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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 2
Buch des Monats April 2004
Giordano Bruno. Auszüge aus den Schriften des Häretikers / Texte zum Lebensweg und den geistesgeschichtlichen Beziehungen. 3 CDs. onomato Hörbücher, Düsseldorf. Produktion, Ausstattung und Sprecher: Axel Grube, Musik / Klangarbeit: Detlef Klepsch, Axel Grube, ISBN 3-933691-16-8, 28 €
Was Axel Grube hier vorlegt, ist weit mehr, als eine bloße Lesung von Texten. Beim Hören der drei CDs entsteht ein Gesamteindruck von Leben und Werk Brunos, ja darüber hinaus von einer bestimmten Art des Philosophierens. Wir erfahren im "Hintergrund" von den Vorläufern: "Vorsokratik. Friedrich Nietzsche zu Heraklit. Hermetik, Neuplatonismus, Nikolaus Kusanus, Kabbalah, Scholastik / Paganismus" - und dann zitiert Grube äußerst interessante Stellen christlicher Autoren, von Paulus bis Calvin, um eine Entgegensetzung zu dokumentieren: "Monistisches Weltgefühl / Dualismus". Bruno selbst hat sich vom christlichen Dualismus, der den Leib, die Materie insgesamt und natürlich die Frau negativ sieht, abgegrenzt. Seine andere Einstellung gegenüber dem weiblichen Geschlecht zeigt sich besonders im vierten Dialog seiner Schrift: "Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen" ( CD 2 ). Immer noch macht andererseits schwindlig, welche Behandlung Martin Luther manchen Frauen angedeihen lassen möchte; ich setze die ganze, von Grube gelesene Stelle hierher:
"Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen [von Zauberern ist nicht die Rede!]. Es ist ein gerechtes Gesetz, dass sie getötet werden. Sie richten viel Schaden an. Schaust du solche Weiber an, wirst du sehen, dass sie ein teuflisches Gesicht haben. Ich habe deren etliche gesehen. Man töte sie nur. Wenn ich Richter wäre, so wollte ich eine solche französische giftige Hure rädern und ädern lassen. Ebenso soll die Obrigkeit auch strafen oder je nicht leiden, die da so lehren, Christus sei nicht für unsere Sünden gestorben, sondern ein jeglicher solle nur selbst dafür genugtun. Moses gebietet auch in seinem Gesetz, solche Lästerer, ja alle falschen Lehrer zu steinigen. Also soll man hier nicht zu viel Disputierens machen, sondern auch unverhört und unverantwortet verdammen solch öffentliche Lästerung."

Nebenbei gesagt: um den heutigen Drang der Islamisten zu Gewalt und Terror zu verstehen, genügt es nicht, ist aber hilfreich, sich den Wurzeln der christlichen Glaubensrichtungen zuzuwenden. - Grube bezieht mit seiner Gegenüberstellung durchaus Partei. Seine Sympathie für den "Ketzer" Bruno offenbart sich an vielen Stellen der Lesung. Hierin zeigt sich der tiefgreifende Unterschied gegenüber der rein kommerziellen Produktion einer Hör-CD mit einem professionell-unbeteiligten Sprecher. Grube ist engagiert, ohne jedoch etwa missionieren zu wollen. Er liest mit ruhiger, aber eindringlich-markanter Stimme, und es gelingt ihm, nicht nur die Weltsicht, sondern auch das unstete Leben des Philosophen vor uns erstehen zu lassen. Die zweite CD setzt den biografischen Abriss fort und bringt dann Auszüge aus "Das Aschermittwochsmahl" und "Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen", die dritte verfolgt die weiteren Lebensstationen Brunos bis zu seinem schrecklichen Ende, weiterhin hören wir einen Text aus "Die heroischen Leidenschaften", in dem die Rede von dem zentralen Inspirationserlebnis Brunos ist; schließlich gibt Grube einen Einblick in die Rezeptionsgeschichte und das Verhältnis zu Galilei, liest aus Rilkes "Brief eines jungen Arbeiters", um die Bezüge zur Philosophie des Nolaners zu verdeutlichen und endet mit dem Abschnitt "Organisches Weltgefühl", der Äußerungen von Hegel und Frances A. Yates zu Bruno und ein aus verschiedenen Stellen der Ursachenschrift zusammengesetztes Zitat enthält.
