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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 4
Am 24. November 2002 ist John Rawls, der wichtigste angelsächsische Moralphilosoph, im Alter von 81 Jahren in Harvard gestorben. Fast zeitgleich ist sein Werk „Geschichte der Moralphilosophie“ im Suhrkamp Verlag, in dem auch sein restliches Hauptwerk in guter Übersetzung vorliegt, in deutscher Sprache erschienen.
Die „Geschichte der Moralphilosophie“ besteht aus Vorlesungen, die Rawls über einen Zeitraum von 30 Jahren (von 1962 bis 1991) an der Harvard Universität immer wieder ähnlich gehalten hat. Er hat sich zu ihrer Veröffentlichung, wie es im Vorwort der Herausgeberin heißt, erst kurz vor seinem Tod auf Bitten seiner Studenten und Zuhörer überreden lassen. Trotz der vielen unbeantworteten Fragen und der Unzulänglichkeiten, die er an diesen mündlich gehaltenen Vorträgen erblickte, schien es ihm am Ende seines Lebens ungerecht, daß seine Zuhörer einen Zugang zu ihnen haben sollten und andere, denen sie vielleicht ebenso nützlich sein konnten, nicht. Das Buch ist also im wesentlichen mündliche Rede, die zwar nachträglich für den Druck bearbeitet wurde, aber in Ton und Duktus doch bewußt Rede bleibt.
Diese Rede zu lesen, ist nicht nur ein vergleichsweise müheloses, sondern auch spannendes Unterfangen, das immer wieder Überraschungen bereit hält. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die mündliche Rede direkter als andere Formen die Begegnung mit der individuellen Aura einer durchaus epochemachenden Persönlichkeit ermöglicht – erlebbar in der unverwechselbaren Behandlung der Inhalte, aber auch in dem noch durch die Übersetzung hindurch deutlich spürbaren, eigenständigen Charakter der Denk-Bewegung. Kaum je wird das berühmte Diktum Rudolf Steiners so deutlich wie beim Nach-Lesen dieser Vor-Lesungen, daß ein wahrer Philosoph Symptom und Ausdruck seiner Zeit ist. In ihm sammelt sich deren geistige Verfassung wie in einem Brennspiegel und bringt sich zu einer verständlichen Sprache, die im besten Fall das Ereignis eines realen geistigen Erlebens und Denkens freisetzt. Das gilt für den Pädagogen John Rawls in hervorragendem Maß.
Die Vorlesung ist klar und übersichtlich aufgebaut, so wie es im angelsächsischen Denken - weit mehr als im heutigen europäischen - üblich ist. Sie besteht aus vier Teilen, die sich mit ebensovielen Denkern befassen: Hume, Leibniz, Hegel, Kant. Die einzelnen Teile verfolgen keinen gelehrten Anspruch im kritischen Sinn, sondern wollen dabei helfen, die wichtigsten Gedanken der wichtigsten Vertreter der neuzeitlichen Moralphilosophie so voraussetzungslos und tief wie möglich in übersichtlicher Weise zu verstehen. Sie sind auf auf ein ontologisch-lebendiges Verstehen und auf eine sich wandelnde geistige Substanz hin orientiert, was Rawls selbst im Rückblick auf seine Lehrtätigkeit so beschreibt:
„Die Geschichte der politischen Theorie ist nicht die Geschichte verschiedener Antworten auf ein und dieselbe Frage, sondern die Geschichte eines mehr oder weniger ständig wechselnden Problems, dessen Lösung sich zusammen mit der Problemstellung gewandelt hat... Wir lernen Moralphilosophie und politische Philosophie, indem wir die Vorbilder studieren, jene bekannten Figuren, die von uns bewunderte Versuche des Philosophierens gemacht haben. Wenn wir Glück haben, finden wir einen Weg, über sie hinauszugelangen... Ich bin stets davon ausgegangen, daß die Autoren, die wir studierten, viel gescheiter gewesen waren als ich selbst. Wären sie es nicht gewesen, warum hätte ich dann meine eigene Zeit oder die der Studenten mit iher Lektüre vergeuden sollen?.. Alle diese Autoren sind in gewisser Weise unerreichbar für uns, einerlei, wie sehr wir uns bemühen, ihr Denken in den Griff zu bekommen... Diese Autoren sind ebenso wie große Komponisten und Maler - wie Mozart und Beethoven, wie Poussin und Turner - über jeden Neid erhaben. Es ist entscheidend wichtig, daß man den Studenten in der Vorlesung durch den sprachlichen Ausdruck und das eigene Betragen ein Gefühl davon vermittelt und andeutet, warum es so ist. Das kann nur gelingen, wenn man den im Text enthaltenen Gedanken ernst nimmt und als etwas behandelt, was Ehre und Achtung verdient... Alle wahre Philosophie strebt nach fairer Kritik und beruht auf fortwährender reflektierter und öffentlicher Beurteilung“ (S. 17-19).
