Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 1


 

„Die Erotik ist die entscheidende Triebkraft seines Werkes" (H. Kurzke)

Die Clemens Brentano - Ausstellung im Marburger Haus der Romantik

Marburg war zwar kein großes Zentrum der deutschen Rom wie Jena, Heidelberg oder Berlin, aber ein ,Nebenschauplatz', der sich bis heute sehen lassen kann. Das hat schon Ingeborg Schnack in ihrem lesenswerten, aber z.Zt. leider vergriffenen Buch „Marburg - Bild einer alten Stadt. Impressionen und Profile“(Peters Verlag 1961) dargelegt. Wie viele Romantiker hier - wenigstens zeitweise - lebten und schrieben, demonstriert die noch bis zum 21.März 2004 laufende Ausstellung im Haus der Romantik, dem „kulturellen Gedächtnis" der Stadt unter dem Titel: „Auf Dornen oder Rosen hingesunken. Eros und Poesie bei Clemens Brentano".

Der Dichter, dessen Lyrik vor allem ersten Ranges ist, steht im Mittelpunkt; um ihn gruppieren sich - einleuchtend auf dem Wandbild im Untergeschoß zusammengestellt - die Stadt Marburg um 1800 mit Lahnwiesen, Wäscherinnen, mit Schloß, Elisabethkirche und Bettina ­Turm, aber auch die anderen Personen: an erster Stelle Clemens' Schwester Bettina von Arnim, geb. Brentano, später ebenfalls schriftstellerisch tätig (u.a. „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“; „Die Günderrode“; „Clemens Brentanos Frühlingskranz“); der Freund Achim von Arnim, Ko-Autor von „Des Knaben Wunderhorn"; Clemens' Schwager, der junge Rechtsgelehrte Savigny mit seiner Frau Gunda, geb. Brentano; und dessen Studenten, die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm; Bettinas Busenfreundin, Caroline von Günderrode, postum erst als nam-hafte Lyrikerin anerkannt; und deren „Verhältnis", der Theologie­Professor G. Friedrich Creuzer; schließlich Clemens' erste Frau, Sophie Mereau, ihm in Marburg 1803 angetraut; ebenfalls dort abgebildet ist die als Autorin des Romans „Die Geschichte des Fräulein von Stemheim" damals berühmte Großmutter von Clemens und Bettine, Sophie La Roche; der Dichter Jung-Stilling und Caroline Schlegel-Schelling, laut Walter Benjamin die brillanteste Briefschreiberin jener Zeit. Nicht zu vergessen, der jüngere Grimm- Bruder, der Maler Ludwig Emil Grimm, dessen Originale im „Roten Salon" hängen und auf die Pflege der Salon-Kultur in der deutschen Romantik hinweisen sollen.

Während das Untergeschoß in diese Zusammenhänge einführt, erwartet den Besucher, die Besucherin in der 1. Etage die eigentliche Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit Prof. Hartwig Schultz und dem Freien Deutschen Hochstift Franfurt am Main entstanden ist. Der Titel der Ausstellung „Auf Dornen oder Rosen hingesunken?" zitiert ein Sonett Cl. Brentanos, das er 1800 schrieb, angeregt durch seine - zunächst unerfüllt gebliebene - Liebe zu Sophie Mereau, Schillers „Mme Luzifer", und das seine Liebespein in der Antithese ausdrückt. „...der friedlose, dabei pathologisch eifersüchtige Dichter durchmaß alle Höhen und Tiefen einer großen Leidenschaft (...) jedoch zuletzt für beide ein Martyrium.“ (Klaus Günzel) Dieselbe Metapher von Dornen und Rosen, ja mehr oder weniger den ganzen Gedichttext widmet er später anderen ihm nahe stehenden Damen: 1808 Auguste Bußmann, seiner zweiten Frau, deren „Entführung" über Marburg nach Kassel lief; später, 1834, der Malerin Emilie Linder. All diesen und außerdem noch Luise Hensel, der frommen Freundin, sind eigene Schaukästen gewidmet mit Faksimile-Texten, Silber-Utensilien aus dem Erbe und gar mit Clemens' Rosenkranz und Pillendöschen im Original.

Wer noch mehr über die bittersüßen Erlebnisse von Clemens und „seinen Frauen", seiner Schwester und all den anderen erfahren möchte, sei neben den informativen Beschriftungen und der unten ausliegenden Literatur auf die Führungen hingewiesen, die Frau Prof Dr.M. Metz-Becker sachkundig und unterhaltsam leitet ( 14.2. u. 20.3. um 16 Uhr, nach tel. Anmeldung).

Warum soll(te) man(n), nicht nur „frau" diese Ausstellung besuchen? Nicht nur, damit man endlich weiß, wer als Erster die später so berühmte Loreley besungen hat und damit zum Vorbild Heinrich Heines Dichtung wurde (siehe das Plakat mit Abbildung von Eduard von Steinle, 1863). - Sondern weil Clemens Brentano, exemplarisch wie außer ihm wohl nur E.T.A. Hoffinann, nach romantischer Forderung sein ganzes Leben „poetisierte", weil er „modern, ein Identitätsgestörter, der nirgends Ruhe fand, ein Suchender und Angstgepeinigter, der litt wie ein Hund, aber groß war in seinem Scheitern." (Hermann Kurzke) Nun, man kann es auch hübscher ausklingen lassen : „Ach, wo ist's in der Welt so schön...",schreibt Clemens über Marburg an Bettina.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11-13 und 14-17 Uhr

H. Schmidt-Enzinger

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