Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 5


Selbst im weitesten Sinne. Ein Wettbewerb aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Marburger Kunstvereins

 

Den 1. Preis erhielt Angela Hiß für ihre Video-Installation "Lorna" (2002), den 2. Slawomir Elsner für "Hundert und ein Wunsch" (2000/2002) und "Kollegen" (2002), den 3. schließlich Cornelia Wruck für "Frauen". Fotografien (2000). Lorna ist, so kann man vermuten, die Frau, die in einem roten Raum, in dem sonst nur noch ein niedriges weißes Treppengeländer, sowie rechts die Metallstreben, in die eine Tür eingelassen ist, zu sehen sind, auf Männer wartet, die mit ihr tanzen möchten. Nach einer kurzen Pause, in der sie, beschäftigungslos, herumsteht, tritt dann der nächste Partner ein - man nimmt Aufstellung, und die langsamen, gleitenden, ritualisierten Bewegungen beginnen. Nach einer Weile geht der eine Mann, und ein anderer kommt.

Angela Hiß: "Lorna". Video - Installation (2002)

Man kann vermuten, dass außerhalb des roten Zimmers der Betrag entrichtet wird, für den Lorna dann als Tanzpartnerin zur Verfügung steht. Es gibt oder gab wohl solche Einrichtungen, in Amerika, in denen Frauen sich nicht prostituierten, sondern tatsächlich nur zum tanzen zu mieten waren oder sind. Das Bild, das wir hier sehen, wirkt in seiner kühlen Zurückhaltung merkwürdig ambivalent: die immer neuen Männer lassen zwangsläufig den Eindruck des Obszönen und Käuflichen in jedem Sinn entstehen, die klassische Tanzhaltung jedoch wirkt dem entgegen. Die unbezweifelbare Einsamkeit der Frau, ihre Fixiertheit auf die Besucher, die sie in Tätigkeit treten lassen, scheint beinahe aufgehoben durch etwas anderes. Denn umgekehrt suchen die verschiedenen Männer sie auf, als empfingen sie im initiatorischen Moment des Tanzes eine erotisch-verlebendigende Substanz, auf die sie nicht verzichten können. So wäre die Frau nicht nur das unterworfene Wesen, sondern auch die Erneuerin des Daseins und hierin sein Zentrum.

Slawomir Elsner:  Aus der Serie "Kollegen" (2002)

Der 1.Preis für "Lorna" ist gerechtfertigt; von dem Video geht eine bannende, zugleich fesselnde und beunruhigende Wirkung aus. Natürlich kann man die Zeichnungen von Slawomir Elsner, die so ganz anders ausgerichtet sind, nicht mit ihm vergleichen. Die "Kollegen"-Serie zeigt Jugendliche, jeweils vier, die eine Berufsgruppe darstellen. Elsner sagt in dem Gespräch mit Clemens Niedenthal, das im Ausstellungskatalog abgedruckt ist: "In der Generation meiner Eltern waren diese Bindungen an den Beruf endgültiger. In meiner Generation sind sie, im Positiven wie im Negativen, flüchtiger geworden." Tatsächlich wird man die Ärztinnen und Ärzte nicht unbedingt von den Sozialarbeiterinnen und -arbeitern etc. unterscheiden können - welch ein Unterschied etwa zu dem berühmten, 1929 erschienenen Fotoband von August Sander "Antlitz der Zeit", dessen Berufsportraits unaustauschbar sind. Im Vergleich der von Sander und der von Elsner gezeigten Menschen wird krass deutlich, wie sich die Zeiten geändert haben. Die jungen Berufstätigen, die wir auf den kleinen Bildern Elsners sehen, haben in Haltung und Gesichtsausdruck etwas Lässig-Naives. Eine gewisse Naivität und Harmlosigkeit scheint auch der Malweise des Künstlers zu eignen. Die Figuren wirken wie Beispiele aus dem Skizzenblock eines begabten jugendlichen Comiczeichners. Aber ob man diese Blätter gleich mit dem 2. Preis im Marburger Wettbewerb hätte auszeichnen müssen, scheint mir zumindest fragwürdig.

