Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 4


 

Frank Visser: Ken Wilber - Denken aus Passion
Eine Zusammenschau. Via Nova 2002, 308 Seiten

Der Niederländer Frank Visser (*1959), Theosoph und Religionswissenschaftler, ist seit den 80er Jahren einer der genauesten und nachhaltigsten europäischen Beobachter Ken Wilbers, des wichtigsten Denkers eines neuen geistrealistischen Paradigmas unserer Zeit. Visser hat Wilbers Werk von den Anfängen an systematisch verfolgt. Das hat auch damit zu tun, dass Wilbers erste Werke (und in der Folge noch einige weitere) nach Ablehnung durch andere Verlage im amerikanischen theosophischen Verlagshaus Quest Books erschienen sind. Visser war der Übersetzer von Wilbers Werken schon zu einem Zeitpunkt, als Wilber in Europa noch völlig unbekannt war. Und er ist heute einer der weltweit intimsten Kenner des Jahrhundertphilosophen, nicht zuletzt auch einer seiner wenigen persönlichen europäischen Freunde. Visser sitzt außerdem, und das ist mittel- bis langfristig besonders bedeutend, als einer der bisher wenigen Europäer in Wilbers 1997 gegründeten Integralen Institut, dem revolutionären „Verwirklichungsorganismus“ seiner Ideen, führt dessen bislang einzige europäische Zweigstelle in Amsterdam und betreibt daneben die - neben Wilbers eigener Adresse - nach wie vor weltweit wichtigste Internet-Seite zum Thema „Ken Wilber – Leben, Werk, Diskussion“ (siehe www.worldofkenwilber.com).

Vor kurzem ist nun Vissers lange erwartete Monographie über das bisherige Leben und Gesamtwerk Wilbers im Verlag der transpersonalen psychologischen Bewegung Deutschlands, „Via Nova“, in deutscher Sprache erschienen. Vissers Buch ist die erste derartige Monographie über Ken Wilber weltweit. Das mag erstaunen, wenn man bedenkt, dass Wilber seit Jahren der meistübersetzte Sachbuchautor Amerikas ist, dessen Werke ununterbrochen ständig wiederaufgelegt werden, vom dem es sogar zu Lebzeiten schon eine Ausgabe seiner bisherigen „Gesammelten Werke“ gibt, was in der neueren Geschichte des Denkens einmalig ist, und dessen bislang 19 Bücher in 20 Sprachen übersetzt wurden. Aber angesichts des sehr umfangreichen, komplexen, sich ständig entwickelnden und vor allem hoch bedeutenden Werkes Wilbers hat sich bisher buchstäblich noch niemand getraut, sich an die große und schwierige, aber auch überaus weitreichende und in verschiedenster Hinsicht folgenreiche Aufgabe einer ersten Gesamtschau zu machen - noch dazu zu Lebzeiten eines Autors, der überaus produktiv ist und ständig neue Ideen, Initiativen und vor allem Bücher und Schriften lanciert. Das ist Visser durchaus bewusst: „Daß bisher noch keine Monographie über Wilber erschienen ist, ist natürlich kein Zufall… Es handelt sich um keine einfache Aufgabe… denn die Ergründung des Werkes von Wilber in seiner Gesamtheit erfordert fast einen zweiten Wilber.“

Visser hat die zahlreichen Schwierigkeiten, die eine solch gewaltige Aufgabe einer Gesamtschau zwangsläufig mit sich bringt, bravourös gelöst. Dazu war freilich auch viel Arbeit und persönliche Zähigkeit nötig. Visser hat seit 1997 an diesem Buch gearbeitet und mehrere lange Original-Interviews mit Wilber dazu geführt. Seine Methode ist letztlich einfach: er folgt in seiner Darstellung der Biographie Wilbers und verwebt sie chronologisch mit kompakten Zusammenfassungen seiner Werke. Um den Ablauf aufzulockern, streut er immer wieder eigene kritische Gedanken ein. Dadurch umgeht er die Schwierigkeit eines streng thematischen Aufbaus, die aufgrund der Datenfülle, aber auch aufgrund der verschiedenen, sich zum Teil widersprechenden Phasen Wilbers eine zu hohe Komplexität für ein einführendes Werk mit sich bringen würde.