Hier erscheint das prägende Doppelmotiv der Vorlesung, ja des gesamten Lebenswerkes von Rawls: die Verbindbarkeit von Moralphilosophie und politischer Philosophie. Das heißt: die Verbindbarkeit eines individuellen „Gefühls vom Rechten“, das als innere Wirklichkeit genommen werden muß, mit dem Problem einer gemeinschaftsfähigen Ethik, die als äußere Wirklichkeit formalisiert und institutionalisiert werden kann. Rawls heuristische Frage zur vertieften Anschauung dieser Verbindbarkeit lautet: auf welche politischen Grundregeln für eine Gesellschaft würden sich vernünftige Personen im voraus einigen, wenn sie nicht wüßten, welchen Status sie selbst in dieser Gesellschaft und ihren Institutionen haben werden? Dies ist, so Rawls, das Gedankenspiel des „moralischen Urzustandes vor dem Schleier des Nichtwissens“. Und auf diesen Urzustand, das heißt auf die Wirklichkeit des Moralischen, die ihrer Natur nach immer schon eine politische Bewusstwerdung ist, kommt es letztlich zur Begründung von allem weiteren an.
Rawls war selbst - auch hinsichtlich der Umkreisung und Beantwortung dieser Frage - wesentlich von Kant und seinem moralischen Imperativ geprägt, obwohl er es nach eigener Aussage lebenslang nicht schaffte, dessen Konzeption von Willensfreiheit in Zusammenhang mit einem „vernünftigen religiösen Glauben“ ganz zu verstehen (was durchaus für ihn spricht). Er begreift das Problem der Gerechtigkeit als das entscheidende Bindeglied zwischen den zwei in der Praxis oft scheinbar unvereinbaren Feldern der Moral und der Politik. Es geht seinem Hinschauen auf das Moralische und auf seine wichtigsten neuzeitlichen Denker also zentral um den Begegnungspunkt zwischen Kultursphäre und Rechtssphäre. Moralphilosophie erscheint als Wirklichkeit dort, wo die Moral am Übergang zwischen Individualität und Politik steht. Wo aber, wie und unter welchen Bedingungen kann sich dieser Übergang denn ergeben - jene praktikable Gemeinsamkeit, die beiden Seiten mit ihren je unterschiedlichen Logiken und Bedürfnissen gerecht wird, und zwar im Sinne einer ganz praktischen Perspektive (wie sie zutiefst im angelsächsischen Welt- und Denk-Gestus angelegt ist)?
Rawls Ansatz zur Beantwortung dieser Frage ist es, Gerechtigkeit als „Fairness“ zu verstehen, um das individuelle Gefühl des Rechten mit der Etablierung eines ethischen Rahmens für die politischen Institutionen zu verbinden. Mir selbst kommt dazu immer beispielhaft der Wahlspruch von Earl Warren, des großen Vorsitzenden des amerikanischen Höchstgerichts (supreme court) der 60er Jahre in den Sinn, der die Diskriminierung der Schwarzen in Amerika gegen zahlreiche Widerstände aufhob und dafür lebenslang gehasst, angefeindet und bedroht wurde. Sein Wahlspruch, den er als letzte Frage immer und immer wieder gnadenlos bohrend hinter jede Urteilsbildung der Mitglieder des Gerichts stellte, war immer derselbe, einfache, aber doch so weitreichende Satz: „But is it fair?“ Das heißt: ist es nicht nur gerecht im Sinn der geltenden politischen und ethischen Maßstäbe, sondern ist es fair aus der Sicht des einzelnen Menschen, seiner moralischen Natur und seines Schicksals? Anders ausgedrückt: ist es eine Verbindung von authentischem individuellem Moralempfinden mit dem Gesetz?
Mit dieser ebenso einfachen wie weitreichenden Frage hat Warren etwa zeitgleich mit dem Beginn der akademischen Karriere von Rawls gerade am Schnittpunkt zwischen Moral, Recht und Politik auf seine Weise Weltgeschichte geschrieben. Kann man zur Beantwortung dieser Frage nach der Fairness in irgendeiner Weise eine allgemeine theoretische Hilfestellung aus dem philosophischen Denken heraus geben, eine Orientierungshilfe aus dem Lernen an den großen Vorbildern der Vergangenheit? Das ist die Frage von Rawls.
