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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 1
Den angeblichen Grundfehler meiner philosophischen Analyse sieht Herr Welger darin, daß meine Argumentation „alle kognitionsbezogenen Begriffe als selbstbezüglich deutet“ und „die für Repräsentations- und Reflexionsprozesse essentielle funktionelle Fremdbezüglichkeit, ihren immanenten Verweisungscharakter, außer Acht lässt“.
So wie im Begriff „Universum“ auch der diesen Begriff Denkende inbegriffen ist, so ist auch im Begriff „Bewußtsein“ und „Denken“ jeder Bewußtseins- bzw. Denkinhalt inbegriffen, gleichgültig welchen Inhalts er ist. Schließt sich ein Denkinhalt durch seine Bedeutung, d.h. seinen Inhalt ‚denkunabhängig’ vom Denken als Ganzem aus (‚denkunabhängig’ bedeutet svw. ‚außerhalb des Denkens’), dann ist er nicht mehr denkbar, weil er nicht mehr zum Denken gehört. Er hat sich durch seinen Selbstausschluß undenkbar gemacht, sich selbst als Denkinhalt aufgehoben. Weil man sich aber nur in einer Münchhauseniade selbst aufheben kann, wird dieser Denkinhalt dadurch zu einem Denkfehler, d.h. zu einem Denkinhalt, der nur vermeintlich in seiner Bedeutung denkbar ist. Es ist nicht anders als wollte sich jemand vorstellen, er sei außerhalb und deshalb unabhängig vom Universum, zu dem er aber notwendig gehört. Es ist derselbe Denkfehler, nun in der Bedeutung ‚universumsunabhängig’. Das ist übrigens auch mengentheoretisch nachweisbar, wie mein Nachfolgeartikel „Einmal mehr: Was ist Wahrheit?“ zeigt.
Dagegen helfen auch keine „Repräsentations- und Reflexionsprozesse“ oder eine konstruierte „essentielle funktionelle Fremdbezüglichkeit“, denn es ist gleichgültig, welche Bedeutung man einem Denkinhalt gibt, welchen Inhalts er ist, ob man ihn ‚Repräsentant’ oder ‚Repräsentiertes’ nennt, er kann sich niemals wirklich dem Denken gegenüberstellen, er kann es nur scheinbar, eben nur als Denkfehler.
Die von Herrn Welger eingebrachten Begriffe „Repräsentanten“ einerseits und „Repräsentiertes“ andererseits, vermögen den Sachverhalt des ‚Denkfehlers’ nicht zu erhellen, sondern nur zu verdunkeln. Es ist kein Erkenntnisgewinn, zu sagen, „Begriffe sind [...] Repräsentanten“, insbesondere wenn nicht deutlich angegeben wird, was die Begriffe repräsentieren. Herr Welger sagt dazu nur: „Jeder Begriff steht per se für etwas Anderes, mit ihm nicht Identisches. Insbesondere muß der repräsentierende Begriff nicht alle Eigenschaften des Repräsentierten aufweisen, und umgekehrt. Sie müssen nicht beide vom gleichen ‚Stoff’ sein [...]“ und weiter: „Die Repräsentativität, die zwingende Erwartung, daß sie für Anderes stehen, betrifft ausnahmslos sämtliche Bewußtseinsinhalte [...]“.
Man kann daraus schließen, daß hier die Repräsentanten die Begriffe und das Repräsentierte die Bewußtseinsinhalte sind. Nun ist in meiner Definition des ‚Denkfehlers’ („Begriffe, deren Bedeutung sich vom Denken ausschließen, sind in dieser Bedeutung nicht denkbar, sind gedanklich nicht erfaßbar“) nur von Begriffen und deren Bedeutungen die Rede. Sind aber die Begriffe die Repräsentanten, wie Herr Welger sagt, dann können im ‚Denkfehler’ das von ihnen Repräsentierte nur Bedeutungen sein. Bewußtseinsinhalte können auf keinen Fall das Repräsentierte sein, denn sowohl die Begriffe, also die Repräsentanten, als auch ihre Bedeutungen sind Denkinhalte und damit Bewußtseinsinhalte. Danach wären Repräsentanten zugleich das Repräsentierte!
Der Gedanke der „Repräsentativität“ verdunkelt nicht nur das Verständnis des ‚Denkfehlers’, sondern mündet hier in seiner Ausführung in einen Widerspruch.
Ungereimt ist dieser Gedanke auch in dem anschließenden Satz: „Das soeben Ausgeführte gilt auch für das Bewußtsein als Ganzes. Es ist die mentale Repräsentation einer Umwelt.“ Als Ganzes? Danach müßte auch abstraktes Denken eine mentale Repräsentation einer Umwelt sein.
