Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 3


 

Jesus und der Drucker

von Lazlo F. Földényi

Seine 1612 niedergeschriebenen Gedanken über die Sinnenfreude fügt der schlesische Mystiker Jakob Böhme in die Aurora ein, sein frühes Werk über den Kampf zwischen der nächtlichen Dunkelheit und der Tageshellig­keit, das mit dem Titel Morgenröte Nietzsche vorwegnimmt. Dies ist ein Augenblick, in dem auch Vergangenheit und Zukunft aufeinandertreffen: die Vergangenheit, die im Geist der christlichen Tradition eine überirdische Metaphysik der Sinnenfreude ausgearbeitet hatte, und die Zukunft, die in Vorbereitung des Todes Gottes diesen Genuß den Gesetzen der Welt überant­worten wollte, der sogenannten Wirklichkeit. Die Sinnenfreude habe zur Voraussetzung, schrieb Böhme, daß Tasten, Hören, Schmecken, Riechen und Sehen zu Einem verschmölzen und so einer neuen, nicht mehr nur körper­lichen Wahrnehmung den Weg öffneten. Diese Vereinigung sei wie eine Ehe, fährt er fort, wie die Hochzeit von Braut und Bräutigam. Das wiederum ent­spreche der Ehe zwischen Christus und der Kirche. Die Vereinigung der Sinne sei ein Eintauchen in Christus, was sinngemäß auch zur Erlösung Christi führe, also zur Öffnung vor Gott. Der Vorhang fällt: es erschließt sich die metaphysisch-utopische Einheit des Universums, dieses christliche Gesamtkunstwerk, dessen Betrachter und Teilhaber in einem wir sein können.

Böhme suchte einen Ausweg aus der Dunkelheit. Er suchte einen »gemein­samen Nenner«, dank dessen die Welt einheitlich wäre. Die Zerstreuung sei ein Werk des Teufels: in Christi Spuren tretend müsse der Mensch also dem, der ihn am meisten anziehe, den Rücken kehren: dem Teufel. Statt sich in Einzelheiten zu verlieren, müsse er nach der Einheit forschen. Das allein bereite Lust und Freude, verkündete er; es könne nur zum Guten gereichen, wenn die Verschiedenheit der Dinge auf dem Altar der Einheit geopfert werde.

Der Verfasser der Aurora bat noch die Nacht um Rat, deren Dunkelheit nach der Tradition der Mystik die Erleuchtung des Geistes fördert. Er war zuversichtlich, die Welt werde früher oder später ohne Katastrophen und Erschütterungen zu ihrer Einheit finden, und indem sich alles zu einem einzigen, gewaltigen Schauspiel ordne, eröffne dieses himmlische Glück den Weg auch zur Selbstfindung. In der ihn umgebenden Tageshelligkeit kon­statierte Nietzsche demgegenüber nur noch eine Verdunkelung des Geistes. „Sind das noch Menschen, oder vielleicht nur Denk-, Schreib- und Rechen­maschinen?« fragt er angesichts seiner Zeitgenossen.

Dabei haben diese Zeitgenossen, während sie dividieren, multiplizieren, argumentieren und räsonieren, nichts anderes im Sinn, als die Welt nicht nur in der Seele, sondern auch in der Tat einheitlich und lückenlos zu machen. Sie wollen alles »in Einem« sehen. Die Alten hatten eine Methode dafür: das Insichkehren, die Selbstbesinnung in der Meditation - dieses Üben der Seele, dessen Hand­buch uns Ignacio de Loyola hinterlassen hat. Die, an die sich Nietzsche wendet, haben nur eine von der Seele verlassene Technik. Auch sie fördert die sinnliche Inbesitznahme der Welt, und unausgesprochen bietet sie auch die Illusion der Erlösung. Aber doch hält sie das angebliche Zusichfinden durch seelisches Ausgehöhltsein für möglich. Der Mensch wird also zum Gefangenen seines Genusses, ohne zu merken, daß er längst nicht mehr Herr seiner selbst ist. Er verliert sich, während er sich der Illusion des Zusichfindens hingibt.

Böhme zeigte den Weg zur Befreiung der Sinne; Nietzsche machte auf die Technik der Unterwerfung der Sinne beziehungsweise der Verdrängung auf­merksam. Böhme wählte Jesus, und alle seine Gedanken sind vom Ja durch­drungen: Nietzsche wählte Dionysos, und er negierte alles andere. Der schlesische Schuhmacher fand zu sich, der Baseler Professor entfernte sich immer weiter von sich selbst. Der Gegensatz zwischen ihnen ist überdeutlich und deshalb verdächtig. Nachdenklich stimmt die Symmetrie der Unterschiede. Ist diese Parallele vielleicht das Ergebnis einer Verwandtheit, ja einer inneren Ähnlichkeit? Leben nicht beide von derselben Logik? Und das wirft eine weitere Frage auf: ist die für jedermann verbindlich gemachte Idee der Ein­kehr in Jesus, der metaphysischen Einheit, also des Guten, in der Praxis nicht nur durch die Vergewaltigung des Lebens vorstellbar? Verzweifelte Nietzsche etwa daran, daß er sah, wie sich Böhmes Wunschvorstellungen verwirklich­ten, und erkannte er, daß der jahrtausendealte Traum der Menschheit von der Einheit sich zu erfüllen begann? Er brauchte nicht die Ankunft der totalitären Systeme abzuwarten. Die immer technisiertere Einheit der Welt und das Gespenst einer sich alles einverleibenden Technik stimmten ihn von vornherein mißtrauisch gegenüber der Zukunft. Und in alledem entdeckte er obendrein nicht eine Verhöhnung der edelsten christlichen Ideen,son­dern, im Gegenteil, ihre einzig mögliche weltliche Verwirklichung.

