Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 1


Die Frau vom Meer

Schauspiel von Henrik Ibsen

Premiere am 31. Januar 2004 im Großen Haus am Stadttheater Gießen

 

Doktor Wangel               Harald Pfeiffer
Frau Ellida Wangel       Ines Krug          
Bolette                             Heidrun Hönig
Hilde                                Julia Glasewald
Oberlehrer Arnholm      Hagen Löwe
Lyngstrand                      Martin Maria Eschenbach
Ein fremder Mann          Thomas Cermak  

Regie                                Hermann Schein
Bühne und Kostüme     Lukas Noll
Dramaturgie                    Astrid Biesemeier

 

Ibsens Dramen gehören zu den häufig gespielten Stücken an deutschen Bühnen. So wurde Nora im Mai letzten Jahres gleich zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen: in einer Thalia-Theater- und in einer Schaubühnen-Inszenierung, die letztere, in der Regie von Ostermeier, von Kritikern mit Preisen ausgezeichnet und  zur besten Aufführung der vergangenen Spielzeit gewählt. Stücke wie Nora, Gespenster oder Die Wildente   kreisen immer wieder um Fragen, die die ethische Verantwortung des Menschen für sich selbst und andere berühren, um Selbstfindungsprozesse der Figuren, um schuldhafte Verfehlungen in der Vergangenheit, um Lebenslügen aus Heuchelei, Selbstsucht und Engherzigkeit, um die Verlogenheit der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Vorteilssucht aus Bequemlichkeit, Feigheit, Opportunismus und Rechthaberei, vor allem natürlich – eines  der zentralen Themen in Ibsens Werk – um das Recht der Frau auf Selbstbestimmtheit und Freiheit gegenüber gesellschaftlichen Konventionen und patriarchalischen Forderungen  und Ansprüchen des Mannes. Es sind Figuren, Geschichten und Probleme des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, die Ibsen in seinen Dramen aufgreift. In ihrem Kern aber – Nora ist dafür ein gutes Beispiel -, thematisieren sie zeitübergreifende Problemzusammenhänge und verpacken diese so bühnenwirksam in Theaterszenen, dass sie auch heute noch, wie vor fünfzig und achtzig und mehr Jahren, ein Publikum erreichen.

Thoman Cermak, Ines Krug, Harald Pfeiffer. Foto: Merit Esther Engelke

Die  Frau vom Meer (1888) ist, trotz einiger angestaubter Bilder und Töne, die ins neunzehnte Jahrhundert gehören, typisch für Ibsens komplexes und durchaus aktualisierbares dramatisches Werk. Im Mittelpunkt des Stücks steht Ellida Wangel, die zweite Frau des Doktor Wangel, eines Arztes in einer abgelegenen norwegischen Fjordlandschaft. Ellida, die Tochter eines Leuchtturmwärters, ist seit einigen Jahren mit Doktor Wangel verheiratet, eine Zweck- und Vernunft- eher als eine Liebesheirat. Sie ist in ihrer Sehnsucht nach der Weite und Offenheit des Meeres, wie sie es vor ihrer Hochzeit kannte, in ihrem Traum vom Lebensabenteuer, in ihrer familiären Eingeengtheit – die Stieftöchter akzeptieren sie nur widerwillig – und in ihrer emotionalen Unerfülltheit – Doktor Wangel hält sie für psychisch labil, ja krank -    die gestrandete, nicht heimisch gewordene „Frau vom Meer“.

Da tritt ein ungewöhnliches Ereignis ein. Ein englisches Schiff legt im nahen Hafen an und ein Matrose taucht im Hause Ellidas auf, der die verdrängte Vergangenheit offen legt und Ellidas Leben völlig verändert. Der „fremde Mann“ gibt sich als derjenige zu erkennen, in den sich die junge Frau vor Jahren, lange vor ihrer Vermählung mit Doktor Wangel, verliebt hatte, mit dem sie, wie sie sagt, über Meer, Wind und Möwen reden konnte, der in ihr eine Sehnsucht nach der weiten Welt  weckte, dem sie Treue schwor, als sie beide zwei Ringe als Zeichen ihrer Vereinigung in das Meer warfen. Ellida hatte Grund zu glauben, dass er sie vergessen habe, ja dass er bei einem Schiffsunglück im Kanal ums Leben gekommen sei.  Der Seemann erinnert sie jetzt an ihr gegenseitiges Treueversprechen und will es eingelöst sehen. Er fordert Ellida auf, ihren Mann zu verlassen und mit ihm auf dem Schiff in die weite Welt hinauszufahren. Der „Frau vom Meer“ bleiben nur wenige Stunden, in denen sie eine Entscheidung treffen muss. Sie weiß, dass es die einzige Möglichkeit in ihrem Leben sein wird, ihre ungestillten Sehnsüchte und Wünsche  zu erfüllen. Sie bittet deshalb ihren Mann, sie freizugeben, damit sie in Freiheit eine wirkliche Entscheidung treffen könne. Doktor Wangel lehnt das zunächst entrüstet ab. Erst im letzten Moment, als sich die Situation dramatisch zuspitzt, gibt er, weil er sie liebe, wie er sagt, nach. Ellida kann also die wichtigste Entscheidung für ihr Leben selbst treffen, kann die Konventionen, die sie binden und einschränken, zum ersten Mal durchbrechen, sie selbst sein. Sie entscheidet sich, aus freien Stücken jetzt und aus Liebe, gegen die Offenheit und Unbegrenztheit des Meeres, für Doktor Wangel.

