![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 4
Tagesformen - Erasmus Schröter: Komparsen, Floris M. Neusüss: Fotogramme, Peter Cardorff: Texte zum großen ULO-Schaltjahrkalender. Ausstellung des Marburger Kunstvereins
"Licht, sehr viel Licht, die geballte Kraft von ganzen Scheinwerfer-Batterien und Mammut-Aggregaten braucht es, um die Außenhaut der Dinge neu zu beleuchten oder auch so zu illuminieren, dass sie etwas freigeben von dem, was sie mit der Produktion von Illusionen verbindet. Der gezielte Einsatz von gewaltigen Lichtquellen ist das wesentliche Mittel, das Erasmus Schröter einsetzt, um seine großformatigen fotografischen Bilder-Serien zu entwickeln" ( Christoph Tannert: Künstliches Licht in natürlicher Umgebung, in: Glanz. Erasmus Schröter: Fotografische Werke 1990 - 2000, S. 5 ).

Erasmus Schröter: KOMPARSEN FRAU VI, 2000
Tannert schreibt weiter über die in Marburg gezeigte Serie: "Ob es sich bei den "Komparsen" lediglich um zermürbte Büroinsassen handelt oder um den Teil der deutschen Bevölkerung, auf den die Diagnose "neurotische Depression mit vegetativer Symptomatik bei zwanghaft-depressiv akzentuierter Mischstruktur" ( zit. nach: Richard W. B. McCormack, Unter Deutschen. Porträt eines rätselhaften Volkes, Frankfurt/Main 1993, S. 126 ) zutrifft, ist nicht gewiss. Erasmus Schröter hat nach Archetypen gesucht und sie im Osten Deutschlands gefunden", a. a. O., S. 6).
Das klingt böse. Und Tannerts Fazit aus dem zitierten Eingang lautet denn auch: "Die Gespenster, von denen diese Menschen verfolgt werden, sind nun endlich sichtbar geworden. Orientierungsdefizite und der Verlust von Zivilcourage schaffen eine Stimmung, die nur auf den ersten Blick friedlich erscheint. Erlebt wird eine lähmende Ungewissheit... Teil dieser Groteske sind auch ein knappes Dutzend weiblicher Figuren, die bei Schröter kurz und knapp "FRAU" heißen und eine Nummer haben. Man möchte diesen superblonden aus dem Höhenflug in die Warteschleife abgestürzten Statistinnen eine Typenberatung empfehlen, aber das Schicksal dieser Heldinnen heißt "Leidenskitsch" und wird die Deutschen solange verfolgen, wie Dieter Bohlen, Heino, Gretchen und Minna von Barnhelm sich in ihren Herzkammern verschanzt halten" (a. a. O. S. 9).

Erasmus Schröter: FLORA XXI, 1998
Schauen wir uns also etwa KOMPARSEN FRAU VI an. Die grellen Gelb-, Grün- und Rot-Töne des Fotos verdecken nur dem ersten flüchtigen Blick das Ruinenhafte der Szenerie. Vor dem Betongebäude und seiner vermutlich verschlossenen Tür liegt Bauschutt, die Farbe der Wände blättert ab, und in der Mitte der linken Fläche befindet sich, ungefähr in Höhe des Kopfes der Frau, ein Loch in der Wand. Einen Augenblick lang kommt man auf die Idee, die eigentlich auf diesem Foto abgebildete Person sei eben nicht das menschliche Wesen, sondern die zerschrammte und zerstörte Betonfläche. Dann weicht das Entweder-Oder einem Zugleich. Das DDR-Gebäude und die Leipziger Komparsin geben, sich aufeinander beziehend, einen Blick auf die gemeinsame Geschichte preis.
Schröter fotografiert allerdings Gesten oder Posen, keine Individuen. FRAU VI steht auf einer Bühne. Die sich in ihrem Gesicht spiegelnde individuelle Geschichte wird zum Szenen-Ausdruck. Die Härte, das Standhalten-Wollen und die nur leicht verdeckte Verzweiflung befinden sich in groteskem Gegensatz zur grellen Körperkleidung. Schon hieran spürt der Betrachter, dass etwas nicht stimmt. Vergangenheit und Gegenwart stehen offenbar in einem feindlichen Kontrast, das Heute verdrängt das Gestern. Schröters Fotos sind sehr verschieden von den früher im Kunstverein gezeigten Arbeiten von Lewis Baltz, dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit: beide Male wird die Realität in Schein aufgelöst. Was wir sehen, ist unmittelbar fassadenhaft. Das Foto selbst, die Abbildung, setzt sich an die Stelle des Wirklichen, das so seinen Charakter des Signifikats verliert.