Giordano Bruno wurde 1548 in Nola, östlich von Neapel gelegen, geboren. 1565 tritt er in den Dominikanerorden ein, bereits 1566/67 kommt es zu einem ersten, kurzen Konflikt mit diesem Orden, 1576, nach der Priesterweihe und dem Abschluss des Theologiestudiums (1572, bzw. 1575), flieht er nach Rom und tritt aus der Kirche aus. In den folgenden Jahren wird er sich in Genua, Turin, Venedig, Padua, Mailand, Genf, Paris, London,, Mainz, Wiesbaden, Marburg, Wittenberg, Prag, Tübingen, Helmstedt, Frankfurt am Main, Zürich, dann wiederum in Venedig aufhalten, wo ihn sein Gastgeber Giovanni Mocenigo bei der Inquisition denunziert. Am 25. Mai 1592 wird Bruno ins Gefängnis gebracht, verhört und gefoltert, 1593 nach Rom überstellt und nach weiteren sieben Jahren Haft und Folter am 17. Februar 1600 auf dem Campo dei Fiori verbrannt. Grube liest aus dem Bericht eines Augenzeugen: "Er sah blass und bleich aus, offensichtlich geschwächt von dem Blutverlust, den er durch die vergangenen Martern erlitten hatte. Seine Arme hingen wie leblos herunter, man hatte sie aus den Gelenken gerissen, als man ihn über das Rad geflochten hatte. Nicht genug damit, die furchtbaren Marterwerkzeuge hatten an vielen Stellen das Fleisch bis auf die Knochen heruntergeschabt."
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Der Grundansatz der Philosophie Brunos soll nun anhand von zwei Zitaten skizziert werden. Das erste stammt aus "Über die Magie" (CD 2), das zweite aus "Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen", fünfter Dialog:
"Aus der Erfahrung dieser Dinge heraus (...) ist es offenkundig, dass jede Seele und jeder spiritus in einem gewissen Zusammenhang mit dem universalen spiritus steht. So erkennt man, dass er nicht nur dort ist und eingeschlossen wird, wo er empfindet und belebt, sondern auch ins Unermessliche hinein durch sein Wesen und durch seine Substanz verstreut ist. Viele Platoniker und Pythagoreer waren ebenfalls dieser Meinung. Daher kommt es, dass man sehr weit entfernte Arten plötzlich in einem Gesicht wahrnimmt, ohne Bewegung und ohne dass das Auge sozusagen vorangegangen ist, bzw. dass etwas sofort vom Auge zu den Sternen oder von den Sternen zum Auge verlaufen wäre. Weiter ist die Seele mit der ihr eigenen Kraft auf eine gewisse Weise im Universum anwesend, wie zum Beispiel die Substanz jener Art, die durch sich selbst nicht im Körper eingeschlossen ist, auch wenn sie an ihm angebunden ist und an ihm festhängt. Daher vergegenwärtigt sie sich, wenn gewisse Hindernisse außer Kraft gesetzt sind, sofort und unverzüglich die sehr weit entfernten Arten, die nicht durch Bewusstsein mit ihr verbunden werden."
"So ist denn also das Universum ein Einiges, Unendliches, Unbewegliches. (...) Dies bewegt sich nicht räumlich, weil es nichts außer sich hat, wohin es sich begeben könnte; ist es doch selber alles. Es wird nicht erzeugt, denn es ist kein anderes Sein, welches es ersehnen oder erwarten könnte; hat es doch selber alles Sein. Es vergeht nicht; denn es gibt nichts anderes, worin es sich verwandeln könnte, - ist es doch selber alles. (...) Es ist nicht Materie, denn es ist nicht gestaltet, noch gestaltbar, nicht begrenzt noch begrenzbar. Es ist nicht Form, denn es formt und gestaltet nicht anderes - es ist ja alles; es ist das Größte, ist eins und universell. (...) Weil es eins und dasselbe ist, so hat es nicht ein Sein und noch ein Sein, und weil es dies nicht hat, so hat es auch nicht Teile und wieder Teile, und weil es diese nicht hat, so ist es nicht zusammengesetzt. So ist es denn eine Grenze, doch so dass es keine ist; es ist Form, doch so dass es nicht Form ist; es ist so Materie, dass es nicht Materie ist; es ist so Seele, dass es nicht Seele ist; denn es ist alles ununterschieden, und deshalb ist es Eines; das Universum ist Eines."
