Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 4


 

Den Terrorismus denken

und mit Ted Honderich auf Werte verzichten

von Michael Opielka

 

Am 5.8. forderte Micha Brumlik den Suhrkamp Verlag auf, das im Sommer 2003 in der Reihe zum 40jährigen Verlagsjubiläum erschienene Buch „Nach dem Terror. Ein Traktat“ des kanadisch-britischen Philosophen Ted Honderich vom Markt zu nehmen. Es verbreite „antisemitischen Antizionismus“, da es die Ermordung jüdischer Zivilisten durch palästinensische Selbstmordattentäter rechtfertige. Zwar meinte tags darauf Jürgen Habermas [1], einer der fünf Stiftungsräte des Suhrkamp-Hauses und verantwortlich für die Buchveröffentlichung, das harsche Urteil von Brumlik sei „ohne Augenmaß“ und das Buch nicht mehr als ein „hemdsärmeliges Pamphlet“ eines „alten Sozialdemokraten“. Doch er würde auf „die Gefühle“ „unserer jüdischen Bevölkerung“ gern mehr Rücksicht nehmen, die eben nach der „polarisierten“ Stimmung wegen des Irak-Krieges den Amerikanern mehr vertrauen als den Deutschen. Habermas’ Interpretation der sachlichen Vorwürfe gegen das „Traktat“ bleibt freilich nicht nur „gefühlsbezogen“: Honderich vertrete eine Moralphilosophie, die Habermas „nicht teile“ – nämlich eine strikt konsequentialistische – und komme zu einer „Konklusion“, die er „für falsch“ hält: „Honderich unterscheidet seine politische Bewertung des palästinensischen Terrors nicht von dessen moralischer Bewertung.“ Das ist ein mysteriöser Satz, auf den noch zu kommen ist. Bekanntlich zog der Suhrkamp-Verlag das Buch zwei Tage später nicht vom Markt, sondern begnügte sich mit dem Verzicht auf eine Neuauflage. Die erste war nämlich schon vergriffen.

In allen relevanten Feuilletons wurde der Vorgang diskutiert. Aus guten Gründen. Denn hinter ihm gähnt ein Abgrund mörderischen Denkens. Vorderhand könnte man Honderichs Überlegungen damit abtun, hier sei ein politisch-moralischer Philosoph, der die Ungerechtigkeit der Welt beklagt, das Nicht-Handeln („omissions“) der reichen Nationen angesichts von Welthunger und Kindersterben genauso gewichtet wie ihr – viel zu dürftiges – eingreifendes Handeln („commissions“), vielleicht aufgrund altersbedingter Verwirrung radikalisiert. Immerhin wurde er um den 11.9. (2001) emeritiert, also bisheriger Wirkungsmöglichkeiten beraubt. Für die Verwirrungsthese spricht seine absurde Forderung in einem offenen Brief an die Universität Frankfurt (vom 6.8.), Micha Brumlik „umgehend von den akademischen Positionen, die er bekleidet, zu entbinden“. Ferner spricht dafür die für einen Geisteswissenschaftler bislang unbekannte These: „Darüber hinaus halte ich es für widerwärtig, mich mit Personen in Beziehung zu setzen, deren politische Ansichten ich nicht teile.“ Zudem gründet sich sein Urteil in Sachen Palästina, wie er selbst mitteilt, im Grunde nur auf „Bevölkerungsstatistiken“ (wonach Juden die Palästinenser verdrängen), er war nie in Israel. [2] Entscheidend für die Relevanz des Vorgangs ist das aber nicht wirklich. Entscheidend ist die Wirkung einer verkommenen Denkart: sein Buch wurde auf Lesetouren in England, Kanada und den USA rege und wohl oft zustimmend diskutiert, es erschien in renommierten Verlagen (Cambridge University Press, Suhrkamp) und – das vor allem – eine philosophische Begründung des Terrors geschah bislang nur verhalten.

Das scheint sich im Abstand zum 11.9. zu ändern und das ist das Problem. Am 9.8.2003 erschien, gleichfalls in der „Frankfurter Rundschau“, ein auf einen Vortrag im Pariser „Institut du monde arabe“ zurückgehender Essay von Jean Baudrillard, „Das Globale und die Gewalt“. Der französische Philosoph diskutiert die Frage, was „das globale System“, das die universellen Werte (er meint wohl die Werte der westlichen Aufklärung) verzehrt, „wirksam attackieren“ könne: „Das System herausfordern können keine positiven Alternativen, sondern nur Singularitäten. (...) Sie gehorchen keinem Werturteil mehr (...) es sind darunter auch gewaltsame – der Terrorismus ist eine davon. Es ist diejenige Singularität, die alle singulären Kulturen rächt, die mit ihrem Verschwinden für die Einrichtung dieser einzigen globalen Macht bezahlt haben.“ Man sollte diese im gallistischen Kultursprech verfasste Terrorismusapologie nicht unterschätzen. Baudrillard und Honderich sind sich einig. Terrorismus ist für sie eine gerechte Waffe im Globalisierungskampf.