Visser orientiert sich dabei an den bisherigen vier Phasen in der Entwicklung Wilbers, denen ebenso viele Kapitel gewidmet sind. Die derzeit von Wilber selbst angedeutete fünfte Phase ist in dem Buch noch nicht enthalten. Visser wird sie zweifellos in einem späteren Augenblick, wenn sich diese Phase stärker konkretisiert, einfügen müssen. Voran geht diesen vier Hauptkapiteln als erstes Kapitel eine Einführung in die Person Wilbers, dazwischen findet sich ein Kapitel über Wilbers Krise der Lebensmitte, und nachgefügt ist als siebtes und Schlusskapitel eine ausführliche Diskussion der Perspektiven, aber auch der möglichen Kritik von Wilbers Ansatz. Dies sowohl von Seiten seiner vielen Gegner, aber auch von Seiten der maßgeblichen „wissenschaftlichen“ Aussagen der spirituellen und esoterischen Traditionen, zu deren Exemplifikation Visser natürlich vor allem die Theosophie heranzieht. Einige seiner diesbezüglichen Analysen gelten auch aus Sicht der Anthroposophie. Vor allem diese kritische Diskussion ermöglicht ein multidimensionales Bild und stellt einen der besten Teile des Buches - und zweifellos einen seiner nachwirkendsten Eindrücke dar. Man verlässt das Buch denkend und fragend.

Visser nennt das Ergebnis seiner Arbeit bescheiden eine „intellektuelle Biographie“ oder eine „personenbezogene Bibliographie“, die „den inhaltlichen Aspekt zwar in den Mittelpunkt stellt, aber ebenfalls dem Menschen hinter dem Werk die ihm angemessene Aufmerksamkeit widmet.“ „Das Ziel, das ich mit diesem Buch verfolge, ist: erhält der Leser nach der Lektüre dieses Buches ein deutlicheres Bild von Wilbers Gedankenwelt und ermöglicht ihm dies eine eigene Meinung, fühle ich mich für meine Anstrengung bereits großzügig belohnt.“

Diese Belohnung hat sich Visser redlich verdient. Trotz seines hohen Niveaus ist sein Buch, und das ist nicht sein geringstes Verdienst, leicht lesbar, klar, übersichtlich und verständlich. Und es ist außerdem immer wieder so geschickt strukturiert, dass es für ein Sachbuch auch über größere Strecken erstaunlich spannend bleibt und die Konzentration des Lesers bei der Sache hält. Das alles ist geprägt von einem zurückhaltenden, sachlichen, hingebungsvollen und doch leidenschaftlichen, kritischen und eigenständigen Ton, kurz: von einer Haltung des „sich der Idee erlebend Gegenüberstellens“ im besten Sinn. Nicht zufällig ist das Buch mittlerweile in 6 Sprachen übersetzt; es setzt die Standards für jede weitere diesbezügliche Arbeit über Wilber und sein Werk.

Vissers Monographie ist das bisher beste einführende Buch zu Ken Wilber. Oder in Wilbers eigenen Worten ausgedrückt: „Eine hervorragende Übersicht meines Werkes von einem Autor, der mit diesem gründlich vertraut ist. Ich kann dieses Buch in höchstem Maße allen empfehlen, die eine klare und kompakte Darstellung meiner Arbeit und deren Einfluß suchen.“

„Ken Wilber – Denker aus Passion“ ist darüber hinaus aber auch eine der besten Monographien des gesamten letzten Jahrzehnts insgesamt. Ob man Wilber kennt oder nicht, ob man ihn mag oder ablehnt: dieses Buch ist unverzichtbar für all diejenigen, die sich in verständlicher - und bis zu einem gewissen Grad „lustvoller“ - Weise mit zeitgenössischem Geist, Wissenschaft und Kultur auseinandersetzen wollen. Denn es gibt den am Beginn des 21. Jahrhunderts weltweit wichtigsten, umfassendsten und integrativsten geistigen Ansatz klar, überzeugend und ohne falsche Hagiographie, sondern in kritischer Anteilnahme wieder.