Floris Neusüss: 2 Magnum ULOs
Kunst und philosophische Theorie, die über die Aufhebung des Unterschieds von fiktionaler und realer Welt reflektierten und hierin das Ende der Geschichte ausmachten, sind selber Angehörige einer spezifischen, der postmodernen Epoche, die zu Ende geht. Die künstlerischen Mittel der siebziger und achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, die heute noch angewendet werden, sind gleichsam ein Zitat. Die Frage, ob man Menschen mit solcher Häme beschreiben sollte, wie es Tannert tut, beantwortet sich von selbst. Darf man sie aber so fotografieren, wie wir sie auf Schröters Aufnahmen sehen? Ja, weil das sich selbst in den Vordergrund schiebende Bild, als Zitat, nicht umhin kann, seine eigene reale Geschichte zu zeigen und eben hierin auch wieder diejenige seiner Protagonisten zuzulassen. Diese Frauen sind mehr als Nummern - ob ihnen die Zivilcourage fehlt, lässt sich nicht sagen, die Courage jedoch, ihr eigenes Leben durchzustehen, keineswegs. Sie behaupten sich in der schrecklichen, ihnen nicht nur vom Fotografen abverlangten Attitüde, anders als die - ebenfalls in Marburg gezeigten - Blumen, in deren reiner Künstlichkeit nichts Natürliches mehr, wohl aber etwas Unheimliches liegt.
Schröters Fotografien gelangen also über den Umweg ihrer eigenen künstlerischen Vergangenheit in die Gegenwart und beeindrucken umso mehr, weil sie in sich Momente zulassen, die dem eigenen Konzept auch widersprechen.

Floris Neusüss: Porträts
Was sind Fotogramme? Sie "entstehen ohne Kamera und nur mit Hilfe des Lichts auf lichtempfindlichem Papier. (Christian Schad, Man Ray und László Moholy-Nagy waren die "Erfinder" des Fotogramms im zwanzigsten Jahrhundert.)" (Klappentext zu: Florian Neusüss: Anteidola). In Marburg zeigt Neusüss, der sich seit über 40 Jahren mit dieser Technik beschäftigt, Fotogramme, die in der Münchner Glyptothek entstanden sind, sowie "Porträts" und sogenannte "ULOs", merkwürdige Figuren, die manchmal an märchenhafte Gnome, jedenfalls an etwas Schattenhaft-Gespensterhaftes erinnern.
Die "Porträts", die wie Scherenschnitte immer direkt an der Bildoberfläche kleben und dem Betrachter dadurch gleichzeitig ganz nah und doch fern sind, lassen allerdings an die Geschichte von Peter Schlehmihl, der seinen Schatten verkaufte, denken. Auch hier kommt also das Unheimliche ins Spiel, von dem Gerhard Glüher in seinem Eröffnungsvortrag, den gleichnamigen Aufsatz von Sigmund Freud zitierend, spricht. Die Menschen, die wir wahrzunehmen glauben, sind auf beunruhigende Weise gleichzeitig anwesend und nicht anwesend. Die märchenhafte Szenerie der "ULOs" wiederholt sich hier also weniger klabauterhaft und gewissermaßen ins Mythische gesteigert. Ob das Wesen eines Gegenstandes, mag er ein Mensch sein, in seine Abbildung eingehen kann, ist allerdings die seit jeher von der Kunst gestellte Grundfrage.

