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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 5
Der vorliegende Essay ist eine semantische und logische Analyse von Begriffen, die unser Weltbild entscheidend prägen. Insbesondere sind das zentrale Begriffe dreier philosophischer Grundprobleme. Diese hier angesprochenen Grundprobleme entstehen durch die Fragen, was objektive Wahrheit, was bewußtseinsunabhängige Realität und was psychische Freiheit ist sowie deren divergierende Beantwortung. Die diese kontrovers diskutierten Grundfragen konstituierenden Begriffe zeigen in der hier durchgeführten Analyse eine logische Gemeinsamkeit. Die verbindende logische Eigenschaft, die den analysierten Begriffen anhaftet, ist ein einheitlicher Widerspruch in sich, eine sinnlogische Denkunmöglichkeit und deshalb ein prinzipieller Denkfehler. Die Konsequenzen aus diesem Denkfehler begründen logisch notwendig eine neue nicht nur apodiktische, sondern erstmals auch logisch zwingende Metaphysik und mit ihr ein neues Weltbild.
Glauben Sie, die Bedeutung eines Begriffs denken zu können, die sich vom Denken ausschließt? Wohlgemerkt, jeder Begriff ist denkbar, sonst gäbe es ihn nicht. Aber ist z.B. ‚Nicht-Denken’ in seiner Bedeutung denkbar? Sicherlich nicht, denn die Bedeutung ‚Nicht-Denken’ verneint das Denken, obwohl sie es für sich benötigt. Sie entzieht sich also ihre eigene Grundlage. Die Bedeutung ‚Nicht-Denken’ ist nicht denkbar, weil ein Widerspruch in sich. Das allgemeine Prinzip, für das ‚Nicht-Denken’ beispielhaft ist, lautet: Begriffe, deren Bedeutung sich vom Denken ausschließen, sind in dieser Bedeutung nicht denkbar, sind gedanklich nicht erfaßbar. Selbstverständlich ist dann das mit solchen Begriffen Gemeinte auch nicht als existent denkbar. Mit solchen Begriffen bzw. deren Bedeutungen zu operieren, bezeichne ich als ‚prinzipiellen Denkfehler’. Im Folgenden soll gezeigt werden, daß dieser Denkfehler zu einem logisch unhaltbaren Weltbild geführt hat.
Der prinzipielle Denkfehler umfaßt eine Reihe von speziellen Denkfehlern, die alle ein ‚Nicht-Denken’ implizieren. Am unmittelbarsten zu erkennen ist das an den Begriffen ‚unbewußt’, ‚Nichts’ und ‚Tod’.
‚Unbewußt’ schließt sich sinngemäß vom Bewußtsein und damit ebenfalls vom Denken aus, weil das Denken, d.h. die Gesamtheit aller Gedanken im Bewußtsein (in der Menge aller Bewußtseinsinhalte) enthalten ist. Deshalb läßt sich das Bewußtsein ebensowenig wegdenken wie das Denken selbst. Ohne Bewußtsein gibt es auch kein Denken. Gemeint sein kann folglich mit ‚unbewußt’ sinnvollerweise nur ‚unterbewußt’, womit gegenüber dem Wachbewußtsein lediglich ein geringerer Bewußtseinsgrad gemeint ist. Jedenfalls kann man kein Bewußtsein davon haben, daß man kein Bewußtsein hat bzw. sich nicht dessen bewußt sein, was angeblich ‚unbewußt’ ist. Das gilt gleichgültig, wann es ‚unbewußt’ sein bzw. gewesen sein soll.