Der tiefste Grund seiner Verzweiflung mag aber gewesen sein, daß er sich zwar über die Ursache des Verfalls im klaren war, als Kind seiner Kultur die Last aber nicht von sich werfen konnte. Wieder und wieder mußte er ein­sehen, daß die Wünsche, die er hegte und züchtete, immer zu etwas führten, wovon er sich dann haßerfüllt abwenden mußte. Zu allen Überfluß mußte er in dieser stetigen Selbstverleugnung, die sein gesamtes Leben kennzeich­nete, gleichfalls das ominöse Erbe des Christentums erkennen. Kein Wun­der, daß - wie Böhme - auch ihn die Idee vom Gesamtkunstwerk betäubte, als er fliehen sollte. Auch er entdeckte darin das Pfand der befreienden Einheit und der restlosen Freiheit, selbst wenn er sich dies nicht metaphy­sisch, sondern ästhetisch vorstellte. Doch die Gattung des Gesamtkunstwerkes von dem er so viel erwartete, ist eben nur durch die Technik und die technisierten Medien realisierbar - während es doch seiner Aufgabe nach gerade vor diesen hätte schützen sollen.

Die feierliche Eröffnung des Bayreuther Theaters 1876 und die Premiere des Rings der NibeIungen hätten nicht den Rauschzustand ausgelöst, den sich Wagner und Nietzsche wünschten, wenn nicht eine damals als bahnbrechend geltende Beleuchtungs- und Bühnentechnik zur Verfügung gestanden hätte und wenn sie nicht vorbereitet worden wäre durch Panorama, Diorama und Pleorama, durch Kaleidoskop und Stereoskop - durch all das also, das mit seiner Verbreitung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu beitrug, daß nicht nur die gasbeleuchteten Straßenschaufenster als peep show bezeichnet werden konnten (wie es umdie Mitte des vergangenen Jahrhunderts in London der Fall war), sondern die ganze Welt. Das verwirklichte Gesamtkunstwerk bot nicht mehr nur Illusionen, es verirrte auch - Rimbauds Forderung entsprechend - die Sinne und verhieß - Böhmes Fingerzeig folgend - eine mystische Ehe. Natürlich nicht zwischen Jesus und der Kirche und nicht zwischen Mensch und Gott, sondern zwischen der nach Rausch dürstenden Seele und der ingenieurmäßig nüchternen Technik.

Diese Verbindung führte Europa eine Möglichkeit vor Augen, an die Böhme in seinen kühnsten Träumen nicht gedacht hätte. Nietzsche jedoch mag geahnt haben, was sich anbahnte. Es begann sich die Einheit abzuzeichnen, nach der sich Böhme gesehnt hatte: aber die Fäden hielt ein Gott nicht von oben. sondern von unten her in der Hand, und obgleich wie ein Gott verehrt, wurde er Technik genannt. Zuvor hatte die Technik dem Menschen lediglich physisch helfen wollen, und deshalb hielt man sie nicht für göttlich (metaphysisch) --zur Zeit Nietzsches aber begann sie »innerlich« zu werden und hinterließ nun Spuren auch an der psychischen Struktur des Menschen. Verständlich, daß sie allmählich wie ein Gott bewundert wurde: der Mensch hatte das Gefühl, die Technik, die die Welt eroberte, bringe ihn seinem Selbst näher. Ausschließlich mit dem Gradmesser der Anbetung Gottes ist die Anhimmelung meßbar, mit der die sich für christlich haltende Zivilisation seit anderthalb Jahrhunderten die Technik vergöttert.

Das "gottlose« (also weltliche) Mittel wurde zu »göttlichem Zweck", zu ausschließlicher Transzendenz. Es brachte den Menschen um sich selbst, drang in die anstelle des Selbst entstandene Leere ein und eroberte so die intimsten Sphären. Die Requisiten des die Welt in Einheit immergierenden und erlösenden dionysischen Rausches sind nicht mehr der Wein, die Traube, der Tanz und die Musik, es sind vielmehr die Maschinen, die auch das menschliche Bewußtsein beeinflussen, es sind die Medien. die das Hören, das Sehen, das Betasten ändern und ihre seit langem erhoffte Einheit vorantreiben. Sie sind nicht weniger berauschend als der Wein: sie schreiben vor, was von der gleichgültigen Neutralität der Welt wir wahrnehmen, und obendrein beschenken sie uns mit der Illusion, dies alles hinge von uns ab, und nicht wir seien ihnen ausgeliefert. Nietzsche hat sich als Prophet erwie­sen: in Gestalt der alles vernetzenden Medien wird die Welt in mittlerweile der Idee vom Gesamtkunstwerk gerecht.