Die Vorlesung dient der Präzisierung dieser Frage insofern, als sie mit den großen Modellen der Vergangenheit bekannt macht. Nach einer kurzen Erläuterung des Unterschieds zwischen griechisch-antiker und neuzeitlich-moderner Moralphilosophie werden Hume, Leibniz, Hegel und Kant als die vier Grundtypen moralischer Reflexion vorgestellt: Utilitarismus (Hume), Perfektionismus (Leibniz), Intuitionismus (Hegel) und, als der eigentliche Fokus und der letzte Zielort von Rawls Sichtung, der Konstruktivismus Kants, dem er selbst am meisten zuneigt.
Hume wird zunächst als derjenige vorgestellt, der das neuzeitliche Denken über das Moralische erst eröffnet, indem er die Natur des Menschen problematisiert und damit die griechische Ausgangsüberzeugung in Frage stellt, dass das Gute als Teil der Trinität des Wahren, Schönen und Guten ein vernünftiger Weg zur wahren Glückseligkeit oder zum höchsten Gut sei. Während man in der Antike vor allem fragte: in welchem Verhältnis stehen diese oder jene Tugenden zum höchsten Gut, „sei es als Mittel, als Konstituenzien oder beides“ (S. 26), fragt Hume nun: ist das allgemeine Verlangen nach dem Guten an sich ein psychologischer Affekt oder ein Prinzip, das in der Natur des Menschen liegt? Aus dieser veränderten Sichtweise ergibt sich für Hume eine Kritik des rationalen Intuitionismus seiner Zeit und die Einsicht, dass Moral nicht beweisbar ist. Es ergibt sich daraus aber auch seine Idee des verständnisvollen Beobachters, die eine neue Epoche des Moraldenkens einleitet: das allgemeine Empfinden des Moralischen wird nun nicht mehr auf seine Beziehung zum Göttlichen befragt, sondern es wird die erkenntnistheoretische Rolle der moralischen Empfindungen untersucht. Es gilt, erkenntnistheoretisch zu begreifen, wie die moralischen Empfindungen mit unseren Wahrnehmungen zusammenhängen. Obwohl diese Sichtweise stark in utilitaristischer Perspektive steht, beginnt damit ein außerordentlich wichtiger Strang des neuzeitlichen Denkens über das Moralische, der später auch und gerade in Steiner einen Höhepunkt erreicht.
Die Position von Leibniz wird als metaphysischer Perfektionismus gekennzeichnet. Die Suche des Jesuitenschülers Leibniz nach einer letztbegründeten Sicherheit in einer Welt der allerorten zusammenbrechenden Sicherheiten bezieht sich auf den Begriff der Vollkommenheit, den er aufgrund der moralischen Natur Gottes auch in der Schöpfung verorten muß, die demnach die beste aller möglichen Welten sein muß. Das führt Leibniz zu einer Idee der notwendigen Wahrheit als Weltprinzip, die als „Prädikat-im-Subjekt-Theorie der Wahrheit“ gekennzeichnet werden kann: wahr ist etwas, wenn der vom Prädikat eines Satzes ausgedrückte Begriff auch in dem vom Subjekt ausgedrückten Begriff enthalten ist. „Dementsprechend sagt Leibniz: Das Prädikat ist im Subjekt vorhanden; sonst wüsste ich nicht, was Wahrheit ist.“ In dieser Wahrheitsidee liegt auch die moralische Position von Leibniz. Das, was sich im Subjekt als authentisches Moralempfinden ausspricht, hängt unmittelbar mit Gott zusammen; Gott ist darin als Prädikat im Subjekt vorhanden. Demnach kann der Geist, der im Moralischen wirkt, als aktive Substanz verstanden werden. Er hängt mit seiner Ausgangsebene im Subjekt, der eigentlichen Individualität, untrennbar zusammen. Der vollständige Individualbegriff umfasst aktive Kräfte, und der Geist als innerstes Prinzip des Subjekts muß als rationale Einzelsubstanz begriffen werden. Hier liegt einer der Ausgangspunkte für einen Strang des späteren moralischen Denkens, der etwa in Goethe seinen Höhepunkt in dem Satz erreichen wird: „Das Individuellste ist das Allgemeinste“ - wo ich, mehr als normalerweise, ganz und bis ins Letzte „monadisch“ ich selbst bin, da bin ich du (wie etwa beim Durchgang durch eine authentische Katharsis, zum Beispiel nach dem Besuch eines erschütternden Theater-Ereignisses, sehr genau zu erfahren ist).
