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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 6
Unser Land ist an einem Scheideweg angelangt, nicht nur an einem wirtschaftlichen, es geht auch um den Fortbestand der Kulturnation Deutschland. „Theaterland ist abgebrannt“ hieß der jüngste, zum länderübergreifenden Protest aufrufende Slogan des Deutschen Bühnenvereins. Der neueste Hilferuf kommt aus Castrop Rauxel. Dieser Landesbühne in NRW droht 2004 an ihrem siebzigsten Geburtstag der Konkurs. Von den Sparplänen der Regierung Steinbrück sind aber auch Neuss, Detmold und Dinslaken betroffen. Seit 10 Jahren, mit der Schließung des Schillertheaters in Berlin, greift der Flächenbrand unaufhaltsam, Bundesland für Bundesland, nach den Theatern, Schillers „moralische Anstalten“ werden sukzessive abgewickelt. Waren 1993 Uneinsichtigkeit und Blauäugigkeit bei vielen Intendanten mit verantwortlich für den Angriff der Politiker, so hat sich die Lage heute nach 10 Jahren deutlich verändert.
Intendanten stellen sich dem Ernst der Lage, sparen wo sie können, reduzieren den Personalbestand ihrer Häuser bis an Grenzen der Machbarkeit, gigantische, kostenschluckende Einzelprojekte werden auf Eis gelegt.
In diesen Zeiten wagen wir ein Faust-Doppelprojekt. Hybris in Marburg? Ganz sicher nicht, denn unsere Stärken liegen nicht in teuren Materialschlachten sondern in inhaltlich frischen, lebendigen Lese- und Spielweisen. Wir frönen nicht dem Zeitgeist, besser der Mode, Theater permanent mit anderen Medien aufzubrechen oder zu verschmelzen. Wir befragen die alte Geschichte von Dr. Faust auf Analogien, auf Goethesche Ansprüche, die zum Teil weiter gingen als die unseren heute. Wir erzählen die Geschichte eines Menschen, der die Enge dieser Welt aufzubrechen sucht, hinter das Geheimnis menschlicher Unvollkommenheit steigen und letztlich diese Unvollkommenheit überwinden will. Da kommt ihm der Teufel als Partner gerade recht. Dieser gibt vor, aus der Sphäre des Erdgeistes zu kommen, lockt damit den Faust, der eben in diese Sphäre gelangen wollte und will. Junker Satan ist aber „nur“ der polare Partner des „Herrn“. Faust’s Skepsis in der Paktszene wird bestätigt: Dieser Mephistofeles hält Versuchungen parat, die Faust /Goethe gar nicht interessieren, es muss zum Desaster kommen (Faust I). Diese Geschichte spannend zu erzählen braucht es keinen optischen Aufwand, sondern intelligente Schauspieler, die diese Geschichte, sinnlich nachvollziehbar, spielerisch umsetzen können.

Faust I
Übrigens, weil es immer heißt - Faust - das Lesedrama: wir sind über die Proben, das Spielen, zu den Inhalten vorgedrungen. Goethes Prinzip der Polarisierung, sein gegensätzliches Denken erschließt sich aber eher im Spiel als beim Lesen - fanden wir.
Goethe-Freunden ist bekannt, dass Faust II als Opern-Libretto gedacht war. Mozart wäre der ideale Komponist gewesen, die Zeitgenossen Meierbeer und Zelter waren im Gespräch.
Heute daraus eine Rockoper zu bauen, bei Verwendung von etwa fünf Prozent des gewaltigen Textkonvoluts, ist ein Wagnis. Viele an Theater interessierte Menschen halten Faust II - auch nach Peter Stein - immer noch für unspielbar. Wenn aber unser Spectaculum mit seinen vielen einprägsamen Bildeinfällen (Regie Manfred Gorr, Ausstattung Frank Chamier) junge Leute neugierig macht, vielleicht provoziert, sich mit diesem gewaltigen Stück deutscher Nationalliteratur auseinanderzusetzen, sprich, es - mit dem Bildmaterial der Rockoper im Hinterkopf - einfach mal zu lesen, dann ist uns viel gelungen.
Bildungsnotstand in Deutschland hat viele Ursachen, wachsendes Desinteresse gepaart mit oberflächlichem Bedürfnis nach greller Unterhaltung ist eine der schlimmsten. Wir wissen das alle, aber wir kriegen die Wurzeln nicht gepackt, sie sitzen tief im Humus des wachsenden Identitätsverlustes unserer Gesellschaft.
Jahrzehntelange falsche Wertorientierungen - nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge, sondern sein materieller Verrechnungsfaktor (selber ist er ja nur 40 Schilling wert/Kreisler) - haben uns in dieses schlimme Fahrwasser gebracht. An dieser Stelle ist der Ruf nach der moralischen Anstalt Theater absolut gerechtfertigt. Hier ist auch der „Faust“ richtig. Goethes polarisierende Frage im „Prolog im Himmel“, ob es sich bei den Menschen um den „kleinen Gott auf Erden“ oder einen jämmerlichen Erdenwurm, dem die Vernunft eher eine Last ist, handelt - stellt sich doch gerade jetzt. Oder wir entdecken über den pantheistischen Goethe, dass diese Fragestellung gar nicht stimmt und brechen mit Faust in den Ruf nach dem Erdgeist aus...
Wie auch immer, all das können wir nur mit großer Phantasie, mit spielerisch trainierten Hirnen, offenen Herzen im Theater erleben, diskutieren, streiten. Unser „Faust“ - Projekt ist in diesem Sinne ein Angebot.

Faust II - als Rockoper
Zurück zum Anfang: Die Fettlebe unserer Gesellschaft ist unweigerlich zu Ende, auch das haben heute die meisten von uns begriffen, aber daß Schließungen von Theatern, Museen und Bibliotheken, die Alternative, die logische Folge sein sollen, ist ein fataler Irrtum. Wenn sich unsere Gesellschaft neu definieren will, andere als materielle Werte in’s Zentrum rücken will, Glück nicht mehr Raffen heißen soll - dann braucht sie gerade diese Institutionen als Überlebensmittel.
Die Politiker in NRW zählen Theater offensichtlich zu den abzubauenden Fettanteilen, sie werden aber damit keine schlanke Gesellschaft erhalten, sondern eine stumpfe, stumpf im Kopf, stumpf im Herzen.
Die Signale in Hessen klingen im Moment eher vernünftig. Vielleicht haben die Damen und Herren in Wiesbaden ja begriffen, daß wirtschaftliche Stabiliät eines Bundeslandes nicht durch geistige Destabilisierung zu haben ist ...