Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 1


Buch des Monats Februar 2004

Martin Morgenstern, Robert Zimmer: Denkwege der Philosophiegeschichte, Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich 2003, 285 Seiten, ISBN 3-538-07166-7, 22 €

Die Absicht der Autoren, eine "Philosophiegeschichte als Problemgeschichte" (S. 13, Einleitung) zu verfassen, wurde von Nicolai Hartmann, seiner Aussage, "die Probleme [seien] die "Gleise", auf denen sich die Philosophiegeschichte bewegt" (S. 13) und Wilhelm Windelband, der 1891 das bald berühmte "Lehrbuch der Geschichte der Philosophie"  herausbrachte, das zahlreiche Neuauflagen erlebte, inspiriert (S. 12 f). Windelband schrieb im Vorwort zur ersten Auflage: "was ich biete, ist ein ernsthaftes Lehrbuch, welches die Entwicklung der Ideen der europäischen Philosophie in übersichtlicher und gedrängter Darstellung schildern soll, um zu zeigen, durch welche Denkantriebe im Laufe der geschichtlichen Bewegung die Prinzipien zum Bewusstsein gebracht und herangebildet worden sind, nach denen wir heute Welt und Menschenleben wissenschaftlich begreifen und beurteilen." Morgenstern und Zimmer wollen "die Denkwege verfolgen, auf denen sich die Diskussion der wichtigsten philosophischen Fragen weiterentwickelt hat. Die Vertiefung oder Veränderung der Problemstellungen sollen an den wichtigsten Stationen dieses Weges sichtbar gemacht werden" (S. 13).

Dennoch gibt es gewichtige Unterschiede zwischen beiden Vorhaben. Windelbands Lehrbuch ist ein voluminöser Band, der sich in erster Linie an Studenten der Philosophie und Fachleute wendet. Die "Denkwege der Philosophiegeschichte" hingegen geben auf 267 übersichtlich bedruckten Textseiten eine gedrängte, jedem an der Philosophie Interessierten zugängliche Darstellung, die also selbstverständlich weder den Detailreichtum noch die Vollständigkeit Windelbands anstrebt. Aber auch Studenten des Faches und philosophisch vorgebildete Leser werden das Buch mit Gewinn in die Hand nehmen und nach einiger Zeit der Lektüre verwundert feststellen, dass man wie von selbst beginnt, in den insgesamt siebzehn Kapiteln zu stöbern. Man wird an Bekanntes erinnert oder findet Neues, immer jedoch wird das Interesse an der Sache geweckt. Das liegt nicht zuletzt am Stil Morgensterns und Zimmers, der klar, aber keineswegs trocken ist. Die Autoren kommen ohne Fachjargon aus und entwerfen doch präzise Bilder der jeweiligen philosophischen Epochen, wobei Seitenblicke auf politische oder soziale Gegebenheiten helfen, Ideen und Theorien, die uns ferner gerückt sind, verständlich zu machen (s. etwa Kap. 5: Kirche, Staat und Heilsgeschichte. Staats- und Geschichtsphilosophie von der Spätantike bis zur Reformation).

Natürlich verdankt sich die leichte Lesbarkeit auch dem, dass die philosophischen Inhalte nur im Überblick, kaleidoskopartig, also ohne in die Tiefe des Problemgehalts zu gehen, vorgestellt werden. Aber gerade eine solche Vorgehensweise könnte die Darstellung langweilig, weil trocken, fade oder abstrakt, machen. Das ist hier nicht der Fall. Vielmehr verlockt die Zugänglichkeit des Textes dazu, sich auch scheinbar Entlegenes anzuschauen - und dann, womöglich neugierig geworden, die gebotenen Informationen durch weitere Lektüre zu vertiefen.

