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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 1
Marburger Forum: Frau Baezner, Sie waren bis vor kurzem die Präsidentin von Exit, der Vereinigung für Humanes Sterben in der Deutschen Schweiz. Bevor wir von Ihrer Tätigkeit in dieser Organisation sprechen, möchten wir Ihnen einige persönliche Fragen stellen. Würden Sie uns sagen, woher Sie stammen und welchen beruflichen Werdegang Sie eingeschlagen haben?
Elke Baezner: Schulzeit in Rottweil, eine bis nach dem Krieg sehr katholische Kleinstadt in Südschwaben, dann Studium der Germanistik und Romanistik in Heidelberg und Mannheim. Nach einem kurzen Interim an einem Aufbaugymnasium in Baden-Württemberg Abberufung an das neu gegründete Staatliche Institut für Spätausgesiedelte Abiturienten in Duisburg (heute "Eichendorff-Institut" in Geilenkirchen /NRW). Eine fachlich und menschlich anspruchsvolle Pionierarbeit mit jungen Erwachsenen, die ich fast 10 Jahre lang ausübte. Danach wieder in den "normalen" Schulalltag zurückzukehren kam nicht mehr in Frage, sodass ich, inzwischen in der Schweiz lebend, frei und bereit war, mich anderweitig zu engagieren. Die Mitarbeit in der Praxis meines Mannes, Chirurg in Genf, vermittelte mir für die Diskussion um Fremd- und Selbstbestimmung des Patienten aus der täglichen Anschauung die Argumente v.a. aus ärztlicher Sich, was für meine spätere Tätigkeit durchaus hilfreich war.

MF: Wann wurden Sie zuerst mit der Problematik der Sterbehilfe konfrontiert? Gibt es persönliche Erlebnisse, die hierfür entscheidend waren?
Elke Baezner: Persönliche Erlebnisse im familiären Umkreis gaben bei mir wie bei den meisten Mitgliedern von Sterbehilfe-Organisationen den Anstoss zur Auseinandersetzung mit Fragen zu Tod und Sterben. Hilflos, machtlos mit ansehen zu müssen, wie geliebte Menschen entsetzlich leiden, hoffnungslos auf den Tod hin leiden, und die Ärzte dem Sterbenden Morphium verweigern mit der Begründung, er könne ja abhängig werden – das weckte schon früh die Revolte in mir.
Immerhin : Dank der Erfahrungen in der Palliativpflege, die Dame Cicely Saunders in England zum ersten Mal systematisierte, hat auch auf dem Kontinent langsam ein Umdenken stattgefunden . Die Ärzte heute wissen mit Schmerz- und Betäubungsmitteln umzugehen und scheuen sich i.a. weniger, sie auch einzusetzen, ja, in der deutschen Krankenpflege soll man wegen der unangenehmen Nebenwirkungen von Morphium bereits mit Heroin arbeiten : Das versetze die Schwerkranken in einen euphorischen Zustand – mit dem anderen Nebeneffekt, dass Bitten um Freitodhilfe offenbar seltener ausgesprochen werden.
MF: Fragen wir ruhig gleich zu Beginn nach Ihrer persönlichen Einstellung zum Leben und zum Tod. Was ist Ihnen in Ihrem Leben besonders wichtig - und in welcher Form sollte, wenn es nach Ihren Wünschen ginge, sein Ende eintreten?
Elke Baezner: Grenz-Erfahrungen, und besonders diejenigen, die unser Leben begrenzen, Geborenwerden und Sterben, entziehen sich unserer Vorstellungskraft. Das eigene Ab-Sterben, das Nicht-mehr-sein lässt sich vielleicht in seinen philosophischen Dimensionen angehen, aber praktisch wehrt sich doch unser Innerstes gegen diese Idee.