Es gibt, sagt Bruno im ersten Zitat, eine Schau in uns, die der Möglichkeit nach immer schon da ist, und die doch aktiviert werden muss. Sie ist die Grundkraft der von ihm beschriebenen "natürlichen Magie". Durch sie erspüren und erkennen wir die Einheit alles Existierenden, also unmittelbar auch diejenige unseres eigenen Daseins mit dem Unendlichen. Aber diese Erkenntnis beinhaltet eine Umkehrung. Erfolgt sie, so schaut nicht ein Subjekt seinen Erkenntnisgegenstand an, sondern das Unendlich-Eine, mit unseren Augen, sich selbst.
Diese "Kehre" (der Heideggersche Begriff ist aufs genaueste in diesem Zusammenhang platziert), gleichsam der mystisch-mythische Grundhabitus der eigentlichen Schau, ist, seit sich im 17. und 18. Jahrhundert das Modell der naturwissenschaftlich-mathematischen Rationalität, in der notwendig ein Abgrund zwischen Mensch und Welt klafft, ausbildete, zum Rätselhaften und Unzugänglichen schlechthin geworden. Nach Foucault findet das auf "Ähnlichkeiten" fußende Denken der Renaissance, für das gilt: "Le monde, c'est la "convenance" universelle des choses" (Les mots et les choses, ch. II), in der Neuzeit nur noch ein Refugium in der Literatur. Aber gerade die klassische und romantische Dichtung und Philosophie - Goethe, Hölderlin, Novalis, Schelling, in gewisser Hinsicht auch Hegel und natürlich Schopenhauer - bildet sich, wie um ihr eigentliches Zentrum, um die Erfahrung einer Anschauung, die Bruno so beschreibt: "... Es folgt der Geist über aller Vernunft und rationalen Erkenntnis, welcher in einem einfachen Akt des "Schauens" ohne vorausgehendes oder begleitendes logisch-diskursives Denken und ohne Zahl und Trennung alles erfasst, einem Spiegel vergleichbar, der lebt und zugleich so vollkommen ist, dass das Licht, der Spiegel und alle Formen und Gestalten miteinander identisch sind, welche er ohne Trübung und Vereinzelung sieht und ohne zeitliche, der Veränderung unterworfene Aufeinanderfolge, wie ein Haupt, welches vollständig Auge ist und überallhin in einem Akt das Höhere und Tiefere, das Vorher und Nachher und, da es unteilbar ist, auch das Innere und das Äußere sieht" ( Summa terminorum mecaphysicorum, Opera Latine I 4, S. 32, zit. nach: Jochen Kirchhoff, Giordano Bruno, Reinbek 1980, S. 69).
Was eine solche Schau sieht, Form und doch nicht Form, Materie und Seele und zugleich weder das eine noch das andere, sondern alles mit einem Mal, ist nach Bruno die lebendige, in sich schöpferische, allem Sichtbaren und Unsichtbaren zu Grunde liegende Struktur des Geistes selber, eine sich aus sich erzeugende Totalität. In ihr kommunizieren auf magisch-natürliche Weise, ohne dass räumliche oder zeitliche Entfernungen eine Rolle spielten, die Teile oder "spiritus" miteinander, in denen die das Weltall durchdringende und es im tiefsten ausmachende Essenz sich individualisiert und begreift.
Die magische Komponente solcher Geist-Erfahrung mutet uns heute seltsam an. Sie bildet jedoch ein Ingredienz wohl aller frühen kollektiven Wahrnehmung. Der französische Ethnologe Lévy-Bruhl führte den Begriff der "participation" ein, um zu verdeutlichen, nach welchen Mustern die in solcher Wahrnehmung ablaufenden numinosen Prozesse strukturiert sind. Es muss hier zumindest darauf hingewiesen werden, dass die Bildverwendung, aber auch die Rhythmen der literarischen Sprache ohne solche "Teilhabe" keinen Widerhall in uns auslösen würden.
