Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 5


Eine schauerromantische Ich-Suche

Thomas Jonigks Stück Die Elixiere des Teufels als Uraufführung im Stadttheater Gießen

 

Es ist nicht selbstverständlich, dass kleinere und mittelgroße Stadttheater Erst- und Uraufführungen in ihrem Programm haben. Intendantin Cathérine Miville allerdings gelingt es immer wieder, solche exklusiveren Theaterabende im Gießener Stadttheater zu veranstalten. So stand in der letzten Saison Prinzessin Nicoletta von Rebekka Kricheldorf in der Regie von Peter Hailer auf dem Spielplan. In dieser Spielzeit gab es bereits zwei neue Stücke: Aufgefahren von Ernesto Caballero im Löbershof und jetzt, am 27. September, Thomas Jonigks Die Elixiere des Teufels im Großen Haus. – Thomas Jonigk, Jahrgang 1966, wurde mit Bühnenstücken wie Rottweiler (1994) oder Täter (1999) bekannt. Er hat für seine Bühnentexte Preise und Auszeichnungen erhalten und wurde 1995 „Nachwuchsdramatiker des Jahres“. Die Elixiere des Teufels schrieb er „frei nach E.T.A.Hoffmann“.

Der junge Franz, so beginnt die Aufführung auf der halbdunklen Vorderbühne mit Grünpflanzen auf beiden Seiten, einem Klavier links, einem Barren – irritierend - als Exerzierinstrument rechts, mit roten Plüschdecken auf Boden und an Wänden, -   der junge Franz also wird von seiner Mutter zur Besserung des Lebenswandels ins Kloster gebracht, dort bald – er heißt dann Bruder   Medardus   – der harten religiös fanatisierten und sexualisierten Klostererziehung unterzogen. Er gerät, als sei das sein Schicksal, an ein Getränk, das der Satan einst dem heiligen Antonius in verführerischen Absichten hinterließ, trinkt vom Elixier des Teufels und verfällt ganz dem Rausch sinnlicher und verbrecherischer Lust.

Stefan Schuster. Foto: Merit Esther Engelke

Medardus verlässt das Kloster  („Ich will ein guter Mensch sein, das schwöre ich“), geht in die Welt hinaus, trifft auf seinen Halbbruder Viktorin, schleicht sich in dessen Ich in die Gunst der Baronin Euphemie ein, verliebt sich in deren Stieftochter Aurelie. Es kommt zu Mordanstiftungen und Mordopferverwechslungen: Euphemie und Aureliens halbirrer Bruder Hermogen werden von Medardus erstochen. Der, auf erneuter Flucht in der Welt der Grafen und Gräfinnen der Schauerromantik, gelangt zu einem Förster und …  Eigentlich muss man hier die Inhaltsbeschreibung der noch nicht einmal ersten Hälfte des Stücks von Thomas Jonigk abbrechen. Zu verzweigt, ausufernd und verwirrend sind die Geschehnisse um Medardus – oder Franz? – oder Leonardus? Wer ist wer und wie und warum in welche Beziehungen und Ereignisse verwickelt?

Es folgen weitere Stationen für den Ich-Sucher Franz / Medardus in einem Residenz-Schloss, in einer Irrenanstalt zum Beispiel. Langsam lüftet sich das Geheimnis um den ruhelosen Mönch: Ein Fluch liegt auf seiner Familie, der ihn zum Bösen treibt, zu sexuellen Ausschweifungen, blasphemischem Verhalten und mörderischen Handlungen. Am Ende bringt er sich  in einem Irrenhaus, auf einer Art Thron sitzend, der einem Elektrischen Stuhl ähnelt, angestrahlt wie einst die Heiligenfiguren im Kloster, um.

Der Mensch, eingeengt und geprägt durch seine Abkunft, durch seine Ahnen, durch das Menschsein, die Religion, die ihm zum Guten verhelfen soll, ihn glauben macht, dass Entsagung  vor dem Bösen schützt, die Erfahrung, dass verdrängte Sexualität explodiert und die Menschen in die Arme des Teufels treibt, woraus dann alle Schlechtigkeiten der Welt entstehen, Vergewaltigungen, Ehebruch, Inzest, Mord, zuletzt Wahnsinn, -  alles das hatte E.T.A.Hoffmann in seinen Roman (1815 / 16) gepackt, Vorstellungen, die die Menschen in der Zeit des frühen neunzehnten Jahrhunderts umtrieben und die Hoffmanns eigene Ängste vor Wahnsinn, einem gespaltenen Ich, vor Schizophrenie offenbaren. Aus diesem gewaltigen Stoff, diesem episch verzweigten   Handlungsgespinst aus Schauerromantik und  Märchen mit Unterhaltungselementen und satirisch-grotesken Einlagen, aber auch philosophischen Hintergründen -  Gefährdung und Zerstörung des Ich durch das Böse, Identitätssuche und Identitätsverlust, Doppelgängertum, Hilflosigkeit des Menschen gegenüber Schicksalsmächten, um nur einige Aspekte zu nennen, -   ein Bühnenstück schreiben? Man darf sich als Zuschauerin und Zuschauer schon fragen, was den Autor Thomas Jonigk dazu veranlasst hat. In seinen Anmerkungen zum Stück finden sich Hinweise. Er sei schon immer von den Elixieren des Teufels fasziniert gewesen, von der Doppelgängerproblematik, den sexuell-religiösen Assoziationen und Motiven des Romans, von der Figur des Außenseiters Franz; er habe eine „Zeitreise“ unternehmen wollen „von der Romantik bis in die Gegenwart, denn die Figur des Zweifelnden, an sich selbst Verzweifelnden sei auf kein Zeitalter festgelegt.“ Und Jonigk bekennt in diesem Zusammenhang auch: „Ich glaube, die Bilderwelt [des Romans] hat mich im positiven Sinn erschlagen.“

