Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 1


Zwischen „faktischem Antisemitismus“ und heuchlerischem Philosemitismus

Anmerkung des Verlegers zur Neuauflage von Ted Honderichs „Nach dem Terror“

  von Abraham Melzer

Mit seinem Buch „Nach dem Terror“ wollte Ted Honderich u.a. die moralische Berechtigung zum Widerstand, auch durch Terror, zur Diskussion stellen. In Deutschland wurde daraus dank einer perfiden und heuchlerischen Einmischung des Direktors des Fritz Bauer Instituts, Prof. Micha Brumlik, eine Diskussion über Antisemitismus und Antizionismus, eine Fortsetzung derselben Debatte, die genau vor einem Jahr in Deutschland schon stattgefunden hat, als der Entertainer, Publizist und selbst ernannte Moralapostel Michel Friedman die Kritik des FDP-Politikers Jürgen Möllemann an der brutalen und menschenrechtsverletzenden Politik Israels stoppen wollte.

In beiden Fällen genügte der mittlerweile banale Vorwurf des Antisemitismus bzw. „antisemitischen Antizionismus“, um die couragierte Anklage einer bankrotten Politik im Keime zu ersticken. Kritiker, Philosophen, Politiker und alle möglichen und unmöglichen Größen aus dem öffentlichen Leben haben ihren Kotau vor Friedman und Brumlik gemacht und waren sehr emsig bemüht, sich so darzustellen, dass jeder Schatten eines Verdachtes, sie seien Antisemiten, von ihnen abfällt. Das hat jeder ernsthafte Diskussion vorgebeugt; gleichwohl aber überzeugt, dass eine öffentliche Debatte über die Ereignisse unerlässlich ist.

Brumlik ist darüber empört, dass Honderich offen bekennt, „dass die Palästinenser mit ihrem Terrorismus gegen die Israelis ein moralisches Recht ausüben.“ Dazu schreibt Rabbiner Michael Lerner in der Jüdischen Allgemeine: „Nichts in den Gesetzen oder in Prozessen des Talmud gibt dem jüdischen Volk das Recht, die Taten anderer ganz frei als mögliche Beteiligung oder Unterstützung bei Gewaltakten zu interpretieren und eine Person auf Grund dieser freien Interpretation als „Terrorist“ zu beschuldigen. Nun ist eine weniger enge Interpretation des Begriffs „Terrorist“ aufgetaucht. Danach trifft dies auf jeden zu, der in einer Organisation mitarbeitet, die Aktionen sponsert, die zum Tod unschuldiger Menschen führen, egal, ob die spezielle Person in diesem Moment am Mord beteiligt ist oder jemals zuvor direkt beteiligt war. Damit ist das Prinzip der Selbstverteidigung so weit ausgedehnt worden, dass es von Israels Armee auf große Gruppen von Palästinensern anwendbar erscheint. Aber wenn es zuträfe, könnte dieses Prinzip auch von den Palästinensern auf eine große Zahl israelischer Zivilisten bezogen werden, die mithelfen, die Besatzung aufrechtzuerhalten. Praktisch wird so jeder zum Ziel. Das ist der direkte Weg in die Barbarei“. Und darüber sollte man diskutieren.

Ich klage deshalb hier und jetzt den zynischen, selbstgerechten Micha Brumlik, der den Terror der israelischen Armee schweigend  in Kauf nimmt, der Heuchelei, den illegal vertragbrechenden Suhrkamp Verlag der Untreue gegenüber seinem Autor und den unwahrhaftigen und verwirrten Jürgen Habermas der einerseits das Buch für so wichtig hielt, dass er es empfohlen hatte und andererseits meinte, man könne es „den Juden“ in Deutschland nicht zumuten, der Feigheit an. Man kann es vielleicht „den Juden“ in der Tat nicht, aber Juden, Herr Habermas, kann man es schon zumuten.

Ich klage aber auch die Presse und die Öffentlichkeit an, dass sie schweigend und ohne Protest diese Demütigung erduldet hat und damit einverstanden war, dass in Deutschland Bücher wieder verbrannt werden, diesmal aber nicht von einer barbarischen, kulturlosen Machtelite, sondern von Intellektuellen, Verlegern, Journalisten und Philosophen.

Prof. Michael Opielka meinte in seinem Beitrag in der FAZ, Honderichs Buch sei „faktischer Antisemitismus“, weil er „ohne je in Israel gewesen zu sein ... den Zionismus für ein Verbrechen hält, das jede Art von Gegenwehr legitimiere“. Ich frage mich, ob Opielka je in Israel gewesen ist und wenn ja, was er dort gesehen bzw. nicht gesehen hat oder nicht sehen wollte, und ob er auch so urteilen würde, wenn statt „Zionismus“ bzw. „Neo-Zionismus“ schlicht und einfach der „israelische Staatsterror“ auf der Anklagebank säße?

Die ständige Ermahnung, es handele sich um „antisemitischen Antizionismus“, da  die Ermordung „jüdischer Zivilisten“ rechtfertigt wird, ist absurd. Die Selbstmordattentate sind grauenvoll und inhuman, darüber sind wir uns einig, aber nicht antisemitisch.

Der real existierende Zionismus ist in seiner Auswirkung gegenüber den palästinensischen Arabern faktischer Rassismus, ob es den Kritikern dieses Buches gefällt oder nicht. Rassismus aber ist ein Verbrechen. Die Palästinenser kämpfen nicht gegen „die Juden“, sondern gegen offizielle israelische Unterdrückung, Landraub, Vernichtung von Leben, erzwungene Armut und Hunger, kurz: gegen den tagtäglichen israelischen Terror. Wie ein roter Faden geht durch die gesamte Pressekritik der Vorwurf gegen den „linken Professor“ und andere „linke Revolutionsromantiker“, dass sie dem islamischen Terror Beifall klatschen, andererseits wird ignoriert und verkannt, dass es sich in vielen Fällen, Palästina und Tschetschenien sind nur zwei Beispiele, nicht nur um religiösen Fanatismus handelt, sondern auch um das authentische und ureigene Bestreben der Menschen nach Freiheit und Unabhängigkeit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dieses Buch ist alles andere als „faktischer Antisemitismus“. „Nach dem Terror“ ist angewandte Moralphilosophie. Honderich begegnet mit Nachdruck der Position, dass unterlassene Handlungen in ihrer moralischen Dimension weniger verwerflich seien als getätigte Handlungen. Bisher mussten Sie sich auf die manipulierenden Urteile und Machenschaften von einigen Zeitgenossen verlassen, die sicherlich motiviert waren durch andere, als die genannten Gründe, die aber fast alle das Buch nicht gelesen und deshalb offensichtlich voneinander abgeschrieben haben. Nur so ist es zu verstehen, dass manche groben Fehler und böswilligen Unterstellungen, die man im Text von Honderich nirgends finden würde, bei fast allen Kritiken die Runde gemacht haben. Die uniformierte akademische wie journalistische Aufgeregtheit und Ahnungslosigkeit war geradezu peinlich, um nicht zu sagen: lächerlich.

Jetzt können Sie selber das Buch lesen und sich ihr eigenes Urteil bilden.

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