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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 6
"Denn Herder saß nicht wie ein literarischer
Großinquisitor zu Gericht über die
verschiedenen Nationen, und verdammte oder absolvierte
sie nach dem Grade ihres
Glaubens. Nein, Herder betrachtete die ganze Menschheit
als große Harfe in der Hand
des großen Meisters, jedes Volk dünkte ihm eine
besonders gestimmte Saite dieser
Riesenharfe, und er begriff die Universal-Harmonie
ihrer verschiedenen Klänge."
Heinrich Heine
Johann Gottfried von Herder wurde am 25. August 1744 in der kleinen Stadt Mohrungen - im preußischen Oberland östlich der Weichsel – geboren. Er studierte u.a. in Königsberg, wo er bei Immanuel Kant Vorlesungen über Astronomie, Logik, Metaphysik, Moralphilosophie, Mathematik und physische Geografie besuchte. In den Humanitätsbriefen schrieb er:
"Ich habe das Glück gehabt,
einen Philosophen zu kennen, der mein
Lehrer war. Er in seinen blühendsten Jahren hatte die
fröhliche Munterkeit eines Jünglings. - Seine
offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz
unzerstörbarer Heiterkeit und Freude; die
gedankenreichste Rede floß von seinen Lippen; Schmerz und
Witz und Laune standen ihm zu
Gebote, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste
Umgang. Mit eben dem Geist, mit dem er
Leibnitz, Wolff, Baumgarten, Crusius, Hume prüfte und die
Naturgesetze Keplers, Newtons, der
Physiker verfolgte, nahm er auch die damals erscheinenden
Schriften Rousseaus, seinen Emil und
seine Heloise, sowie jede ihm bekannt gewordene
Neuentdeckung auf, würdigte sie und kam immer
wieder zurück auf unbefangene Kenntnis der Natur und auf
moralischen Wert des Menschen.
Menschen-, Völker-, Naturgeschichte, Naturlehre,
Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus
denen er seinen Vortrag und Umgang belebte; nichts
Wissenswürdiges war ihm gleichgültig; keine
Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein Namenehrgeiz hatte
je für ihn den mindesten Reiz gegen die
Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf
und zwang angenehm zum Selbstdenken.
Despotismus war seinem Gemüt fremd. Dieser Mann, den ich
mit größter Dankbarkeit und
Hochachtung nenne, ist Immanuel Kant: sein Bild steht
angenehm vor mir."
Durch seine Bekanntschaft mit dem Kaufmann Johann Zuckerbecker gelangte der protestantische Geistliche zur Bruderschaft der Freimaurer. Im Juni 1766 verpflichtete er sich in der Rigaer Loge "Zum Schwert" zur Ausübung der Humanität und wurde als Lehrling in den Bund aufgenommen. Trotz seiner Anfangs eher passiven Mitgliedschaft, vermochte es Herder, den Geist der Bruderschaft nachhaltig zu prägen. Als Freimaurermeister der Loge "Amalia" und Illuminat, wirkte er u.a. in Weimar durch seine Mitarbeit an Schröders Reform der Freimaurerrituale, bei der hauptsächlich die Hochgrade abgeflacht wurden.
Am 17. Mai 1769 hielt Herder in Riga eine Abschiedspredigt, in der er über sein Leben als Prediger berichtete:
"Ich habe es also für meine erste Pflicht
gehalten, den wahren Gesichtspunkt zu finden, in
welchem ich das Amt, da mir dasselbe von meiner Obrigkeit
aufgetragen wurde, führen wollte: und da
hoffe ich mit Freuden sagen zu können: Ich habe nicht
Bequemlichkeit, oder gute Tage, oder
Rangstellen, oder Goldgruben an meinem Stande begehret,
Herr, das weißt Du. Denn m.Z. wenn so
niedrige Gesichtspunkte und Triebfedern jeden Stand
entehren können, so entehren sie den Stand,
der die reinsten Absichten, der die geläutertsten
Grundtriebe zu Handeln haben sollte, doppelt. So
angelegentlich die Bestrebung eines Predigers ist, eben
solche niedrige Leidenschaften aus der Seele
der Menschen wegzuschaffen: so nötig es bei diesem Stande,
wie bei keinem ist, die Möglichkeit und
Schönheit solcher geläuterten Seelen selbst an seiner
eigenen Seele, in seinem eigenen Leben, an
seinem eigenen Stande zu zeigen: desto ärgerlicher wird
das Verfahren des Gegenteils, und es ist
wahrhaftig ein Unglück für einen Ort, ein wahrer Verlust
für die Menschheit und ein Schade für die
gute Sache der Religion, wo Priester die Ersten sind, ihre
Warnungen gegen das Laster des
Eigennutzes, des Stolzes und der bequemlichen Unnützigkeit
durch ihr Beispiel selbst zu wiederlegen,
und eben die Beweggründe zu Grundpfeilern ihres heiligen
Amts zu machen, die sie an andren
strafen. - Nein! m.Z., keiner von allen diesen
Beweggründen war der meinige; sondern ein Wort zu
pflanzen, das menschliche Seelen glücklich machen könne.