Vielleicht weist dieser Satz, ungewollt, auf ein Problem der Textvorlage hin, das der Überfüllung nämlich und einer nicht immer dramatisch adäquaten Aufbereitung des epischen Stoffes. Seit längerem ist es ja Usus geworden, Romane für die Bühne zu adaptieren. Die Berechtigung dafür liegt sicherlich vor allem in den packenden, publikumswirksamen Geschichten, die die großen Romane erzählen. Allerdings muss der Roman auf das andere Medium Bühne im wirklichen Sinn des Wortes übertragen, übersetzt  werden. Castorf hat das in seinen berühmten vier- bis  sechs-Stunden-Inszenierungen mit Dostojewski-Romanen vorgemacht, aber auch zum Beispiel  vor einigen Jahren Peter Heusch mit Isaak Babels Reiterarmee in der Regie von Thomas Krupa am Darmstädter Theater, vor allem aber vor kurzem erst Ulrich Hub mit Austers Roman Stadt aus Glas in der Regie von Michael Simon am Düsseldorfer Schauspielhaus. Ulrich Hub hat überzeugend gezeigt, wie weit sich der Bearbeiter einer Romanvorlage von der Vorlage selbst lösen, ja teilweise zu einem „Hinzudichter“ werden muss, damit aus dem epischen Stoff ein dramatisches Ereignis für die Bühne entstehen kann.

Stefan Schuster, Barbara Stollhans. Foto: Merit Esther Engelke

Zwar schreibt Jonigk: „Es hat mich nicht interessiert, den Roman nachzuerzählen. Der Roman von E.T.A. Hoffmann ist so gut, dass er keine direkte Aufbereitung benötigt.“ Dennoch hat man, wenn man als Besucher dem Geschehen auf der Gießener Bühne folgt, manchmal das Gefühl, dass die Elixiere des Teufels genau diese „Aufarbeitung“ benötigt hätten und insgesamt vielleicht doch besser zwischen zwei Buchdeckeln als zwischen Kulissen aufgehoben wären. Immer wieder ertappt man sich dabei, Geschichten entwirren, Episoden verstehen und zuordnen zu wollen, die, da es eigentlich epische Handlungselemente sind, auf der Bühne keine dramatische Energie entwickeln, konfus bleiben müssen. -   „Kannst Du mir folgen?“, fragt die Mutter ihren Sohn am Ende, als sie die teuflische Familiengeschichte vor ihm ausbreitet. „No“, antwortet der auf Italienisch. „Das musst du auch nicht.“ tröstet ihn die Mutter. -  Einige Besucher konnten oder wollten ebenfalls nicht folgen – die Reihen hatten sich nach der Pause etwas gelichtet.

Dem Regisseur Axel Richter kann man den Vorwurf, vielleicht nicht deutlich genug für den roten Handlungsfaden gesorgt, nicht genügend gestrichen zu haben, nicht ganz ersparen. Szenen wie die beim Förster oder die anbiedernd-unterhaltsame Fernsehnummer hätten wegfallen, andere wie die im Irrenhaus gekürzt werden können. Weniger wäre mehr gewesen. -   Auf der anderen Seite gelingt es gerade der Regie und den durchwegs guten Schauspielern - Stefan Schuster hat überzeugende Auftritte als Franz / Medardus -, aus der Vorlage insgesamt dennoch einen Abend mit gelungenen, unterhaltsamen, satirisch-komischen Szenen zu machen. So fesseln die ersten Auftritte im Kloster ebenso wie die Szenen um Euphemie und Aurelie oder – später – die in der Residenz. -   Natürlich sind die Figuren in Jonigks Stück Typen, festgelegt auf gut oder böse. Differenzierte Charaktere  gibt es in Stücken, die wie Jonigks Text aus Szenen bestehen, die keinen Konflikt entwickeln, sondern etwas Vorgegebenes, hier den Fluch auf Medardus und die Versuchung des Bösen durch das Teufelselixier, demonstrieren und in immer neuen Anläufen zeigen, so gut wie nicht.

Axel Richter schafft es aber immer wieder, den typisierten Figuren in spannenden Gruppenbildern mit genau choreografierten Stellungen und Bewegungen Bühnenpräsenz zu geben. Das Fest in der Residenz oder das in den Barren – ein Gefängnis? – eingezwängte Ensemble sind dafür gelungene Beispiele. -   Dass der Abend für viele Besucher – es gab am Ende großen Beifall –   zu einem Erfolg wurde, lag sicherlich auch an Klaus Noack, der die Bühne und die Kostüme gestaltete. Die Idee, die Farbe Rot zu einem Leitfaden durch das Szenengestrüpp der Textvorlage zu machen, gibt der farcigen Schauerromantik-Tragödie-Komödie einen inneren Zusammenhalt.

Ein interessanter Theaterabend für alle, die bereit sind, sich auf „Irrungen und Wirrungen“ einer Aufführung einzulassen und die Einzelszenen stärker zu beachten als den Gesamtzusammenhang. Übrigens: Auch Shakespeare fehlt nicht; denn das Stück, das mit dem Klosterschüler beginnt, endet mit einem Hamlet, der zu Yoricks Schädel redet.

Herbert Fuchs

Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen

[Zurück zur Startseite]