Dadurch, daß die christliche Vorstellung von der metaphysisch-utopischen Einheit des Universums jetzt Wirklichkeit ist, wurde der Tod Gottes zu etwas Endgültigem und Unwiderruflichen. Was Böhme erträumt hatte, konnte Wagner vorerst nur in der Größenordnung einer Bühnenfläche realisieren - Nietzsche wollte bereits das ganze Leben in die Parenthese der ästhetischen Betrachtungsweise setzen; mittlerweile sind auch die Grenzen der Kunst selbst fraglich geworden. Die Gesamtheit unseres Lebens wurde zu einem einzigen, gewaltigen Spektakel - zu einer Peep-Show, deren Zuschauer und Tänzer in einem wir sind. Zu einem Gesamtkunstwerk wie die Unterhaltungsindustrie im weitesten Sinn (von MTV über die Multimedia-Shows bis zur virtuellen Realität und dem cyberspace einschließlich), das die Rüstungsindustrie ausnutzt, das allerdings - die Analysen von Paul Virilio und Friedrich Kieler zugrunde legend - ohne den Tod undenkbar wäre. Sobald jemand ein Fernsehgerät einschaltet, opfert er letzten Endes sein eigenes Selbst. Es ist ein ritueller Gottesmord ohne die Hoffnung auf Erlösung.

Videos über die Gewalttätigkeiten in Sarajevo als neueste Angebote der Sexindustrie: der Golfkrieg, dessen echter Sieger CNN heißt: Vietnam, wo die Einsätze erst begannen, wenn die Fernsehteams Aufstellung genommen hatten. Der Zweite Weltkrieg, als die erfolgreichen Luftangriffe auf Coventry die Voraussetzung für die ersten Stereoaufnahmen waren. Der Beginn des zivilen Rundfunks in den zwanziger Jahren, nachdem für Militärflugzeuge und Unterseeboote die Möglichkeit der drahtlosen Kommunikation geschaffen worden. Und so weiter, zurück in der Zeit. Bis zum ältesten Bild des Buchdrucks, das Friedrich Kittler in Grammophon, Film, Typewriter (Brinkmann & Bose, Berlin 1986) veröffentlicht: ein Holzschnitt, auf dem ein Totentanz der Druckerei den Rahmen liefert. Vorn der Setzer, dann der Drucker, hinten der Tod. Sie arbeiten nicht, sie steuern nur. Es scheint sogar, als diktierten sie auf teuflische Weise. Nicht ausgeschlossen. daß der Setzer ihre Worte in Form gießt, daß der Drucker das schneeweiße Papier mit ihren Gedanken bedruckt und daß der Buchbinder ihren Gedanken über das Leben die Gestalt gibt.

Wir sind im Jahr 1499. Einhundertdreizehn Jahre später griff Jakob Böhme zur Feder, um, unter anderem, über die mystische Vereinigung der Sinne zu schreiben. Er schrieb über die Begegnung des Menschen mit Gott, deren Vermittler Jesus ist. Dennoch gab er die beschriebenen Seiten einem anderen Vermittler: dem Drucker, hinter dem nicht das ewige Leben spukt, sondern der Friedhof - ein Papierfriedhof der Gedanken. Es ist keineswegs sicher, daß Jesus dagegen war. Vielleicht nahm Jesus den Drucker insgeheim bei der Hand. Es ist ist nicht einmal ausgeschlossen, daß sie beide sich ausdachten. dies solle unser Schicksal sein: daß wir ohne Unterlaß vom Oben träumen und dabei ständig hinabtauchen, daß wir zaudernd zwischen "Gipfel und Abgrund" (Niezsche) stehen, daß wir auf das ewige Leben hoffen und derweilen Verderben rundum verbreiten. Sie erdachten sich eine Welt für uns, in die wir voll Genuß hineintauchen; und doch fühlen wir durch und durch, daß dies nicht das höchste Gut ist. Könnte es sein. daß sich das Gesamtkunstwerk, dieses allumfassende Mediennetz, in das wir uns unmerklich verfilzt haben und das uns als Krönung unserer gesamten Geschichte erscheint, nicht entgegen Jesus herausgebildet hat: daß es vielmehr vom Christentum erträumt wurde und ohne seine Ausbreitung undenkbar wäre? Ist es vielleicht die Ironie des Teufels (des Druckers), daß ausgerechnet die Kultur, die sich unter dem Symbol des Kreuzes entfaltete, dieses höllische Netz zu etwas so Unentwirrbarem machen konnte? Wäre also doch dies unsere echte Erfüllung? Selbst dann, wenn die Menschheit sich selbst noch nie so unterboten hat wie in diesen perversen irdischen Paradies?

Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki

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