Das ist doch einmal gewiß, daß es eine
Reihe von Wahrheiten gibt und geben muß, die für uns
Menschen den Grund unserer Glückseeligkeit
enthalten... -
Meine meisten und liebsten Predigten, m.Z.,
sind also auch menschlich gewesen. Von
dem zu Reden, was unsre wahre Bestimmung hier in diesem
und in einem andren Zustande sei: die
eigentliche herrliche Natur des Menschen, zu der ihn sein
Gott geschaffen, mit allen ihren Vorzügen
ins Licht zu setzen: ins Licht zu setzen, wie sehr wir
unser Glück bauen, wenn wir den Anlagen
unserer Natur treu bleiben, unsre Vernunft und Gewissen
herrschend in uns machen, keine unsrer
Pflichten und Bestimmungen verkennen, in jeder Tätigkeit
der Seele vollkommen werden, und bloß
dadurch Anspruch auf Glückseligkeit haben, wenn wir vor
Gott und unsrem Gewissen in allem
Umfange unsrer Bestimmung und Pflicht, mit aller
Redlichkeit des Herzens und aller Wirksamkeit das
sind, was wir sein sollen... Wenn ich mich nicht in dunkle
und subtile Fragen, nicht in unbegriffliche
Geheimnisse, nicht in geweihte Grübeleien verloren: wenn
ich immer die Seiten wählte, die der
menschlichen Seite zunächst vorliegen, die das menschliche
Herz zuerst, und am stärksten und
tiefsten zu treffen pflegten, wenn ich gerne auch eine
menschliche Sprache zu reden mich befliß - so
hatte dies alles keine anderen Gründe und Absichten, als
ein würdiger Lehrer der Menschheit zu
werden. Ich weiß, daß diesen Gesichtspunkt nicht alle von
meinen Zuhörern, insonderheit die, die
mich, wie die Taube Noahs so einmal besuchten, um ein
Ölblatt, um ein Wort abzubrechen, um es zu
ihren Zwecken anzuwenden, getroffen haben. Ich weiß, daß
manche die Güte gehabt, mich für einen
Weltweisen in schwarzen Kleidern zu halten, der wohl nicht
als Theologe predige, sondern dessen
Lehren ganz in ein ander Feld, auf das Katheder, oder in
das Cabinett gelehrter Leute, nicht aber auf
Vorstadt-Kanzeln gehörten. Allein diese Zuhörer haben zu
vorteilhaft von mir geurteilt. Das, was ich
auf Kanzeln und vor Altären vorgetragen, ist nie etwas
weniger, als Gelehrsamkeit, es sind immer
wichtige menschliche Lehren und Angelegenheiten gewesen.
Ich habe sie nie gelehrt, sondern immer
menschlich, mit der ganzen Sprache meines Herzens und
meiner Teilnehmung vorgetragen, ich habe
immer aus einer gefühlvollen Brust, und wie einer, der für
die gute Sache der Menschheit eifert,
geredet."
