![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 1
Klamm: Thomas Streibig
Inszenierung: Peter Meyer
Dramaturgie: Michael Pietsch
Der Theaterraum ist ein Klassenzimmer, nicht als Kulisse auf einer Bühne nachgestellt, sondern „echt“, ein wirklicher Klassenraum in einer richtigen Schule, in der Friedrich-Ebert-Schule in der Uferstraße in Marburg. Die Zuschauer sitzen auf Schülerstühlen, vor Schülertischen, schauen auf einen Lehrertisch mit Blumentopf, Schwamm und Klassenbuch, eine sorgsam geputzte grüne Tafel dahinter, ein Waschbecken daneben, auf den restlichen Weihnachtsschmuck in den Fenstern links und die Wandplakate nebst Karteikarten mit Schülerkommentaren zum Thema Stoffkreislauf auf einer übergroßen Korkwand rechts. Der Zuschauer sitzt in einer richtigen Schule und dann, wenn Lehrer Klamm den Klassenraum betritt, doch sofort in einem richtigen Theater.
Klamm, heller Anzug, offener Hemdkragen, stürmt in den Raum, schlägt die Türe hinter sich zu und hält, ohne ein Wort zu sagen, einen Zettel, offensichtlich von den Schülern seiner Klasse, hoch, auf dem nur ein Wort in großen Lettern zu lesen ist: Krieg. Und darum dreht es sich in den nächsten fünfzig Minuten auf der „Bühne“, um den Krieg zwischen Lehrer Klamm und seinen Schülern. „Krieg“ ist ein Wort, das weit weg ist von Unterricht und Schulerziehung und doch ist es, das wird im Laufe des Stücks immer deutlicher, auch nah daran, weil Hensels Stück übergrell Strukturen von Unterricht und Lehrerpersönlichkeiten beleuchtet, die das Bild von Schule – gelegentlich - immer noch, in der Tendenz wenigstens, nach innen wie außen prägen.

Das Wort „Krieg“ beherrscht denn auch Klamms Sprache. „Sie wollen einen Krieg gewinnen. Dazu brauchen Sie Waffen. Morgen bringe ich Ihnen welche mit“, sagt er und spricht von „Angriffen“, denen er sich ausgesetzt sehe. „Sie reden vom Krieg; ich führe ihn seit dreißig Jahren“ oder „Der Lehrer kann den Kampf gegen die Schüler nicht gewinnen.“ oder „Dann kommen Sie mal in meinen Deutschleistungskurs. Da wartet der Hass auf Sie.“ oder „Sie wollen mich fertigmachen. Das schaffen Sie nicht.“ sind Sätze, die Klamm leichthin über die Lippen gehen, weil sie, so glaubt er, seine Lehrersituation treffend beschreiben. Und diese Situation ist dramatisch: Klamm hat einem Schüler des Deutschleistungskurses vor dem Abitur – „Sascha war ein schlechter Schüler; er hat nichts von Schillers Freiheitsbegriff verstanden.“ - nur fünf Punkte gegeben, „für sein Bemühen“, nicht für sein fachliches Können, obwohl Klamm wusste, dass Sascha, um das Abitur zu bestehen, sechs Punkte benötigt hätte.
Als dieser, wie vorauszusehen, dann wirklich durch das Abitur fällt, begeht er Selbstmord. Die Schüler machen Lehrer Klamm für den Suizid mitverantwortlich und haben ihm, der Brief zu Beginn des Stücks demonstriert das, den Krieg erklärt. Sie sind in einen Streik getreten, verweigern jegliche Mitarbeit, geben zum Beispiel eine Klausur, die Klamm schreiben lässt, nur mit Gekritzel ab, verlangen, dass Klamm seine Schuld am Tod des Mitschülers eingesteht und sich vor der Schulgemeinde entschuldigt.
Klamm seinerseits greift den Fehdehandschuh auf und versucht mit pädagogischen Tricks, Überredungskünsten und Drohungen die Schüler wieder auf seinen „Kurs“ zu bringen. Das Stück ist eine große, lange Rechtfertigung seiner pädagogischen Einstellung und Haltung vor der Klasse, seiner Geradlinigkeit, wie er glaubt, seiner vermeintlichen Gerechtigkeit und seines fachlichen Könnens, und wird gleichzeitig zu einer unfreiwilligen Bloßstellung und Entlarvung seiner pädagogischen Unfähigkeit und letztlich, ohne dass das an einer Stelle gesagt würde, zu einer Beweisführung gegen ihn selbst und einer Verurteilung durch ihn selbst. Er flüchtet in ein pädagogisches Prinzipiengebäude, in dem alles – aus seiner Sicht - zu stimmen und aufzugehen scheint, und in dem in Wirklichkeit hinter der Fassade des tüchtigen Lehrers alles falsch, schülerfeindlich und unehrlich ist. Die Prinzipien, mit denen sich Klamm rechtfertigt, sind Gerechtigkeit, Geradlinigkeit, fachliches Können, Unbeirrbarkeit, Courage gegenüber Schulleitung, Lehrerkollegen und Schülerkritik. Indem er aber gleichzeitig demonstriert, dass er das Recht, ja die Pflicht zu haben glaubt, Noten nach seinem Dünken zu verteilen und Schüler nach verbrauchten, klischeehaften Kriterien zu beurteilen, solche Beurteilungen über Jahre hinweg speichern und jeder Zeit als „Waffen“ gegen die Betroffenen einsetzen und Lehrerkollegen bespitzeln und ihr Verhalten nach seinem Kodex allein verurteilen zu können, indem er Schule als einen Raum nicht des Miteinander, sondern des Gegeneinander – „Schule ist Zwang, ich wünsche mir, dass das endlich einmal jemand begreift.“ - sieht, macht er sie zu einem Ort des Inhumanen, des Kriegs eben, in dem dann ganz folgerichtig Opfer wie Sascha in Kauf zu nehmen sind, die die Pädagogik eines Lehrers wie Klamm jedenfalls nicht grundsätzlich stören dürfen und können.

