Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 6


 

Johann Gottfried Herder - Eine Biografie (Auszüge)

von Robert Matthees

"Denn Herder saß nicht wie ein literarischer Großinquisitor zu Gericht über die
verschiedenen Nationen, und verdammte oder absolvierte sie nach dem Grade ihres
Glaubens. Nein, Herder betrachtete die ganze Menschheit als große Harfe in der Hand
des großen Meisters, jedes Volk dünkte ihm eine besonders gestimmte Saite dieser
Riesenharfe, und er begriff die Universal-Harmonie ihrer verschiedenen Klänge."

Heinrich Heine

 

Johann Gottfried von Herder wurde am 25. August 1744 in der kleinen Stadt Mohrungen - im preußischen Oberland östlich der Weichsel – geboren. Er studierte u.a. in Königsberg, wo er bei Immanuel Kant Vorlesungen über Astronomie, Logik, Metaphysik, Moralphilosophie, Mathematik und physische Geografie besuchte. In den Humanitätsbriefen schrieb er:

"Ich habe das Glück gehabt, einen Philosophen zu kennen, der mein Lehrer war. Er in seinen blühendsten Jahren hatte die fröhliche Munterkeit eines Jünglings. - Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude; die gedankenreichste Rede floß von seinen Lippen; Schmerz und Witz und Laune standen ihm zu Gebote, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang. Mit eben dem Geist, mit dem er Leibnitz, Wolff, Baumgarten, Crusius, Hume prüfte und die Naturgesetze Keplers, Newtons, der Physiker verfolgte, nahm er auch die damals erscheinenden Schriften Rousseaus, seinen Emil und seine Heloise, sowie jede ihm bekannt gewordene Neuentdeckung auf, würdigte sie und kam immer wieder zurück auf unbefangene Kenntnis der Natur und auf moralischen Wert des Menschen.
Menschen-, Völker-, Naturgeschichte, Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus denen er seinen Vortrag und Umgang belebte; nichts Wissenswürdiges war ihm gleichgültig; keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein Namenehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken. Despotismus war seinem Gemüt fremd. Dieser Mann, den ich mit größter Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist Immanuel Kant: sein Bild steht angenehm vor mir."

Durch seine Bekanntschaft mit dem Kaufmann Johann Zuckerbecker gelangte der protestantische Geistliche zur Bruderschaft der Freimaurer. Im Juni 1766 verpflichtete er sich in der Rigaer Loge "Zum Schwert" zur Ausübung der Humanität und wurde als Lehrling in den Bund aufgenommen. Trotz seiner Anfangs eher passiven Mitgliedschaft, vermochte es Herder, den Geist der Bruderschaft nachhaltig zu prägen. Als Freimaurermeister der Loge "Amalia" und Illuminat, wirkte er u.a. in Weimar durch seine Mitarbeit an Schröders Reform der Freimaurerrituale, bei der hauptsächlich die Hochgrade abgeflacht wurden.

Am 17. Mai 1769 hielt Herder in Riga eine Abschiedspredigt, in der er über sein Leben als Prediger berichtete:

"Ich habe es also für meine erste Pflicht gehalten, den wahren Gesichtspunkt zu finden, in welchem ich das Amt, da mir dasselbe von meiner Obrigkeit aufgetragen wurde, führen wollte: und da hoffe ich mit Freuden sagen zu können: Ich habe nicht Bequemlichkeit, oder gute Tage, oder Rangstellen, oder Goldgruben an meinem Stande begehret, Herr, das weißt Du. Denn m.Z. wenn so niedrige Gesichtspunkte und Triebfedern jeden Stand entehren können, so entehren sie den Stand, der die reinsten Absichten, der die geläutertsten Grundtriebe zu Handeln haben sollte, doppelt. So angelegentlich die Bestrebung eines Predigers ist, eben solche niedrige Leidenschaften aus der Seele der Menschen wegzuschaffen: so nötig es bei diesem Stande, wie bei keinem ist, die Möglichkeit und Schönheit solcher geläuterten Seelen selbst an seiner eigenen Seele, in seinem eigenen Leben, an seinem eigenen Stande zu zeigen: desto ärgerlicher wird das Verfahren des Gegenteils, und es ist wahrhaftig ein Unglück für einen Ort, ein wahrer Verlust für die Menschheit und ein Schade für die gute Sache der Religion, wo Priester die Ersten sind, ihre Warnungen gegen das Laster des Eigennutzes, des Stolzes und der bequemlichen Unnützigkeit durch ihr Beispiel selbst zu wiederlegen, und eben die Beweggründe zu Grundpfeilern ihres heiligen Amts zu machen, die sie an andren strafen. - Nein! m.Z., keiner von allen diesen Beweggründen war der meinige; sondern ein Wort zu pflanzen, das menschliche Seelen glücklich machen könne. Das ist doch einmal gewiß, daß es eine Reihe von Wahrheiten gibt und geben muß, die für uns Menschen den Grund unserer Glückseeligkeit enthalten... -
Meine meisten und liebsten Predigten, m.Z., sind also auch menschlich gewesen. Von dem zu Reden, was unsre wahre Bestimmung hier in diesem und in einem andren Zustande sei: die eigentliche herrliche Natur des Menschen, zu der ihn sein Gott geschaffen, mit allen ihren Vorzügen ins Licht zu setzen: ins Licht zu setzen, wie sehr wir unser Glück bauen, wenn wir den Anlagen unserer Natur treu bleiben, unsre Vernunft und Gewissen herrschend in uns machen, keine unsrer Pflichten und Bestimmungen verkennen, in jeder Tätigkeit der Seele vollkommen werden, und bloß dadurch Anspruch auf Glückseligkeit haben, wenn wir vor Gott und unsrem Gewissen in allem Umfange unsrer Bestimmung und Pflicht, mit aller Redlichkeit des Herzens und aller Wirksamkeit das sind, was wir sein sollen... Wenn ich mich nicht in dunkle und subtile Fragen, nicht in unbegriffliche Geheimnisse, nicht in geweihte Grübeleien verloren: wenn ich immer die Seiten wählte, die der menschlichen Seite zunächst vorliegen, die das menschliche Herz zuerst, und am stärksten und tiefsten zu treffen pflegten, wenn ich gerne auch eine menschliche Sprache zu reden mich befliß - so hatte dies alles keine anderen Gründe und Absichten, als ein würdiger Lehrer der Menschheit zu werden. Ich weiß, daß diesen Gesichtspunkt nicht alle von meinen Zuhörern, insonderheit die, die mich, wie die Taube Noahs so einmal besuchten, um ein Ölblatt, um ein Wort abzubrechen, um es zu ihren Zwecken anzuwenden, getroffen haben. Ich weiß, daß manche die Güte gehabt, mich für einen Weltweisen in schwarzen Kleidern zu halten, der wohl nicht als Theologe predige, sondern dessen Lehren ganz in ein ander Feld, auf das Katheder, oder in das Cabinett gelehrter Leute, nicht aber auf Vorstadt-Kanzeln gehörten. Allein diese Zuhörer haben zu vorteilhaft von mir geurteilt. Das, was ich auf Kanzeln und vor Altären vorgetragen, ist nie etwas weniger, als Gelehrsamkeit, es sind immer wichtige menschliche Lehren und Angelegenheiten gewesen. Ich habe sie nie gelehrt, sondern immer menschlich, mit der ganzen Sprache meines Herzens und meiner Teilnehmung vorgetragen, ich habe immer aus einer gefühlvollen Brust, und wie einer, der für die gute Sache der Menschheit eifert, geredet."

Auf einer Schiffsreise begann Johann Gottfried ein Reisetagebuch voller Ideen und Visionen zu führen, welches zwar zuerst anonym veröffentlicht wurde, allerdings später mit als sein bekanntestes Werk und frühes Manifest des Sturm und Drang gelten wird - das "Journal meiner Reise im Jahr 1769". Zu Beginn des Textes offenbart er selbstkritisch die Beweggründe seines Abschieds aus Riga:

"Ich gefiel mir nicht, als Gesellschafter, weder in dem Kraise, da ich war; noch in der Ausschließung, die ich mir gegeben hatte. Ich gefiel mir nicht als Schullehrer, die Sphäre war für mich zu enge, zu fremde zu unpassend, und ich für meine Sphäre zu weit, zu fremde, zu beschäftigt. Ich gefiel mir nicht, als Bürger, da meine häusliche Lebensart Einschränkungen, wenig wesentliche Nutzbarkeiten, und eine faule, oft ekle Ruhe hatte. Am wenigsten endlich als Autor, wo ich ein Gerücht erregt hatte, das meinem Stande eben so nachtheilig, als meiner Person empfindlich war. Alles also war mir zuwider. Muth und Kräfte gnug hatte ich nicht, alle diese Mißsituationen zu zerstören, und mich ganz in eine andre Laufbahn hinein zu schwingen. Ich musste also reisen: und da ich an der Möglichkeit hiezu verweilte, so schleunig übertäubend, und fast abentheuerlich reisen, als ich konnte."

Er ärgerte sich über seine Irrungen während des Studiums: "ei! Wenn du die Bibliothek beßer genutzt hättest? ... Gott! was verliert man, in gewissen Jahren, die man nie wieder zurückhaben kann, durch gewaltsame Leidenschaften, durch Leichtsinn, durch Hinreißung in die Welt des Hazards." Er träumte sich als "Philosoph auf dem Schiffe ... unter einem Maste auf dem weiten Ocean sitzend, über Himmel, Sonne, Sterne, Mond, Luft, Wind, Meer, Regen, Strom, Fisch, Seegrund philosophieren, und die Physik alles dessen, aus sich herausfinden zu können." und zeichnet seine künftigen Aufgaben: "Welche grosse Geschichte, um die Literatur zu studieren, in ihren Ursprüngen, in ihrer Fortpflanzung, in ihrer Revolution, bis jetzt! Alsdenn aus den Sitten Amerika's, Africa's und einer neuen südlichen Welt, beßer als Ihre, den Zustand der künftigen Literatur und Weltgeschichte zu weißsagen! ... Welch ein Werk über das Menschliche Geschlecht! ... Universalgeschichte der Bildung der Welt!"; er beabsichtigte die "Provinz der Barbarei und des Luxus, der Unwißenheit, und eines angemaaßten Geschmacks, der Freiheit und der Sklaven" zu reformieren, um "Cultur und Freiheit auszubreiten".

Nur einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass er den zweiundzwanzigjährigen Jurastudenten Johann Wolfgang Goethe kennen lernte und die wohlmöglich fruchtbarste Konstellation für die Deutsche Literatur zustande kam. Auch Goethe hat dies empfunden, wie der Bericht des über Sechzigjährigen im zehnten Buch von "Dichtung und Wahrheit" anschaulich zu erkennen gibt:

"Das bedeutenste Ereignis, was die wichtigsten Folgen für mich haben sollte, war die Bekanntschaft und die daran sich knüpfende nähere Verbindung mit Herder. Er hatte den Prinzen von Holstein-Eutin, der sich in traurigen Gemütszustand befand, auf Reisen begleitet und war mit ihm bis Straßburg gekommen. Unsere Sozietät, sobald sie seine Gegenwart vernahm, trug ein größeres Verlangen, sich ihm zu nähern, und mir begegnete dieses Glück zuerst ganz unvermutet und zufällig. Ich war nämlich in den Gasthof 'Zum Geist' gegangen, ich weiß nicht, welchen bedeutenden Fremden aufzusuchen. Gleich unten an der Treppe fand ich einen Mann, der eben auch hinaufzusteigen im Begriff war und den ich für einen Geistlichen halten konnte. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, das schwarze Kleid bezeichnete ihn gleichfalls, mehr noch aber ein langer schwarzer seidener Mantel, dessen Ende er zusammengenommen und in die Tasche gesteckt hatte. Dieses einigermaßen auffallende, aber doch im ganzen galante und gefällige Wesen, wovon ich schon hatte sprechen hören, ließ mich keineswegs zweifeln, daß es der berühmte Ankömmling sei, und meine Anrede mußte ihn sogleich überzeugen, daß ich ihn kenne. Er fragte nach meinem Namen, der ihm von keiner Bedeutung sein konnte; allein meine Offenheit schien ihm zu gefallen, indem er sie mit großer Freundlichkeit erwiderte und, als wir die Treppe hinaufstiegen, sich sogleich zu einer lebhaften Mitteilung bereitfinden ließ. Es ist mir entfallen, wen wir damals besuchten; genug, beim Scheiden bat ich mir die Erlaubnis aus, ihn bei sich zu sehen, die er mir denn auch freundlich genug erteilte. Ich versäumte nicht, mich dieser Vergünstigung wiederholt zu bedienen, und ward immer mehr von ihm angezogen. Er hatte etwas Weiches in seinem Betragen, das sehr schicklich und anständig war, ohne daß es eigentlich adrett gewesen wäre. Ein rundes Gesicht, eine bedeutende Stirn, eine etwas stumpfe Nase, einen etwas aufgeworfenen, aber höchst individuell angenehmen, liebeswürdigen Mund. Unter schwarzen Augenbrauen ein Paar kohlschwarze Augen, die ihre Wirkung nicht verfehlten, obgleich das eine rot und entzündet zu sein pflegte. Durch mannigfaltige Fragen suchte er sich mit mir und meinem Zustand bekannt zu machen, und seine Anziehungskraft wirke immer stärker auf mich. Ich war überhaupt sehr zutraulicher Natur, und vor ihm besonders hatte ich gar kein Geheimnis...
Herder war nun, vom Prinzen getrennt, in ein eigenes Quartier gezogen; der Entschluß war gefaßt, sich durch Lobstein operieren zu lassen. Hier kamen mir jene Übungen gut zustatten, durch die ich meine Empfindlichkeit abzustumpfen versucht hatte; ich konnte der Operation beiwohnen und einem so werten Manne auf mancherlei Weise dienstlich und behilflich sein. Hier fand ich nun alle Ursache, seine große Standhaftigkeit und Geduld zu bewundern: denn weder bei den vielfachen chirurgischen Verwundungen noch bei dem oftmals wiederholten schmerzlichen Verbande bewies er sich im mindesten verdreißlich, und er schien derjenige von uns zu sein, der am wenigsten litt; aber in der Zwischenzeit hatten wir freilich den Wechsel seiner Laune vielfach zu ertragen...
Herder konnte allerliebst einnehmend und geistreich sein, aber ebenso leicht eine verdreißliche Seite hervorkehren. Dieses Anziehen und Abstoßen haben zwar alle Menschen ihrer Natur nach, einige mehr, einige weniger, einige in langsameren, andere in schnelleren Pulsen; wenige können ihre Eigenschaften hierin wirklich bezwingen, viele zum Schein. Was Herdern betrifft, so schrieb sich das Übergewicht seines wiedersprechenden, bittern, und bissigen Humors gewiß von seinem Übel und den daraus entspringenden Leiden her...
Die ganze Zeit dieser Kur besuchte ich Herdern morgens und abends; ich blieb auch wohl ganze Tage bei ihm und gewöhnte mich in kurzem um so mehr an sein Schelten und Tadeln, als ich seine schönen und großen Eigenschaften, seine ausgebreiteten Kenntnisse, seine tiefen Einsichten täglich mehr schätzen lernte. Die Entwicklung dieses gemütlichen Polterers war groß und bedeutend. Er hatte fünf Jahre mehr als ich, welches in jüngeren Tagen schon einen großen Unterschied macht; und da ich ihn für das anerkenne, was er war, da ich dasjenige zu schätzen suchte, was er schon geleistet hatte, so mußte er eine große Superiorität über mich gewinnen. Aber behaglich war der Zustand nicht; denn ältere Personen, mit denen ich bisher umgegangen, hatten mich mit Schonung zu bilden gesucht, vielleicht auch durch Nachgiebigkeit verzogen; von Herdern aber konnte man niemals eine Billigung erwarten, man mochte sich anstellen, wie man wollte. Indem nun also auf der einen Seite meine große Neigung und Verehrung für ihn auf der anderen das Mißbehagen, das er in mir erweckte, beständig miteinander im Streit lagen, so entstand ein Zwiespalt in mir, der erste seiner Art, den ich in meinem Leben empfunden hatte. Da seine Gespräche jederzeit bedeutend waren, er mochte fragen, antworten oder sich sonst auf eine Weise mitteilen, so mußte er mich zu neuen Ansichten täglich, ja stündlich befördern."

