Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 1


Dieter Krieg: Malerei

Eine Ausstellung des Marburger Kunstvereins

 

Im Parterre der Kunsthalle stößt man - im wahrsten Sinne des Wortes - gleich auf die am schwersten zugänglichen Arbeiten Dieter Kriegs, auf die viele Besucher mit Unverständnis oder gar Ablehnung reagieren. Als erstes fällt der Blick auf einen riesigen Dackelkopf, dessen Zunge weit über den Bildrand hinaushängt. Im Saal selbst befindet sich an der Stirnseite ein weiteres Hundebild, wohl das eines Boxers, der mit einem Fleischstück spielt. Die Fleisch-Thematik, bzw. der grüne Hintergrund verbinden diese Darstellungen mit den drei weiteren Leinwänden, deren beide im unteren Ausstellungsraum angebrachten jeweils beinahe über dessen gesamte Längsseite reichen.

Im oberen Saal trifft man auf eine Serie von ebenfalls großen Blumen- oder genauer Blüten-Bildern, die bei einem ersten Rundgang weniger provozierend wirken und scheinbar mehr unserer ästhetischen Erwartungshaltung entsprechen. Die herrlich weißen Blütenblätter sind etwa durch ein leichtes aufgesprühtes Grau oder Blau schattiert und gewinnen so an Tiefe und Zartheit; man schaut gewissermaßen besänftigt auf den Kelch, in dem sich dunkelere, braune und rote Farben verschlingen.

Bei einem zweiten Besuch des unteren Geschosses beginnt der Besucher zu begreifen, in welchem Bezug das aggressive Grün des Hintergrunds und das helle und dunkle Rot des Fleisches stehen: sie amalgamieren sich zu einer vegetativ-organischen Präsenz, in der Dasein und Verwesung dasselbe sind. Was existiert, ist zeitlich, also vergänglich. Die in das linke Bild eingebauten Schriftzüge "Denkn fades" mögen an einen Satz Sartres erinnern, der "Denken ist fade" gesagt haben soll - rechts jedoch ist das Fleisch selbst Schrift geworden, in die "fades" noch einmal wie ein Draht eingezogen ist. Insgesamt ergäbe sich so: "Denken ist fades Fleisch". Damit ist überdeutlich auf die nicht ideell-transzendente, sondern durch und durch biologische Dimension menschlicher Erkenntnis hingewiesen. Wir sind, spricht dieses gemalte Fleisch, nichts weiter als organische Materie, die sich immer wieder einbildet, weil sie denkt, sei sie mehr und fähig, die Zeit überdauernde Sinn-Ordnungen zu stiften.

Die in Marburg gezeigten Arbeiten Kriegs sind mithin eine Auseinandersetzung mit unserer nihilistischen Grundsituation. Sartre und Camus haben wie Cioran und ihrer aller Lehrer Nietzsche die Nichtigkeit und das Haltlose unserer Wertvorstellungen diagnostiziert. Ihr Appell an unsere Existenz lautet: stelle dich dem Nichts, aus dem du bestehst und akzeptiere es als primäre Bedingung deines Lebens. Dieter Krieg tut eben dies. Der Nihilismus, die Abwesenheit jeder Transzendenz, eines objektiv Ideellen, und die Rückführung solcher Vorstellungen auf ihr biologisches Substrat wird zum Stimulus seiner Kunst.

Wer sich nach einer solchen Betrachtung der Fleisch-Bilder wieder den im oberen Stock gezeigten zuwendet, wird überrascht feststellen, dass die Braun- und Rot-Töne der ersten gerade auch im Kelch-Zentrum der Blüten wiederkehren. Der Fruchtknoten oder Stempel der Blumen besteht aus Fleisch. Auch das vegetative Grün drängt sich, beinahe wie ein Fremdkörper, zu diesen Kelchen. "Das rote Blüteninnere erinnert an Haut, Fleisch, Blut" ( Beatrice Lavarini: Blüten vor Bodenseeblau, in: Dieter Krieg: Kreuze und Blüten. Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst, München, Katalog). Um sie herum jedoch scheint eine Welt des Zarten und Reinen wie etwas Ideelles zu existieren. In solcher Antithese führt Krieg den schönen Schein der Kunst auf seinen realen Grund zurück. Im Wesen des Ästhetischen verbirgt und offenbart sich sein ephemerer Kern.

Wäre dies alles, machten sich diese Arbeiten nur zu Exponaten der Entlarvung unseres ästhetischen und ontologischen Überbaus, so sagten sie uns eigentlich nichts Neues und wir könnten ihnen ruhiger und gefasster gegenübertreten. Aber Krieg initiiert in der Reduktion selbst einen gegenläufigen Prozess. Erst wenn man näher an die Leinwände herantritt, einzelne Flächen mit dem Blick isoliert und sie genau betrachtet, entdeckt man, aus welcher Fülle von Spannungsstrukturen die Bilder aufgebaut sind. Jedes Segment der manchmal mehr als fingerdick aufgetragenen Farben - der obere weiße und dann ocker werdende Teil des l-Buchstabens, gegenüber die weiße Vorderseite des Fleischstücks, mit Schraffuren, Blau-, Rot-, Braun-, Grün- und Schwarz-Tönen, alle Kelch-Innenpartien der Blüten – zeigt die kompositorische Verwandlung des Materials in Kunst und damit die Gegentendenz der vom jeweiligen Gesamtbild vorgeführten Reduktion. Die Schönheit eines Bildes behauptet sich nicht gegen seine offensichtliche Hässlichkeit, sondern entspringt gemeinsam mit ihr.