Dieses Stück um die Selbstbestimmung Liebender als Voraussetzung für die wirkliche Liebe hat der Regisseur Hermann Schein im Giessener Stadttheater  als zeitloses Liebes- und Ehedrama inszeniert und daraus – mit Hilfe vieler Textkürzungen -   eine dichte, den Zuschauer  fesselnde Aufführung gemacht. Dass das gelang, lag zum großen Teil an der Bühne, die Lukas Noll für die Inszenierung eingerichtet hat. Wenn sich der Vorhang hebt, blickt der Zuschauer auf eine hell beleuchtete, weiß strahlende, die gesamte Bühnenbreite einnehmende Treppe, die mit etwa zehn Stufen nach oben führt und in einen kreisrunden, düster-bedrohlich wirkenden Sturm-Wolken-Himmel übergeht. Oben auf der Treppe steht  ein großer Krug mit Blumen, aus dem Hintergrund ragt ein buntes Spielzeug-Segelschiff über den Treppenrand heraus. Die Treppe, die einen Übergang, einen Zwischenraum symbolisieren mag, eine Suche nach dem eigentlichen Ziel hinter all dem Auf und Ab, ist ein wirksamer Ort für die Gespräche, die Ibsen den Personen seines Stücks, eines Gesprächsdramas par excellence, in den Mund legt.

Ines Krug und Harald Pfeiffer. Foto: Merit Esther Engelke

Der Regisseur postiert die Spielerinnen und Spieler in Zweiergruppen, unten, oben auf der Treppe, in der Mitte, lässt sie sitzen, stehen, schafft streng-stilisierte Personenbilder und lässt die Sprechenden immer wieder Pausen machen, nach dem Sinn dessen, wovon sie reden, tasten, suchen: Die Gespräche   werden so zu einem spannungsgeladenen Diskurs über die Beziehungen der Figuren untereinander, über Lügen und Wahrheit, über Liebe, die echte und die, die sie nur dafür halten.

Der wichtigste und nachhaltigste Inszenierungseinfall von Regisseur und Bühnenbildner aber ist, dass, beginnend mit der ersten, endend mit der letzten Minute des Stücks, der obere Bühnenteil einmal um sich selbst kreist: Langsam, zuerst kaum merkbar, dreht sich der düstere Wolkenhimmel des Anfangs aus der Szene heraus und macht einer riesigen, bedrohlich wirkenden, rostrot-farbenen Schiffswand mit übergroßen Bullaugen Platz. Der Schiffsrumpf scheint alles Geschehen auf der klein gewordenen Bühne zu erdrücken, bevor er sich wieder, Zentimeter für Zentimeter, aus dem Bühnenraum herausdreht und durch die ursprüngliche Wolkenhimmel-Kulisse ersetzt wird. Die Bühne wird zum kongenialen  Entscheidungsraum für die Figuren des Stücks, vor allem natürlich für Ellida und Doktor Wangel, faszinierend in der ästhetischen Wirkung wie in der funktionalen Aussage.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler beeindrucken durch eine geschlossene Ensembleleistung. Hervorgehoben werden müssen in den Hauptrollen Harald Pfeiffer und vor allem Ines Krug. Harald Pfeiffer überzeugt als der emotional eher zurückhaltende, zwischendurch patriarchalisch auftrumpfende, am Ende aus Liebe die richtigen Worte findende Fjord-Landarzt. Ines Krug ist in ihrem einfachen schwarzen Kleid eine moderne „Frau vom Meer“, vom Leben enttäuscht, auf der Suche nach Sinn und Glück, im entscheidenden Augenblick aber selbstsicher und mutig genug, von ihrem Mann die richtigen Entscheidungen zu erzwingen. Ihre Bühnenpräsenz wurde beim Schlussapplaus mit Bravos belohnt.

Weitere Aufführungen  des Stücks zum Beispiel am 8.2., 13.2., 5.3., 14.3., 31.3., 16.4. jeweils um 19.30.

Herbert Fuchs

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