Der Tod erfolgt ja in drei Etappen, die sich überlappen können : es beginnt mit dem Rückzug aus dem sozialen Gefüge, das soziale Sterben also. Der nächste Schritt, oft physisch bedingt und verstärkt durch den fortschreitenden Mangel an Kommunikations-Möglichkeiten, wenn die Sicht, das Gehör nachlassen, wenn die Einordnungs-Raster für Gehörtes oder Gesehenes sich verlangsamen oder verwirren, wenn das Interesse für dieses kompliziert gewordene Umfeld verschwindet : das geistige Sterben. Und schliesslich das Absterben der Körper-Funktionen.
Der Leidensdruck verstärkt sich mit dem zeitlichen Abstand zwischen diesen Phasen und in Abhängigkeit vom Anspruchsniveau des Menschen an sich und seine Umwelt. Natürlich würde ich mir wünschen, bei klarem Verstand , "heiteren Sinnes" und noch selbst handlungsfähig diese Welt verlassen zu können.
Wie viel Leiden, körperlicher und/oder psychischer Art, wir aushalten, wir bereit sind, angesichts des sicheren Todes auf uns zu nehmen, hängt von uns, unserem Charakter, unserem eigenen Erlebten, aber auch von unserer Umwelt ab, vom Verhalten unserer Bezugspersonen. Dafür kann es keine allgemein gültigen Normen geben, und niemand darf sich anmassen, seine persönlichen Kriterien einem anderen aufzuzwingen. Es genügt eben nicht, wie wir von der Palliativ-Pflege manchmal hören, zu sagen, "Ich akzeptiere, ich liebe Dich, auch in Deinem Elend, in Deinem unleugbaren Zerfall – aber als Gegenleistung quasi bist Du verpflichtet, dieses Elend, diesen Zerfall auch auszuhalten bis zum Schluss". Wer so spricht, argumentiert aus der unreflektierten Position des Lebenden heraus, aus einer Art wohlwollender, aber unwissender Arroganz des Starken dem Schwachen gegenüber.
MF: Kann man sagen, dass für Sie die Vorstellung eines sinnvollen Lebens die Möglichkeit eines selbstbestimmten Todes mitumfasst, "Sinn" also auch den Sterbeprozess und den Tod gerade nicht ausklammert?
Elke Baezner: Manchmal beneide ich die Menschen, die sich mit den überlieferten Gewissheiten ihrer Religion begnügen, die die Sinn-Frage ihrer Existenz bis zum Ende aus der Religion beantworten können. "Der Weg ist der Sinn", sagen die Zen-Buddhisten. Mag sein. Die ständige Suche nach Weg und Sinn, wenigstens nach meinem Weg und meinem Sinn, ist eine dauernde Herausforderung, erscheint mir jedenfalls trotz aller Gefahren für mich richtiger, wenn auch unbequemer als das Ausruhen auf allgemein gültigen Antworten. Für mich leitet sich Selbstbestimmung im Leben wie im Sterben daraus geradezu als Notwendigkeit, als Pflicht ab, und folgerichtig übernehme ich alleine auch die Verantwortung für mein Tun. Dass ich dabei, gerade was mein Sterben anbelangt, niemand in Gefahr bringe, niemand bewusst schade, ist selbstverständlicher Teil dieser Verantwortung.
MF: Wann sind Sie zu Exit gekommen - und wie wurden Sie schließlich Präsidentin dieser Organisation?
Elke Baezner: 1986 erfuhr ich durch eine Informations-Wurfsendung von EXIT ADMD Suisse romande an alle niedergelassenen Ärzte im Kanton Genf von der Existenz dieser damals vier Jahre alten Vereinigung. Ihre Forderungen nach Selbstverantwortung und Selbstbestimmung, ihre Ablehnung jeder Fremdbestimmung angesichts des nahen Todes entsprachen meiner eigenen Überzeugung, sodass ich mich für eine aktive Teilnahme zur Verfügung stellte und kurz darauf in den Vorstand aufgenommen wurde. Zu meinen Aufgaben gehörte es u.a., die brachliegenden Kontakte zur grossen deutsch-sprachigen Schwester-Organisation wieder herzustellen. Mit dem Erfolg, dass ich 1992 in deren Vorstand und 1998 als Präsidentin von EXIT Deutsche Schweiz gewählt wurde.