Floris Neusüss: Kämpfe der Griechen gegen die Trojaner, 2002/3
Diese Frage verdoppelt sich angesichts der Fotogramme von griechischen Statuen, den von Neusüss so genannten "Anteidola" (Anti-Eidola: Gegenbilder), denn hier ist das Abgebildete selber schon ein Kunstwerk. Der Fries "Kämpfe der Griechen gegen die Trojaner" (2002/3) zeigt helle Gestalten mit dunklen Schattenzonen vor ganz schwarzem Hintergrund. Durch das Ineinander von Hell und Dunkel entsteht der Eindruck von Körperlichkeit, der wiederum durch die Präsenz des Dargestellten auf der unmittelbaren Bildoberfläche aufgehoben wird. Die Athena, die Zentralfigur des Aphaia-Tempels zu Ägina, erscheint bei Neusüss durch "Doppelbelichtung aus verschiedenen Ansichtswinkeln" (Raimund Wünsche: Anteidola, in: Floris Neusüss: Anteidola, Glyptothek München, 2003, S. 15), als würfe ihr schwarzer noch einen weißen Schatten. Das ist, als wäre der Schatten selbst das Wesen und der Körper sein Doppelgänger. Hier vereinigen sich also die von Freud genannten Schrecknisse, der "Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens", bzw. "die Angst, ob nicht ein lebloser Gegenstand belebt sei" und die "Ich-Verdoppelung, Ich-Teilung, Ich-Vertauschung" (zit. nach Glüher, Eröffnungsvortrag) zu einem einzigen und so gesteigerten.

Floris Neusüss: Athena, 2002
Gleichzeitig transportiert dieses Fotogramm etwas vom Hoheitsvoll-Göttlichen der Statue. Der Schrecken und die Scheu sind, nach Rudolf Otto, dem Marburger Religionswissenschaftler, Charakteristika der menschlichen Reaktion vor dem Heiligen, das also in diesem Bild präsent ist. Es zeigt und verschließt gleichermaßen, wie die "Porträts", die Seele des Abgebildeten, hier aber, indem die göttliche Sphäre an die noch frühere einer mythisch-totemistischen Furcht davor, die Seele an seinen Doppelgänger zu verlieren, zurückgebunden wird. Der schwarze, an den Tod gemahnende Schatten ist schon unheimlich genug - aber warum überfällt einen die Ahnung, der weiße sei noch grauenerregender?
In den "Porträts" liegt mit dem koboldhaften natürlich auch ein ironisierendes Schalk-Element. Dieses versucht Peter Cardorff etwa in dem gemeinsam mit Floris Neusüss herausgegebenen Band "ULOs wunderbar (Düsseldorf, 2000) in Texte umzusetzen, was zum Beispiel so klingt: "Das ULO, könnten wir also sagen, das ULO markiert ein Fortgeschrittensein im Sinne der Negativen Dialektik, könnten wir sagen - wenn wir dazu nicht zuallererst den Begriff zu rehabilitieren hätten, weil: Dialektik, meine Damen und Herren, obwohl als negativer eine sehr viel ältere, durchaus gnostische Figur..." (a. a. O., S. 18) usw. Die Ironie ist hier in den Keller gefallen und hat sich den Fuß verstaucht. Worthülsen zu produzieren ist eben keine Kunst, ersparen wir uns also das Gerede.

Erasmus Schröter: KOMPARSEN FRAU II, 1985/2000
Die Fotogramme von Floris Neusüss hingegen, sowie die Arbeiten von Erasmus Schröter sind ernstzunehmende Auseinandersetzungen mit der Gegenwart und der unmittelbaren künstlerischen Tradition. Ihre Präsentation in der Marburger Kunsthalle erlaubt es, sich mit zwei Ansätzen kritisch auseinander zu setzen, die auf jeweils spezifische Weise die Gesetzmäßigkeiten des Wirklichen in Frage stellen, indem sie es in Schatten oder Schein auflösen.
Max Lorenzen