, vor allem Hör-Theater in Form szenischer Lesungen mit biographischen Erläuterungen zu den Autoren. Sie wollen   „etwas Erhabenes zu Gehör bringen“, wie sie sagen. Mit ihren Programmen zu Brecht, Novalis, Mark Twain oder Oscar Wilde beispielsweise schwebt ihnen ein Sprechtheater vor, das ein inneres Erleben über die Sprache  möglich macht. Die halb private, halb professionelle Atmosphäre des Theaterraums, die Nähe zwischen Vortragenden und Publikum, der phantasievoll ausgestattete Raum, die artifizielle Vortragskunst der Agierenden und die Texte ermöglichen im Schnaps & Poesie - Salon  kleine Theatererlebnis der besonderen Art.

 

Ausblick

Wenn Ellen Bittmann und Uli Düwert von Marburg sprechen, dann  reden sie davon, dass sie glauben, dass ein Zimmertheater wie das ihre in Marburg sich leicht eine Nische erobern können müsste, schließlich handle es sich um eine Universitätsstadt mit einem breiten interessierten Publikum. Aber sie reden auch von den verkrusteten Strukturen, die sie hier überall antreffen, davon, dass sie völlig ohne Zuschüsse auskommen müssten, mit ihren Einnahmen an der Grenze des Zumutbaren lebten, dass sie mit dem erneuten Umzug wieder einer eher ungewissen Zukunft entgegensähen. - Dennoch haben die Planungen für den Herbst   bereits begonnen. Am 2. September soll es mit Clowns-Nummern im Arbeitsgericht wieder losgehen, danach vielleicht „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupery auf dem Programm stehen. 50 Aufführungen fanden bisher im kleinen Zimmertheater in der Untergasse statt. Ellen Bittmann und Uli Düwert hoffen, ähnliche Zahlen im Herbst und Winter der kommenenden Spielzeit erreichen zu können.

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