Das Substantiv ‚Nichts’, das das Fehlen eines jeglichen Seins meint, ist in seiner Bedeutung so offenkundig undenkbar, daß es schwer zu begreifen ist, wie dieser Begriff in der Philosophie (z.B. in der Existenzphilosophie) überhaupt ernst genommen werden konnte. Jeder Gedanke an seine Bedeutung widerlegt ihn, denn ein Gedanke ist eben etwas und macht damit den Begriff zum Ausdruck eines Widerspruchs in sich. Seine Bedeutung macht durch die eigene Existenz das angeblich absolute Nicht-Sein zunichte. Die Bedeutung des Begriffs ‚Nichts’ läßt sich nicht denken, sie führt sich selbst ad absurdum. Der Begriff ist ein Denkfehler. Der Grund für diesen Denkfehler ist das Außerachtlassen des Denkens in einem absoluten Nicht-Sein, das, um der Bedeutung des Begriffs gerecht zu werden, erfordert, daß auch kein Denken sein dürfte, ohne das aber der Gedanke ‚Nichts’ nicht sein kann. Mit anderen Worten: Der Gedanke ‚Nichts’ erfordert das Wegdenken alles Denkens, was eine Unmöglichkeit ist.
‚Tod’, der dritte der genannten Begriffe neben ‚unbewußt’ und ‚Nichts’, verstößt nur dann gegen die Unmöglichkeit, ein Nicht-Denken zu denken, wenn man,wie gewöhnlich, in den Begriff ‚Tod’ die Bedeutung ‚nicht (mehr) denken’ mit einschließt. Dabei ist es gleichgültig, ob die Bedeutung ‚nicht denken’ in die Gegenwart, in die Zukunft oder in die Vergangenheit verlegt wird, denn in jedem Fall soll sie gegenwärtig gedacht werden. Mit der Bedeutung ‚nicht (mehr) denken’ ist auch der Begriff ‚Tod’ in dieser Hinsicht ein spezieller Denkfehler. Mit ihm entsteht der Widerspruch, einerseits nicht denken zu können, nicht (bewußt) zu sein bzw. (was darin inbegriffen ist), nicht zu denken, andererseits aber anzunehmen, eines Tages nicht mehr (bewußt) zu sein und damit auch nicht mehr zu denken. Dieser Widerspruch ist unlösbar, es sei denn, man greift zu der logisch möglichen Annahme, daß das Bewußtsein mit dem Tod nicht endet. Diese Annahme erscheint weit weniger spekulativ, wenn man bedenkt, daß das Bewußtsein prinzipiell nicht erklärbar ist. Jedes Erklären setzt Denken und damit Bewußtsein voraus, so daß schon der Ansatz, Bewußtsein zu erklären, in einen Zirkel führt und deshalb letztlich nichts erklärt. Wirklich aber ist jene Annahme überhaupt nicht spekulativ, weil sich im Fortgang der Abhandlung logisch zwingend zeigen wird, daß Bewußtsein nicht nur das ist, was wir ‚Bewußtsein’ zu nennen gewohnt sind.
Von besonderer Bedeutung für unser Weltbild sind die Begriffe ‚objektiv’, ‚bewußtseinsunabhängig’ und ‚frei’ (i.S.v. psychisch frei), die gleichfalls den prinzipiellen Denkfehler enthalten. Sie sind zentrale Begriffe dreier philosophischer Grundprobleme, nämlich der Wahrheitsfrage, der Seinsfrage und der Frage nach der psychischen Freiheit.
Dieser Begriff bezieht sich auf zweierlei: Erstens bezieht er sich auf die sogenannten idealen (‚inneren’) Gedankenobjekte, sofern es um Gedanken geht, deren Ausdruck allgemeingültige, nicht nur subjektiv wahre Aussagen sein sollen. ‚Objektiv’ meint also hinsichtlich der idealen gedachten Objekte ‚objektiv wahr’. Zweitens betrifft ‚objektiv’ die Existenz sogenannter realer (‚äußerer’) Objekte. Bezüglich dieser ist ‚objektiv’ gleichbedeutend mit dem später zu behandelnden Begriff ‚bewußtseinsunabhängig’, so daß zunächst nur die Bedeutung von ‚objektiv wahr’ zu erörtern ist.
