Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 5


Die Glasmenagerie von Tennessee Williams

Zerbombt von Sarah Kane

Zwei Premieren von schauspielfrankfurt

Von Herbert Fuchs

Einiges an diesem Abend hat neugierig gemacht: Da ist die neue Bühne des Frankfurter Schauspiels auf einem ehemaligen Industriegelände im Gallusviertel, lapidar nach dem Standort   benannt: schmidtstraße12. Der Name suggeriert andere Produktionsbedingungen, andere Stücke und Themen als im Großen Haus in der Innenstadt, andere - jüngere? - Zuschauerinnen und Zuschauer, experimentellere und riskantere Inszenierungen. -  Und da ist der, der das einlösen soll, der Leiter von schmidtstraße12, der vielbeschäftigte und, etwa von Theater heute, mit Vorschusslorbeeren bedachte Regisseur Armin Petras. Petras, geboren 1964, siedelte 1988 aus der ehemaligen DDR in die Bundesrepublik über und kam nach Regie-Assistenzen am Frankfurter TAT und den Münchner Kammerspielen bald zu festen Regie-Engagements am Schauspiel Leipzig (1996-99). Er wurde Oberspielleiter in Nordhausen, danach Schauspieldirektor in Kassel. Seit 2002 inszeniert er am Schauspielhaus in Frankfurt, aber auch am Thalia-Theater und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und immer wieder in Leipzig. Theater der Zeit charakterisiert ihn als einen der „renommiertesten Außenseiter im deutschen Regiebetrieb“,   „schwer zu fassen“,   „dessen Abende ebenso faszinieren wie Türen schlagende Abonnenten nach sich ziehen und die von den großen Feuilletons fast immer zerrissen werden“.

Hilke Altefrohne in: Die Glasmenagerie. Foto: Kirsti Krügener

Dabei erschöpft sich   Petras` Theaterenergie   nicht im Regieführen. Unter dem Namen Fritz Kater schreibt er auch selbst Stücke für die Bühne. Sein Stück zeit zu lieben zeit zu sterben, am Thalia-Theater uraufgeführt, wurde von den Kritikern 2003 zum besten deutschsprachigen Stück gewählt und im Mai 2003 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Für die Intendanz des schauspielfrankfurt   ist es eine mutige, aber auch konsequente Entscheidung, einem Regisseur wie Petras Freiräume für experimentelles Theater, wie es schmidtstraße12 signalisiert, einzuräumen. Wenn es gelingen soll, ein jüngeres Publikum mit anderen Seh- und Erlebnisgewohnheiten an Theater überhaupt heranzuführen, müssen experimentierbereite Regisseure Verantwortung übernehmen können.

Da ist zum dritten der Doppelabend selbst, der neugierig macht. Zwei Stücke, Tennessee Williams` Die Glasmenagerie und Sarah Kanes Zerbombt, sechzig Jahre auseinander, etwas verstaubt das eine, verstörend aktuell und modern das andere, beide kurz hintereinander auf derselben Bühne mit denselben Schauspielern,  - eine ungewöhnliche Theateridee. Dazu das Motto für alle Inszenierungen in der schmidtstaraße12 in dieser Saison: Love Stories  -   ein Allerweltsmotto, aber immerhin voller Chancen für alte und neue Bühnentexte. „Die Grundidee“, so Petras, „ist, Liebe auf eine andere Weise darzustellen.“ Der Besucher durfte gespannt sein.

Einige der Erwartungen an den Premierenabend wurden erfüllt, andere nicht: Die Spielstätte schmidtstraße12 erweist sich in der Tat als ein interessanter Ort für Experimentiertheater: eine ehemalige Idustriehalle, ansprechend ausgestattet, mit großem Foyer direkt hinter dem Bühnenraum, der   Fabrikcharakter noch in der rot-rohen Ziegelsteinmauer rechts erkennbar. Und dennoch: Der Besucher ist überrascht von der Konventionalität des Theaterraums. Auf der einen Seite in ansteigenden, langgezogenen Sitzreihen die Zuschauer, auf der anderen Seite die Bühne. Das ist nicht anders als in den Studios beliebiger Stadttheater. Mit einer irgendwie radikalen, riskanten Theaterraumaufteilung jedenfalls beginnt schmidtstraße12 – noch? – nicht.