Aber weiter. „Nach alledem kann man feststellen: Seibolds Behauptung, ‚man kann nicht denken, dass man nicht denkt’, entbehrt der Grundlage.“ - Nach alledem für den ‚Denkfehler’ selbst Unwichtigen und Inkonsistenten kommt Herr Welger jetzt zum Kern der Sache, indem er sagt: „Man kann alles denken (repräsentieren), auch Kontrafaktisches, Widersprüchliches, Unsinniges, Unmögliches, Fiktives, und natürlich auch, daß man nicht denke. Der Gedanke, man denke nicht, ist nämlich selbst kein Nichtdenken (was in der Tat widersinnig wäre), sondern er repräsentiert nur ein solches.“
Das kann man zur Not gelten lassen. Leider ist es wieder akademisch vertrackt ausgedrückt. In Klartext übersetzt: Der Gedanke, man denke nicht, ist kein Nicht-Denken, sondern er denkt nur [‚repräsentieren’ steht oben äquivalent für ‚denken’] ein Nicht-Denken. Aber das denkt der Gedanke eben als etwas Widersprüchliches, Unsinniges, Unmögliches, in meiner Sprache „als Denkfehler“ und somit ist er auch ein Denkfehler. Man beachte übrigens, daß bei einer Äquivalenz von Denken und Repräsentieren Gedanken Gedanken repräsentieren! Das ist eine blitzgescheite Methode, jegliche unliebsame Bedeutung eines Begriffs unanwendbar zu machen, indem man sagt, der mit einem Begriff ausgedrückte Denkinhalt (Gedanke) sei nicht seine Bedeutung, sondern „repräsentiere“ sie nur; sehr zu empfehlen in allen Rechtsstreitigkeiten.
Diese Spitzfindigkeit spiegelt sich wider im folgenden Absatz in Herrn Welgers Satz: „[...] vermengt Seibold dann doch beharrlich die Ebenen, so dass das ‚Denken, dass man nicht denkt’ (was sehr wohl möglich ist) für ihn gleichbedeutend mit ‚nichtdenkend denken’ bzw. ‚uno actu denken und nicht denken’ (was natürlich praktisch nicht möglich, nicht vollziehbar ist) wird.“
Allerdings ist für mich „Denken, dass man nicht denkt“ und „nichtdenkend denken“ gleichbedeutend, weil beides „uno actu denken und nicht denken“ ist. In beiden Fällen wird dem Denken ein Nicht-Denken bzw. umgekehrt beigefügt, so daß beides in ein und demselben Gedanken vollzogen werden muß. Im ersten Fall wird dem Denken ein Nicht-Denken beigefügt, im zweiten Fall dem Nicht-Denken ein Denken. In beiden Fällen entsteht dadurch ein Widerspruch in sich, eben ein Denkfehler, den man als solchen natürlich denken kann, sonst könnte hier nicht davon die Rede sein.
Ich brauche für die einfache und klare Sachlage des ‚Denkfehlers’ keinen „Taschenspielertrick“. Diese Bezeichnung paßt eher für die überflüssigen und jedenfalls auf den ‚Denkfehler’ inkonsistent angewendeten „Repräsentations- bzw. Reflexionsprozesse“, mit deren Showeffekt der ‚Denkfehler’ lediglich vernebelt wird.
„Mentale Repräsentation der mentalen Repräsentation der Umwelt und des Repräsentationsprozesses selbst. Es handelt sich um eine zweistufige Repräsentation, um eine doppelte Reflexion.“ Man fühlt sich in die Scholastik versetzt angesichts solcherart in sich versponnener Begriffskonstruktionen nebst „angeborenen Ideen“ und einer „eingeborenen Überzeugung“ aus der philosophischen Mottenkiste, womit man sich insbesondere bei der Naturwissenschaft nur lächerlich machen kann.
Aber weiter. Herr Welger geht noch auf einige von mir als „spezielle Denkfehler“ bezeichnete Begriffe ein:
Welch eine Spiegelfechterei, habe ich doch deutlich zu verstehen gegeben, daß es sich beim ‚Unbewußten’ bloß um einen unlogischen Sprachgebrauch handelt, der mit dem in der Literatur häufig anzutreffenden Begriff ‚unterbewußt’ bzw. ‚Unterbewußtsein’ behoben ist. Es besteht also gar kein Grund, sich für das ‚Unbewußte’ groß ins Zeug zu legen, denn die damit gemeinte Sache bleibt ja bei mir bestehen. Daß meine Bezeichnung des Unterbewußten als eines gegenüber dem Wachbewußtsein geringeren Bewußtseinsgrads „nicht dem üblichen wissenschaftlichen Sprachgebrauch [entspricht]“, besagt wenig. Wer spricht z.B. heute noch in der Psychologie von ‚Seele’? Und dieser Sprachgebrauch war sogar noch in der jüngsten Vergangenheit sehr üblich.
Eine „empirische Tatsache“ ist das ‚Unbewußte’ (und natürlich auch das Unterbewußte) sicherlich nicht, denn die Empirie bezieht sich bekanntlich auf die so genannte äußere Erfahrung, während das Unbewußte/Unterbewußte als Teil des Psychischen zur so genannten inneren Erfahrung gehört.