Hier verbinden sich der Post-Nietzscheanismus einer Heroisierung der Tat mit dem Mainstream-Konsequentialismus der modernen Philosophie. Die Zeit des Religiösen, der Letztwerte ist angeblich vorbei. Mit vielen Worten und häufig krauser Logik wird der Subjektivismus gelobt. Gewiss könnte daraus Ethik entstehen. So trat der hoch-spirituelle Rudolf Steiner, an Nietzsche anknüpfend, für einen „ethischen Individualismus“ ein. Doch Honderich lässt uns leider im Dunkeln, warum er für die Schwachen und Unterdrückten eintritt und warum andere – in den reichen Nationen – es ihm gleichtun sollen. Anstelle von Werten und Ethik spricht er von „Gütern“, von „großen Gütern“, die alle wünschen: die Existenz, Lebensqualität, Freiheit und Kontrolle, gute Beziehungen, Respekt und Kultur. Wem das mangelt, der führt ein „schlechtes Leben“. Dann beschwört er ein „Prinzip der Humanität“: „Es ist das Prinzip, dass wir vernünftige Schritte unternehmen sollten, diejenigen (mit einem schlechten Leben) über die Linie zum guten Leben führen sollten.“ [3] Aber warum sollte man diesem Prinzip folgen? Aus Tradition? Aus Gewissensgründen? Weil das vage bleibt, kann dieses hehre „Prinzip der Humanität“ je nach subjektiver Wertpräferenz ausgesetzt werden. Zum Beispiel in Sachen Terrorismus.

Der philosophisch aufgeblasene Subjektivismus führt zu nicht nur „hemdsärmeligem“, sondern weder wissenschaftlich noch ethisch haltbarem Unsinn: „Die Palästinenser haben recht, wenn sie auf das faschistische Deutschland zurückblicken und sagen, sie seien die Juden der Juden.“ Einem Autor, der sich rühmt, wegen des Holocaust und seiner (früheren) jüdischen Frau keinen Vortrag in Deutschland gehalten zu haben, sollte bekannt sein, dass der deutsche Faschismus Juden dem industriellen Massenmord zugeführt hat. Ein solches Vergehen dem „Staats-Terrorismus“ der heutigen Juden in Israel zu unterstellen, ist monströs. Doch solch monströse Unverhältnismäßigkeit macht das Argument erst plausibel, dass das palästinensische Volk – er wiederholt dies mehrfach - „überhaupt keine anderen Mittel besitzt“, um Freiheit und „andere große Güter“ zu erlangen, als den Terrorismus. Was die Hamas und Konsorten in der arabischen und linke wie neonazistische Spinner in der westlichen Welt denken, denkt hier ein mit Professorentitel und akademischen Renommee geadelter Denker. Si tacuisses, philosophus mansisses.

Ob man in Honderichs Argumentation „Antisemitismus“ entdecken kann, erscheint mir fraglich, auch wenn er sich in einem anderen Traktat heftig über die „zionistische Lobby“, deren „Druck“ und „Drohungen“ auslässt: während er den Palästinensern zu Selbstmordattentaten zurät, was ziemlich gewalttätig ist, beschwert er sich fürchterlich darüber, dass die jüdischen Organisationen in England, den USA und Kanada seine Robespierriaden in Sachen Terror gegen Juden in Israel nicht kampflos hinnehmen. Sie setzten die Organisation „Oxfam“ unter Druck, die von Honderich – als Ablass? – gespendeten 1% des englischsprachigen Buchumsatzes – ein echter „Judenpfennig“ (altdeutsch: geringwertiger Pfennig, Falschmünze) – nicht anzunehmen, immerhin 5.000 englische Pfund. Das wird vom ihm auf 34 Seiten im Internet ausgetreten. [4]

Habermas hat Recht: „Antizionismus“ ist in Deutschland überwiegend eine Sache der Rechten. Honderich argumentiert in keiner Weise rassistisch, was den Kern des Antisemitismus ausmacht. Es sind aber nicht nur die „Gefühle“ der „Juden“, die von Honderichs Unangemessenheit berührt werden. Es ist das Denken selbst, es sind die von ihm beschworenen „großen Güter“, die er mit intellektueller Beliebigkeit in den Dreck zieht. Politische und moralische Bewertung kann man, wie Habermas dies suggeriert, nicht so einfach trennen – jedenfalls nicht ohne übergeordneten, also ethisch-wertbezogenen Standpunkt. Es ist ja durchaus richtig, wenn Honderich in seinem Buch am Ende „von den Amerikanern“ fordert, sie sollten wegen ihrer Macht „moralische Intelligenz“ beweisen. Wer sich aber „von einem Haufen Moral, der zu viele Unterscheidungen enthält“ „zu verabschieden“ gedenkt, der läuft Gefahr, in einen Abgrund von Unmoral abzustürzen, vor dem einen nur Unterscheidungen schützen. Diese zu finden, Ethik als wissenschaftliche Reflexion von Moral zu betreiben, das wäre die Aufgabe des Philosophen. In diesem Fall gewesen.

 

Michael Opielka ist Professor für Sozialpolitik an der Fachhochschule Jena, Geschäftsführer des Instituts für Sozialökologie in Königswinter und Lehrbeauftragter an der Universität Bonn.

 

1   ebenfalls in der „Frankfurter Rundschau“, in der am 5.8. der offene Brief Micha Brumliks veröffentlicht wurde.

2   Das erfahren wir im eindrücklichen Besuchsbericht eines Reporters der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 10.8.2003.

3   Ich folge hier seinem die Thesen des Buches fortschreibenden Text „After the Terror: A Book and Further Thoughts“, in: Journal of Ethics, Vol. 7, 2 (2003) (zum download unter http://www.ucl.ac.uk/~uctytho).

4    „Oxfam GB, £5000, Zionism, After the Terror, and Medical Aid for Palestinians” (download: siehe Fn. 3)

Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen

[Zurück zur Startseite]