 

Was im Zentrum der "Blumen" geschieht, beschreibt Beatrice Lavarini so: "Die Blüten-Herzen leben aber nicht nur durch den Einsatz der Farben, sondern auch durch die Dinge, die sich in ihnen ereignen. Blut scheint aus den Kelchen zu tropfen, die Blütenblätter zu überfließen, wegzuspritzen. Die Erde scheint in Bewegung zu geraten, wie in Urlandschaften sind Flüssigkeiten unterwegs, blubbert es, sind Blasen aufgeworfen, sprudeln Geysire. (...) In den roten Fleischkörpern spielen sich verschiedene Prozesse zwischen leben und leiden, gebären, leben und kämpfen, krank und gesund sein ab, da keimt, blüht und welkt der Körper, da zeugt er und stirbt er. Die roten Fleischkörper der Pflanzen, die Blüten-Herzen veranschaulichen die essenziellen Pole menschlichen Seins: Leben und Tod" (a. a. O.). - Solcherart tritt der Ursprungsort der Bilder selber, ihres Entstehens und Vergehens, zu Tage. Was die Betrachter bei den großflächigen Arbeiten im Parterre zurückschrecken lässt, macht auch hier ihren Kern aus: die Erzeugung der ästhetischen Form, ja des Daseins überhaupt, geschieht in einem vorgegenständlichen Bereich, in dem grausame, gewalthafte und doch schöpferische Kräfte unmittelbar - hautlos - aufeinander treffen. Was Schopenhauer über den sich selber quälenden Weltwillen schreibt, wird, jeder Metaphysik entkleidet, bei Dieter Krieg sichtbar.

Die Intensität dieses künstlerischen Stiftungsaktes kann nicht mehr gesteigert werden. In ihm prallen das Leben und der Tod aufeinander. Jenes geht aus diesem hervor und bleibt doch von ihm umfangen. Wer sich auf die von Krieg gezeigten Vorgänge im Inneren seiner Blüten einlässt, wird von einem Wirbel erfasst und spürt gleichzeitig Schrecken und Glück. Ihre Koexistenz ist das Signum einer nihilistischen Ekstase, in der die Überfülle des Daseins unmittelbar der Erfahrung seiner Nichtigkeit entspringt. Das "Geheimnis" und die "Sinnlosigkeit" der Welt bedingen sich gegenseitig, schreibt Cioran in seinem frühen Essay "Auf den Gipfeln der Verzweiflung" ( "Puisse le pathos de l'infini nous embraser une fois de plus dans la solitude de la mort, afin que notre passage vers le néant ressemble à une illumination, amplifiant encore le mystère et le non-sens de ce monde!"). Und Dieter Krieg demonstriert, wie aus der radikalen Reduktion von Kunst auf ihre konkrete, vergängliche Grundlage wiederum Kunst entsteht. Sie überlebt in einem Zwischenbereich, sich fortwährend auch noch die letzte Basis entziehend, in der Schwebe zwischen der Demontage des Ideellen und der Auslieferung an das Vergängliche. Indem sie sich ihm völlig überlässt, schafft sie, scheinbar paradox, seine Gegenspannung. Mitten im Untergang behauptet sich ein geistiges Innenfeld des Schönen - in all seiner Grausamkeit.

Von den Fleisch- und Blüten-Bildern Dieter Kriegs führt ein direkter Weg zu den Marter-Szenen Francis Bacons. Wir begreifen in ihrer Verwandtschaft aber auch den Unterschied: Bacons Auseinandersetzung mit der Unmenschlichkeit ist eine Gratwanderung, der Augenblick der Inspiration auch derjenige des Entsetzens, das Bild ein festgebannter Schrei; in den Arbeiten Kriegs hingegen wird die Intensität von einer äußeren Statik überlagert und muss in eindringlicher Betrachtung erst freigesetzt werden. Sie reflektieren so auf ihre Art einen gesellschaftlichen Zustand, der etwas lähmendes hat und die eigenen inneren Impulse zunehmend unterdrückt. Diese anderen Ausgangsbedingungen muss Krieg akzeptieren, um sie unterlaufen zu können.

Die gegenwärtige Ausstellung des Kunstvereins präsentiert dem Marburger Publikum einen Maler, der zweifellos zu den bedeutendsten unserer Zeit gehört. Wer sich auf Dieter Kriegs Bilder einlässt, sie genauer und mehrfach betrachtet, konfrontiert sich ebenso mit den jetzigen gesellschaftlichen Tendenzen, wie mit dem mühsamen Versuch großer Kunst, die ihnen immer noch innewohnenden ästhetischen Möglichkeiten zu realisieren.

Max Lorenzen

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