Auf welche Weise auch immer eine Aussage bewahrheitet wird, die festgestellte Wahrheit ist Ausdruck des Denkens, d.h. sie wird mittels gedanklicher Operationen, also subjektiv festgestellt und kann deshalb nicht objektiv sein. Was mit einer Wahrheit, die für alle rational denkenden Individuen gültig sein soll, nur gemeint sein kann, ist, daß sie eine intersubjektive Wahrheit ist. Objektiv kann sie nicht sein, weil ‚objektiv’ subjektiv gedacht wird, folglich eine subjektive Objektivität meint und somit ein Widerspruch in sich ist. Damit zeigt sich auch schon, was aus ‚objektiv’ an sich wird. ‚Intersubjektiv wahr’ bedeutet natürlich nicht, daß eine so bezeichnete Aussage für jedes Subjekt wahr ist. Wie intersubjektive Wahrheit rational zweifelsfrei feststellbar ist, darauf kann hier aber nicht eingegangen werden.
Der Begriff ‚objektiv’ meint, daß etwas unabhängig vom denkenden Subjekt gilt bzw. existiert. ‚Objektiv’ wird von einem Subjekt gedacht, bedeutet aber zugleich, daß etwas unabhängig vom Denken eines Subjekts ist bzw. gilt. Obwohl die Bedeutung „unabhängig vom Denken“ ein Gedanke ist, schließt sie sich selbst vom Denken aus, denn was unabhängig vom Denken ist, das ist außerhalb des Denkens. Die Bedeutung ‚objektiv’ ist deshalb ein Widerspruch in sich und damit ein weiterer spezieller Denkfehler. Es kann also nichts Objektives geben. Das gilt folglich auch für Sachverhalte, die durch das Zusammenwirken verschiedener realer Objekte entstehen, so daß z.B. Meßergebnisse nur intersubjektiv, nicht ‚objektiv’ Geltung haben können. Sowohl hinsichtlich der realen als auch der idealen Objekte kann also mit ‚objektiv’ nur gemeint sein, daß etwas intersubjektiv gültig ist, obwohl eine Aussage, die das hinsichtlich eines bestimmten Sachverhalts behauptet, von einzelnen Subjekten für sich verneint werden kann. Bezüglich der realen Objekte ist ‚objektiv’, wie schon erwähnt, zudem gleichbedeutend mit ‚bewußtseinsunabhängig’. Damit ergibt sich die Frage:
Materialisten, Naturalisten und Realisten im allgemeinen ist gemeinsam, daß sie den letzten Erklärungsgrund für alles Anschaulich-meßbare in etwas sogenanntem Realen sehen, das unabhängig vom Bewußtsein, d.h., auch ohne es zu erkennen, in irgendeiner Form existiert. Als selbstverständlich gilt das nur in den Naturwissenschaften, obwohl diese lediglich daran glauben können, weil es unbeweisbar ist.
Descartes, der Begründer des Dualismus vom Realen und Idealen, begann seine Überlegungen ausdrücklich mit dem Zweifel an der Existenz einer realen, sogenannten Außenwelt. Mit seinem berühmten „cogito, ergo sum“ hob er hervor, daß wir zunächst auf unser Bewußtsein beschränkt sind, wodurch dieses am Beginn des Philosophierens das allein Gewisse ist im Gegensatz zum Problematischen von allem Übrigen. Mit dem „ergo sum“ („also bin ich“) ist aber kein Sein in einer Außenwelt bewiesen, weil sich aus nur einer Prämisse („cogito“ = „ich denke“) prinzipiell keine Folgerung ziehen läßt. Descartes’ Satz ist zudem eine (wenn auch unabsichtliche) „Erschleichung“ des Beweisgrundes (petitio principii) in Form jenes durch das „Ich bin“ ausgedrückte „Sein“. Dieses wird, obwohl unbewiesen und von ihm selbst bezweifelt – denn es ist mit diesem Sein kein Bewußtsein gemeint -, stillschweigend vorausgesetzt, indem es nur in der Folgerung, aber in keiner Prämisse auftritt. Dieser so genannte Beweisfehler der (stillschweigenden) Voraussetzung von Unbewiesenem ist der realistischen Grundansicht wesenhaft. Die Voraussetzung des Realen in dieser Grundansicht ist sogar unvermeidbar, wie im weiteren noch deutlich wird.