Auf einer Schiffsreise begann Johann Gottfried ein Reisetagebuch voller Ideen und Visionen zu führen, welches zwar zuerst anonym veröffentlicht wurde, allerdings später mit als sein bekanntestes Werk und frühes Manifest des Sturm und Drang gelten wird - das "Journal meiner Reise im Jahr 1769". Zu Beginn des Textes offenbart er selbstkritisch die Beweggründe seines Abschieds aus Riga:
"Ich gefiel mir nicht, als Gesellschafter, weder in dem Kraise, da ich war; noch in der Ausschließung, die ich mir gegeben hatte. Ich gefiel mir nicht als Schullehrer, die Sphäre war für mich zu enge, zu fremde zu unpassend, und ich für meine Sphäre zu weit, zu fremde, zu beschäftigt. Ich gefiel mir nicht, als Bürger, da meine häusliche Lebensart Einschränkungen, wenig wesentliche Nutzbarkeiten, und eine faule, oft ekle Ruhe hatte. Am wenigsten endlich als Autor, wo ich ein Gerücht erregt hatte, das meinem Stande eben so nachtheilig, als meiner Person empfindlich war. Alles also war mir zuwider. Muth und Kräfte gnug hatte ich nicht, alle diese Mißsituationen zu zerstören, und mich ganz in eine andre Laufbahn hinein zu schwingen. Ich musste also reisen: und da ich an der Möglichkeit hiezu verweilte, so schleunig übertäubend, und fast abentheuerlich reisen, als ich konnte."
Er ärgerte sich über seine Irrungen während des Studiums: "ei! Wenn du die Bibliothek beßer genutzt hättest? ... Gott! was verliert man, in gewissen Jahren, die man nie wieder zurückhaben kann, durch gewaltsame Leidenschaften, durch Leichtsinn, durch Hinreißung in die Welt des Hazards." Er träumte sich als "Philosoph auf dem Schiffe ... unter einem Maste auf dem weiten Ocean sitzend, über Himmel, Sonne, Sterne, Mond, Luft, Wind, Meer, Regen, Strom, Fisch, Seegrund philosophieren, und die Physik alles dessen, aus sich herausfinden zu können." und zeichnet seine künftigen Aufgaben: "Welche grosse Geschichte, um die Literatur zu studieren, in ihren Ursprüngen, in ihrer Fortpflanzung, in ihrer Revolution, bis jetzt! Alsdenn aus den Sitten Amerika's, Africa's und einer neuen südlichen Welt, beßer als Ihre, den Zustand der künftigen Literatur und Weltgeschichte zu weißsagen! ... Welch ein Werk über das Menschliche Geschlecht! ... Universalgeschichte der Bildung der Welt!"; er beabsichtigte die "Provinz der Barbarei und des Luxus, der Unwißenheit, und eines angemaaßten Geschmacks, der Freiheit und der Sklaven" zu reformieren, um "Cultur und Freiheit auszubreiten".
Nur einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass er den zweiundzwanzigjährigen Jurastudenten Johann Wolfgang Goethe kennen lernte und die wohlmöglich fruchtbarste Konstellation für die Deutsche Literatur zustande kam. Auch Goethe hat dies empfunden, wie der Bericht des über Sechzigjährigen im zehnten Buch von "Dichtung und Wahrheit" anschaulich zu erkennen gibt:
"Das
bedeutenste Ereignis, was die wichtigsten Folgen für mich
haben sollte, war die Bekanntschaft und die
daran sich knüpfende nähere Verbindung mit Herder. Er
hatte den Prinzen von Holstein-Eutin, der
sich in traurigen Gemütszustand befand, auf Reisen
begleitet und war mit ihm bis Straßburg
gekommen. Unsere Sozietät, sobald sie seine Gegenwart
vernahm, trug ein größeres Verlangen, sich
ihm zu nähern, und mir begegnete dieses Glück zuerst ganz
unvermutet und zufällig. Ich war nämlich
in den Gasthof 'Zum Geist' gegangen, ich weiß nicht,
welchen bedeutenden Fremden aufzusuchen.
Gleich unten an der Treppe fand ich einen Mann, der eben
auch hinaufzusteigen im Begriff war und
den ich für einen Geistlichen halten konnte. Sein
gepudertes Haar war in eine runde Locke
aufgesteckt, das schwarze Kleid bezeichnete ihn
gleichfalls, mehr noch aber ein langer schwarzer
seidener Mantel, dessen Ende er zusammengenommen und in
die Tasche gesteckt hatte. Dieses
einigermaßen auffallende, aber doch im ganzen galante und
gefällige Wesen, wovon ich schon hatte
sprechen hören, ließ mich keineswegs zweifeln, daß es der
berühmte Ankömmling sei, und meine
Anrede mußte ihn sogleich überzeugen, daß ich ihn kenne.