Das Buch hat in dieser Hinsicht nicht nur als Spiegelung, sondern auch an sich selbst einen Wert. Und als solches sollte man es auch wahrnehmen. Da Wilber hoffentlich noch lange lebt und viel hervorbringt, wird es in den kommenden Auflagen eine Art work in progress bleiben, das Visser immer wieder, als eine Art Lebensaufgabe eines geisteswissenschaftlichen Dr. Watson gegenüber seinem Sherlock Holmes, immer wieder erneuern wird müssen.

„Ken Wilber – Denker aus Passion“ ist vor allem auch ein wesentlicher Beitrag, den Ansatz Ken Wilbers endlich besser in der akademischen Welt bekannt zu machen, was überaus wichtig und notwendig ist. Denn Wilber kann nicht nur einem ganzen Studium, sondern der abendländisch-westlichen Idee der Universität selbst einen neuen Sinn geben, weil sein integraler Ansatz das gesamte globale Wissensfeld der Gegenwart neu ordnet und auf der Grundlage von „Orientierungs-Verallgemeinerungen“ zu einer beeindruckenden, überzeugenden Ganzheit aufeinander hin strukturiert. Nicht von ungefähr verspricht sich Wilber selbst von dem Integral-Werden des Wissens und Denkens, darunter maßgeblich der „Leitinstitution“ Universität, einen wesentlichen heilenden Effekt auf die Zeit und ihre großen Meta-Probleme.

Vissers Buch ist aber keineswegs nur für Studenten, sondern auch für alle anderen Interessierten ein überaus wertvoller Überblick - sowohl für Anfänger, die noch nie etwas von Wilber gelesen haben und sich über das in Deutschland mittlerweile vielgenannte, aber faktisch in seinem konkreten Werk wenig bekannte „Genie“  endlich selbst einen Eindruck verschaffen wollen; wie auch für fortgeschrittene Wilber-Leser, die hier den Vorteil haben, in einem einzigen, relativ kurzen Buch die Gesamtvision auf einmal zu erhalten. Das verstärkt das Bild und lässt es gewaltig als Ganzes aufleuchten, was bei der Lektüre der weitverstreuten Einzelwerke Wilbers so nur bei großer Ausdauer möglich ist. Vissers ausgezeichnete Zusammenfassungen kürzen hier vieles ab, das dann in einem zweiten Schritt in direkter Leseerfahrung an Wilbers Werk beliebig vertieft werden kann. Die Essenz von Wilbers Werken aber ist auch in diesen Zusammenfassungen immer da und präsent.

Darüber hinaus bringt das Buch eine Fülle von Details, u.a. biographische Hintergrundangaben und Selbstreflexionen Wilbers über sein Werk bis in die unmittelbare Gegenwart, aber auch Informationen aus den Interviews, die bislang nur hier zu finden sind, ausführliche Angaben über weitere Literatur, Stand und Titel der deutschen Übersetzungen, Internetseiten sowie ein umfassendes Sachregister. Obwohl Visser wichtige Teileinführungen anderer Autoren unberücksichtigt lässt (so die fast schon legendäre siebenseitige, meines Erachtens beste Kurzeinführung von Jack Crittenden „Eine integrale Sicht von Geist und Kultur“ in „Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend“), kann sein Buch schnell, kompakt und präzise zum vertieften Kennenlernen Wilbers beitragen.

Fazit? Man kann Vissers Monographie nur möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen, und zwar von allen Seiten des weltanschaulichen Spektrums. Seine Einführung ersetzt nicht die Lektüre von Wilbers Schriften (und tut im übrigen auch nie unterschwellig so, als ob sie das könnte, wie es heute leider viele Monographien in einem versteckten Narzismus tun). Aber es erleichtert diese Lektüre sehr und gibt die so wichtige Grundorientierung, die von den vielen, die sich im vielfach verzweigten Werk Wilbers bislang wie in einem Dschungel fühlen, gut gebraucht werden kann. „Ken Wilber – Denker aus Passion“ zeigt das Gesamtpuzzle in seiner Schönheit und Größe, einfach, aber ohne an Tiefe zu verlieren. So muß eine Sekundärliteratur-Monographie auf der Höhe des Gegenwartsempfindens geschrieben werden. Ist es ein Zufall, dass sie in diesem Fall ein (weltzentrischer) Europäer für einen (weltzentrischen) Amerikaner, also ein „Grieche“ für einen „Römer“ der Gegenwart geschrieben hat?

