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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 3
Ich bin ebenfalls wie Herr Welger der Auffassung, dass das „Denken eines Nichtdenkens, das Denken eines Nichts oder des Todes“ allein noch kein (prinzipieller) Denkfehler ist. Mit solchen Gedanken kann operiert werden, wenn dabei berücksichtigt wird, dass wir die Bedeutung dieser Begriffe nicht erfahren können. Wenn ich etwa ein Nichts oder auch ein Nicht-Denken annehme und mir darüber klar bin, dass ich die Bedeutung dieser Begriffe im Gegensatz zu „normalen“ weltlichen Begriffen nie erfahren werde, so wird dieser Begriff in seiner wahren Bedeutung gefasst, nämlich als nichterfahrbare Bedeutung, und ist darin dann kein Denkfehler.
Mir fehlt bei Herrn Seibold des weiteren die Unterscheidung zwischen dem Geist, den wir „normalerweise“ in der Welt auch als Geist ansehen und verstehen, nämlich unser Denk- und Reflexionsvermögen, in dem wir die sinnlichen Wahrnehmungen abstrahieren und benennen, und dem Geist, in dem sich nach Seibold auch die materiellen Dinge der Welt als Geist erweisen. Im ersteren Geist können wir in der Phantasie alles denken, der zweite Geist, sofern es denn Geist ist, unterliegt einer sehr konstanten Gesetzmäßigkeit, den Naturgesetzen, die uns wegen dieser Konstanz als objektiv erscheinen (im Gegensatz zu unserem subjektiven Geist).
Daraus ergibt sich auch eine Definition von wahr oder falsch, nämlich ob (oder auch inwieweit) unsere Abstraktion der tieferen, konstanten Ebene der Naturgesetzmäßigkeiten zutreffend oder nicht zutreffend ist. Die Vorstellung, dass sich die Erde um die Sonne dreht, hat sich etwa als wahr erwiesen (vielleicht aber auch nur als einfacher), obwohl wir im Alltag immer noch sagen, dass die Sonne auf- und untergeht und die früheren Seefahrer auch mit der falschen Vorstellung sich richtig orientieren konnten. Man könnte also sagen, dass für das Bezugssystem "Erde" (für unser Leben auf der Erde) die gedankliche Vorstellung oder Abstraktion, das sich die Sonne um die Erde dreht, zutreffend und richtig ist. Es entspricht darin zumindest der sinnlichen Wahrnehmung.
In seinem Beitrag aus Heft 5 (2003) fasst Herr Seibold in Punkt 1 zusammen: „(1) Ausgehend von der Außenwelt wird diese durch den Denkfehler ‚bewusstseinsunabhängig’ bzw. durch die Undenkbarkeit eines Nicht-Bewusstseins zu einer Bewusstseinswelt“. Wie gesagt liegt meiner Meinung nach in dem Denken eines Nicht-Bewusstseins allein noch kein Denkfehler vor, sofern man sich über die Bedeutung und die Anwendung dieses Gedankens klar ist. Sehr wohl liegt dann aber von Herrn Seibold ein Denkfehler vor, wenn er aus diesem Denken eines Nicht-Bewusstseins eine bestimmte und feste Bedeutung ableitet, nämlich dass alles, also auch die Materie, Bewusstsein ist.
Um nicht falsch verstanden zu werden: ich bin ebenfalls der Meinung, dass vieles auf die Geistigkeit der Materie hinweist, aber wir werden das nie wissen und feststellen können. Dazu müssten wir unser Bewusstsein von außen erkennen oder zumindest einen Bezug zu den (dann wirklich realen und substantiellen) Strukturen herstellen können, die außerhalb des Bewusstseins liegen, und das geht offenbar nicht. Die Annahme, dass auch die Materie und die gesamte Welt nur Geist ist, kann daher nur immer eine bloße Idee sein, der die Bestätigung und der Bezug zu einer tiefer liegenden (konstanteren) Gesetzmäßigkeit, die "normalerweise" für uns die Materie darstellt (die es in diesem die Materie selbst betreffenden Fall natürlich nicht sein kann), schlicht und einfach fehlt. Die einzig mögliche Bestätigung wäre eine indirekte, nämlich dass sich diese Annahme in der Welt als nutzbringend erweist, d.h. dass sich darunter viele Phänomene in einen größtmöglichen widerspruchslosen Zusammenhang bringen lassen, wie das konkret mit der Theorie des Radikalen Konstruktivismus versucht wird. Direkt wissen und beweisen können werden wir die geistige Geschaffenheit der Materie aber nicht.
Ich habe im Zusammenhang mit dem Nichts oder einem Jenseits einmal die Dinge an sich von Kant mit dem Nichts Meister Eckharts verglichen (siehe: http://homepages.compuserve.de/BerndCompu/Kant-Eckehart.html). Die Dinge an sich, die darin ja die eigentliche oder zumindest eine tiefer liegende Realität und Substanz sind, liegen nach Kant jenseits der Anschauungsformen von Raum und Zeit und sind für ihn ein Nichts, d.h. er kann nicht das geringste darüber erkennen oder aussagen. Meister Eckhart benennt seinen Gott nun ebenfalls als Nichts (aber auch als „überseiendes Sein, Einheit, Grund, Licht, Dunkel usw.), und zwar in wörtlicher Übereinstimmung mit Kant jenseits von Zeit und Raum.