Er fragte nach meinem Namen, der ihm
von keiner Bedeutung sein konnte; allein meine Offenheit
schien ihm zu gefallen, indem er sie mit
großer Freundlichkeit erwiderte und, als wir die Treppe
hinaufstiegen, sich sogleich zu einer lebhaften
Mitteilung bereitfinden ließ. Es ist mir entfallen, wen
wir damals besuchten; genug, beim Scheiden bat
ich mir die Erlaubnis aus, ihn bei sich zu sehen, die er
mir denn auch freundlich genug erteilte. Ich
versäumte nicht, mich dieser Vergünstigung wiederholt zu
bedienen, und ward immer mehr von ihm
angezogen. Er hatte etwas Weiches in seinem Betragen, das
sehr schicklich und anständig war, ohne
daß es eigentlich adrett gewesen wäre. Ein rundes Gesicht,
eine bedeutende Stirn, eine etwas
stumpfe Nase, einen etwas aufgeworfenen, aber höchst
individuell angenehmen, liebeswürdigen
Mund. Unter schwarzen Augenbrauen ein Paar kohlschwarze
Augen, die ihre Wirkung nicht
verfehlten, obgleich das eine rot und entzündet zu sein
pflegte. Durch mannigfaltige Fragen suchte er
sich mit mir und meinem Zustand bekannt zu machen, und
seine Anziehungskraft wirke immer stärker
auf mich. Ich war überhaupt sehr zutraulicher Natur, und
vor ihm besonders hatte ich gar kein
Geheimnis...
Herder war nun, vom Prinzen getrennt, in ein
eigenes Quartier gezogen; der Entschluß
war gefaßt, sich durch Lobstein operieren zu lassen. Hier
kamen mir jene Übungen gut zustatten,
durch die ich meine Empfindlichkeit abzustumpfen versucht
hatte; ich konnte der Operation
beiwohnen und einem so werten Manne auf mancherlei Weise
dienstlich und behilflich sein. Hier fand
ich nun alle Ursache, seine große Standhaftigkeit und
Geduld zu bewundern: denn weder bei den
vielfachen chirurgischen Verwundungen noch bei dem oftmals
wiederholten schmerzlichen Verbande
bewies er sich im mindesten verdreißlich, und er schien
derjenige von uns zu sein, der am wenigsten
litt; aber in der Zwischenzeit hatten wir freilich den
Wechsel seiner Laune vielfach zu ertragen...
Herder konnte allerliebst einnehmend und geistreich sein,
aber ebenso leicht eine verdreißliche Seite
hervorkehren. Dieses Anziehen und Abstoßen haben zwar alle
Menschen ihrer Natur nach, einige
mehr, einige weniger, einige in langsameren, andere in
schnelleren Pulsen; wenige können ihre
Eigenschaften hierin wirklich bezwingen, viele zum Schein.
Was Herdern betrifft, so schrieb sich das
Übergewicht seines wiedersprechenden, bittern, und
bissigen Humors gewiß von seinem Übel und
den daraus entspringenden Leiden her...
Die ganze Zeit
dieser Kur besuchte ich Herdern morgens
und abends; ich blieb auch wohl ganze Tage bei ihm und
gewöhnte mich in kurzem um so mehr an
sein Schelten und Tadeln, als ich seine schönen und großen
Eigenschaften, seine ausgebreiteten
Kenntnisse, seine tiefen Einsichten täglich mehr schätzen
lernte. Die Entwicklung dieses gemütlichen
Polterers war groß und bedeutend. Er hatte fünf Jahre mehr
als ich, welches in jüngeren Tagen schon
einen großen Unterschied macht; und da ich ihn für das
anerkenne, was er war, da ich dasjenige zu
schätzen suchte, was er schon geleistet hatte, so mußte er
eine große Superiorität über mich
gewinnen. Aber behaglich war der Zustand nicht; denn
ältere Personen, mit denen ich bisher
umgegangen, hatten mich mit Schonung zu bilden gesucht,
vielleicht auch durch Nachgiebigkeit
verzogen; von Herdern aber konnte man niemals eine
Billigung erwarten, man mochte sich anstellen,
wie man wollte. Indem nun also auf der einen Seite meine
große Neigung und Verehrung für ihn auf
der anderen das Mißbehagen, das er in mir erweckte,
beständig miteinander im Streit lagen, so
entstand ein Zwiespalt in mir, der erste seiner Art, den
ich in meinem Leben empfunden hatte. Da
seine Gespräche jederzeit bedeutend waren, er mochte
fragen, antworten oder sich sonst auf eine
Weise mitteilen, so mußte er mich zu neuen Ansichten
täglich, ja stündlich befördern."