In ihrer Einleitung fragen die Autoren, ob "es einen erkennbaren Fortschritt in der Philosophiegeschichte" gibt (S. 7). Ihre Antwort könnte als Indiz eines Umdenkens gewertet werden. Morgenstern und Zimmer referieren: "Die Auffassung, dass es so etwas wie "Fortschritt" in der Philosophie gar nicht geben kann, ist bis heute auch unter Philosophen weit verbreitet. Die Vorstellung, spätere Denker hätten die Lehren ihrer Vorgänger "widerlegt" oder "überwunden" und damit einen Schritt voran auf dem Weg der Erkenntnis gemacht, ist nach dieser pessimistischen Sicht der Philosophiegeschichte eine Illusion" (S. 7 f). Sie selbst jedoch kommen zu einem anderen Ergebnis. Es sei keineswegs so, dass man in der Philosophie nur auf der Stelle trete oder sich im Kreis drehe. Vielmehr habe die philosophische Forschung zu einer "Vertiefung des Problembewusstseins" (S. 10) geführt: "Wir verstehen also heute besser als die antiken Denker, welche Probleme wir uns einhandeln, wenn wir klassische Fragen, etwa die nach der Erkennbarkeit der Wirklichkeit, aufwerfen oder nach einer allgemein gültigen Begründung moralischer Normen suchen" (S. 11).

Das erstaunlich optimistische Fazit lautet: "Wir wissen heute besser, welche Richtungen wir in unserem philosophischen Denken einschlagen müssen, um uns der Wahrheit zu nähern, auf welche Argumente wir uns dabei stützen können und auf welche nicht" (S. 12). - Halten wir immerhin fest, dass die lange gültige Ansicht der Universitätsphilosophie, die frühen Autoren, besonders Platon, seien unüberholbar, in dieser Form nicht mehr gilt. Aber gegen den allgemeinen Anspruch der kritisch-rationalen Grundhaltung, eigentlicher "Motor des Fortschritts" (S. 10) zu sein, muss selber kritisch eingewendet werden, dass sie andere, nicht ausschließlich analytische Denkhaltungen schwer in den Blick bekommt. Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Im ersten Kapitel ihres Buches: "Urstoff und Urprinzip der Wirklichkeit. Der Beginn der westlichen Philosophie in Griechenland" schreiben Morgenstern und Zimmer: "Als Antworten auf die Frage nach dem Urstoff wurden (...) bekannte Stoffe der Sinnenwelt wie Wasser oder Luft vorgeschlagen" (S. 15). Dieser Satz unterstellt den Vorsokratikern, sie hätten die "Sinnenwelt" mit unseren Augen wahrgenommen. Tatsächlich jedoch waren Wasser oder Luft für sie numinose, belebte Stoffe, die sich jedoch in ihrem Denken bereits aus ausschließlich mythischen Gegebenheiten in auch schon rationale verwandelten.

Man kann also die allgemeine Ansicht Morgensterns und Zimmers, dass die Philosophie nicht auf der Stelle trete, sondern fortschreite, teilen, ohne ihrem Fortschrittsbegriff anzuhängen. Es fällt auf, dass die Kritiker der rationalistischen Fortschrittstheorie, wie etwa Benjamin (eine einzige Erwähnung im Ästhetik-Kapitel) oder auch Michel Foucault (dem ebenfalls nur ein kurzer Absatz gewidmet ist), Spengler oder Klages kommen gar nicht vor, unterrepräsentiert sind. Kurz, eine kritische Haltung gegenüber dem eigenen Philosophie-Begriff hätte die "Denkwege" vielleicht noch interessanter gemacht. Aber diese Einschränkung hebt den positiven Gesamteindruck keineswegs auf. Wenn man nur weiß und sich bei der Lektüre gegenwärtig hält, dass der Gesichtswinkel der Darstellung immer auch anders gewählt sein könnte, ermöglicht dieses Buch eine informative und durchaus verlässliche Begegnung mit 2500 Jahren europäischer Philosophie.

Peter Rhonfeld

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