Thomas Streibig gelingt in der Rolle des Lehrers Klamm eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Er ist Lehrer Klamm, überzeugt in dessen rechthaberischer Verteidigung seines Verhaltens und in den verschiedenen Rollen vor den Schülern, spielt Klamms Entrüstung vor der Klasse, den sarkastischen Ton gegenüber den Schülern, seine die Schüler umschmeichelnden wie zurückstoßenden Posen, seine Wutausbrüche, Drohgebärden, Infamien gegenüber Schülern wie Lehrern, seine obszöne Besoffenheit wie seine verlogene Unterwürfigkeit am Schluss. Er variiert geschickt das Spieltempo, so dass die lange Ein-Personen-Rede bis zum Schluss ihre Spannung behält. Dabei entgeht er der Versuchung, Lehrerverhalten nachzumachen, das hätte nur eine Karikatur ergeben. Streibig bleibt ganz innerhalb des Stücks von Kai Hensel, schöpft die dramatischen Möglichkeiten der Figur des Lehrers aber voll aus.
Das Ende des Stücks ist in der Marburger Inszenierung irritierend und enthält Ungereimtheiten. Lehrer Klamm eröffnet seinen Schülern, dass er die Schule – er schiebt eine Nierenoperation als offiziellen Grund vor – verlassen müsse und spielt noch einmal, zum letzten Mal, seine Rolle als vorzüglicher Lehrer: „Ich habe mich immer bemüht, auf Ihre Fragen eine Antwort zu geben.“ Dann schminkt er sein Gesicht weiß und stülpt sich eine Clownsnase über, stellt sich in Positur und rezitiert – so hat das Stück auch begonnen – Goethes Gedicht „Prometheus“, die Worte des Textes zum Teil in der Betonung verdrehend und damit sein Fach und das, was die Schüler gelernt haben, verhöhnend und lächerlich machend. Das Bild des sich selbst und das Fach Deutsch ironisierenden Klamm will nicht so recht zu dem Klamm, der mit seinen Schülern Krieg führt, passen, wirkt eher fremd und aufgesetzt.
Vielleicht gibt das aber dann schon Anlass zu Fragen an den Schauspieler Streibig und den Regisseur Meyer. Denn es ist geplant, Klamms Krieg auf Einladung hin in den Schulen, in den Klassenräumen, vor Ort also, vor den Schülern zu spielen und mit den Schülerinnen und Schülern anschließend über die Produktion zu reden und zu diskutieren. An Gesprächsthemen dürfte es wohl nicht fehlen. Schüler werden ein kritisches Ohr für Klamms Sätze und ein feines Gespür für seine Unfähigkeit als Lehrer haben. - Ein solches Gespräch wäre sicherlich auch nach der Premiere interessant gewesen, in der fast ausschließlich Erwachsene, zum großen Teil wohl Lehrerinnen und Lehrer der Friedrich-Ebert-Schule, anwesend waren. Schauspieler und Regisseur wurden übrigens mit großem Applaus verabschiedet. - In diesem Zusammenhang: Müssen die Theater wirklich in die Schule gehen, um ein jugendliches Publikum zu erreichen? Oder ist es nicht sogar so, dass die 10- bis 18-Jährigen lieber ins Theater kommen, um etwas über sich selbst zu lernen und darüber zu sprechen? Die Erfahrungen, die das HLT mit Klamms Krieg in dieser Beziehung macht, werden interessant sein.
Klamms Krieg, 2002 mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet, führt vor, was Jugendtheater kann: die Jugendlichen, die vielleicht sonst Fußballspieler oder Computerfreaks oder Fernsehkonsumenten sind, in ihrer Mehrzahl wohl kaum Theaterinteressierte, aus ihrer Wirklichkeit in eine neue, ästhetisch konstituierte Wirklichkeit zu führen, ihnen dort mit Hilfe einer dramatischen Geschichte und eines Schauspielers ihre Wirklichkeit so zu zeigen, dass sie in größerer Schärfe Menschen ihrer Umgebung, deren Verhalten und deren Beziehungen untereinander wahrnehmen, Klischees, Gewohnheiten, Selbstverständlichkeiten, denen sie Tag für Tag begegnen, durchschauen und Zusammenhänge verstehen, so dass sie mit einem besseren Verständnis und einem genaueren Bild ihrer Wirklichkeit aus dem Theater gehen.
Herbert Fuchs