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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 4
Mein Buch des Monats Juli 2003
„Eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los, so geradeaus wie möglich nach Osten ...“ So beginnt die Geschichte des langen Weges, den der Autor unter die Füße nimmt. Er wird noch viele Türen hinter sich zuschlagen, bis er nach langen Tagen das Ortsschild von Moskau umarmt – immer wieder aufbrechend wie nach der Nacht in den Festungsruinen von Küstrin: „Ich erwachte vom Geschrei der Elstern und von der Morgenkühle über den Flüssen, zog die Polenkarte heraus, zog eine gerade, siebenhundert Kilometer lange Linie von Küstrin nach Bialystok, zog in Gedanken nördlich von Posen vorbei zum gotischen Thorn, ging über die Weichsel, ging durch Ostpolen auf die weißrussische Grenze zu, ging hinüber nach Grodno, stand auf, dehnte meine steifen Glieder ... drehte mich noch einmal nach Deutschland um, nahm den Rucksack und warf auch diese Tür hinter mir zu“ (25).

Dem Leser wird in diesem Buch unendlich viel mehr geboten als die Beschreibung des Wanderweges – neben Landschaftsbildern und Städteporträts steigen die Menschen und ihre Lebensumstände herauf, in unzähligen Begegnungen und kleinen Beobachtungen, und wir erkennen, wie fremd uns diese Länder im Osten sind, Polen weniger, umso mehr Belarus, Weißrussland als ein Zwischenreich. Schon deshalb wäre man dankbar für eine Karte, auf der der Weg eingezeichnet wäre.
Es ist der Weg, den einst Napoleon zog - und der Großvater des Verfassers, der im Krieg blieb, irgendwo im Osten. Und wie Büscher sich zwischen Berlin und der Oder den Kampf um die Seelower Höhen vergegenwärtigt, so wird ihn die kriegerische Vergangenheit immer wieder einholen. Die Gegenwart ist ihm wohlgesonnen: so durch das Netzwerk der polnischen Deutschlehrerinnen, das ihn hilfreich auffängt. Hier in Polen wird ihm auch die Geschichte von der „Liebe einer polnischen Gräfin“ erzählt (40-51) – die erste der Geschichten, die der Autor in seinen Reisebericht einschaltet, Geschichten aus dem Krieg, Geschichten zwischen Deutschen, Polen, russischen Partisanen.
Der Weg durch Polen ist nur der Anfang: als er von Bialystok zur Grenze will, wird es ihm bewusst: „Der Osten ist etwas, das keiner haben will. Das sich jeder von der Jacke schnippt wie Vogeldreck. Die Ostjacke verschenken alle gern, sie wird in östlicher Richtung weitergereicht. Hatte ich in Brandenburg gefragt, wo der Osten anfange, war die Antwort gewesen: drüben in Polen natürlich. Fragte ich in Polen, hieß es: Der Osten fängt in Warschau an, na ja, im Grunde gehört Warschau schon dazu. Man versicherte mir, Westpolen und Ostpolen, das könne man wirklich nicht vergleichen, das sei doch etwas ganz anderes, ich werde schon sehen, wenn ich erst einmal östlich von Warschau sei. Eine andere Welt – provinzieller, ärmer, dreckiger. Östlich eben. Ostig, wie wir daheim sagen. Zonig“. Und weiter: „In Belarus sollte es wieder von vorn losgehen. Natürlich würde es dort heißen, sei der ehemals polnische Westen des Landes nicht vergleichbar mit dessen immer schon russischem Osten und so weiter und so fort, der Osten wurde weitergereicht, von Berlin bis Moskau. Bis kurz vorher, um genau zu sein, denn Moskau, so viel sei vorweggenommen, Moskau ist wieder Westen“ (61/62).