Neu war der Zweifel an einer Realität außerhalb des Bewußtseins zur Zeit Descartes’ nur im europäischen Kulturkreis, da die indische Vedanta-Philosophie schon mehr als zweitausend Jahre früher (wie dann nach Descartes auch Berkeley) diese Realität sogar leugnete. Für ihren Nachweis gibt es also allen Grund. Das Operieren mit Begriffen wie „Ding an sich“ [Kant], „Außenwelt“, „Natur“, „Materie“, „äußere Objekte“, „physikalische Dinge“ setzt die Realität und damit gerade das voraus, was erst zu beweisen und in den entsprechenden erkenntnistheoretischen Kontroversen der Kern des Problems ist. Der Gebrauch dieser oder ähnlicher Begriffe, so als handele es sich bei ihrer Bedeutung um ganz Selbstverständliches, womöglich noch unter Berufung auf den common sense, ist eine völlige Verkennung der eigentlichen Realismusproblematik. In Abhandlungen zur Stützung des Naturalismus wird gar der Begriff „Natur“ bisweilen wie ein Schlagwort gebraucht. Aber, was ist denn „Natur“?
Wie für den Realismus die Voraussetzung von Unbewiesenem charakteristisch ist, so ist es für den Naturalismus der logische Zirkel. Im Naturalismus, der neben der Außenwelt auch das Bewußtsein zu einem realen, naturwissenschaftlichen Erkenntnisgegenstand macht, ist die Natur der Ausgangs- und Endpunkt seiner Argumentation. Die Natur in Form des menschlichen Erkennens und Denkens (hier das des Naturwissenschaftlers) will die Natur auch in Form des menschlichen Erkennens und Denkens, überhaupt das Bewußtsein, und nicht nur funktionell, sondern in seinem Wesen erklären, denn es soll die Frage beantwortet werden: „Was ist Bewußtsein?“ Also erklären dem Naturalismus gemäß die Natur, speziell das Erkennen und die Gedanken, insgesamt das Bewußtsein, sich selbst: eine zirkuläre Erklärungsweise, die deshalb für die Erklärung der Natur – das Ziel des Naturalismus – nichtssagend ist.
Der Zirkel entsteht immer, wenn das Bewußtsein oder die Natur essentiell erklärt werden sollen, weil beide sich dabei zwangsläufig selbst erklären. Das gilt auch für die Hirnforschung. Sie erklärt Bewußtseinsinhalte (Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken, Gefühle etc.) durch Hirnvorgänge. Weil aber die Rede von Hirnvorgängen Ausdruck von Gedanken und damit von Bewußtseinsinhalten ist, erklären die Hirnforscher Bewußtsein durch Bewußtsein. Und weil Hirnvorgänge wie Bewußtseinsvorgänge Naturvorgänge sind, erklären die Forscher gemäß dem naturalistischen Zirkel Natur durch Natur. Aufgrund des unumgänglichen Zirkels in einer essentiellen Erklärung der Natur oder des Bewußtseins sind beide prinzipiell unerklärbar. Ebenso können sie nicht in Frage gestellt werden, weil jede Infragestellung, ja jedes Wort schon beide voraussetzt.