Kant ist dann derjenige Denker, der auch noch die letzten metaphysischen Reste in diesen Denkweisen tilgt und das Denken des Moralischen auf eine ganz neue Stufe der Individualität führt. Seine Kritik der reinen Vernunft und sein kategorischer Imperativ, der einzelne möge so handeln, dass sein Handeln stets als Maxime für das Handeln aller anderen einzelnen dienen könne, gründen auf der Einsicht: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ (S.223). Es geht also um den guten Willen des einzelnen, der sich im moralischen Handeln als individuelle Konstruktion in die Welt Eingang verschafft. Das Moralische muß erst durch den Menschen in die Welt, die aus „Dingen in der Vorstellung“ besteht, hineingebracht werden; dazu ist eine Vorstellung des einzelnen vom Sein und vom Wollen der anderen einzelnen vonnöten. Trotz dieser Säkularisierung behält die Bedeutung, die Kant dem moralischen Gesetz und unserem ihm entsprechenden Handeln beimisst, einen offensichtlich religiösen Aspekt, der nicht nur in dem berühmten Satz anklingt: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit Bewunderung und Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, womit in gewisser Weise ein Zusammenhang zwischen der Kraft, die den Kosmos zusammenhält, und dem moralischen Empfinden im Ich hergestellt ist: es ist dieselbe Kraft, und zwar ganz real. Sondern es klingt auch daran an, dass Kant das moralische Gesetz als das Gesetz der Freiheit betrachtet, das mit der Pflicht eine Einheit bildet. Allerdings hat Kant auch diese Zusammenhänge schrittweise in eine Moralpsychologie überführt (vor allem in seiner Abhandlung „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“), in der Religion (Ding an sich) und Moral (Ding in der Vorstellung) getrennt werden. Für die Wirklichkeit wird vorrangig der moralische Konstruktivismus maßgeblich.
Hegel schließlich wird als derjenige Denker vorgestellt, der nach Kant noch einmal in einer gewaltigen Anstrengung versucht hat, Metaphysik, bürgerliche Gesellschaft, Sittlichkeit und Liberalismus in einem einzigen großen Rechtssystem zu versöhnen. Obwohl Hegel dabei dem Staat eine Zentralstellung zuweist und ihn als geistige Substanz objektiver Art begreift, der die Instanz der Vereinigung von Moral, Ethik und Politik darstellt und damit den subjektiven Konstruktivismus Kants in Grenzen hält, was liberalen Auffassungen grundsätzlich widerspricht, rechnet Rawls ihn in weiten Teilen zu einer liberalen Tradition des Moralphilosophie. Dies deshalb, weil Hegel nicht nur eine markant institutionenbezogene Vorstellung von Sittlichkeit entfaltet, sondern auch erstmals den soziologischen Ansatz entfaltet, Personen seien im System der politischen und sozialen Institutionen, in dem sie leben, verwurzelt und würden von diesem System geprägt. Außerdem will Hegel eine subjektive Ethik des Sollens (wie in Kants moralischem Imperativ) vermeiden und die Prinzipien des Ethischen aus den objektiven Prinzipien des Wirklichen - des Staates und der Gesellschaft - ableiten. Was von Hegel für Rawls am Ende aber wirklich bedeutsam bleibt, ist seine „gemäßigt progressiv“ getönte Kritik des Liberalismus.
Die Vorlesung von Rawls inspirierte Generationen von Studenten und sorgte vor allem für eine Regeneration der Moralphilosophie im angelsächsischen Raum. Sie beeinflußt bis heute in lebendiger Weise die amerikanische Elite und ihre moralischen Ideale. Die Lektüre regt eine ganze Reihe von substantiellen Fragen an – so, wie es vielleicht nur das Ereignis einer Vorlesung tun kann. Was bedeutet die neuzeitliche Tradition des europäischen Moraldenkens vor dem Hintergrund der liberalen amerikanischen Tradition, die Liberalismus und Idealismus gleichermaßen in sich trägt, und vor deren unausgesprochen anwesendem Hintergrund Rawls die Lektüre versuchen muß? Und was bedeutet sie vor allem vor dem heute dazukommenden dritten Element: dem pragmatischen Materialismus der sich zur Weltgeltung erhebenden amerikanischen Populärkultur? Wie wirkt diese Kultur auf das Selbstverständnis des Moralischen und Politischen am Schnittpunkt zwischen Individualität und Institution ein?
Interessant ist nicht nur, daß zur Klärung dieser Fragen am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts offenbar mehr denn je der Rückgriff auf die mitteleuropäisch-idealistische (und also zumindest in bedeutsamen Teilen geistrealistische) Tradition nötig ist. Das ist wichtig. Ebenso interessant ist aber auch, daß diese Frage letztlich immer wieder unausweichlich in kantianischen Antworten zu enden scheint - auch in der amerikanischen akademischen Intelligenz.