Der mittlere Teil des Bandes heißt „Im weißen Land“ und schildert den Weg durch Weißrussland. Büscher fährt in einem Bus mit vielen Schmugglerinnen über die Grenze nach Grodno im Reich Lukaschenkos, vor dem er gewarnt worden war: aber „nein, gefährlich sei das weiße Land hinter der Grenze nicht ... nur müde. So ungeheuer müde sei dies Land, wie er noch keines gesehen habe“ (73/74). Nach der ersten Woche in Weißrussland findet der erschöpfte Wanderer in Novogrudok ein privat betriebenes neues Hotel: „ ... guter Gott, es gab heißes Wasser. Mit den staubigen, durchtränkten Sachen fiel die Last von mir ab, mich unentwegt vorwärts kämpfen, mir jeden Becher salziges Wasser erobern zu müssen, jeden Platz für eine Nacht. Es gab einen Spiegel, einen guten, verlässlichen Spiegel. Zum erstenmal seit Polen sah ich mich wieder und sah ein verwildertes, sonnenverbranntes Gesicht. Es gehörte einem dreckigen, nach Feld und Straße stinkenden Mann. Ich sah ihn mir genau an, dann ging ich hinunter und nahm die erste Mahlzeit seit drei Tagen ein“ (85). Dieses Selbstbild zeigt indirekt die enormen Strapazen des Weges, meist muss ein Riegel russischer Schokolade und ein Schluck salzigen (warum salzigen) russischen Mineralwassers genügen, weil es wirklich unterwegs kaum Möglichkeiten zum Einkehren gibt.
Büscher lernt in Novogrudok im Museum der Stadt den Historiker Boradyn kennen, der aus dem Krieg erzählt, darunter die Geschichte der „Liebe eines russischen Partisanen“ (91-96). Es wird nicht ganz deutlich, in welcher Sprache man sich verständigt, der Verfasser kann zwar wohl Russisch, ob das jedoch ausreicht ? Man hätte sich zum Sprachproblem genauere Auskunft gewünscht.
Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung eines Besuchs von Minsk aus „In der Zone“, „dem Dreieck ganz im Süden des Landes zwischen den Flüssen Pripjet und Dnjepr, nördlich des ukrainischen Tschernobyl“ (107/08), in das ihn Arkadij, der als „Liquidator“, nach dem Reaktorunfall eingesetzt worden war, im Auto mitnimmt. „Wir fuhren tief hinein, immer tiefer, und nach und nach hörte ich auf, Zeichen der Katastrophe zu suchen. Alles, was vielleicht an sie erinnerte, war das üppige Wachstum der Gräser, der wilden Blumen und Büsche, aber auch das wäre überall so, wo ein Land von Menschen verlassen wurde. Alles wucherte zu. Es gab keine Wiesen und keine Felder und Gärten mehr, und die Dörfer, in die wir kamen, holte sich der Wald wieder, jeden Sommer mehr. Irgendwann würden diese Dörfer verschwunden sein, deren Häuser die Bewohner vor ihrer Flucht Hals über Kopf vernagelt hatten, wer weiß, ob man nicht doch einmal zurückkehrte. Bäume und Ranken hatten sie längst in ihre Umarmung genommen und zerquetschten sie langsam. Und an den Strommasten aus roh behauenen Holzstämmen, die die Energie des Reaktors in die Dörfer geleitet hatten, hingen die Leitungen nun herab wie verdorrte Zweige von toten Bäumen“(116). Ganz von fern kann man schließlich den Reaktor sehen.
Schilderungen wie diese beweisen, wie richtig die Entscheidung war, auf den Weg nach Moskau keinen Fotographen mitzunehmen – wenn man zuerst das Fehlen von Abbildungen bedauert haben mag, jetzt spätestens ist man eines besseren belehrt.
In Minsk besucht der Verfasser eine alte Dame, die ihm von der „Liebe eines deutschen Hauptmanns“ erzählt: „Sie war nun vierundachtzig, und sie war die letzte lebende Zeugin der tollkühnen Liebestat des Hauptmanns Schulz. Dieser Offizier verliebte sich, in einem Satz gesagt, so sehr in ein deutsches jüdisches Mädchen im Ghetto, dass er alles aufgab, seinen politischen Glauben, seine militärische Ordnung, sein ganzes bisheriges Leben, um sie zu retten, und das hieß, mit ihr zu den Partisanen zu fliehen“(119). Zum Glück bleibt es nicht bei diesem einen Satz, die Geschichte ist viel zu wichtig, um nicht ausführlich erzählt zu werden. Gerade durch die Einzelschicksale aus dem Krieg gewinnt der Bericht eine Doppelstruktur: die Vergangenheit ist gegenwärtig auf diesem Weg, auf dem sich deutsche Soldaten in der einen Richtung, russische in der anderen Richtung vorgekämpft haben.