Die zirkuläre Argumentation des Naturalismus ist die Folge davon, daß er das Erkennende im Menschen, das Bewußtsein, und die von diesem erkannten sogenannten realen Objekte nicht wesensmäßig auseinanderhält. Und das, obwohl es sich bei dem Erkennenden um das Bewußtsein und bei dem Erkannten angeblich um etwas Bewußtseinsunabhängiges handelt. Indem er beides als „Natur“ betrachtet, wird der Erkenntnisprozess zwangsläufig zum logisch unhaltbaren Zirkel. Ferner enthält der Naturalismus dadurch einen Verstoß gegen den Satz vom Widerspruch (A ist nicht gleich Nicht-A), weil er unter dem Begriff „Natur“ das Bewußtsein und etwas davon Unabhängiges (die Natur), also ein Bewußtsein und ein Nicht-Bewußtsein zu einer Entität zusammenfaßt, die somit einen Widerspruch in sich darstellt.
Zwischenzeitlich vertreten selbst Realisten die Auffassung (z.B. Bertrand Russell), daß ein Beweis der realistischen Grundansicht nicht möglich ist. Daran kann auch gar kein Zweifel sein, weil uns unmittelbar nur Bewußtseinsinhalte gegeben sind, über die hinaus kein Weg zu einer vom Bewußtsein unabhängigen Außenwelt führt. Man müßte auf diesem gedanklichen Weg zu einer außerhalb des Bewußtseins liegenden Welt die Bewußtseinswelt verlassen können, womit das Erkennen und alles Argumentieren ein Ende hätte. Diese andere bewußtseinsunabhängige Welt ist also prinzipiell nicht erkennbar, d.h. auch nicht als solche an sich. Wenn man also von Wahrnehmbarem spricht, kann man damit in Wahrheit nur Bewußtseinsinhalte meinen. Wenn Realisten von der Natur sprechen als handele es sich mit dem so Bezeichneten um etwas anderes als Bewußtseinsinhalte, dann beruht das auf einem Glauben, denn wissen kann man davon nichts. Was man auch immer dagegen vorbringen mag, um vermeintlich das Gegenteil darzutun, es ist Ausdruck von Bewußtseinsinhalten, weil Ausdruck von Gedanken, und widerlegt sich deshalb selbst.
Mit dem Nachweis der prinzipiellen Unerkennbarkeit und fehlenden Beweisbarkeit einer Bewußtseinsunabhängigkeit der Natur ist freilich nicht bewiesen, daß diese reale Außenwelt nicht existieren könne. Ihre Nicht-Existenz läßt sich ebenfalls nicht beweisen, weil wir über das essentielle Sein einer Existenz nichts Grundsätzliches wissen können, sondern immer nur davon, was wir über das Sein denken. Eben weil wir keinen Zugang zu einem Sein (Ding!) an sich haben, muß auch die Nicht-Existenz eines solchen Seins unerkennbar bleiben. Ein Beweis bzw. Gegenbeweis jener Existenz ist aber für unser Wissen um dieses Sein nicht erforderlich, weil beweisbar ist, daß eine vom Bewußtsein unabhängige reale Welt ein Denkfehler ist. Der Gedanke „unabhängig vom Bewußtsein“ impliziert den Gedanken „unabhängig vom Denken“ – denn das Denken ist im Bewußtsein enthalten -, ein Gedanke, dessen Bedeutung gedanklich nicht vollziehbar ist, weil es unabhängig vom Denken kein Denken gibt. Diese Bedeutung müßte unter Ausschluß des Denkens gedacht werden! Die genannten Gedanken in ihrer Bedeutung denken zu wollen, heißt, das Undenkbare denken zu wollen. Damit ist eine vom Bewußtsein unabhängige reale Welt nur als Denkfehler denkbar und die Rede von der Existenz einer solchen Realität bzw. Welt sinnlos. Damit ist ‚bewußtseinsunabhängig’ als weiterer spezieller Denkfehler aufgezeigt.