Und dieses leicht Biedere, Anpasserische,   auf das Gewohnte zielend, findet sich im Bühnenbild von Susanne Schuboth wieder. Glasmenagerie wird in einem mobile-home-ähnlichen Wohnraum gespielt, der die hintere Hälfte der Bühne einnimmt, mit großgemusterter fünfziger-sechziger Jahre - Tapete und Vorhängen, mit riesigen Fensteröffnungen nach vorne und hinten, die dem Zuschauer einen freien Blick auf das Innere ermöglichen. Das zweite Stück spielt nur auf der Vorderbühne; der hintere Teil ist dann mit braunem Packpapier abgehängt. -   Das Bühnenbild soll in seinem Kern, ähnlich wie im Prater der Berliner Volksbühne, während der gesamten Spielzeit unverändert bleiben. Ob diese Idee, auch wenn für die einzelnen Stücke kleinere Einrichtungsveränderungen vorgenommen werden, trägt, bleibt abzuwarten.

 

Die Glasmenagerie

Die Überraschung der Inszenierung von Petras ist, dass er den psychologischen Realismus des Stücks von Williams zurückdrängt, „weginszeniert“ und damit das typisch amerikanische Stück von 1945 - St. Louis, unteres, ärmliches Kleinbürgertum, Verkrüppeltsein als Kainszeichen in einer amerikanischen Erfolgsgesellschaft - an unsere Tage heranholt und   etwas über Menschen heute, ihre Ängste, Sehnsüchte und Wünsche, ihre Enttäuschungen, erzählt. Er hat das gemacht, was Williams selbst in seinen Anmerkungen   vorschlägt: „Die Glasmenagerie ist ein `Spiel der Erinnerungen` und kann deshalb sehr frei von allen Theaterkonventionen aufgeführt werden“.

Petras hat die Figuren, vor allem die der kränkelnden Laura und ihrer ständig auf Regeln und Familiensinn pochenden Mutter, skurriler, grotesker, äußerlich und innerlich verquerer, eben verkrüppelter auf die Bühne gestellt, als man das in Inszenierungen der 60er und 80er Jahre gesehen hat. Laura, die wegen ihrer Gehbehinderung mit ihrer Mutter ein Leben zunehmender Einsamkeit führt, fingert ständig an ihrem Gesicht, an ihrer Brille, zupft an ihrer Unterwäsche, an ihrem Kleid, stößt schrille Schreie aus, kreischt, liegt wie ein kleines Kind am Boden, springt auf Bänke und Tische.

Die Nähe zur Debilität, die an Laura inszeniert wird, geht zuweilen   an die Grenze des Erträglichen, auch Peinlichen; die Williamssche Figur des Mädchens ist da schon längst nicht mehr zu erkennen. Aber die verkrüppelte junge Frau bekommt eine Präsenz und Aufdringlichkeit, denen sich der Besucher nicht ohne weiteres entziehen kann. - Die Mutter schlurft im unansehnlich-farbigen Morgenmantel über die Bühne, hauptsächlich auf Äußeres, auf Aussehen und Benehmen, bedacht und gerade darin hilflos und bemitleidenswert. -   Lauras Bruder Tom, der einzige Ernährer der Familie, ist leicht rebellisch und aufsässig, lässt sich von der dominierenden Mutter aber immer wieder in die Familienpflichten einbinden. Das etwas verstaubte Bild der Glasmenagerie, bei Williams Symbol von Lauras Zerbrechlichkeit und  Alleinseins, spielt in Petras` Inszenierung  - glücklicherweise  -   nur eine Rolle am Rande.

Susanne Böwe, Andreas Leupold, im Hintergrund Hilke Altefrohne. Foto: Kirsti Krügener

Die Inszenierung des Williams-Stücks  wird eigentlich erst im letzten Viertel  bedeutsam, zeigt erst gegen Schluss, dass Petras mehr kann, als groteske Charaktere mit schlurfenden Gängen, in lässigen Posen, klischeehaft an Film und Fernsehen erinnernd, vorzuführen und dass es durchaus Gründe geben kann, Tennesse Williams auch heute noch auf die Bühne zu holen.

Tom lädt einen Arbeitskollegen nach Hause ein. Für Mutter und Tochter ist es - endlich - der langersehnte Verehrer, der Laura aus ihrem verkümmerten Dasein befreien und beiden, Tochter und Mutter, eine Zukunft eröffnen soll. Nach anfänglicher Scheu  nähert sich Laura Jim, in dem sie einen früheren Schulfreund wiedererkennt, und es entwickelt sich eine   behutsame Liebesszene. Laura, tiefbewegt und aufgewühlt, glaubt schon, einen Freund gefunden zu haben,   ist bereit, sich ihm hinzugeben.  Jim spürt, was er in dem Gefühlsleben des Mädchens angerichtet hat, löst sich im letzten Moment und verabschiedet sich schnell, da er, wie er stammelt, längst in festen Händen sei. Zurück bleiben -   Tom wird die Familie verlassen und zur See gehen -   Mutter und Tochter, enttäuscht, ohne große Hoffnung, ihr Los der Einsamkeit jemals zu ändern. Ihre Glückssuche endet in Desillusion und Zukunftslosigkeit. 