In die Zeitverlorenheit, in der während der langen und oft eintönigen Fußmärsche nur noch der eine vor dem nächsten Schritt zählt, bricht dann die Nachricht vom 11.September 2001 ein, ganz zufällig im Kulturzentrum von Vitebsk: „Auf der Bar stand der Fernseher, ich stellte mich davor. Ein rauchendes Hochhaus war zu sehen, dann kam ein Flugzeug und flog darauf zu, ich dachte, auch das noch, erst dieser Großbrand, dann rast noch ein Flugzeug hinein, wahrscheinlich die Orientierung verloren, die Rauchentwicklung war ja enorm, dann gab es eine Explosion, und das Flugzeug tauchte auf der anderen Seite nicht wieder auf. Es war das russische Fernsehen, das diese Bilder sendete, und langsam nahm der Gedanke Gestalt an, gerade passiert etwas Außerordentliches, die Fernsehstimme redete immer nur Details, die ich nicht verstand, oder besser, ich verstand sie nur halb, dann zeigte das Fernsehen neue Szenen derselben Vorgänge, andere Blickwinkel, und nach und nach begriff ich, dass die Flugzeuge nicht irrtümlich in ein Feuer gerast waren“ (157).
Danach beginnt der „Teil 3 – Russische Weiten“. Man rät dem Verfasser, doch den Zug zu nehmen, aber: „Ich war nicht bis kurz vor die Ostgrenze von Weißrussland gegangen, um die letzten vierzehn Kilometer im Zug zu fahren, ich war entschlossen, zu Fuß russischen Boden zu erreichen“ (161). Aber er hat nicht mit dem Wetter gerechnet: „Es war kein Regen, es war ein Landregen. Kein Landregen, es war ein Weltregen, und die Welt war dunkel und leck und hatte kein Dach, und ich war der Einzige in dieser Welt, und es ging nur noch um eines, vorwärts und durch. Nichts denken. Gehen. Ich sprach vor mich hin und brabbelte unsinniges Zeug, wenn es nur zum Gehen passte und sich reimte ...“ (162/63). Der Grenzübergang selbst ist problemlos, aber die folgende Nacht ist besonders abenteuerlich, nicht nur wegen des Hungers, der den Wanderer plagt.
Dennoch der erste Eindruck: „Alles war schneller hier, die Leute, die Autos, sogar die Rede. Russland war schneller als Belarus. An deutlich langsamere Aussprache wochenlang gewöhnt, kam ich kaum mit. Ich merkte, wie mich das russische Tempo aufkratzte und eine gewisse Trägheit, die sich in den letzten Wochen auf mich gelegt hatte, vertrieb ...“ (171).
Aber auch hier die Konfrontation mit der Vergangenheit, diesmal im Totenwald von Katyn mit dem Schild: „Staatlicher Gedenkkomplex“ vor dieser Exekutionsstelle, wo 4420 polnische Offiziere und Angehörige der polnischen Elite erschossen worden sind, aber auch an die 10000 Russen: „Ein großes orthodoxes Kreuz erinnert an sie, und die Russen auf ihrer Suche nach heiligen Orten, die sie bei ihren Hochzeiten aufsuchen, gingen hin; als wir vorüberkamen, legte eine Braut Blumen vor das Kreuz, und die Familie machte ein Foto von dem Paar“ (178).