Die Denkunmöglichkeit, die in aller Argumentation zur Stützung einer bewußtseinsunabhängigen Realität enthalten ist, besteht also darin, denkend ein Sein außerhalb des Denkens erkennen oder erschließen zu wollen, das man dazu aber erst einmal müßte widerspruchsfrei denken können. Abgesehen von der Unmöglichkeit, die Bedeutung „unabhängig vom Denken“ bzw. „unabhängig vom Bewußtsein“ gedanklich zu erfassen, ist etwas, weil es als real, d.h. als unabhängig vom Denken existierend gedacht wird, deshalb nicht auch schon unabhängig vom Denken existent. Zudem ist der Mensch ein Teil, ein Element der Natur. Also ist es widersinnig, zu sagen, die Natur existiere unabhängig vom Menschen bzw. vom menschlichen Bewußtsein. Das hieße, ein Ganzes sei unabhängig von einem seiner Teile oder es bestehe kein Zusammenhang zwischen etwas und dem, was aus jenem Etwas hervorgegangen ist. Aus der dargelegten Unmöglichkeit, eine vom Bewußtsein unabhängige Außenwelt widerspruchsfrei zu denken, folgt aber nicht, daß eine Welt in Form einer von einzelnen Bewußtseinsinhalten unterscheidbaren Entität verschwindet. Über ihre ‚wirkliche’ Beschaffenheit gleich mehr.
Die Illusion des Realen in der Bedeutung eines vom Bewußtsein Unabhängigen ist weder für die Naturwissenschaft noch für den Alltag von unmittelbarer praktischer Bedeutung, denn nicht die Existenz von gewissen Objekten oder von anschaulich-meßbaren Sachverhalten ist logisch unhaltbar, sondern nur ihre Eigenschaft als sogenannte reale = bewußtseinsunabhängige Erkenntnisgegenstände bzw. Sachverhalte. In beiden Bereichen ist die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Erfahrung bzw. Innen- und Außenwelt oder Bewußtseins- und Handlungswelt zweckdienlich und sinnvoll. Für die naturwissenschaftliche Praxis ist die faktische Undenkbarkeit einer Außenwelt so irrelevant wie etwa die Anschauung der Materie als immaterialles Feld seitens der theoretischen Physik. Für die Theorie der Naturwissenschaften dagegen werden Begriffe wie ‚Materie’, ‚Natur’ oder ähnliche Bewußtseinsunabhängiges bezeichnende Begriffe zu Denkfehlern bzw. mit ihren Bedeutungen zu Fiktionen, d.h. Annahmen, von deren logischer Unmöglichkeit man weiß, die aber als Hilfsbegriffe, z.B. für Arbeitshypothesen, nützlich sein können.
Indem die Naturwissenschaft letztlich auf einer unbeweisbaren Annahme beruht, die obendrein logisch unhaltbar ist, ist sie in ihrer Basis nicht nur dogmatisch, sondern irrational. Diese Aussage ist allerdings insofern einzuschränken, als die hier nachgewiesene Unhaltbarkeit einer bewußtseinsunabhängigen Außenwelt durch Erkenntnisse der experimentellen Quantenphysik bestätigt wird. ANTON ZEILINGER (Universität Wien) schreibt in ‚Neue Zürcher Zeitung’, 13.12.00, „100 Jahre Quantentheorie“: „Meines Erachtens unterstreichen gerade die neuen Experimente, daß die gängige Anschauung nicht haltbar ist, nach der die Welt mit all ihren Eigenschaften, die wir beobachten, unabhängig von der Beobachtung und vor der Beobachtung existiert. Zumindest in den Fällen einer quantenphysikalischen Einzelmessung ist eine solche Position nicht haltbar.“