Aber gibt es nicht vielleicht doch einen gewissen Unterschied zwischen der angelsächsischen und der mitteleuropäischen Färbung der Rezeption der Antwort Kants? Anders gefragt: ergibt sich aus dem pragmatischen, implizit willensgegründeten idealistischen Element der amerikanischen Sichtweise vielleicht gar eine Nähe zur Dreigliederung, die als ebenso pragmatische wie geistrealistische Weiterentwicklung und Überwindung des Kantianismus in der mitteleuropäischen Tradition der Verbindung von Moral- und Politikdenken gelten kann, sozusagen als die Bringung des Kantianismus von einer abstrakt-konstruktivistischen Kopfebene auf eine konkret-geistrealistische Willensebene? Diese mögliche Nähe herauszuarbeiten wäre entscheidend. Das wird der Rawls-Forschung der kommenden Jahre vorbehalten bleiben, und zwar genau jener vergleichenden europäisch-amerikanischen Forschung, die Rawls einmal als ein wichtiges Symptom nehmen wird, um tiefere Gemeinsamkeiten, Differenzen und Spannungen zwischen Europa und Amerika und ihren Vergangenheits- und Zukunftsentwürfen untersuchen zu können.
Fazit? John Rawls bewegte sich zeitlebens genau in der Mitte des Spannungsfelds zwischen Moral und Politik. Die Begegnung dieser beiden Felder und die impliziten und expliziten Möglichkeiten dieser Begegnung waren sein Lebensthema. Die „Geschichte der Moralphilosophie“ ist in dieser Perspektive eine gute und leicht lesbare Zusammenfassung einer wirklich zeitgenössischen Herangehensweise an die neuzeitlichen Klassiker, die beispielhaft ist. Sie bietet einen voraussetzungslosen Zugang und eine ansprechende Einführung in deren Denken, in einigen Kommentaren auch eine anregende Weiterführung von Rawls´ berühmtem Hauptwerk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“. Deshalb ist sie sowohl für Anfänger wie für Fortgeschrittene auf dem an Bedeutung ständig zunehmenden Gebiet am Schnittpunkt zwischen Moral, Ethik und Politik ein gewinnbringendes Werk.
Etwas genauer betrachtet, ist die „Geschichte der Moralphilosophie“ aber auch deshalb wichtig, weil sie Herkunft, Stand und Perspektive, und nicht zuletzt die charakteristische Färbung angelsächsischer Moral- und Politikphilosophie im Vergleich zu ihren europäischen Vorgängern und Zeitgenossen symptomatisch erlebbar macht. Gewiß hat Otfried Höffe Recht, wenn er meinte, daß „der englische Sprachraum John Rawls das wichtigste Werk zur politischen Ethik des zwanzigsten Jahrhunderts verdankt.“ Aber vielleicht ist das nur ein bedeutender, aber nicht der entscheidende Punkt. Vielleicht ist der entscheidende Punkt in der Tat eher der Bezug dieses Werks zur europäischen Tradition – in Übereinstimmung und Unterschieden. Dieser Bezug müßte, um ein heute modisches Wort zu verwenden, „dekonstruktiv“ herausgearbeitet werden. Das heißt: man müßte den Text hinter dem Text, das Unbewußte des Sprechens der Vorlesung von Rawls herausarbeiten, das in seinem Bezug auf und in seinem Verstehen der neuzeitlichen europäischen Moralphilosophie mitwirkt.
An der „Geschichte der Moralphilosophie“ hat man nicht nur einen klaren Überblick über die Entwicklung der europäischen Moral- und Politikphilosophie, sondern man kann an ihr lernen, wie man im angelsächsischen „Westen“ über Moral und Politik denkt, und zwar in direktem Vergleich zur europäischen Tradition: in Anknüpfung und Abhebung, in Ähnlichkeit und doch in der in mancherlei Hinsicht anderer Färbung des Blicks. Dieses Lernen von Berührungspunkten, Ähnlichkeiten und Differenzen ist gerade im gegenwärtigen Weltaugenblick für uns europäische Leser eine Notwendigkeit: um anerkennen, aber auch um auf seine tieferen Schichten hin durchschauen und kritisieren zu können, was derzeit von Nordamerika aus am Schnittpunkt zwischen Moral, Politik und Kultur in ebenso vielfältiger wie komplexer, ebenso fortschrittlich-produktiver wie widersprüchlicher und zum Teil auch retardierender Weise in die Welt ausstrahlt.
Roland Benedikter