Sein Hauptvermächtnis sind die "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" - ein Opus magnum, welches eine Gesamtschau von den kosmologischen Ursprüngen bis zur neueren Zeit der Welt beinhaltet. Das universalhistorische Werk reflektiert fast den gesamten Wissensstand seiner Zeit - dargestellt am Leitbild der Humanität:
"Ich wünschte,
daß ich in das Wort Humanität alles fassen
könnte, was ich bisher über des Menschen edle Bildung zur
Vernunft und Freiheit, zu feineren Sinnen
und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur
Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt
habe; denn der Mensch hat kein edleres Wort für seine
Bestimmung, als Er selbst ist, in dem das Bild
des Schöpfers unserer Erde, wie es hier sichtbar werden
konnte, abgedrückt lebt... Der größte Teil der
Menschen ist Tier; zur Humanität hat er bloß die Fähigkeit
auf die Welt gebracht, und sie muß ihn
durch Mühe und Fleiß erst angebildet werden. Wie wenigen
ist es nun auf die rechte Weise angebildet
worden, und auch bei den Besten, wie fein und zart ist die
ihnen aufgepflanzte göttliche Blume!
Lebenslang will das Tier über den Menschen herrschen, und
die meisten lassen es nach gefallen
regieren... Humanität ist der Zweck der Menschennatur, und
Gott hat unserem Geschlecht mit diesem
Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben...
Betrachten wir die Menschheit, wie wir sie
kennen, nach den Gesetzen, die in ihr liegen, so kennen
wir nichts Höheres, als Humanität im
Menschen; denn selbst wenn wir uns Engel oder Götter
denken, denken wir sie uns nur als
idealistische, höhere Menschen... Alle tote Materie, alle
Geschlechter der Lebendigen, die der Instinkt
führt, sind seit der Schöpfung geblieben, was sie waren;
den Menschen machte Gott zu einem Gott
auf Erden, er legte das Prinzipium eigener Wirksamkeit in
ihn und setzte solches durch innere und
äußere Bedürfnisse seiner Natur von Anfange an in
Bewegung. Der Mensch konnte nicht leben und
sich erhalten, wenn er nicht Vernunft brauchen lernte;
sobald er diese brauchte, war ihm freilich die
Pforte zu tausend Irrtümern und Fehlversuchen, eben aber
auch und selbst durch diese Irrtümer und
Fehlversuche der Weg zum besseren Gebrauch der Vernunft
eröffnet. Je schneller er seine Fehler
erkennen lernt, mit je rüstigerer Kraft er darauf geht,
sie zu bessern, desto weiter kommt er, desto
mehr bildet sich seine Humanität; und er muß sie ausbilden
oder Jahrhunderte durch unter der Last
eigener Schulden ächzen... Allenthaben ist die Menschheit
das, was sie aus sich machen konnte, was
sie zu werden Lust und Kraft hatte... Vom Anfange des
Lebens an scheint unsere Seele nur ein Werk
zu haben, inwendige Gestalt, Form der Humanität zu
gewinnen und sich in ihr, wie der Körper in der
seinigen, gesund und froh zu fühlen... Es wird in uns
(ohne Schwärmerei zu reden) ein innerer
Mensch gebildet, der seiner eigenen Natur ist und den
Körper nur als Werkzeug gebraucht...