Aber natürlich sind abschließend auch einige kritische Anmerkungen möglich:

1.      Ein Problem ist, dass es im kritischen Teil keine produktiven Aussagen über das Verhältnis Amerika-Europa und keine kritische Korrektur der bisher relativ einseitig amerikanischen Sichtweisen Wilbers gibt, was diesem durchaus helfen könnte. Das Versäumnis liegt in der kritischen Konfrontation Wilbers mit wesentlichen, vor allem konkreten sozialen Entwicklungs- und Zukunftsmodellen europäischen Denkens, die seinen integralen Ansatz um wertvolle Aspekte bereichern könnten (Dreigliederung als Vollendung der Ausdifferenzierung der Moderne; gesellschaftliche Strukturkomponenten statt ausschließlich integrale Bildung, wie bisher von Wilber fokussiert).

2.      Kapitel 2 und 3 sind für den Leser, der Wilber das erste Mal begegnet, etwas kompliziert (insbesondere die Darstellung des Übergangs von Wilber-1 zu Wilber-2), was zwar gemäß Wilbers Entwicklung objektiv so ist, aber wo erfahrungsgemäß viele Leser, zumindest unter meinen Studenten, „aussteigen“. Das ist schade, weil danach die entscheidenden Teile kommen. Andererseits wüsste ich selbst derzeit nicht, wie dieser Übergang noch leichter und vor allem spannender dargestellt werden könnte.

3.     Das Buch hat leider keine Abbildungen, die auflockernd wirken könnten (zum Beispiel von Wilber oder seinen Freunden, allesamt Pioniere auf verschiedenen Feldern), dafür aber viele Schemas, die das Verständnis der Zusammenhänge wesentlich erleichtern.

Visser hat eine Arbeit abgeliefert, die Respekt verdient – nicht nur wegen des behandelten Autors, des im Spiel befindlichen Materials, des Themas und seiner Bedeutung. Von ihm ist noch einiges zu erwarten; nicht nur bezogen auf Wilber, sondern auch bezogen auf eine kritische Sichtung und Selbstüberprüfung der großen geistig-esoterischen Ströme Europas insgesamt, in der er, wie er mir in einem E-mail vom Februar 2003 schrieb, mit den größten Wert von Wilbers Gegenwartsarbeit sieht. Visser wird seine Rolle beim kritischen Aufbau einer neuen, derzeit vor allem in Amerika Gestalt annehmenden geisteswissenschaftlichen Spiritualität für das 21. Jahrhundert spielen. Und es ist zu hoffen, dass er darin eine spezifisch europäische Stimme einbringen kann. Nicht wenige in der neueren anthroposophischen Generation können und wollen ihm dabei Zusammenarbeit auf verschiedensten Ebenen anbieten, um dieses Vorhaben stärker und so umfassend wie möglich zu machen.

„Ken Wilber – Denker aus Passion“ erlaubt, am wichtigsten geistigen Abenteuer der Gegenwart teilzunehmen und sich einen kompakten, eindrucksvollen Überblick darüber zu verschaffen: über den keineswegs bereits fertigen, sondern von uns allen noch aktiv mitzugestaltenden und von uns allen abhängenden Sonnenaufgang einer neuen, integralen geistigen Weltkultur, die bereits in der nahen Zukunft vieles – nicht nur das Denken und das Wissen, sondern auch das praktische Leben und die politisch-sozialen Verhältnisse – grundlegend verändern kann. Darauf deutet nicht zuletzt auch das jüngste weltweite Internet-Projekt Wilbers „Multiplex – eine multidimensionale Matrix integralen Lernens“ hin, das im Sommer/Herbst 2003 auf 30 miteinander vernetzten Webseiten gleichzeitig eröffnet werden wird (siehe vorläufig www.integralinstitute.org). Da Visser derzeit hauptberuflich Internet-Experte ist, wird er vermutlich auch hier seine Finger im Spiel haben. Und das ist gut so. Man kann nur hoffen, dass er sein Talent bald ganz auf die integrale Arbeit wird verlegen können.

Roland Benedikter

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