Während Kant alle Dinge der Welt als Erscheinungen ansieht, die für uns immer nur Erscheinungen (und darin geistig geschaffen) sind, weil wir die zugrundeliegende Substanz in keiner Weise erkennen können, spricht Meister Eckhart von einer Gotteserkenntnis (des Sohnes). Meister Eckhart überschreitet die Grenze, die Kant mit Hilfe seiner Erkenntnistheorie in der Funktion einer „Grenzpolizei“ hütet. Darin scheint Meister Eckhart Kant zu widersprechen, d.h. dass der Bereich jenseits von Zeit und Raum doch erkannt werden kann.
Doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass dies kein Widerspruch zu Kant ist, sondern eher eine Erweiterung. „Er“, Meister Eckhart bzw. der Sohn überschreitet diese Grenze nicht, d.h. sie wird wohl überschritten, aber nicht von „ihm“ oder irgendeinem anderen Sein. Bei Meister Eckhart erweist sich das getrennte Sein ebenfalls wie Zeit und Raum als Anschauungsform, d.h. konkret ist unser Sein und Bewusstsein ebenfalls nur eine Erscheinung, die sich bei der Überschreitung dieser Grenze als geschaffen und gegenüber der dahinter liegenden einheitlichen Substanz als Nichts erweist. Das ist bei Meister Eckhart eine wahre Selbsterkenntnis und ein Erkennen des Erkennens, was auch heißt, dass selbst diese höchste Erkenntnis sich letztlich nur als bloße und geschaffene Idee erweist. Daher ordnet Eckhart diesem Etwas auch keine feste Benennung bei, er spricht von Nichts, Einheit, überseiendem Sein usw., aber immer unter der Voraussetzung, dass alle diese Bezeichnungen nicht zutreffen. Der Gott Meister Eckharts ist weder "dies noch das".
Die substantielle Einheit jenseits der Welt hat so vollkommen andere Strukturen als die Welt. In ihr gibt es weder Erkenntnis noch Sein. Sein kann nur in den Strukturen der Welt in Zeit und Raum erkannt werden. Meister Eckhart beschreibt so einen Selbsterkenntnisprozess der Einheit. Die Einheit kann sich nur in den Strukturen der Welt, in der Zweiheit und im Sohn-Sein erkennen, doch der eigentliche Aspekt dieser wahren und höchsten Erkenntnis ist es dann, dass sie sich selbst und das darin Erkannte letztlich nur als geschaffen erkennt, in einem "nichterkennenden Erkennen", und so wieder mit der nichtseienden Einheit verschmilzt. Der tiefste Grund oder das eigentliche und wahre Wesen der Einheit ist nach Meister Eckhart „unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden“.
Dadurch steht Meister Eckhart nicht in einem Widerspruch zu Kant, wenn dieser sagt: „Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann“. Wenn alle Dinge geistig geschaffen sind (Meister Eckhart: „alle Grasblättlein und Holz und Stein und alle Dinge“), werden „wir“ mit und in unseren geschaffenen Erkenntnis- und Seinsstrukturen nach Kant und Meister Eckhart niemals direkt erkennen können, dass oder gar wie es so „ist“. Wenn das in diesen geschaffenen Strukturen erkannt werden könnte, hätten diese selbst Substanz und wären nicht geschaffen. Diese Wahrheit zeigt sich daher für uns immer nur indirekt, etwa dadurch, dass wir unser (geistiges) Sein sowohl stammesgeschichtlich als auch individuell immer nur als aus reiner Materie entstehend erkennen können (und in der Hirnforschung im Gehirn während eines Denkvorganges nichts als rein materielle Strukturen erkennen) und unser geistiges Sein sich im Tod wieder in der Materie vollkommen auflöst (wobei auf der biochemischen oder gar atomaren Ebene die Trennung von der Umwelt und dem anderen Sein im Grunde zu keinem Zeitpunkt gegeben war und ist).
Meister Eckharts Theologie lässt sich im Gegensatz zu der herkömmlichen ohne weiteres mit der modernen Naturwissenschaft, mit der Philosophie und auch mit anderen Religionen (wie dem Buddhismus) vernetzen (wie es sich für wahre Lehren gehört, die in ihrer Eigenschaft als Lehre eine gemeinsame Naturgesetzlichkeit auf der materiellen Ebene nur von verschiedenen Standpunkten aus abstrahieren). Doch leider wurde seine Theologie, in der der Mensch aller weltlicher Formen und der Kreatürlichkeit ledig werden muss, um die Einheit mit dem jenseitigen Etwas zu vollziehen, von einem päpstlichen Inquisitionsgericht verurteilt und als häretisch verboten. Die herkömmliche Theologie will dagegen die weltlichen Formen und Strukturen als Kreatürlichkeit im Jenseits verewigen.
In der Vernetzung von Kant, Meister Eckhart, dem Radikalen Konstruktivismus der modernen Naturwissenschaft und dem Buddhismus würde sich tatsächlich ein neues Weltbild ergeben, dessen Nutzen allein in der Relativierung des menschlichen Seins gegeben wäre, nicht in einer neuen, womöglich noch überweltlichen Erkenntnis (die es einer Vernetzung nach dann gar nicht geben kann). Wie gesagt kann so die Annahme der Geschaffenheit und Substanzlosigkeit allen weltlichen Seins immer nur eine bloße Idee bleiben, die nur den Vorteil hätte, dass sich unter ihr die verschiedensten Phänomene in einem größtmöglichen Zusammenhang bringen und vernetzen ließen. Zumindest hinsichtlich der Religionen und ihrer Widersprüche und Spaltungen würde sich das aber sofort nutzbringend und konkret bemerkbar machen, denn durch die negative Theologie Meister Eckharts wären diese Widersprüche und Spaltungen mit einem Schlage gelöst.