Sein Hauptvermächtnis sind die "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" - ein Opus magnum, welches eine Gesamtschau von den kosmologischen Ursprüngen bis zur neueren Zeit der Welt beinhaltet. Das universalhistorische Werk reflektiert fast den gesamten Wissensstand seiner Zeit - dargestellt am Leitbild der Humanität:

"Ich wünschte, daß ich in das Wort Humanität alles fassen könnte, was ich bisher über des Menschen edle Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feineren Sinnen und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt habe; denn der Mensch hat kein edleres Wort für seine Bestimmung, als Er selbst ist, in dem das Bild des Schöpfers unserer Erde, wie es hier sichtbar werden konnte, abgedrückt lebt... Der größte Teil der Menschen ist Tier; zur Humanität hat er bloß die Fähigkeit auf die Welt gebracht, und sie muß ihn durch Mühe und Fleiß erst angebildet werden. Wie wenigen ist es nun auf die rechte Weise angebildet worden, und auch bei den Besten, wie fein und zart ist die ihnen aufgepflanzte göttliche Blume!
Lebenslang will das Tier über den Menschen herrschen, und die meisten lassen es nach gefallen regieren... Humanität ist der Zweck der Menschennatur, und Gott hat unserem Geschlecht mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben... Betrachten wir die Menschheit, wie wir sie kennen, nach den Gesetzen, die in ihr liegen, so kennen wir nichts Höheres, als Humanität im Menschen; denn selbst wenn wir uns Engel oder Götter denken, denken wir sie uns nur als idealistische, höhere Menschen... Alle tote Materie, alle Geschlechter der Lebendigen, die der Instinkt führt, sind seit der Schöpfung geblieben, was sie waren; den Menschen machte Gott zu einem Gott auf Erden, er legte das Prinzipium eigener Wirksamkeit in ihn und setzte solches durch innere und äußere Bedürfnisse seiner Natur von Anfange an in Bewegung. Der Mensch konnte nicht leben und sich erhalten, wenn er nicht Vernunft brauchen lernte; sobald er diese brauchte, war ihm freilich die Pforte zu tausend Irrtümern und Fehlversuchen, eben aber auch und selbst durch diese Irrtümer und Fehlversuche der Weg zum besseren Gebrauch der Vernunft eröffnet. Je schneller er seine Fehler erkennen lernt, mit je rüstigerer Kraft er darauf geht, sie zu bessern, desto weiter kommt er, desto mehr bildet sich seine Humanität; und er muß sie ausbilden oder Jahrhunderte durch unter der Last eigener Schulden ächzen... Allenthaben ist die Menschheit das, was sie aus sich machen konnte, was sie zu werden Lust und Kraft hatte... Vom Anfange des Lebens an scheint unsere Seele nur ein Werk zu haben, inwendige Gestalt, Form der Humanität zu gewinnen und sich in ihr, wie der Körper in der seinigen, gesund und froh zu fühlen... Es wird in uns (ohne Schwärmerei zu reden) ein innerer Mensch gebildet, der seiner eigenen Natur ist und den Körper nur als Werkzeug gebraucht...
Unsere Humanität ist nur Vorübung, die Knospe zu einer zukünftigen Blume. Wir sahen, daß der Zweck unseres jetzigen Daseins auf Bildung der Humanität gerichtet sei, der alle niedrigen Bedürfnisse nur dienen und selbst zu ihr führen sollen. Unsere Vernunftfähigkeit soll zur Vernunft, unsere feineren Sinne zur Kunst, unsere Triebe zur echten Freiheit und Schöne, unsere Bewegungskräfte zur Menschenliebe gebildet werden. Entweder wissen wir nichts von unserer Bestimmung und die Gottheit täuschte uns mit allen ihren Anlagen von innen und außen (welche Lästerung auch nicht einmal einen Sinn hat), oder wir können dieses Zwecks so sicher sein, als Gottes und unseres Daseins. Und wie selten wird dieser ewige, dieser