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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 3
Inszenierung
Uta Eisold
Bühne und Kostüme Ilka Kops
Dramaturgie
Jürgen Sachs
Amanda Wingfield
Uta Eisold
Laura Wingfield
Barbara
Kramer
Tom
Wingfield
Christian Holdt
Jim
O´Connor
Matthias Steiger
Das Stück bedeutete 1944 den künstlerischen Durchbruch von Tennessee Williams als Dramatiker in Amerika. Amanda Wingfield lebt mit ihren Kindern Laura und Tom – der Ehemann hat die Familie schon vor Jahren verlassen – in St. Louis. Tom, der von einer Rolle als Schriftsteller träumt, muss in einer Lagerhalle das Geld für den Unterhalt der Familie verdienen. Laura leidet unter einer Verkrüppelung und damit verbundenen Minderwertigkeitsgefühlen, hat sich ganz in ihre Welt aus bunten Glastierchen zurückgezogen und den Kontakt zur Außenwelt langsam verloren. Die Mutter Amanda umsorgt ihre Kinder, vor allem Laura, die sie bei einem Schreibmaschinenkurs anmeldet und der sie, als die Tochter den Kurs abbricht, unbedingt zu einem „Verehrer“ verhelfen will. Sie bedrängt Tom so lange, bis der eines Tages seinen Arbeitskollegen Jim zum Abendessen einlädt. Amanda trifft für dieses Ereignis große Vorbereitungen: Die Wohnung wird hergerichtet, ein gutes Essen zubereitet und Laura, die sich sträubt, dann aber nachgibt, wird mit einem reizenden Kleid festlich angezogen. Der Abend verläuft anders als geplant. Laura erkennt in Jim sofort einen Jungen aus der Schulzeit wieder, in den sie verliebt war. Jim erinnert sich an sie erst, als Laura von den gemeinsamen Schulerlebnissen spricht. Er ist von ihrer Schüchternheit und Zerbrechlichkeit gerührt, tanzt mit ihr und küsst sie. Als ihm bewusst wird, welche Gefühle er in Laura weckt, befreit er sich aus ihren Armen, gesteht ihr, dass er bald heiraten werde, und verabschiedet sich unvermittelt. Zurückbleiben eine enttäuschte Mutter mit zerplatzten Träumen und eine verstörte Tochter, die weiterhin mit ihren Glastierchen allein sein wird. Tom verlässt die Familie, um auf eigenen Füßen zu stehen.
Die Aufführung in Marburg tappt in keine der Fallen, die in der leicht verstaubten sechzig Jahre alten Geschichte lauern. Uta Eisold als Regisseurin und ihrem Leitungsteam Jürgen Sachs und Ilka Kops gelingt eine von aller typisch Williamschen Südstaatenproblematik und psychologischer Klischeehaftigkeit befreite Inszenierung, die sich auf die überzeitlichen Bezüge des Stücks konzentriert und Lauras Schicksal in berührender Weise an die Zuschauer heranführt.
Das Bühnenbild von Ilka Kops unterstreicht die Zeit- und Ortlosigkeit, in die die Regisseurin das Stück stellt. Ein Stangengerüst auf der hinteren Bühnenwand ist Wohnzimmer, Veranda, auch Eingrenzung der Familie und Abschottung von der Außenwelt. Auf der Bühne selbst stehen nur noch ein Blumenstrauß rechts unten, ein Schränkchen links und ein Tisch in der Bühnenmitte. Auffälligstes Requisit ist der kostbar aussehende Schrank mit der Glasmenagerie, der aber fast immer verschlossen bleibt, aus dem nur gelegentlich ein greller Lichtstrahl dringt, wenn Laura ihre Sammlung öffnet. So wichtig wie die Bühneneinrichtung ist die Lichtregie, die mit helleren und dunkleren Farben die Stimmung auf der Bühne betont.