Cornelia Wruck: Aus der Serie "Frauen". Lamda - Print (2000)

Cornelia Wruck fotografiert Frauen, die sich ein Kleidungsstück über den Kopf ziehen. Man sieht also den entblößten Oberkörper, aber kein Gesicht. Wiederum im Gespräch mit Clemens Niedenthal sagt Cornelia Wruck: ""Durch den Verzicht auf diese eindeutigen Perspektiven bekommen die Aufnahmen aber etwas, das ich als eine "komische" Erotik bezeichnen würde. Die Frauen ziehen sich aus, bleiben aber bei sich. (...) Ich möchte ja gerade niemanden Einzelnen zeigen, mir geht es im Gegenteil um eine Versachlichung, eine Objektivierung des Abgebildeten. Für mich ist das absolute Sachfotografie, die dann aber wieder in einen sehr persönlichen Blicke umkippt. Das ist, glaube ich, der spannendste Moment. (...) Ich zeige die Frauen im Moment der höchsten Erotik - und ich zeige wiederum nichts."

Isabella Bauer-Heusler: "Kreiswirbler" (2002/2003)

Auch in diesen Fotos liegt, vergleicht man sie etwa mit den vor kurzem in Marburg gezeigten Arbeiten Erasmus Schröters, etwas Harmloses, zugleich jedoch kommt man nicht umhin, vor ihnen zu verharren. Allerdings liegt in dem Zugleich von Ent- und Verhüllung eine merkwürdige, nicht auf den ersten Blick erkennbare Spannung. Schaut man genauer hin, so spürt man gerade, weil jeweils nur der obere Brustansatz, die Achselhöhlen und dann wieder die nackten Unterarme zu sehen sind, das Erotische, das von der weichen Haut und eben nicht von den primären Geschlechtsmerkmalen ausgeht. Hier wird ein Bereich des Körperlich-Intimen sichtbar, der auf rätselhafte Weise jenseits des Individuellen liegt. Die Verdeckung des Gesichts steigert die Sensibilisierung für eine Geste, in der eine letzte Blöße und der Schutz vor ihrer Offenlegung ineinander übergehen. Der "spannendste Moment" ist derjenige, in dem sich in der Sachlichkeit der Aufnahme eine weibliche Sexualität zeigt, die ebenso verborgen bleibt, wie sie offen zu Tage liegt.

Meike Dölp: "Mein Schicksal liegt jenseits der großen Berge". Installation (2001)

Es gibt im Parterre und im ersten Stock der Kunsthalle eine Fülle weiterer Arbeiten zu sehen. Erwähnt seien die merkwürdigen "Kreiswirbler" aus Wellpappe von Isabella Bauer-Heusler, die Installation "Mein Schicksal liegt jenseits der großen Berge" von Meike Dölp, und "Zuhause" von Birgid Helmy: eine Frau, deren verzweifelten Gesichtsausdruck man erst erkennt, wenn man sich zu der nur wenige Zentimeter großen Figur herunterbeugt, sitzt, nur mit Slip und T-Shirt bekleidet, in einem völlig kahlen Raum, an dessen dunkler Rückwand ein Kruzifix hängt.

Birgid Helmy: "Zuhause". Ton Holz (2003)

Auch diesmal liegt der Text der zur Eröffnung der Ausstellung gehaltenen Ansprache im Foyer der Kunsthalle aus. Wer allerdings, wie in der von Dr. Harald Kimpel zu "Entfernte Gegenden - Landschaftsannäherungen" gegebenen Einleitung, eine wirkliche Hinführung zum Thema erwartet, sieht sich getäuscht. Prof. Jean – Christophe Ammann aus Frankfurt ergeht sich in allgemeinen Floskeln, die den Rand des Banalen nicht nur streifen: "Was ist mit Kontinuität gemeint? Damit sind wir wieder beim Selbst und beim Körpergedächtnis angelangt. Jede Kunst stammt aus der Erinnerung. Wichtig ist, dass sie an die Gegenwart angebunden ist, denn sonst verliert sie sich in Vergangenheit." Dem kann man nur zustimmen.

Insgesamt bietet diese Jubiläumsausstellung keine ganz "große" Kunst. Dennoch lohnt sich ein Rundgang durch die beiden Hallen unbedingt. Der Besucher sieht Arbeiten, die schon durch ihre Ehrlichkeit überzeugen: es gibt keine Exponate, die sich in einer bloßen Attitüde erschöpfen. An manchen Stellen wird man verweilen und zu seiner eigenen Überraschung in einen Kunst-Raum hineingezogen werden, in dem sich Empfindungen einstellen, die man noch nicht kannte.

Max Lorenzen

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