![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 2
Ein Schlüssel zu Hartmut Langes Werk ist die Irritation, sowohl der Begriff als auch die Erfahrung, und zwar die Erfahrung des Autors wie die des Lesers, der, wenn er bis dahin vom Leben noch nicht irritiert war, es durch Hartmut Langes Novellen vielleicht wird, oder aber wenigstens von der Ahnung gestreift wird, wie fragil unsere Lebenskonstruktionen sind und wie millimetergenau wir uns in der Spur des Normalen bewegen müssen, um nicht in den Sog der Abgründe um uns herum zu geraten. Ein bislang unerkannter Wunsch, eine rätselhafte Geste, eine vage, nicht erwiderte Zuneigung genügen, um Langes Figuren aus ihrer Spur zu drängen, um die Stützen und Aufhängungen dieses einen Lebens schwanken oder gar brechen zu lassen. Einmal irritiert, verlieren für den befallenen Menschen die Vereinbarungen und Selbstverständlichkeiten des Lebens ihre Bedeutung. Den Buchhändler Völlenklee drängt es plötzlich zu einer Wattwanderung; der Kunsterzieher Müller-Lengsfeldt aus Berlin folgt den Spuren Johann Joachim Winckelmanns bis ins Verderben; der Zahnarzt Dahlhaus erliegt der gleichen Obsession, aus der er seinen Freund Kippenberger befreien will. Sie alle überlassen sich so bereitwillig dem Sog ihrer fixen Ideen, als hätten sie sich schon lange nach etwas gesehnt, das wirklicher ist als das Wirkliche.
Die Geschichten, von denen Hartmut Langes Novellen erzählen, geschehen wider den gesunden Menschenverstand; oder umgekehrt: der gesunde Menschenverstand wehrt sich gegen solche Geschichten. Jemand verschwindet auf unerklärliche Weise und hinterläßt Spuren, wo er nicht gewesen sein kann; ein anderer erhält Nachrichten, wo niemand ihn vermuten dürfte; ein Musiker erwartet auf jeder Station einer Konzerttournee seine Familie, die er längst umgebracht hat. Ab und zu kann man versucht sein, Langes aus der Bahn geratenen Protagonisten die Gefolgschaft zu verweigern, weil man ihren akademisch geschulten Hirnen mehr Vernunft zutraut oder abverlangt, jene Vernunft, die in unseren eigenen Köpfen ja funktioniert, diesen aber abhanden gekommen ist. Eine winzige Verschiebung in der Wahrnehmung hat das Vernunftgefüge durcheinandergebracht und hinterläßt da, wo der Sinn der eigenen Existenz verortet war, den obsessiven Versuch einer anderen Sinngebung, der eben auch einer anderen Vernunft folgt. Man kann die Geschichten aber auch wie Märchen lesen und einfach hinnehmen, daß mitten in unserer vernünftig erklärten Welt das Unheimliche, Unerklärliche in unser Leben einbrechen und seinen Fortgang bestimmen kann, wie wir im Märchen hinnehmen, daß Pferde über Abgründe fliegen und Küsse Frösche in Prinzen verwandeln. Mir scheint sogar, daß solche Lesart Hartmut Langes Novellen zur letzten, allerletzten Vollkommenheit verhelfen würde, weil sie das philosophische Gefüge, das ihr gebildeter und grüblerischer Autor ihnen zugrunde gelegt hat, einfach ignoriert und die Geschichte ganz auf sich selbst verweist, wo ihr theoretischer Untergrund ihr den Rang mitunter streitig machen will.