MF: Wir haben vor kurzer Zeit ein Gespräch mit dem Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, Herrn Dr. Kurt Schobert, sowie der Pressesprecherin der DGHS, Susanne Dehmel, geführt. Ihnen ist natürlich bekannt, dass gerade in der ersten Phase der DGHS Probleme mit hochrangigen Mitgliedern auftauchten, deren Verhalten nicht nur dieser Organisation, sondern insgesamt der Idee des Verfügungsrechts über den eigenen Tod sehr geschadet hat. Ist ein solcher Missbrauch bei Exit auszuschließen?
Elke Baezner: Es liegt fast zwangsläufig in der Natur der Sache, dass Fragen zu Extrem-Situationen u.a. auch Extremisten aller Couleur anziehen. Dagegen ist auch EXIT nicht gefeit, und die Suche nach adäquaten Lösungen gleicht immer einer Gratwanderung. Die EXIT-Leitung befand sich immer im Kreuzfeuer der Vorwürfe : Das konservative Lager warf uns wie der ganzen RtD-Bewegung unbotmässige Ansprüche des Individuums vor, das sich aufzulehnen wagt gegen die alt hergebrachten hierarchischen Strukturen. Die EXIT-Basis wiederum bezichtigte uns der Laschheit, verbunden mit der Forderung, für eine radikale, totale Liberalisierung der Selbstbestimmung auf dem Gebiet der Freitodhilfe zu sorgen, ohne Rücksicht auf die praktische Durchsetzbarkeit, auf die herrschende Rechtslage, auf berechtigte Schutzansprüche der betroffenen Familien z.B.
Auch hartnäckigen Versuchen, die zahlreichen Anfragen um Freitodhilfe zu kommerzialisieren, z.B. über eine zahlbare Telephonberatung, musste ein Riegel vorgeschoben werden. Die EXIT-Leitung spaltete sich in zwei Lager, zerbrach fast daran, die Presse ergötzte sich weidlich an diesem unwürdigen Schauspiel, und der Schaden, den der Ruf der Vereinigung dabei nahm, ist heute noch spürbar.
Was ist richtig, was falsch ? "Truth is the daughter of time", sagt das englische Sprichwort. Ich persönlich fühle mich immer noch, nicht dem Buchstaben, aber dem Geist der EXIT-Gründer verpflichtet. Sie haben eine Bewegung in Gang gebracht, die in ihrer Bedeutung durchaus mit der Einführung des Frauenstimmrechtes oder der Möglichkeit der legalen Abtreibung unter bestimmten Bedingung verglichen werden kann. Was uns heute schon fast selbstverständlich anmutet, worüber man heute offen sprechen kann, war damals, vor über 20 Jahren, noch ein absolutes Tabu, eine rechte Provokation, eine Ungeheuerlichkeit.
Diesen Mut zur berechtigten , zur notwendigen Provokation mit dem Ziel , ein Menschenrecht endlich durchzusetzen, müssen wir auch heute aufbringen, aber immer verbunden mit der nötigen taktischen Klugheit, mit dem Auge für den richtigen Zeitpunkt, für die politischen Verhältnisse. Wir dürfen den Gegnern auf keinen Fall billige Vorwände liefern, um einer Grundsatzdebatte auf allen Ebenen und letztlich einer gesetzlichen Verankerung noch länger aus zuweichen.
MF: Geben Sie uns bitte einen Einblick in die Organisationsstruktur von Exit. Wie viele Mitglieder gibt es?
Elke Baezner: Die inneren Machtkämpfe hatten auch etwas Gutes : Der damals 14-köpfige Vorstand, geteilt in ein aktives und ein passives Gremium und zu Spaltungen geradezu prädestiniert, wurde auf eine schlanke Führung durch 5 bis max. 7 Personen gesund geschrumpft. Jedes Vorstands-Mitglied ist heute für ein Ressort und das notwendige Budget verantwortlich und legt darüber den VS-Kollegen und der Generalversammlung regelmässig Rechenschaft ab.