Es entsteht nun insofern ein neues Weltbild, als die Außenwelt durch den Denkfehler ‚bewußtseinsunabhängig’ zu einer Bewußtseinswelt wird. Da aber wegen des drohenden Zirkels ‚Bewußtsein’ prinzipiell ebenso unerklärbar ist wie ‚Natur’, können beide gleichgesetzt werden, so daß die Bewußtseinswelt eine natürliche Welt bleibt. Daß die Natur bzw. die Außenwelt als Bewußtsein anzusehen ist, ergibt sich daraus, daß ‚Nicht-Bewußtsein’ ebenso undenkbar ist wie ‚Nicht-Denken’. Eine Konsequenz der Gleichsetzung von Natur und Bewußtsein ist, daß es keine ‚tote Materie’ gibt. Eine weitere Folge ist, daß das Leben aus Bewußtsein hervorgegangen ist, nicht umgekehrt, und daß die Natur in Form alles Physischen Bewußtsein in minimalem Grad ist. Der Tod eines Lebewesens ist daher das Zurücksinken eines relativ hohen Bewußtseinsgrades (Komplexitätsgrades) eines Individuums auf den minimalen vieler ‚Individuen’ (bzw. ‚Entitäten’, um auch alle unbelebten Objekte mit einzuschließen) in Form von Materieeinheiten. ‚Unabhängig vom Bewußtsein’ kann also nur bedeuten ‚unabhängig vom Bewußtseinsgrad eines Individualbewußtseins’, und zwar davon unabhängig existierende andere Individualbewußtseine (mit deren Bewußtseinsgrad).
Auch in diesem neuen Weltbild bleiben die Objekte dieser Welt die gewohnten Objekte, die als Einzelnes, als Individuen, zum einen für andere Individuen ideale Objekte, d.h. Bewußtseinsinhalte sind, zum anderen als Individuen selbst Bewußtseinsinhalte haben. Diese können sowohl bei den Lebewesen als auch den nicht lebenden ‚Individuen’ bzw. Entitäten als deren Veränderungen infolge ihrer Wechselwirkung interpretiert werden. Die Individualbewußtseine sind also die ‚Körper’ und Korpuskel der Welt. Diese, die vermeintlich als bewußtseinsunabhängig erscheinen, können es folglich auch deshalb nicht sein, weil sie selbst Bewußtsein sind. Die Welt existiert somit als Bewußtseinswelt nicht nur in Gedanken, die nur einen Teil der Bewußtseinsinhalte eines Lebewesens höheren Bewußtseinsgrades sind, sondern vor allem in individuellen Entitäten. Die Gesamtheit aller Bewußtseinsinhalte eines Individuums bilden ein Individualbewußtsein, die Gesamtheit aller Individualbewußtseine bildet schließlich ein Gesamtbewußtsein, dessen Annahme ebenso zwingend ist wie die einer Gesamtnatur. Dem sich davon getrennt erlebenden Individualbewußtsein (‚Subjekt’) erscheint das restliche Gesamtbewußtsein als Außenwelt. Eine vermeintliche Außenbeziehung kann aufgrund der nachgewiesenen logischen Unhaltbarkeit einer ‚realen’ Außenwelt, die also keine eigene Entität ist, nur zwischen Individual- und Gesamtbewußtsein bestehen. Diese neue Weltsicht läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: (1) Ausgehend von der Außenwelt wird diese durch den Denkfehler ‚bewußtseinsunabhängig’ bzw. durch die Undenkbarkeit eines Nicht-Bewußtseins zu einer Bewußtseinswelt, die eine Objektwelt ist. (2) Sie besteht aus Individualbewußtseinen (das sind die sogenannten realen Objekte, natürlich einschließlich der Lebewesen) und deren Bewußtseinsinhalten (das sind die sogenannten idealen Objekte), die zusammen das Gesamtbewußtsein bilden, dessen Individuation die scheinbare Außenwelt ist.