Die sensible Regie von Uta Eisold zeigt sich an vielen Stellen der Aufführung. Als wirkungsvoll erweist sich ihre Entscheidung, Tom, so wie es der ursprüngliche Text vorsieht, als Erzähler und Spieler auftreten zu lassen. Williams hat sein Stück als „Spiel der Erinnerung“ angelegt. Er lässt Tom die Geschichte von Laura und der Familie Wingfield in der Rückschau „erzählen“. Das Stück wird dadurch erst zu einer wirklichen Tragödie, die Geschichte der Wingfields zu einer Geschichte ohne Happyend, das Schicksal Lauras zu einem endgültigen Schicksal, ohne Hoffnung und Zukunft. – Wie sehr Eisold das Stück von „seiner ganzen schwülstigen Melodramatik“ (Programmheft) befreit, zeigt sich auch am Umgang mit den Glastierchen. Sie vermeidet jeden aufdringlichen Hinweis auf deren überdeutliche Symbolhaftigkeit. Erst dadurch kann die Glasmenagerie ihre dramatische Wirkung aus Zerbrechlichkeit und Lebensferne entfalten.
Dieser sensible Umgang mit dem, was Williams´ Stück ausmacht, kann auch daran abgelesen werden, wie die Regisseurin das Mädchen Laura auftreten lässt. Ihre Verkrüppelung, von der immer wieder geredet wird, existiert, aber nicht dadurch, dass sie selbst zur Schau gestellt wird, sondern dadurch, dass ihre psychische Auswirkungen auf Laura vorgeführt werden. Laura ist das stille, introvertierte, in sich gekehrte Mädchen, das ihre Behinderung als psychische Deformierung lebt und von daher eine große Bühnenpräsenz erlangt. Armin Petras beispielsweise hat in seiner Frankfurter Inszenierung des Stücks Laura exaltiert und „verrückt“ über Tische, Stühle und Bänke springen lassen und so, überaus marktschreierisch, ihre Eigenartigkeit, auch Hilflosigkeit bloßgestellt. Berührender ist die Figur der Laura in der Marburger Aufführung. An ihr wird in der Tat etwas von Zerbrechlichkeit und Gefährdung durch die Außenwelt spürbar. – Mit der großen Liebesszene zwischen Laura und Jim gelingt Eisold ein Höhepunkt der Inszenierung. In dieser Szene vollzieht sich die Tragödie der Wingfields. An ihrem Ende müssen Mutter und Tochter erkennen, dass sie ihrer Einsamkeit nicht entrinnen können, dass sie „Verlorene“ sind, der Welt draußen nicht gewachsen. – Das Ende des Stücks ist so, wie es beginnt: Alle sind allein, jetzt allerdings um die Hoffnungen, die sie sich möglicherweise gemacht haben, und die Träume, die sie hatten, betrogen und ärmer.
Dass die Inszenierung ein Erfolg wurde, liegt auch an den Schauspielerinnen und Schauspielern. Uta Eisold spielt die um Laura besorgte Mutter, die bis zum Schluss glaubt, deren Schicksal und das der ganzen Familie mit Hilfe von „Verehrern“ zum guten wenden zu können. – Christian Holdt überzeugt als aufmüpfiger Sohn, als besorgter Bruder und als desillusionierter Erzähler. – Matthias Steiger hat als Jim seinen großen Auftritt in der Liebesszene mit Laura. Er ist der höfliche Bekannte, der ehemalige Schulkamerad, der Laura bemitleidet und ihr helfen will, und der Freund, der – vielleicht – für einen Moment in sie verliebt ist. – Eindringlich spielt Barbara Kramer die Rolle der Laura. Ihr gelingen überzeugend die leisen Töne aus Schüchternheit und Weltabgewandtheit. In der Liebesszene mit Jim spielt sie nuancenreich und differenziert. – Das Premierenpublikum applaudierte einhellig und lang.
Herbert Fuchs