So ist z.Zt. der amtierende Präsident gleichzeitig Leiter der Freitodhilfe und damit auch für die Führung und Ausbildung des Teams der Freitodbegleiter verantwortlich. Es gibt ein Ressort Kommunikation, eines für die Finanzen und eines für Rechtsfragen. Die neue Frau im Vorstand steht vorerst für Sonderaufgaben zur Verfügung und arbeitet sich in die internationalen Beziehungen ein.
Den ganzen Verwaltungsbereich haben wir aus der Vorstandsarbeit ausgegliedert ; er wird im Interesse der Kontinuität von einem Team qualifizierter Angestellter unter der Leitung eines ausgewiesenen Fachmannes bestens erledigt. Schliesslich haben die heute etwa 50 000 Mitglieder von EXIT Deutsche Schweiz (die fast 10 000 Mitglieder von EXIT Suisse romande nicht gerechnet ) Anspruch auf eine professionelle Betreuung.
Die drei-köpfige Geschäftsprüfungs-Kommission überwacht die sinngemässe Umsetzung der Beschlüsse der Generalversammlung. Und eine unabhängige Ethik-Kommission wird beigezogen, wenn Zweifel auftauchen im Zusammenhang mit einer geplanten Freitodbegleitung. Sie arbeitet z.Zt. aber auch an einem Grundsatzpapier zur Frage der Freitodhilfe bei psychisch Kranken, unter Mithilfe von eminenten Spezialisten.
MF: Welche Aufgaben hatten Sie als Präsidentin?
Elke Baezner: Im Präsidentenamt laufen alle Fäden zusammen, alle relevanten Informationen müssen ihm zur Verfügung stehen, damit der Präsident/die Präsidentin, im Zweifelsfall als Zünglein an der Waage, die richtigen Entscheidungen treffen kann. Dazu musste ich erst einmal die strukturelle Basis mit klaren Verantwortungsbereichen schaffen und diese durch korrekte Arbeitsverträge, Stellenbeschreibungen und Pflichtenhefte zementieren.
Das geht nicht ohne eine solide Vertrauensbasis. Die war schwer angeschlagen auf und zwischen allen Ebenen, sodass ich viel Energie und meinen ganzen persönlichen Einsatz aufbringen musste, um einerseits durch geeignete Massnahmen bis hin zum Ausschluss aus der Organisation alte Störenfriede an ihren Platz zu verweisen, andererseits nach innen und nach aussen befriedend zu wirken. Es ging darum, zuerst einmal die Bereitschaft für ein gegenseitiges Verständnis zu wecken, um Vertrauen zu schaffen und ein positives Arbeitsklima : Durch Transparenz, klare Kompetenz-Zuweisungen und einen geregelten gegenseitigen Informationsaustausch, durch Einführung von Normen und Standards, gelang das auch. Jedes Mitglied, jeder Mitarbeiter intern, aber auch Journalisten, allgemeine Interessenten wie auch Gegner sollten jederzeit über präzise Informationen verfügen.
Dazu trugen wesentlich auch die monatlichen Informations-Veranstaltungen für Mitglieder und Interessierte bei, die wir in allen grösseren und mittleren Städten der Schweiz durchgeführt haben. Ein Marathon, der sich lohnte.
Die Pflege der Kontakte zwischen den beiden Schweizer wie auch zu den europäischen und internationalen RtD-Vereinigungen oblag im Wesentlichen ebenfalls mir.
Und wegen Platzmangel musste auch noch ein Haus gekauft, umgebaut und dorthin umgezogen werden, ein Programm, das ohne die kompetente und effiziente Leitung der Administration nicht zu bewältigen gewesen wäre.
Aber ein Präsident muss mehr sein als primus inter pares, von ihm müssen Impulse ausgehen, die in die Zukunft weisen : ich liess eine Standortbestimmung ausarbeiten als Basis für das neue Leitbild, das heute noch gilt, das aber auch jederzeit neuen Bedingungen angepasst werden kann.
MF: Würden Sie sagen, dass sich seit Beginn Ihrer Präsidentschaft die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber dem Problemkreis der Sterbehilfe geändert hat?