Bei Smolensk geht Büscher über den Dnjepr: „Aus der Karte wusste ich, dass das Land ab jetzt nicht mehr so flach sein würde und mein Weg nicht mehr so eben. Ein Auf und Ab immer neuer Höhen lag vor mir, ich würde heute über acht Hügel gehen müssen und über acht Flüsse, erst danach kam der nächste kleine Ort, die vage Chance, etwas zu essen zu kriegen, vielleicht sogar einen Platz zum Schlafen ...“(186). Einmal noch verlässt er den Weg und besucht eine Einsiedelei im „Wald der Wunder“, wo eines Tages die Baumstamme sich rot gefärbt haben, die um die beiden Kirchen stehen. Hier werden Ikonen restauriert: „An einer rann Mirra herab, der mystische Saft, so reichlich, als ob sie schmelzen wollte. Es sei die, mit der das Ikonenwunder begonnen habe“ (209). Büscher geht nachts hinaus: „ich schloss die Tür hinter mir, nun war alles schwarz, das Haus, der Garten, die beiden Kirchen, der Wald. Die Welt war wie gelöscht, nichts störte das Licht der Sterne. Es fiel nieder wie der zarteste Regen, es lief mir über den Rücken, über Kopf und Brust. Wäre es jetzt zu mir gekommen, das Ende der Welt, ich hätte es umarmt wie einen Bruder, wie einen Vater, wie eine Braut“ (213). Empfindungen wie diese weisen darauf hin, wie weit sich der Wanderer aus dem täglichen Leben in unserer Welt entfernt hat.
Aber er muss weiter: „Wo der Sommer endete, auf welcher Straße, an welchem Abend, das weiß ich nicht mehr ... Ich war jetzt bald ein Vierteljahr allein auf der Straße, seitdem ich Minsk verlassen hatte, hatte ich nur flüchtige Begegnungen mit Menschen gehabt, abgesehen vielleicht vom kurzen Aufenthalt in der Einsiedelei. Ich hatte einen Rhythmus gefunden, er war immer gleich. Ich stand auf, zog die Tür hinter mir zu und ging den ganzen Tag, bis es dunkel wurde, schlief irgendwo, stand auf und ging weiter. Moskau zog mich mächtig an“ (214).
Der Verfasser erreicht es dann nach 82 Tagen, es ist wieder eine ganz andere Welt, eben ‚westlich’. Männer stehen auf einem Automarkt: „sie wunderten sich, als so ein komischer Penner mit brennenden Augen und einem heiseren Jubelschrei auf das Ortsschild von Moskau zulief und es umarmte. Er war da“ (232).
In Moskau ist der Weg wirklich zuende – Büscher bezieht ein feudales Appartement, kauft einen Anzug und es wird ihm sogar ein Auto zur Verfügung gestellt mit Chauffeur und einer Begleiterin, die ständig fragt: „Was machen wir jetzt?“ Als letztes besucht der Autor das Wohnhaus von Boris Pasternak im Dichterdorf Peredelkino. Er erinnert sich: „Und die Gedichte. Das, in dem er seinen Tod im Voraus beschrieben hatte. Das über Marburg, wo er studiert hatte auf der anderen Seite der Zeitmauer. Etwas riss auf in diesem Moment, ich sah dieselben spitzen Dächer, dieselben Gärten und Wintergärten, dieselben schiefen Fachwerkfassaden. Die krummen Gassen, die mir einmal vertraut waren, die alten Professorenvillen am Hang, die Gegenwelt zur Steppe, Schnörkel und Quaste am gewaltig breiten eurasischen Diwan. Wozu stand ich in seinem Haus? Um daran erinnert zu werden, woher ich kam. Das Zimmer war wunderbar hell, Sonnenlicht fiel durch die vielen Fenster, fiel auf den Boden, honigfarbenes Licht auf den Dielen. Ich verließ den Raum und das Haus und zog die Tür hinter mir zu und ging den Weg durch den Garten, durch Astern und Blätter zur Limousine, und Natalia lächelte und fragte: ‚Was machen wir jetzt?’“ (237).
So endet das Buch: dem Verfasser ist ein ungewöhnlich reichhaltiges und in der sprachlichen Gestalt eindrucksvolles Werk gelungen. Es wird niemanden verwundern, wenn wir ihm viele Leser wünschen.
Renate Scharffenberg