Bemerkenswert ist, wie Petras die letzten Teile des Stücks in Szene setzt; wie aufgeregt er Mutter und Tochter beispielsweise das weiße Kleid, das Laura tragen wird, herrichten lässt; wie er Laura in der Liebesszene mit Jim  - fast - als „normale“   junge Frau agieren lässt, Wein trinken und flirten lässt; und vor allem, mit welchem melancholischen Bild er das Stück - nach nur ca. 75 Minuten  -   beendet: Auf dem Bühnenboden liegen, verstreut und zertrampelt, rote Rosen; Weingläser stehen, halbausgetrunken, achtlos in der Mitte; roter Wein ist verschüttet; irgendwo steht ein Leuchter, die Kerzen brennen noch, er wird für Romantik nicht mehr gebraucht.

Im Fenster des Hauses sitzen regungslos, apathisch, erschöpft, mit müden, hoffnungslosen Gesichtern die Mutter, in halbdurchsichtigem Ballkleid und mit hollywood-blonder Perücke, und, eng an sie gelehnt, Laura. Ihre Zukunft wird, so zeigt es Petras in der vielleicht dichtesten und anrührendsten Szene des gesamten Abends, kaum je aus der Enge, Einsamkeit und Zerbrechlichkeit ihrer Wohncontainer-Welt hinausführen. Ihre Wünsche und Sehnsüchte bleiben unerfüllt. Die Szene lenkt die frühere schrille Lautheit der Figuren  in ein verstörendes Schweigen über und rechtfertigt so in der Rückschau die zuweilen aufdringlich-penetrante, auch klischeehafte Personendarstellung im vorherigen Teil des Stücks.  
Die Dichtheit der Inszenierung am Ende ist auch ein Verdienst der durchwegs guten Schauspielerinnen und Schauspieler. Herausragend ist Hilke Altefrohne, die die Laura spielt und der es gelingt, die Figur des Mädchens in der ersten Hälfte des Stücks nicht vollends in Debilität und groteske Dummheit   abstürzen zu lassen. Susanne Böwe tritt nur im ersten Stück des Abends auf. Andreas Leupold und Oliver Kraushaar spielen   zusammen mit Hilke Altefrohne auch im zweiten Premierenstück, in Sarah Kanes Zerbombt.

 

Zerbombt

Man sollte sich gar nicht erst auf die Frage einlassen, was beide Stücke, an einem Abend nacheinander aufgeführt, verbindet. Petras` eigene Erklärungen -  „Im ersten Teil erleben die Figuren noch eine romantische Welt, wenn auch melancholisch und traurig, aber sie ist noch gehalten durch die Familie. Im zweiten Teil gibt es diese Familie nicht mehr, sie ist zerbombt.“ -  ist eher dürftig als erhellend. Vielleicht kann man sagen, dass   es hier wie dort um die Suche nach dem Quentchen Glück, um Sehnsucht nach Liebe geht, die, fände man Liebe und Glück, alles verändern, ein vergebliches Leben retten, eine düstere Zukunft heller machen würden.

Zerbombt ist Sarah Kanes erstes Stück aus dem Jahre 1995. (Vgl. zu   Kanes dramatischem Werk, auch zu Zerbombt, den Aufsatz „Schwarzer Schnee“ - „Schwarze Verzweiflung“ im Marburger Forum ( Aktueller Schwerpunkt ). Es erzählt die Geschichte von Ian und Cate und einem Soldaten in einer unbestimmten - Leeds? - Stadt. Cate, die früher mit Ian befreundet war, besucht ihn, der schwer krank ist, in einem Hotelzimmer, und es beginnt ein verzweifeltes Spiel aus Liebe und Abweisung, das in Brutalität und Zerstörung umschlägt, als Cate am anderen Morgen - sie ist verletzt, blutet – aufwacht, und dem Zuschauer deutlich wird, das Ian sie in der Nacht vergewaltigt hat.