„Übrigens müsste Seibold konsequenterweise auch den Begriff ‚Bewußtlosigkeit’ ablehnen.“ Unter meinen Prämissen, d.h. bei der Ausdehnung von Bewußtsein auch auf die unbelebte Natur, ist der Begriff allerdings problematisch, wenn auch in der Alltagssprache natürlich akzeptabel. „Dieses Beispiel macht die Absurdität seiner Argumentation vielleicht noch deutlicher.“ Dieses Beispiel macht nur deutlich, wie sehr der Kritiker am konventionellen Denken klebt und sein Unvermögen, eine andere Sichtweise unvoreingenommen wenigstens als Hypothese aufzunehmen. Meine Argumentation ist zumindest logisch nicht widerlegbar, so daß „Absurdität“ hier völlig fehl am Platz ist.
In diesem Zusammenhang ist wieder daran zu erinnern, daß mein neues Weltbild keine philosophische Spinnerei ist, wie Herr Welger suggerieren möchte, sondern eine Weltsicht, die in der neuesten Quantenphysik, und sogar in der experimentellen, ihre Bestätigung findet, worauf ich in meinem Artikel hingewiesen habe. Ferner schreibt der dort zitierte Quantenphysiker Anton Zeilinger, einer der renommiertesten Vertreter seines Fachs, in seinem jüngsten Buch „Die neue Welt der Quantenphysik“, daß es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Information geben kann und bringt das auf die Formel: „Information ist der Urstoff des Universums“. Da Information Wissen und dieses eine Form von Bewußtsein ist, besteht hier eine Parallele zu meiner logischen Erkenntnis, daß wir es mit einer Bewußtseinswelt zu tun haben.
Ich sprach vom Nichts als dem „Fehlen eines jeglichen Seins“, als dem „absoluten Nicht-Sein“. Obwohl Herr Welger die erstere Redewendung zu Beginn seiner Entgegnung übernimmt, unterschlägt er im weiteren die Eigenschaft „absolut“, des von mir intendierten Nichts schlechthin, um dann auf ein „partielles und relatives Nichts“ wieder seine „unterschiedlichen Repräsentations- bzw. Reflexionsebenen“ anzusetzen und weitschweifig meine Argumentation als hinfällig erklären zu können. Ein weiterer Kommentar dazu ist wohl überflüssig.
Herr Welger hat nicht begriffen, daß man ‚Bewußtsein’ und ‚Denken’ ebenso wie ‚Natur’ immer nur umschreiben und funktionell, aber nicht essentiell erklären oder definieren kann, weil man dazu notwendig Bewußtsein und Denken bzw. die Natur braucht, folglich notwendig in einen Zirkel gerät. Es hängt also hinsichtlich des Begriffs ‚Tod’ alles davon ab, in welchen Naturformen man Bewußtsein und Denken erkennen will. Bei Pflanzen zieht da der common sense noch mehr oder weniger mit, in der unbelebten Natur Urformen von Bewußtsein und Denken zu sehen, stößt heute noch weithin, vor allem in der westlichen Kultur, auf unüberwindliche Schwierigkeiten im Denken. Hier hat der common sense eine Denkschwelle.
Auch das Postulat der psychischen Freiheit kann sich logischer Notwendigkeit nicht entziehen. Für ihre Widerlegung beschränke ich mich hier auf das verneinende Urteil der modernen Hirnforschung. Sicherlich leistet das Postulat „nützliche Dienste“, es fragt sich nur, wem. Gewiß nicht einem in kriminellem Milieu aufgewachsenen Menschen, der deshalb straffällig wurde und in der Folge u.U. jahrelang in einer Todeszelle leiden muß. Es wäre wesentlich nützlicher für ihn wie für die Gesellschaft, wenn diese mehr Anstrengungen unternehmen würde, die Umfeldbedingungen der Erziehung so zu verbessern, daß sie zumindest weniger Opfer durch Milieugeschädigte zu beklagen hat, als sich die Sache einfach zu machen mit der Behauptung, der Täter hätte auch anders handeln können und damit seine Bestrafung möglicherweise mit dem Tode zu rechtfertigen. Hier von einer „in langer Evolution bewährten Nützlichkeit“ zu reden ist blanker Zynismus, denn ich hatte auf diese Problematik hingewiesen.
Was Herrn Welgers unmittelbare Kritik an meinen Aussagen betrifft – großenteils doziert er seine eigene Sicht der Dinge -, so erweckt sie einen recht gelehrten Eindruck, hält aber einer logischen Analyse nicht stand. Keinerlei stichhaltige Gegenargumente, geschweige denn eine Widerlegung, lediglich das schlechte Argument, die gängige Weltsicht habe sich als nützlich erwiesen. Ganz gewiß haben einstmals viele dasselbe zur Verteidigung des ptolemäischen Weltbildes gegen das kopernikanische gesagt. – Wieder einmal hat ein Kritiker oberflächlich gelesen und allzu eilfertig alte Vorurteile zu verteidigen versucht.