In der deutschen Klassik und Romantik wird der pantheistische Grundzug der Philosophie Brunos aufgenommen, um gegenüber einer mechanistischen Weltsicht Newtonscher Prägung ein letztes Mal das Symbol-Konzept einer Geist-Natur als Einheit des fortan Getrennten zu entwerfen. In der Moderne kann diese Einheit nur noch als Fragment erinnert oder antizipiert werden. Die in ihr immer schon verborgenen dogmatischen, ja totalitären Tendenzen zeigen in den gesellschaftlichen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts ihre ungeheure Gefährlichkeit. Seither, in der Nachmoderne, sind alle Ideen, die auf ein zentrumsorientiertes Ganzes zielen, unmöglich geworden.
Die Tradition der Geist-Erfahrung scheint abgebrochen. Auf direkte Weise kann und darf allerdings nicht mehr an sie angeknüpft werden. Behauptet also nun die technische Rationalität mit der ihr entsprechenden Lebenssicht das Terrain? Wer wollte bestreiten, dass diese Möglichkeit besteht. Die heutigen kulturellen Gegenbewegungen sind gerade deswegen unkräftig und zersplittert, weil ein innerer Impuls sie daran hindert, erneut als Avantgarde, mit dem Anspruch, ein künftiges Ganzes zu repräsentieren, aufzutreten. Die Frage, ob nachmoderne geistige Gefüge, die auf ihre Weise mit den vergangenen kommunizieren würden, entstehen können, lässt sich nur in conkreto beantworten. Sie müssten ihre Nicht-Einheit als Existenzbedingung akzeptieren, um so aus der gegenwärtigen omnipräsenten Demontage der doch längst untergegangenen Vorstellungen von Schönheit und Wahrheit herauszufinden. Für Ohren, die daran gewöhnt sind, kritische, auf Dekonstruktion zielende Sätze zu hören, mag es blasphemisch klingen, dennoch stellt sich jetzt die Aufgabe, nicht nur Begriffe, sondern vor allem neue geistige Wahrnehmungsweisen zu erzeugen, die spezifisch zentrumslose Muster als Formen und Gehalte nachmoderner Schönheit zu erkennen und zu stiften in der Lage sind. Auch ihnen wird eine Gefährlichkeit eignen, ohne die geistige Prozesse nicht vorstellbar sind. Immerhin wird ihre Konzeption auch von vornherein um die ihnen innewohnende Abgründigkeit wissen. Die Beschäftigung mit der Philosophie Brunos gehört zu den Voraussetzungen, will man verstehen, welche Transformationen das Ähnlichkeitsdenken durchlaufen muss, wenn es, neben anderen Strukturen, in einer nicht-numinosen Welt seinen Platz behaupten möchte.
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Im onomato Verlag Axel Grubes sind als weitere philosophische Hör-CDs eine Komplett-Lesung von Friedrich Nietzsches "Antichrist", "Götzendämmerung" und "Ecce Homo", sowie von Sören Kierkegaard "Darf sich ein Mensch für die Wahrheit töten lassen", Texte der Vorsokratiker und stoischen Philosophie erschienen. Außerdem im Programm: "ars moriendi. Eine Textauswahl zum Tod", Prosa und Gedichte Rainer Maria Rilkes, ein hervorragendes Porträt Friedrich Hölderlins (Auszüge aus Briefen, Notizen und dem Werk), Erzählungen und Tagebücher Kafkas, mehrere Heine-CDs, sowie Lesungen der Grimmschen Märchen (bisher insgesamt sechs CDs).
Die Art der Präsentation - bis hin zur Cover-Gestaltung - ist einzigartig und verdient nicht nur Lob, sondern insgesamt größte Aufmerksamkeit. Wir werden weitere Veröffentlichungen des onomato Verlages ausführlich vorstellen. Weiterhin ist Axel Grube im September für eine Vortragslesung von uns nach Marburg eingeladen worden.
Max Lorenzen