Elke Baezner: Unsere gemeinsam getragene Politik der Information und Transparenz, gepaart mit einer ausgezeichneten Stellenbesetzung und dem neu gewonnenen Zusammenhalt im Vorstand und in den anderen Gremien haben Früchte getragen : Die manchmal geradezu unflätige Polemik seitens gewisser Medien ist heute einer sachlicheren, eher wohlwollenden Berichterstattung gewichen, wodurch in der breiten Öffentlichkeit ein positiveres Bild und letztlich eine bessere Akzeptanz unserer Ziele entstand..
Die Zusammenarbeit mit den Justiz- und Polizei-Behörden, besonders im Kanton Zürich, ist dank des intensiven und mutigen Einsatzes von Pfr Kriesi, unserem Leiter der Freitodhilfe, ganz erheblich besser geworden. Es konnte z.B. abgeklärt werden, welche Dokumente von EXIT vorgelegt werden müssen, was angemessen ist, welche Grenzen auch die Behörden einzuhalten haben. Das ging bis hin zu einer Art Verhaltenskodex sowohl unserer Freitodbegleiter als auch der einvernehmenden Polizeibeamten.
Heute, nach über 20 Jahren seiner Existenz, ist EXIT unumgänglicher Ansprechpartner für Wissenschaftler, Ärzte und Juristen geworden und hat Einsitz in der Ethik-Kommission des Bundesamtes für Polizei und Justiz. Bleibt zu hoffen, dass die Übernahme dieser Bundesbehörde durch den neugewählten Bundesrat Christoph Blocher daran nichts ändert.
MF: Wie verhält es sich in dieser Hinsicht mit den Politikern, Juristen, Ärzten und den Kirchen in der Schweiz ?
Elke Baezner: Die Politiker, so meine ich, haben den Bürgern, und nicht die Bürger der Politik zu dienen. Damit dem nun schon seit Jahren geäusserten Willen der Bevölkerung im Hinblick auf die Sterbe- und Freitodhilfe endlich das gebührende Gewicht verliehen wird, versuchen die EXIT-Verantwortlichen in der deutschen Schweiz wie in der Romandie, die Vertreter der Politik vermehrt für unser Anliegen zu gewinnen, was eine vermehrte Information voraussetzt.
Die Schweizer Juristen standen von Anfang an der Forderung nach Selbstbestimmung offen gegenüber, ja, unser erster Präsident war selbst ein bekannter Züricher Rechtsanwalt. Einer seiner Nachfolger, Prof. Dr. med. M. Schär, hatte es da schon viel schwerer mit seinen Standesvertretern, wobei allerdings zu bemerken ist, dass die Basis der niedergelassenen Ärzte die offizielle Standespolitik immer weniger unterstützt.
Immerhin hat die Ethik-Kommission der Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften im Januar 2002 in der Schweizer Ärztezeitung den folgenden Kommentar veröffentlicht "Im Gegensatz zu ihrer früheren Position geht die SAMW heute davon aus, dass die Beihilfe zum Suizid in gewissen Situationen auch zur ärztlichen Tätigkeit gehören kann...".
Dagegen hält der Widerstand der Kirchenvertreter in der Schweiz gegen jede Art von Sterbehilfe, aus welchen Gründen auch immer, nach wie vor an. Bestenfalls ist ein gewisses Verständnis für den Sterbewilligen spürbar und die Hoffnung, dass dank eines veränderten Gottesbildes – weg vom strafenden, richtenden hin zu einem liebenden, verzeihenden Gott die arme Seele gerettet wird.
MF: Auch an Sie die Frage: Warum ist es in Deutschland so viel schwerer, diese Berufsverbände und die Kirchen zu einem Umdenken zu bewegen? Der nationalsozialistische Euthanasie-Missbrauch reicht doch zur Begründung nicht mehr aus. Sehen Sie vielleicht immerhin langsam Ansätze zu einer veränderten Einstellung auch in Deutschland?
Elke Baezner: Mein über 20-jähriger Aufenthalt in der Schweiz wie auch die geographische Entfernung haben mich den aktuellen politischen Realitäten in Deutschland etwas entfernt, sodass ich mich zu dieser Frage nicht äussern mag.
