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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 1
Henri
Tom Wild
Sonja
Barbara Stollhans
Hubert Finidori Roman Kurtz
Ines
Finidori Petra Soltau
Arnaud
Katrin Schroth
Regie
Ragna Kirck
Bühne / Kostüme Udo Herbster
Dramaturgie
Martin Apelt
Das alltägliche Lebens-Chaos braucht, um sich voll zu entfalten, nur eine alltägliche Situation: einen Abend etwa in einem Wohnzimmer mit sechs rosafarbenen Sitzelementen auf dunkelrotem Teppich, ein junges Elternpärchen, sie am Computer beschäftigt, er nervös hin- und herlaufend, kurz vor einer für ihn entscheidenden Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet der Astro-Physik, vor allem aber ein immer wieder schreiendes, quengelndes Kind, das nicht einschlafen will, hinter einer großen Türe, über dessen Erziehung die Eltern trefflich streiten können, und dann natürlich das andere Ehepaar, das zu Besuch kommt, überraschend, einen Tag früher als angekündigt, mit einer Hiobsbotschaft - jemand sei mit einer Veröffentlichung zum gleichen Thema dem Kollegen zuvorgekommen und habe dessen langjährige Studien möglicherweise überflüssig gemacht - die beiden anderen aufschreckt und verdeckt schwelende Konflikte aufbrechen lässt.

Barbara Stollhans, Roman Kurtz, Petra Soltau, Tom Wild. Foto: Merit Esther Engelke
Eine recht gewöhnliche Konstellation von Personen also mit den üblichen Problemen, die nur ansatzweise zu einem wirklichen Konflikt taugen, die die französische Erfolgsautorin Yasmina Reza in ihrem Stück Drei Mal Leben (2000) aufgreift, einem Stück, das in der Spielzeit 2001 / 02 mit 725 Aufführungen in 29 Inszenierungen weit an der Spitze der Aufführungen auf deutschsprachigen Bühnen lag. Der Theaterkniff, mit dem Reza ihre Handlung über eine Boulevardkomödie hinausführt, ist einfach, aber wirkungsvoll: Die Situation des Anfangs wird dreimal hintereinander gezeigt, jedes Mal (leicht) variiert. Der Hintergedanke der Autorin besticht zunächst: Wenn man eine Situation dreimal angeht, ausstellt, durchleuchtet, müsste darin doch mehr zu entdecken sein als nur Kindergeschrei um Kekse und Äpfel, Elterngezerre über müßige, auch alberne Erziehungsgrundsätze, mehr zu beobachten sein als nur Gerede über Karriere oder wie man dem unterstellten Kollegen eins auswischen oder sich bei dem Vorgesetzten beliebt machen oder die Frau des anderen „rumkriegen“ kann. Irgendetwas Dauerndes, Richtiges müsste doch auch aus banalen Lebenssituationen herauszuholen sein. Aber, so Rezas leicht deprimierendes Ergebnis, „dreimal Leben“ ist letztlich doch nicht mehr als „einmal Leben“. „Der Mensch ist“, charakterisierte die Autorin einmal in einem Interview die Figuren in ihren Stücken, „schon ziemlich zum Verzweifeln. Er wird ständig von der Mittelmäßigkeit angezogen, eine enorme Versuchung, […]. Sie kommt ihm nicht nur entgegen, er hat auch noch Freude daran.“ Gequengel, Karrierestreben, Konkurrenzverhalten und Beziehungsschwierigkeiten der leichteren wie der ernsteren Art lassen sich, das demonstriert Rezas Text, nicht einfach wegspielen, auch nicht durch Variationen und Wiederholungen.
Die junge Regisseurin Ragna Kirck, die in der letzten Spielzeit im Gießener TiL Igor Bauersimas science-fiction-angehauchtes Stück Futur de Luxe inszenierte, hat Rezas Text mit lockerer und, besonders hinsichtlich der Schauspielerführung, gekonnter Hand in ein Komödienspiel umgewandelt mit bis ins Groteske führenden Szenen, z.B. wenn sich die jungen Eltern um den Schlaf-ein-Keks für Arnaud immer wieder in einen Prinzipienstreit hineinsteigern, aber auch mit dunkleren Tönen dort, wo die Brüchigkeit und Oberflächlichkeit der Beziehungen zwischen den Männern und Frauen oder den Institutskollegen thematisiert werden.

Roman Kurtz, Barbara Stollhans. Foto: Merit Esther Engelke
Kirck hat sich dabei auf vorzügliche Schauspielerinnen und Schauspieler verlassen können. Tom Wild als Henri und Barbara Stollhans als Sonja geben dem Arnaud-Elternpaar das richtige Maß an falsch-verrücktem Erziehungsengagement, in dem sich mancher Zuschauer wieder erkennen mag. Tom Wild ist außerdem der junge Wissenschaftler, der, durchschnittlich begabt - schließlich hat er drei Jahre lang nichts veröffentlicht -, über vermeintliche wie wirklich entschwundene Karrierechancen lamentieren und dabei kräftig dem Wein zusprechen kann. Roman Kurtz und Petra Soltau spielen das Ehepaar Finidori. Hubert Finidori überzeugt als genussvoller Überbringer der schlechten Nachrichten für die Veröffentlichung Henris. Petra Soltau spielt die Frau, die von ihrem Mann gegängelt, bloßgestellt, hintergangen wird. Ihr vor allem gelingen die ernsten Töne im Spiel der Akteure. - Die Schauspielerinnen und Schauspieler tragen den Abend und sind für den Erfolg - das Premierenpublikum amüsierte sich vorbehaltlos – verantwortlich.
Die Regisseurin arbeitet die inhaltlichen Unterschiede der einzelnen Teile des Stücks genügend deutlich heraus: So handelt die erste Situation vor allem von dem Gerangel der Eltern um die Kindererziehung und das Gejammere Henris über sich als Versager. Der zweite Teil konzentriert sich auf die Saufreaktion Henris, als er von der wissenschaftlichen Konkurrenzarbeit hört; das Kind wird von den Eltern eher nebenbei versorgt. Der lieblose Umgang zwischen den Finidoris wird in diesem wie im letzten Teil zu einer der wesentlichen „Aussagen“ der Inszenierung. Henri erscheint im dritten Teil als jemand, der mit seinen wissenschaftlichen Niederlagen „locker“ umgehen, sie ohne schlechtes Gewissen verdrängen kann. Das Kind macht mehr und mehr, was es will, und schert sich wenig um die Erziehungsprinzipien der Eltern. - Dabei variiert Kirck den Bühnenraum in den drei Teilen des Spiels nur unmerklich. Die Sitzelemente werden verändert, zu einer runden oder zu einer lang gezogenen Sitzgruppe verschoben, das ist alles, aber es genügt, um eine jeweils neue Variante des alten Spiels anzuzeigen, des alten Quengel-, Jammer- und Hau-Drauf-Spiels, das immer wieder durchbricht, wo die Menschen ihren Alltag leben, der trotz aller Wiederholungen nicht gemeistert werden kann. „Drei Mal Leben“ ist, damit geht der Zuschauer nach Hause, in der Tat nur „Ein Mal Leben“.
Herbert Fuchs