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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 4
Auch aufmerksamen Passanten fallen an dem Haus in der Untergasse, das von einer Änderungsschneiderei und einer Gaststätte eingerahmt wird, erst, wenn sie davor stehen, Besonderheiten ins Auge: hellgrüne Holzeinrahmungen der Schaufenster und der Türe; in den Fenstern Dekorationen mit Masken und Buddhafiguren; der Name „Schnaps & Poesie Salon“ senkrecht neben einem Fenster; über der Türe mit einem Tuchvorhang eine Tafel: „Zurück zur Kultur“. Es ist das „Schnaps & Poesie“-Theater, vor dem die Passanten stehen, das kleinste Theater Marburgs.

Das Schnaps & Poesie-Theater in der Marburger Oberstadt
Ein Schritt über die Schwelle führt den Theaterbesucher in eine ganz andere Welt, eine Welt der Phantasie, der Magie. Das letztere vor allem drängt sich als erster Eindruck des Raumes auf: Bunte Stoffe und Tücher auf der einen, Theaterplakate über Theaterplakate auf der anderen Wand; ein geraffter Vorhang trennt die vier Sitzreihen mit weniger als zwanzig Stühlen vom Bühnenbereich, der ebenfalls mit Tüchern in schillernden Farben, mit Masken, Spiegeln, brennenden Kerzen, glitzernden Sternen und Kugeln dekoriert ist. Bücher in Regalen, auf Tischchen. Ein wunderliches, charmant überladenes, verzauberndes Theater.
Das Motto „Zurück zur Kultur“ entfaltet seine volle Wirkung, wenn Ellen Bittmann und Uli Düwert mit dem Programm „Novalis – Die blaue Blume“ beginnen. Ein paar leise Töne auf der Gitarre und die poesievolle, bilderreiche Sprache Novalis´, von Beginn an spannungsreich von den beiden Akteuren vorgetragen, ziehen den Besucher sofort in ihren Bann. Die Untergasse mit laut redenden Fußgängern und vorbeifahrenden Autos, die kurz in den Spiegeln hinter den Schauspielern auftauchen, ist weit weg.

Ellen Bittmann rezitiert Novalis
Novalis, eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, wurde 1772 in Oberwiederstedt geboren. Er starb, noch nicht einmal neunundzwanzig Jahre alt, 1801 in Weißenfels. In den Literaturgeschichten wird er mit seinen Gedichten und poetischen Texten (Hymnen an die Nacht, 1800, und Geistliche Lieder, 1802), dem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen (1802) und den philosophischen Anmerkungen und Fragmenten (z.B. Blütenstaub, 1798), aber auch wegen seiner Freundschaft und Bekanntschaft mit zeitgenössischen Dichtern und Philosophen wie Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck, Fichte, Hölderlin, Schiller und Goethe als bedeutendster Dichter der Frühromantik bezeichnet. Heute allerdings ist er meist nur noch als Poet der „blauen Blume“, dem Symbol der Romantik, im Gedächtnis einer breiteren Öffentlichkeit.

Ellen Bittmann und Uli Düwert
Es ist umso verdienstvoller, dass sich das „Schnaps & Poesie“-Theater dieses sprachgewaltigen Dichters angenommen hat und mit einer klugen, überzeugenden Textzusammenstellung Einblicke in sein Werk ermöglicht. Die Motive Liebe und Tod geben den Texten, die zum Vortrag kommen, einen inneren Zusammenhalt. So erzählt das Atlantis-Märchen aus dem Heinrich von Ofterdingen von der Liebe zwischen der Prinzessin und dem „Gesellen“ aus einfachem Haus und der Überwindung aller Schwierigkeiten, auch der gesellschaftlichen Schranken, mit den Mitteln der Poesie, die alles zu einem harmonischen Ende bringt. Die klare, eindringliche Vortagsweise von Ellen Bittmann und der leicht artifizielle, gewollt pathetische Ton im Vortrag von Uli Düwert machen das Märchen zum Höhepunkt des Hör-Theater-Abends. In der gefühlvollen Beschreibung der anmutigen Gestalt der Prinzessin und ihres Wesens und Charakters darf der Zuhörer auch an Novalis` Verlobte Sophie von Kühn denken. Der Text von Ludwig Tieck über Sophie, der sich an das Atlantismärchen anschließt, ist eine packende Schilderung des Wesens des jungen Mädchens und ihres frühen Todes. Novalis hat den Tod seiner Verlobten nie verwunden. Die Hymnen an die Nacht – drei Texte aus dem Zyklus werden vorgetragen - kreisen in immer neuen Todesbildern um die tiefe Trauer, die ihn ergriffen und nicht mehr losgelassen hat. Abgeschlossen und abgerundet wird der Abend mit zwei Beispielen aus den Geistlichen Liedern, die von der Kraft und Hoffnung des Glaubens handeln.

Uli Düwert liest aus dem Atlantis-Märchen
Liebe, Tod der Geliebten, Todessehnsucht des Zurückgebliebenen, Hoffnung aus dem Glauben, - das sind einige der poetischen Stationen, die der Besucher des Abends durch den einfühlsamen Vortrag der beiden Schauspieler im wahren Sinne des Wortes miterleben kann. Wenn man nach der Vorstellung, wiederum mit einem Schritt über die Schwelle, zurück in die eher kleine, enge Untergasse, in der es mittlerweile dämmrig geworden ist, tritt, kann man sich eines Gefühls von zwei Wirklichkeiten, der drinnen im kleinen Zimmertheater und der draußen, nicht ganz erwehren. Die Novalistexte des „Schnaps & Poesie“-Programms gehören sicherlich zu beiden.
Herbert Fuchs