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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 2
Inszenierung und Ausstattung: Peter Radestock
Dramaturgie: Annelene Scherbaum
Musikalische Einstudierung: Thomas Streibig
Hilde / Herta / Christa: Christine Reinhardt
Kurt / Brown / Walter/ Schulze-Memmingen: Thomas Streibig
Enkelin / Christa / Gräfin / Petentin: Barbara Kramer
Großvater / Präsident / Franz / Vorsitzender: Peter
Radestock
Medienberater / Wetzel: Matthias Steiger
Das Schauspiel in fünf Akten: "McKinsey kommt" von Rolf Hochhuth lebt, wie alle Stücke des Autors, weniger von seiner inneren Dramatik und Handlungsführung, als davon, reale Ungerechtigkeiten ungeschminkt beim Namen zu nennen und so eine moralische Reaktion des Zuschauers zu provozieren. Leicht mag es nicht sein, ein solches Thesen- und Sprech-Stück auf die Bühne zu bringen und mit Leben zu erfüllen - gerade weil zu viel Lebendigkeit und Dynamik seinem Charakter nicht entspricht und wahrscheinlich den ihm innewohnenden moralischen Impuls eher schwächen würde.

Barbara Kramer, Peter Radestock
Radestocks Inszenierung behält die Statik der Personen in der Regel bei und schafft, besonders am Anfang, ruhige Szenen-Bilder, in denen die Thematik Hochhuths ungeschmälert zur Geltung kommt: "Mercedes hat einen Milliardenkonzern dazugewonnen, doch darf das verbuchen als Verlust - während jeder einzelne, der auch nur das Haus seiner Eltern erbt, dafür natürlich Steuern zahlt" (McKinsey kommt, 3. Aufl. April 2004, München: dtv, S. 16); und: "Aktien steigen, wenn Arbeitnehmer fallen!" (a. a. O., S. 22). Allerdings wirkt gerade der erste Akt: "Mercedes kauft die Oerlikon-Waggonfabrik" doch ein wenig zu breit und langatmig, und auch der zweite: "Rausgeworfene I" tritt noch manchmal auf der Stelle. Dann aber gewinnt das Spiel der Darsteller an Intensität. So wird "Rausgeworfene II" (4. Akt), durch Christine Reinhardt, Thomas Streibig und Radestock selbst, aber natürlich auch durch die dramatische Gestaltung, zu einem der Höhepunkte des Abends. Hier ist nichts überzogen. Eindringlich kommt die völlige Hilflosigkeit der Gekündigten gegenüber dem Konzern, ihre schon im Ansatz scheiternde Auflehnung, zur Geltung. Die drei Angestellten gewinnen individuelle Züge und bleiben zugleich, wie Hochhuth es zweifellos anstrebt, Typen, allgemeine Vertreter ihrer Schicht. Die Balance zwischen diesen Gegensätzen, die ja erhalten werden müssen, gelingt vollständig, sodass wir, die Zuschauer, in diesem Moment erfahren, was "politisches Dokumentartheater" wirklich ist.

Barbara Kramer, Thomas Streibig, Matthias Steiger, Cristine Reinhardt, Peter Radestock
Ihm kann eine seltsame Kraft innewohnen, die wir sonst kaum noch kennen. Angesichts dessen, dass in einem öffentlichen kulturellen Raum Wahrheiten ausgesprochen werden, an die wir uns, hören wir sie in den Nachrichten, längst gewöhnt haben - "Beispiel Deutsche Bank, die im 130. Jahr ihres Bestehens das Rekordgewinn-Jahr überhaupt in ihrer Geschichte hatte, nämlich 9,4 Milliarden Reingewinn und dennoch (...) 14,31 Prozent (ihrer Mitarbeiter wegschmiss)" (a. a. O., S 68) - , entsteht so etwas wie Empörung oder moralische Entrüstung. Das Begreifen der gegenwärtigen Situation verlebendigt sich, obgleich wir kaum etwas erfahren, das wir nicht schon wüssten. Plötzlich wird das Theater in einem ganz eigenen Sinn wieder zur "moralischen Anstalt".

Streibig, Radestock und Reinhardt als "Rausgeworfene"
Im letzten Akt, der im Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe spielt, bietet die Marburger Aufführung eine Szene, die im Text des Taschenbuchs fehlt. Sie basiert auf Entwürfen und Vorschlägen Hochhuths, wurde jedoch von Radestock weiter ausgestaltet. Die Darsteller treten aus ihren Rollen heraus und reflektieren über das was sie tun, sowie die im Stück omnipräsente Gewaltproblematik. Die alten Fragen: macht überhaupt Sinn, was wir hier zeigen, finden im Verlauf des Abends, sowie am nächsten Tag eine eindeutige Antwort, von der gleich gesprochen werden soll. Zunächst noch einige Bemerkungen zur Inszenierung:

Christine Reinhardt als Dr. Hilde Zumbusch
Die in Marburg die Akte unterteilenden Lieder oder Songs, aus der Zeit der französischen Revolution, der sozialen Bewegung des 19. Jahrhunderts, oder auch, am Schluss, von Wolf Biermann, stießen eher auf den Unwillen Hochhuths, der solche Brecht-Reminiszenzen ablehnt. Einerseits wird tatsächlich durch sie der Dokumentarstil des Stücks unterlaufen, andererseits akzentuieren und beleben sie die Szenen-Abfolge. - Hochhuth lässt die Akte jeweils in ein Gedicht münden, hier gesprochen von Arbeitslosen, die nach ihrem Vortrag eine Guillotine betätigen, deren Messer mit lautem Geräusch herunterfährt. Ebenso wie in einigen Lied-Texten wird so die Gewalt der "Erniedrigten und Beleidigten" gegen ihre Peiniger drastisch ins Bild gesetzt. Auch in Hochhuths Text ist häufig von dieser Gewalt die Rede: ""Tritt" A. [Josef Ackermann] nur "zurück" wie Gessler durch - Tell? / Schleier, Ponto, Herrhausen warnen" (a. a. O., S. 23). Hochhuth zitiert Jacob Burckhardt, der 1867 den Mord, "bei Abwesenheit aller legalen Rechtsmittel, da man Richter in eigener Sache wird", als "Hilfsmittel" nicht legitimiert, aber definiert. Ob es angeht, das Tell-Beispiel auf die Arbeitslosen-Problematik zu beziehen, scheint zumindest fragwürdig. Der Inszenierung jedoch unterläuft so eine gewisse Überpointierung des Gewaltthemas. - Nicht unerwähnt bleiben soll ein gänzlich anderer Kritikpunkt, umso mehr, weil er nicht nur für diese Aufführung relevant ist. Man hat manchmal den Eindruck, dass Regie und Darsteller sich nur an die ersten zwei Drittel der Sitzreihen des Saales wenden, in dessen hinteren Teil der Text häufig genug nur fragmentarisch dringt. Hier ist dringend Abhilfe geboten.

Rolf Hochhuth und Peter Radestock im Pressegespräch
Am Tag nach der Premiere stellt Rolf Hochhuth sich in einer Matinee, wiederum im Theater am Schwanhof, den Fragen des Publikums. Zwei Themenkomplexe beherrschen die Diskussion. Hochhuth erläutert, dass er Gewaltreaktionen Entlassener zwar nicht für wünschbar, aber auf eine gewisse Sicht faktisch für unvermeidbar halte, weil solche Gewalt von Wehrlosen immer wieder praktiziert worden sei. Eine Änderung der Gesamtsituation sei jedoch ohne Revolution unmöglich. Auf die Frage, ob für eine Revolution nicht die gesellschaftlichen Alternativen fehlten, antwortet er ehrlich: "Die fallen mir nicht ein". Beim Stichwort "Globalisierung" erläutern Zuhörer, dass Manager wie Ackermann "Inkarnationen eines Prinzips" seien, also die Notwendigkeiten eines ökonomischen Prozesses ausdrückten, der sich der Verfügungsgewalt Einzelner entzieht. Hochhuths wiederholter Satz, wir befänden uns "in einer vorrevolutionären Phase" steht gleichsam beziehungslos neben jener Aussage.

und auf der anschliessenden Matinee
Aber ist es nicht merkwürdig, dass die im Grunde hilflose Einsicht in den Systemcharakter des Kapitalismus und der von Hochhuth, seinem Stück, ausgelöste moralische Impuls koexistieren, ohne dass der eine den anderen aufhöbe? Weder der Autor, noch seine Zuschauer wissen Wege aus der Krise. Trotzdem macht "McKinsey kommt" nicht hoffnungslos. Vielleicht weniger das Lesen des Textes, wohl aber die Aufführung stimuliert zu Diskussionen, die keineswegs einfach verpuffen. Die im Stück selber gestellte Frage danach, ob es Sinn mache, solche Themen auf einer Bühne zu verhandeln, muss mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Die Marburger Premiere hat gezeigt, dass das Theater nach wie vor moralische Empfindungen hervorrufen und stärken kann. Natürlich lassen sie sich nicht ohne weiteres in die Tat umsetzen. Gegenwärtig gilt es eher, sie zumindest am Leben zu erhalten. Die Stücke Hochhuths tragen fraglos dazu bei, Gefühle und Vorstellungen von Solidarität und menschlichem Recht überdauern zu lassen. Sie bedürfen ernsthafter Inszenierungen wie derjenigen Radestocks, die es erreicht, dass wir uns vor der gezeigten globalen ökonomischen Maschinerie nicht einfach machtlos fühlen, sondern immer noch und immer wieder an Wert und Würde der menschlichen Existenz glauben.
Mit "McKinsey kommt" hat das Hessische Landestheater ein hochwichtiges Stück im Programm, dem eine große Anzahl Zuschauer zu wünschen ist.
Max Lorenzen