Es ist aber traurig, dass der nationalsozialistische Missbrauch allein schon des Euthanasie-Begriffes heute noch, in der Schweiz wie anderswo, wider besseres Wissen als Vorwand ins Feld geführt wird, wenn man negative Emotionen wecken statt eine sachliche Debatte führen will.
Der freie, autonom gefällte, wiederholt ernsthaft und vor Zeugen geäusserte Wunsch einer urteilsfähigen erwachsenen Person, über die Art und den Zeitpunkt ihres Sterbens selber zu bestimmen, aus kontrollierbaren und nachvollziehbaren Gründen, ist doch das genaue Gegenteil dessen, was in den Konzentrationslagern und psychiatrischen Kliniken geschah.
MF: Was kann und sollte man tun, um den europäischen Umdenkungsprozess - der in der Schweiz, den Niederlanden und Belgien besonders weit gediehen ist -, zu fördern?
Elke Baezner: Wider den "Untertanengeist" wirken, auf allen Ebenen, mit allen Mitteln. Es ist sicher kein Zufall, dass gerade die Schweiz mit ihrer jahrhundertealten Ausübung der direkten Demokratie eine grössere Toleranz an den Tag legt in Selbstbestimmungsfragen als Deutschland oder Frankreich, von Italien oder Österreich ganz zu schweigen. So blieb der aus dem Jahre 1918 stammende Gesetzestext bis heute gültig, auch wenn der Grund für diesen Text (Suizid zur Ehrenrettung) mit der heutigen Anwendung nichts zu tun hat.
MF: Im letzten Exit-Info-Heft liest man: "Mitglieder, die nicht an einer Krankheit leiden, die in absehbarer Zeit zum Tod führt, deren Gesundheitszustand aber so schlecht ist, dass sie in einer Weiterexistenz keinen Sinn mehr sehen, werden schon heute von Exit begleitet. Der betroffene Mensch - und nur er allein - soll darüber entscheiden, wann sein Leben für ihn zur "unerträglichen", respektive "unzumutbaren" Belastung wird. Damit macht Exit bewusst einen konsequenten Schritt weg von der Sterbehilfe hin zur Freitodhilfe."
So logisch und wünschenswert mir scheint, was hier steht - was halten Sie den Gegnern einer solchen Entwicklung, die das sogenannte "Dammbruchargument" ins Spiel bringen würden, entgegen?
Elke Baezner: Die einzige, die beste Waffe gegen "Dammbrüche" jeder Art ist m.E. die Erziehung der Bürger zu verantwortungsbewussten, anständigen Menschen, die der Autoritätsgläubigkeit der vergangenen Jahrhunderte einen wachen, kritischen, aber auch selbstkritischen Geist entgegensetzen. Menschen also, die – bei allem gebotenen Respekt vor den Opfern und Leistungen unserer Eltern und Grosseltern – gelernt haben, mit ihrem eigenen Kopf zu denken und danach zu handeln. Das Recht auf diese Freiheit ist ein Privileg unserer Zeit, aber diesem Recht steht eine Fülle von neuen Verantwortungen gegenüber. Auch das gilt es zu lernen.
Eigentlich ist dieses neue Menschenbild nur das logische Spiegelbild des neuen Gottesbildes der Christen.
Zum Dammbruch, der die Gegner der Sterbehilfe ängstigt, ist folgendes zu sagen . Die Anzahl der Freitodbegleitungen seit 1984 bis heute hat sich nicht wesentlich verändert : sie schwanken zwischen 80 und 120 pro Jahr. Die Zahl der Anfragen hat sich allerdings verdreifacht in den letzten 5 Jahren.
