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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 1
Die Liebe Romeos und Julias ist längst ein Mythos geworden, losgelöst von der literarischen Vorlage. Es ist der Mythos der bedingungslosen Liebe zweier junger Menschen inmitten gesellschaftlicher Bedingungen, die diese Liebe eigentlich unmöglich machen. Die Liebe siegt gegen die liebesfeindliche Wirklichkeit. Allerdings bezahlen die Liebenden diesen Sieg mit ihrem Tod. Wahrscheinlich liegt die alle Jahrhunderte überdauernde Faszination dieses Mythos auch in seinem utopischen Element: die große Liebe als das große Versprechen zu allen Zeiten, an allen Orten, in allen Verhältnissen und selbst unter den widrigsten Gegebenheiten.
Dennewitz hat die Shakespearetragödie jetzt im Fürstensaal des Landgrafenschlosses inszeniert. Er zeigt die Liebe zwischen Romeo und Julia in all ihrer Verletzlichkeit, energiegeladenen Naivität und ihrem Absolutheitsanspruch und in ihrem Umfeld aus Feindseligkeiten zwischen den Capulets und Montagues, aus opportunistischem Verhalten der Eltern, die Julia an den Grafen Paris verheiraten wollen, und aus den derb-komischen Alltagsszenen um die Amme und den Hausdiener, aus Intrigen und Widrigkeiten. Dabei lehnt er sich eng an die Szenenabfolge des shakespeareschen Originals an, hat aber eine Fassung von Bechtolf und Wiens gewählt, die die kunstvolle, bilderreiche Shakespeare-Sprache und ihre poetische Antiquiertheit in ein heutiges, manchmal gewollt kunstloses Deutsch mit gelegentlich etwas aufdringlichen Reimwörtern übersetzen. – Im ersten Teil der Aufführung, so auch im shakespeareschen Text, schieben sich die derberen Szenen in den Vordergrund des Bühnenspiels. Im weiteren Verlauf des Abends aber bestimmt die Liebe zwischen Julia und Romeo mit ihren tragischen Momenten mehr und mehr die dramatische Handlung und Dennewitz gelingen eindrucksvolle Bilder, die die Zuneigung der beiden jungen Menschen in der Tat als das ganz besondere, einmalige Ereignis darstellen.

Die Inszenierung beginnt mit Sticheleien und Wortgeplänkel zwischen den verfeindeten Gruppen der Capulets und Montagues, die schließlich aggressiv aufeinander losgehen. Die hochlehnigen Sessel mit den oben wie Lanzen angespitzten Sesselpfosten - das Bühnenbild wurde von Axel Pfefferkorn eingerichtet – werden im Streit zu gefährlichen Waffen.

Benvolio (Matthias Steiger) und Romeo (Daniel Kuschewski) in alberndem, spielerischem Geplänkel. Die Fellkleidung, die sich streng von der weiß glänzenden Kleidung der höfischen Gesellschaft abhebt, gibt den Jugendlichen im Stück ein romantisches Flair, das – später – in krassem Widerspruch zu dem Mordgeschehen stehen wird. Die Kostüme wurden von Uta Eisold entworfen.

Die steife Hofgesellschaft ist zum Fest angetreten, auf dem sich Romeo und Julia zum ersten Mal begegnen. Die Darsteller der Capulet-Familie sind Jürgen Helmut Keuchel und Uta Eisold, die der Montague-Familie Barbara Kramer und Stefan Gille.


Mit der Begegnung von Romeo und Julia auf dem Fest gelingt dem Regisseur und den Darstellern Daniel Kuschewski und Barbara Schwarz eine der schönsten Szenen der Inszenierung. Romeo und Julia sehen sich zum ersten Mal, gehen aufeinander zu, berühren sich leicht mit den Händen, fangen an sich im Kreise zu drehen, tanzen und küssen sich. Der Schock für Romeo kommt kurz darauf, als er erfährt, wer das Mädchen, in das er sich verliebt hat, ist: „Sie eine Capulet.“
Die Balkon-Szene

Christine Reinhardt spielt mit großem Engagement die Amme. Sie tritt in vielen der Szenen auf, in denen die Komik, auch die zuweilen etwas derbere Komik, das Spielgeschehen beherrscht. Auf der Bank himmelt sie Romeo an und überbringt ihm die heimliche Nachricht, dass Julia zu dem Treffen mit dem Pater, der beide trauen soll, erscheinen wird.
Aus einem unbedeutenden Wortgefecht ist ein ernster Streit entstanden, der in einer Messerstecherei endet. Mercutio (Markus Klauk) wird von Tybalt erstochen.

Julia erfährt von der Amme die schlimme Nachricht von den Morden. Barbara Schwarz hat in dieser Szene einen eindrucksvollen Auftritt: Zuerst glaubt sie, die Amme wolle ihr eine Nachricht von Romeo überbringen, mit dem sie seit einigen Stunden erst heimlich vermählt ist. Als sie die Wahrheit erfährt, steht sie wie unter Schock, bricht dann in ein wirres Lachen aus, das in ein Schluchzen übergeht. Sie kniet schließlich auf dem Boden, außer sich, weint und schreit, kann nicht begreifen, was geschehen ist.
Bevor Romeo wegen seiner Tat in die Verbannung nach Mantua geht, verbringt er heimlich mit Julia die eine Liebesnacht, die ihnen vergönnt ist.

Julia hält den sterbenden Romeo in ihren Armen; sie wird kurz darauf ebenfalls Selbstmord begehen. - Der Tod als ein großes Missverständnis; alles hätte auch anders ausgehen können, nicht aber in Shakespeares Tragödie. Um die einmalige Liebe zwischen Romeo und Julia in ihrer lieblosen Wirklichkeit zu retten, müssen beide sterben. Gerade dadurch machen sie ihre Liebe unsterblich: Sie wird zu einem Mythos.
Dennewitz hat, wie es scheint, der Kraft der Liebesgeschichte, wie sie Shakespeare darstellt, nicht ganz getraut. Wie anders wäre es sonst zu verstehen, dass er immer wieder die Handlung unterbricht und songartige Lieder einschiebt, glänzend gesungen allerdings von Penelope Murdock und hervorragend begleitet von den Musikern Matthias Macht, Christian Steinert und Marc Dennewitz, der auch für die musikalische Einstudierung verantwortlich ist. Die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer, an die sich die Inszenierung in vielen Einfällen gezielt wendet, wird es aber sicherlich freuen.
Herbert Fuchs