Zwei seiner Novellen verschiebt Lange aus der realen Welt in die Transzendenz, in den imaginierten Raum nach dem Sterben, "Die Heiterkeit des Todes" von 1987, und "Das Konzert" von 1986. Beides sind Geschichten um Schuld und Sühne, um Mörder und Gemordete, um Nazis und Juden. Hartmut Lange betrachtet den Mord an den Juden, mit dessen Unbegreiflichkeit wir uns scheinbar abgefunden haben, seit wir den Begriff Holocaust in unsere Alltagssprache aufgenommen haben, von der Seite des Todes her, wenn alles vorbei ist für die Opfer, für die Täter, wenn dem Geschehen jeder Sinn und Zweck entzogen ist, und jeder unrettbar in seinem Zustand verharrt, der eine in seiner Schuld, der andere in der Not, verzeihen zu sollen. Im Zustand des Todes, den Lange einen „metaphysisch-sittlichen Raum", eine "positive Utopie" nennt, gehören Mörder und Opfer ewig zusammen als Sühnende und Verzeihende. Der junge Pianist Lewanski, mit achtundzwanzig Jahren in Litzmannstadt erschossen, ringt um seine künstlerische Vollendung, von der, weil sie den Widerruf der Tat bedeutete, auch seine Mörder sich die Erlösung erhoffen. Aber Lewanski wird die Erfahrung, die er zu seiner Vollendung brauchte, nicht machen können, er wird immer achtundzwanzig bleiben und seine Mörder unerlöst.
"Das Konzert" ist eine unglaubliche Geschichte, nicht weil sie im Phantastischen angesiedelt, sondern weil sie überhaupt gelungen ist. Hartmut Langes hohe Sprachkunst, sein philosophischer Geist und seine soziale Phantasie allein erklären das nicht. Es bedurfte auch Langes beharrlicher, und zwar rationaler Versuche, eine Brücke zu schlagen vom Rationalen zum Transzendenten. Der Blick auf das Leben aus der Gleichgültigkeit des Todes gibt dem Irrsinn plötzlich klare Konturen. Warum diese Novelle vor siebzehn Jahren, als sie erschien, wenn schon keine unüberhörbare Bewunderung, nicht einmal Empörung ausgelöst hat, läßt sich schwer verstehen, zumal sie trotz ihrer inhaltlichen und formalen Ungeheuerlichkeit sehr klar, selbstverständlich und schön erzählt ist.
Hartmut Langes Stil und Sprache sind viel gerühmt worden. Odo Marquard schreibt: ,,...jeder Satz, schlicht und präzis, konzentriert aufs Nötigste, mit Meisterschaft des Weglassens, von äußerster Intensität und eingebrannt in seinen Kontext. Darum gelingt es seinen Sätzen und Texten, die Wirklichkeit aussehender zu machen.",
Andreas Nentwich nennt Langes Stil "im besten Sinne altmodisch, nämlich klar, kultiviert und frei von programmatischen Manieriertheiten", wenn er darin auch eine mitunter dämpfende Klassizität erkennt.
Ich möchte die Eigenschaft des Widerständigen hinzufügen. Hartmut Langes gegen Mode und Zeitgeist verriegelte Sprache ist sein poetisches Programm. In seinem Buch "Irrtum als Erkenntnis", in dem er, wie im Untertitel angekündigt, über seine Realitätserfahrung als Schriftsteller schreibt, reflektiert er den gegenwärtigen Zwang zur Innovation in der Kunst:
"Heute ist jeder Oberstudienrat oder Kulturbeamte, den der Wille zur Kunst in den Dilettantismus treibt, zuallererst innovativ. Also der Erneuerer, um die Jahrhundertwende oft in den Hungertod der Boheme getrieben, partizipiert heute an den Neigungen der Zeit .... Für den Künstler ist es unerheblich, ob er auf eine konservative oder progressive öffentliche Meinung trifft. Er folgt, dies ist sein Risiko, seiner eigenen Neigung.",
Hartmut Lange ist dieses Wagnis eingegangen, in seiner Biografie ebenso wie in seinem Werk. 1965 verließ er die DDR. Dieser Entschluß, schreibt Lange, sei ihm bis heute rätselhaft. Er war damals Marxist, die Hegelsche Dialektik galt ihm als einzig gültige Erkenntnistheorie, seine Theaterstücke wurden zwar nicht gespielt, aber er wurde nicht verfolgt und die geistige Elite der DDR hoffte zu jener Zeit auf politisches Tauwetter. Lange selbst schreibt diese Entscheidung dem instinktiv handelnden Individualisten in ihm zu, während der Schriftsteller Hartmut Lange sein Weltverständnis immer noch im Begrifflichen suchte.