Es verbleibt der eingangs erwähnte Denkfehler ‚frei’, falls mit ‚frei’ eine Freiheit im Bewußtsein gemeint ist. Bekannt ist sie vor allem als Willens-, Handlungs- oder Entscheidungsfreiheit. Diese sogenannte innere Freiheit setzt also freie Bewußtseinsinhalte und damit auch ein freies Denken voraus. Soll das Denken frei sein, dann muß auch der Gedanke ‚frei’ frei sein. Ist er es aber nicht, weil kein Gedanke frei sein kann von der Gesamtheit aller (übrigen) Gedanken, deren Bestandteil er ist, dann ist die Bedeutung ‚frei’ (oder allgemein ein freier Gedanke) ein Widerspruch in der Sache. Und weil wegen dieses Widerspruchs, bezogen auf den Gedanken ‚frei’, dieser zugleich in der Bedeutung ‚nicht frei’ gedacht werden muß, ist er auch ein Widerspruch in sich. Daran kann auch ein ‚bedingt frei’ bzw. ‚eingeschränkt frei’ nichts ändern. Es wäre gleichbedeutend mit ‚nicht frei’, weil der logische Grundsatz vom ausgeschlossenen Dritten zwischen ‚frei’ und ‚nicht frei’ keine dritte Möglichkeit zuläßt. Zudem läßt sich etwas, das nicht widerspruchsfrei denkbar ist, auch nicht einschränken. Außerdem beinhaltet der Gedanke ‚frei’ nicht nur durch das in ihm inbegriffene Freisein von der Gesamtheit aller übrigen Gedanken, sondern auch durch ein zwangsläufig (um nicht unfrei zu sein) intendiertes ‚frei von allem’, ein Freisein vom übrigen Denken. Dadurch wird die Bedeutung ‚frei’ zu dem bekannten Denkfehler, indem sie sich als Gedanke vom Denken als Ganzem, vermindert um den Gedanken ‚frei’, ausschließt.
Die allgemeine Aversion gegen die innere Unfreiheit ist völlig gegenstandslos, weil es praktisch auf ein und dasselbe hinausläuft, ob jemand in dem Glauben handelt, in seinen Entscheidungen frei zu sein oder ob er dabei diesen Glauben aufgrund der Unfreiheit des Denkens haben muß. Das Erleben einer inneren Freiheit, das in der Regel als Beweis für sie gilt, ist keiner, weil dieses Erleben, wie alles Erleben, determiniert sein kann und offensichtlich ist. Schließlich ist auch darauf hinzuweisen, daß die hier nachgewiesene Unhaltbarkeit einer inneren Freiheit seitens der Naturwissenschaft durch Ergebnisse der modernen Hirnforschung bestätigt wird. Sie verneint eine innere Freiheit. Im übrigen kann sich die Erkenntnis der psychischen Unfreiheit zum Segen der Menschheit auswirken, wenn durch sie dem erzieherischen Umfeld mehr Beachtung gewidmet wird. Eine verstärkte Sorge um die bestmögliche Gestaltung der Umwelteinflüsse ist für das spätere Verhalten des Menschen sicherlich zweckmäßiger als die allzuoft trügerische Hoffnung, er werde sich aufgrund seines angeblich freien Willens hinsichtlich seiner Handlungen stets in einer für sich und die Gesellschaft wünschenswerten Weise entscheiden.
Alle aufgezeigten speziellen Denkfehler sind Ausdruck von Bedeutungen, die sich vom Denken ausschließen und sich damit selbst ad absurdum führen. Vereinfacht kann man sie auch als Verstoß gegen die Denknotwendigkeit „Man kann nicht denken, daß man nicht denkt“ bezeichnen, denn in allen ist ein ‚Nicht-Denken’ enthalten. Dabei ist es, wie schon gesagt, gleichgültig, ob die Bedeutung ‚nicht denken’ in die Gegenwart, in die Zukunft oder in die Vergangenheit verlegt wird, denn in jedem Fall soll sie gegenwärtig gedacht werden. Unter Ausschluß des Denkens läßt sich aber nun einmal nichts denken.
Die englische Originalfassung des Essays im Internet: http://www.uni-mannheim.de/mateo/verlag/reports/seiboldenglab.html