unendliche Zweck hier erreicht. Bei ganzen Völkern liegt die Vernunft unter der Tierheit gefangen, das Wahre wird auf den irresten Wegen gesucht und die Schönheit und Aufrichtigkeit, zu der uns Gott erschuf, durch Vernachlässigung und Ruchlosigkeit verderbt. Bei wenigen Menschen ist die gottähnliche Humanität im reinen und weiten Umfange des Worts eigentliches Studium des Lebens; die meisten fangen zu spät an, daran zu denken, und auch bei den Besten ziehen niedrige Triebe den erhabenen Menschen zum Tier hinunter. Wer unter den Sterblichen kann sagen, daß er das reine Bild der Menschheit, das in ihm liegt, erreiche oder erreicht habe? Es ist befremdend und doch unleugbar, daß unter allen Erdbewohnern das menschliche Geschlecht dem Ziel seiner Bestimmung am meisten fernbleibt. Jedes Tier erreicht, was es in seiner Organisation erreichen soll. Der einzige Mensch erreicht's nicht, eben weil sein Ziel so hoch, so weit, so unendlich ist und er auf unserer Erde so tief, so spät, mit so viel Hindernissen von außen und innen anfängt...
Man würde also (wie es auch viele getan haben) die Vorsehung anklagen müssen, daß sie den Menschen so nah ans Tier grenzen lassen und ihm, da er dennoch nicht Tier sein sollte, den Grad von Licht, Festigkeit und Sicherheit versagt habe, der seiner Vernunft statt des Instinkts hätte dienen können; oder dieser dürftige Anfang ist eben seines unendlichen Fortgangs Zeuge. Der Mensch soll sich nämlich diesen Grad des Lichts und der Sicherheit durch Übung selbst erwerben, damit er unter der Leitung seines Vaters ein edler Freier durch eigene Bemühung werde, und er wird's werden. Auch der Menschenähnliche wird Mensch sein; auch die durch Kälte und Sonnenbrand erstarrte und verdorrte Knospe der Humanität wird aufblühen zu ihrer wahren Gestalt, zu ihrer eigentlichen und ganzenSchönheit. Und so können wir auch leicht ahnen, was aus unserer Menschheit allein in jene Welt übergehen kann; es ist eben diese gottähnliche Humanität, die verschlossene Knospe der wahren Gestalt der Menschheit. Alles Notdürftige dieser Erde ist nur für sie; wir lassen den Kalk unserer Gebeine den Steinen und geben den Elementen das Ihrige wieder. Alle sinnlichen Triebe, in denen wir wie die Tiere der irdischen Haushaltung dienten, haben ihr Werk vollbracht. Sie sollten dem Menschen die Veranlassung edlerer Gesinnungen und Bemühungen werden, und damit ist ihr Werk vollendet. Das Bedürfnis zur Nahrung sollte ihn zur Arbeit, zur Gesellschaft, zum Gehorsam gegen Gesetz und Einrichtung erwecken und ihn unter ein heilsames, der Erde unentbehrliches Joch fesseln. Der Trieb der Geschlechter sollte Geselligkeit, väterliche, ehrliche, kindliche Liebe auch in die harte Brust des Unmenschen pflanzen und schwere, langwierige Bemühungen für sein Geschlecht ihm angenehm machen, weil er sie ja für die Seinen, für sein Fleisch und Blut übernehme. Solche Absicht hatte die Natur bei allen Bedürfnissen der Erde, jedes derselben sollte eine Mutterhülle sein, in der ein Keim der Humanität sproßte. Glücklich, wenn er gesproßt ist; er wird unter dem Strahl einer schöneren Sonne Blüte werden... Hoffe also, o Mensch und weissage nicht; der Preis ist dir vorgesteckt, um den kämpfe! Wirf ab, was unmenschlich ist, strebe nach Wahrheit, Güte und gottesähnlicher Schönheit, so kannst du deines Zieles nicht verfehlen."

Am 18. Dezember 1803 verstarb sein Körper - sein Geist jedoch wird ewig weiterleben.

Weitere Details aus Herders Leben, Texte, Bilder & Co. sind auf der Gedenkseite http://www.johann-gottfried-herder.de/ zu finden.

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