Wir tragen dem Rechnung, indem wir nicht nur bei der Auswahl, sondern vor allem auch bei der Ausbildung der Freitodbegleiter die grösste Sorgfalt walten lassen. Diese Freitodbegleiter sind manchmal einem enormen psychischen Druck ausgesetzt, müssen Fragen zu Medizin und Recht, Testament und Bestattung, zu Religion und Philosophie, standhalten können, seitens der sterbewilligen Person wie auch ihrer Familie. Es gibt auch heute noch Situationen, wo die von uns selbst gerufene Polizei sich taktlos, ja arrogant verhält. Die Freitodbegleiter stehen wirklich an der Front, wir verlangen viel von ihnen, aber wir wissen die rückhaltlose Hingabe an ihr schweres Amt auch zu schätzen.
Transparenz auch hier, keine falschen Versprechungen, klare Grenzen, klare Direktiven, minutengenaue Protokolle, kontrollierbare Akten bei strikter Einhaltung der Gebote des Datenschutzes : das sind ebenso praktische wie effiziente Leitplanken gegen die Gefahr eines Dammbruches.
MF: Wenn es heute endlich immerhin möglich wird, die Verfügung auch über den eigenen Tod als eine demokratische Selbstverständlichkeit zu sehen, kann man dann psychisch schwerkranke, etwa seit Jahren an jeder Behandlung widerstehenden Depressionen leidende Menschen von diesem Recht ausschließen? Und wäre es nicht auch denkbar, dass jemand, bevor sein Gesundheitszustand "so schlecht ist, dass [er] in einer Weiterexistenz keinen Sinn mehr" sieht, sagt: "Nun ist es genug. Was jetzt kommt, will ich nicht mehr"?
Elke Baezner: Nach dem sog. "Basler Fall" einer in extremis verhinderten Freitodbegleitung einer langjährigen psychisch Kranken (durch vorsorgliche Einweisung in eine psych.Klinik) hält sich EXIT seit 1999 an ihr selbst auferlegtes Moratorium, wonach wir psychisch Kranken nicht helfen können. Aber es gibt eben Fälle, bei denen die Grenzlinie zwischen somatischer und psychischer Erkrankung einfach nicht so eindeutig zu ziehen ist.
Auf Empfehlung des Vorstandes hat die Generalversammlung vom 24.5.03 einem Antrag zugestimmt, ein Gutachten zum Problemkreis "Urteilsfähigkeit und Geisteskrankheit" in Auftrag zu geben. Unter der Leitung von Dr.phil. Klaus Peter Rippe, Mitglied der Ethik-Kommission von EXIT, wird nun eine Expertengruppe aus Psychiatrie, Medizin und Recht die Frage beantworten, ob psychisch Kranke in bezug auf ihren Suizidwunsch urteilsfähig sein können. Ich kann mich der Aussage von Dr.Rippe voll anschliessen, der die Frage so beantwortet :
"Ich bin der Meinung, dass psychisch Kranke in Bezug auf ihren Suizidwunsch durchaus urteilsfähig sein können. Ich halte es jedoch für wichtig, dass in jedem einzelnen Fall abgeklärt wird, ob der Suizidwunsch krankheitsbedingt ist oder nicht. Vor allem ist stets zu prüfen, ob der Todeswunsch nicht eher ein Ruf nach Lebenshilfe ist.
Aber auch wenn viele Suizidwünsche einen zeitweiligen, vorübergehenden Charakter haben, gibt es Ausnahmen, in denen der Suizidwunsch bestehen bleibt und als autonome Äusserung zu respektieren ist."
Wenn man sich dann noch das Elend vor Augen hält, wenn ein abgewiesener Suizidwilliger in seiner Verzweiflung zu spektakulären Methoden greifen muss, wie, sich von einer Brücke stürzen, vor einen Zug oder ein Auto werfen oder sich eine Kugel in den Kopf schiessen, wenn man an die Beamten denkt, die die Reste dieses verstümmelten Körpers "entsorgen" müssen, an die Familie, die diese Reste identifizieren muss, dann darf man sich doch nicht guten Gewissens hinter Gesetze und Statuten verschanzen. Dann ist Nicht-Hilfe unmenschlicher als die Beihilfe zu einem menschenwürdigen Ende eines oft jahrelangen, jahrzehntelangen Elends, aus dem die beste psychiatrische Betreuung keinen Weg mehr weiss.