Unsere
Humanität ist nur Vorübung, die Knospe zu einer
zukünftigen Blume. Wir sahen, daß der Zweck
unseres jetzigen Daseins auf Bildung der Humanität
gerichtet sei, der alle niedrigen Bedürfnisse nur
dienen und selbst zu ihr führen sollen. Unsere
Vernunftfähigkeit soll zur Vernunft, unsere feineren
Sinne zur Kunst, unsere Triebe zur echten Freiheit und
Schöne, unsere Bewegungskräfte zur
Menschenliebe gebildet werden. Entweder wissen wir nichts
von unserer Bestimmung und die Gottheit
täuschte uns mit allen ihren Anlagen von innen und außen
(welche Lästerung auch nicht einmal einen
Sinn hat), oder wir können dieses Zwecks so sicher sein,
als Gottes und unseres Daseins. Und wie
selten wird dieser ewige, dieser unendliche Zweck hier
erreicht. Bei ganzen Völkern liegt die Vernunft
unter der Tierheit gefangen, das Wahre wird auf den
irresten Wegen gesucht und die Schönheit und
Aufrichtigkeit, zu der uns Gott erschuf, durch
Vernachlässigung und Ruchlosigkeit verderbt. Bei
wenigen Menschen ist die gottähnliche Humanität im reinen
und weiten Umfange des Worts
eigentliches Studium des Lebens; die meisten fangen zu
spät an, daran zu denken, und auch bei den
Besten ziehen niedrige Triebe den erhabenen Menschen zum
Tier hinunter. Wer unter den
Sterblichen kann sagen, daß er das reine Bild der
Menschheit, das in ihm liegt, erreiche oder erreicht
habe? Es ist befremdend und doch unleugbar, daß unter
allen Erdbewohnern das menschliche
Geschlecht dem Ziel seiner Bestimmung am meisten
fernbleibt. Jedes Tier erreicht, was es in seiner
Organisation erreichen soll. Der einzige Mensch erreicht's
nicht, eben weil sein Ziel so hoch, so weit,
so unendlich ist und er auf unserer Erde so tief, so spät,
mit so viel Hindernissen von außen und innen
anfängt...
Man würde also (wie es auch viele getan haben)
die Vorsehung anklagen müssen, daß sie
den Menschen so nah ans Tier grenzen lassen und ihm, da er
dennoch nicht Tier sein sollte, den
Grad von Licht, Festigkeit und Sicherheit versagt habe,
der seiner Vernunft statt des Instinkts hätte
dienen können; oder dieser dürftige Anfang ist eben seines
unendlichen Fortgangs Zeuge. Der
Mensch soll sich nämlich diesen Grad des Lichts und der
Sicherheit durch Übung selbst erwerben,
damit er unter der Leitung seines Vaters ein edler Freier
durch eigene Bemühung werde, und er wird's
werden. Auch der Menschenähnliche wird Mensch sein; auch
die durch Kälte und Sonnenbrand
erstarrte und verdorrte Knospe der Humanität wird
aufblühen zu ihrer wahren Gestalt, zu ihrer
eigentlichen und ganzenSchönheit. Und so können wir auch
leicht ahnen, was aus unserer
Menschheit allein in jene Welt übergehen kann; es ist eben
diese gottähnliche Humanität, die
verschlossene Knospe der wahren Gestalt der Menschheit.
Alles Notdürftige dieser Erde ist nur für
sie; wir lassen den Kalk unserer Gebeine den Steinen und
geben den Elementen das Ihrige wieder.
Alle sinnlichen Triebe, in denen wir wie die Tiere der
irdischen Haushaltung dienten, haben ihr Werk
vollbracht. Sie sollten dem Menschen die Veranlassung
edlerer Gesinnungen und Bemühungen
werden, und damit ist ihr Werk vollendet. Das Bedürfnis
zur Nahrung sollte ihn zur Arbeit, zur
Gesellschaft, zum Gehorsam gegen Gesetz und Einrichtung
erwecken und ihn unter ein heilsames,
der Erde unentbehrliches Joch fesseln. Der Trieb der
Geschlechter sollte Geselligkeit, väterliche,
ehrliche, kindliche Liebe auch in die harte Brust des
Unmenschen pflanzen und schwere, langwierige
Bemühungen für sein Geschlecht ihm angenehm machen, weil
er sie ja für die Seinen, für sein Fleisch
und Blut übernehme. Solche Absicht hatte die Natur bei
allen Bedürfnissen der Erde, jedes derselben
sollte eine Mutterhülle sein, in der ein Keim der
Humanität sproßte. Glücklich, wenn er gesproßt ist; er
wird unter dem Strahl einer schöneren Sonne Blüte
werden... Hoffe also, o Mensch und weissage
nicht; der Preis ist dir vorgesteckt, um den kämpfe! Wirf
ab, was unmenschlich ist, strebe nach
Wahrheit, Güte und gottesähnlicher Schönheit, so kannst du
deines Zieles nicht verfehlen."
Am 18. Dezember 1803 verstarb sein Körper - sein Geist jedoch wird ewig weiterleben.
Weitere Details aus Herders Leben, Texte, Bilder & Co. sind auf der Gedenkseite http://www.johann-gottfried-herder.de/ zu finden.