Oliver Kraushaar, Andreas Leupold, Hilke Altefrohne. Foto: Kirsti Krügener

Der Gewaltakt verändert die Situation schlagartig, ist der Beginn der völligen Zerstörung  ihrer beider Leben. Ein Soldat, es bleibt unklar, woher er kommt, außerhalb des Hotelzimmers herrscht mittlerweile offensichtlich Krieg, taucht auf und mit ihm Brutalität und Zerstörung. Das Hotelzimmer wird zerbombt, der Soldat quält und vergewaltigt den verletzten, wehrlosen Ian,   tötet sich dann selbst; Ian bleibt als wimmerndes Elendsbündel auf der Bühne zurück. Alles, was ihm am Ende bleibt, ist Cate, die vorher geflüchtet war, jetzt mit einem sterbenden Kind am Arm auftaucht, zu bitten, ihn zu erschießen.

Sarah Kanes Stück enthält provozierende, kaum zu ertragende Darstellungen von Sex und Gewalt, von Lieblosigkeit und Zerstörung. In solchen Szenen erschöpft sich jedoch der Gehalt des Textes nicht. Im Zentrum steht die Frage, wie Menschen, ein Mann und eine Frau, später ein Soldat und ein Mann, in Normal- wie in Extremsituationen miteinander umgehen, zu welcher Art von Beziehungen sie bereit und fähig sind. Kanes Antwort scheint einfach zu sein: Die Menschen zerstören sich gegenseitig. Aber sie zeigt auch, und das ist die typisch Kanesche Differenzierung und Haltung, die in ihren anderen Werken viel stärker noch zum Ausdruck kommen: Die Zerstörung von allem und allen ist letztlich eine Folge von zerstörten Beziehungen, eine Folge physischer und psychischer Übergriffe von Männern auf Frauen, des Stärkeren auf den Schwächeren. „Einer der Punkte, auf die ich hinauswollte“, hat Sarah Kane zu Zerbombt gesagt, „ist: Wenn man diese emotionale Gewalt über eine bestimmte Grenze treibt, endet es mit wirklicher Gewalt.“

Oliver Kraushaar, Hilke Altefrohne. Foto: Kirsti Krügener

Cate und Ian reden am Ende des Stücks über Gott. Cate besteht auf seiner Existenz, da nichts sonst einen Sinn habe; Ian streitet die Existenz vehement ab: „Man braucht keinen Gott, nur weil es besser wäre, es gäbe einen.“   Ian  stirbt kurz nach diesem Gespräch; Cate bleibt mit einem irren Lachen allein auf der Bühne zurück, schrecklich von dem, was sie erlebt hat, zugerichtet. Ihre verzweifelte Suche nach Gott und Ians verzweifelte Verneinung eines göttlichen Waltens in der Welt können als Hilfeschreie nach Sinnwerten und Bedeutungen verstanden werden. Die grausamen Szenen des Stücks wären in dieser Lesart Verzweiflungsrufe nach Liebe, nach einer Überwindung der Leere und Beziehungslosigkeit zwischen den Menschen.

Hilke Altefrohne, Andreas Leupold. Foto: Kirsti Krügener

In Petras` Inszenierung und Deutung des Stücks fehlen die Töne der Hoffnungslosigkeit, der Verlassenheit, der Einsamkeit und Sinnsuche weitgehend. Seine Inszenierung stellt die grausamen Gewaltexzesse und Übergriffe in den Vordergrund, grell und überdeutlich. Aus dem Stück über Gewalt und Verlorenheit wird in der schmidtstraße12 ein -  in der Hauptsache jedenfalls - Gewaltspektakel. Vergewaltigungen aber, Szenen etwa, in denen Kannibalismus angedeutet wird, Grausamkeitsexzesse verselbständigen sich auf der Bühne leicht, verdrängen, ersticken alles andere, schlagen – das Schlimmste, das einer Aufführung passieren kann, -   ins Lächerliche, Komische um. Petras` Regie entgeht dieser Gefahr   nicht immer. Wenn - und das ist nur eines von mehreren Beispielen - sich hinter der Bühne der Soldat buchstäblich das Gehirn aus dem Kopf schießt und ein Gehirn tatsächlich auf die Bühne geworfen wird, dann ist die Grenze grober Veräußerlichung von dem, was bei Kane in dichterischer Sprache überzeugend dargestellt wird, überschritten. Dabei hat Petras einen so einfachen wie richtigen Einfall gehabt. Er lässt jeweils einen Schauspieler von einem Mikrofon aus die Regieanweisungen, die Sarah Kane als „dem gesprochenen Wort gleichrangig“ behandelt sehen will, vorlesen und hätte damit alle Gewaltszenen in den Köpfen der Zuschauer entstehen lassen können, ohne sie der Banalität naturalistischen Spiels auszusetzen. Dass er die Szenen auch hat spielen lassen, ist genau das berüchtigte Zuviel, das eine Inszenierung nicht mehr verträgt. -   Schade um Sarah Kane in der schmidtstraße12.

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