MF: Kommen wir zum Schluss des Gesprächs wieder zu konkreteren Fragen zurück. Könnten Sie uns einige besonders wichtige oder bewegende Situationen schildern, die Sie während Ihrer Tätigkeit für Exit erlebt haben?
Elke Baezner: Aus Sprachgründen wurde ich als Zweitbegleiter zu einer Freitod-Begleitung nach Lausanne gerufen. Im Bett lag morgens um 9.00 h ein winziges Häufchen Elend, eine sehr betagte, sehr zierliche, zerbrechliche, kreidebleiche Dame. Ihre Tochter und ihre Gouvernante umsorgten sie zärtlich. Sie hatte EXIT schon zweimal gerufen, aber im letzten Moment doch wieder ihre Meinung geändert. Sie fing zögernd an zu reden, beschrieb, wie sie diese Nacht nach Wochen wieder ein bisschen Schlaf gefunden hatte, wie sie diesen Morgen fast schmerzfrei aufgewacht sei, und zum ersten Mal seit langem wieder bewusst Vogelgezwitscher wahrgenommen habe. Und sie fragte ihre Tochter, was sie denn nun machen solle. Die rang die Hände und flehte ihre Mutter an, sie doch nicht zur Richterin über Leben und Tod zu bestimmen, es sei so schon schlimm genug. Und sie fragte uns, die Sterbebegleiter, ob wir denn nicht böse seien, wenn sie uns nun zum dritten Mal wieder unverrichteter Dinge heimschicke. Sie hatte auch – wie lange war es her seit dem letzten Mal ? – plötzlich Lust auf Schokolade. Kurz : mittags sassen wir alle um den Tisch bei Kaffee und Kuchen, und die alte Dame sang deutsche Lieder aus ihrer Jugendzeit. Noch nie bin ich so erleichtert von einer – nicht erfolgten – Freitodbegleitung zurückgekommen.
MF: Und worüber haben Sie sich besonders geärgert? Was haben Sie als besonders schädlich oder negativ empfunden?
Elke Baezner: Ein Journalist von "Bilanz" legte jedem Vorstandsmitglied einen langen Fragenkatalog vor, ohne uns jedoch gegenseitig davon zu unterrichten. Das haben wir dann umgehend untereinander besorgt , ganz gegen seine Erwartung, und alle Fragen äusserst gewissenhaft und präzise beantwortetet. Was dann veröffentlicht wurde, war derart karikatural verzerrt, dass es dem Herrn eine Strafanzeige einbrachte. Aber der Rufmord geisterte noch lange durch die Schmuddel-Presse.
MF: Nun beginnt das Leben nach Exit. Wie wird es aussehen?
Elke Baezner: Ich war ja auf eigenen Wunsch, aus ganz persönlichen Gründen, aus dem Präsidentenamt und aus dem Vorstand ausgeschieden und sehnte mich geradezu nach diesem Leben "nach EXIT". Nun, so ganz ohne EXIT verläuft es dennoch nicht : ich wurde in den Vorstand der europäischen RtD-Vereinigung gewählt, was weniger zeitlichen Aufwand erfordert und mir dennoch ermöglicht, weiterhin über die Geschicke meiner EXIT wie auch über die Probleme der anderen Vereinigungen informiert zu bleiben und, wenn nötig, punktuell aktiv zu werden.
Augenblicklich geniesse ich es, endlich wieder mehr Zeit zu haben für so herrlich un-intellektuelle, handwerkliche Arbeiten wie malen , streichen, bohren, sägen, hämmern ..., meinen verwilderten Garten zu pflegen , mit meinem treuen vierbeinigen Begleiter stundenlange Spaziergänge zu machen und mich endlich wieder um Nachbarn, Freunde und Familie, um Musik und Museen, und auch um mich kümmern zu können.
Und dann warten Berge von Büchern auf mich, Altes, Neues, Deutsches, Französisches, ich bräuchte drei Leben, um alles tun zu können, worauf ich Lust habe...
Das Gespräch führte Max Lorenzen