Nachträglich scheint es, als sei dieser Schritt modellhaft für Langes Leben und Schreiben: Der Individualist läuft dem Theoretiker immer wieder davon, lockt ihn aus der Gewißheit philosophischer Geschichtsdeutungen in die Untiefen des Unerklärlichen und Unheimlichen, liefert ihn dem Erschrecken über die eigene Endlichkeit aus und der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Auf diesem Weg wurde aus dem Dramatiker der Novellist Hartmut Lange, dessen Interesse ganz dem Einzelnen gilt und der von diesem, und nur von diesem wahrgenommenen Welt.
Das "Tagebuch eines Melancholikers" und der Roman "Die Selbstverbrennung" sind Zeugnisse der bedrohlichen Lebenskrise, die dem folgte, was Lange als sein "Pascalsches Erschrecken" bezeichnet, "das Wissen um die absolute Individualität und die Irritation darüber, daß sie in einem selbst, durch welche Macht auch immer, inkarniert wurde".
"Das Bewußtsein", schreibt Lange, "dem das Erkenntnisinteresse an der tatsächlichen Welt verlorengegangen ist, versucht die Angst vor dem Nichts durch einen Transzendenzentwurf zu überwinden. Dies genau war die gedankliche Not, die mich veranlaßt hat, Die Selbstverbrennung zu schreiben." Der Verlust der rational begründeten Sinngewißheit und die Entdeckung der eigenen "metaphysischen Bedürftigkeit", zugleich aber die Unfähigkeit zum Irrationalismus, das ist Langes selbsterlittene Irritation und der poetische Grund, aus dem seine Novellen wachsen. Seine Figuren suchen nach dem Faden, der sie hinausleitet aus dem rationalen Labyrinth ihres Alltags. Sie scheitern, weil sie scheitern müssen, weil die Quadratur des Kreises - in diesem Fall die vernünftige Begründung des Metaphysischen - nicht gelingen kann.
Daß Hartmut Lange schon früh die trostlosen Folgen der Aufklärung benannt hat und die Glaubenssehnsucht des Einzelnen, der etwas sucht, zu dem er gehören kann, etwas, das größer ist als er selbst, hat ihn wohl für manche Kreise, auch solche des Literaturbetriebs, verdächtig gemacht. Wem nicht mit der Enthüllung der stalinistischen Verbrechen, sondern erst mit dem faktischen Zusammenbruch der östlichen Diktaturen die eigene Gesellschaftsutopie verlorenging, mag in Hartmut Lange einen Renegaten gesehen haben. Und wer diesen Verlust durch die eine oder andere schlüssige Erklärung für die Schlechtigkeit der Welt schnell kompensiert hat, sieht das vielleicht heute noch so.
Inzwischen hat sich unser Dilemma zwischen Erkenntnistrieb und dem Streben nach unserer mittlerweile vorbildlosen Ebenbildlichkeit zugespitzt. Genetische Selbstschöpfungsphantasien und ein sich selbst zum Daseinssinn erhebendes Rentabilitätsdenken, das den Menschen nicht ausschließt, stellen nicht mehr nur den Sinn unserer Existenz, sondern unsere Existenz selbst zur Disposition. In dieser Verlust-und Sehnsuchtslandschaft haben Langes Figuren die Orientierung verloren. Die Wirklichkeit, an der der Autor seine Geschichten mit genauen Landschaftsbeschreibungen und der pedantischen Benennung von Straßen und Plätzen geradezu festnagelt, bietet keinen Halt mehr in der Wahrnehmung ihrer Helden. Sie werden abgetrieben ins Wattenmeer ihrer Obsessionen. Hartmut Lange hat ein poetisches Psychogramm des modernen Menschen geschrieben, ohne in die modische Trickkiste zu greifen. Er ist ein Solitär in der zeitgenössischen deutschen Literatur und ich danke dem Kuratorium des Italo-Svevo-Preises, das mir die Gelegenheit geboten hat, ihn heute, wie es schon längst hätte geschehen müssen, zu ehren.