Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 3


 

"Die Kunst ist wesentlich ethisch stimuliert"

Ein Gespräch zwischen Hartmut Lange und Max Lorenzen

 

Hartmut Lange, geb. 1937 in Berlin-Spandau, lebt als freier Schriftsteller in Berlin und Italien. Letzte Veröffentlichungen: Gesammelte Novellen, 2 Bände; Irrtum als Erkenntnis. Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller; Leptis Magna, 2 Novellen.

Max Lorenzen, geb. 1950 in Schleswig-Holstein, lebt in Marburg und ist 1. Vorsitzender von philoSOPHIA-Hessen und Mitherausgeber des Marburger Forums. Letzte Veröffentlichungen: Metaphysik als Grenzgang; Das Schwarze. Eine Theorie des Bösen in der Nachmoderne.

Das Gespräch setzt ein mit einer Auseinandersetzung zwischen Lange und Lorenzen über die Hauptthesen des "Schwarzen". Bezüge auf "Irrtum als Erkenntnis" sind als solche kenntlich gemacht.

 

I. Teil

"Vielleicht ist unser Bewußtsein eine Fata Morgana oder ein Verhängnis"

Lieber Herr Lorenzen,

ich will Ihnen nun doch einige Fragen stellen, die mir im Kopf herumgehen, und vielleicht sollte ich zunächst versuchen, die Moderne gegen Ihren Begriff der Nachmoderne zu verteidigen. Mir fiel auf, daß Sie, nachdem Sie die neue Freiheit vor dem Nichts als Chance zur Emanzipation definiert haben, sich darüber wundern, ja darüber erschrecken, daß das Böse sich doch wieder einstellt. Sind da die Heroen der Moderne nicht konsequenter? Weniger naiv? Heidegger definiert das Nichts außerhalb des Daseins und gegen das Dasein gerichtet, Sartre meint, es sei die Gleichgültigkeit allen Seins, die uns erschreckt und zur Sublimation einer Sinnsuche zwingt. Also: Die Natur, die wir selbst sind, ist gegen uns selbst gleichgültig, und das wäre nicht das Böse, sondern die Grundquintessenz unserer Existenz.

Das Böse ist ja immer etwas, das unserem Bewußtsein entspringt. Die Natur ist nicht böse, sondern vollzieht sich als Objektivität in sich selbst. Fallen Sie da nicht, in Ihrem neuerlichen Erschrecken, in den utopischen Horizont der Sozialaufklärung zurück? Die ja das Existentielle ausklammert. Mir war im letzten Kapitel Ihres Buches so, als müßte die neue pluralistische Freiheitschance auch die existentielle Bedingung hoffnungsvoller machen. Da sind die Alten nüchterner und realistischer. Also: Frage, ist das Schwarze, das Sie definieren wirklich etwas Neues und unterliegen Sie nicht noch der alten marxistischen Illusion, daß die sozial gerechte Welt automatisch auch die Seinsfragen regelt oder mindest ins bessere, erträglichere Licht rückt? Dies fürs erste. Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange.

Nachtrag: Lieber Herr Lorenzen, wo ist das Affirmative allen Seins, das ja in der jeweils konkreten Struktur, die sie selbst ist, beharren will. Und worauf Sie verweisen. Mir  scheint, nicht im Sozialen. Es ist ein Geheimnis und vielleicht eine tautologische Frage. Vielleicht nur bewußtseinsanhängig. Aber vielleicht ist unser Bewußtsein eine Fata Morgana oder ein Verhängnis. Lassen Sie uns also unseren Dialog eröffnen. Ich freue mich auf Ihre Antwort. Nochmals herzliche Grüsse, Ihr Hartmut Lange

 

Lieber Herr Lange,

ich habe das deutliche Gefühl, dass sich mit dem "Schwarzen" so etwas wie ein selbstständig weiterwirkender Inspirationskomplex in mir gebildet hat - auf den ich nun aber doch, nicht willentlich, sondern wiederum inspirativ, einwirken kann. Indem ich auf Ihre Fragen antworte, arbeite ich an ihm, beschreibe also nicht nur, was ich damals meinte.

Was mir zum Bild des Bösen wurde, existiert weder nach Art eines Gegenstandes, noch einer gesellschaftlichen Struktur. Es ist weder für sich, noch ein bloßes Bewusstseinsgebilde. Das in der Moderne kulminierende Böse ist untrennbar mit einem bestimmten intuitiv-inspirativen Erneuerungsprozess überhaupt verbunden. Dessen Mitte, ein energetisches Nichts (in dem die von Sartre und Cioran beschriebene Freiheit gründet, Voraussetzung und Möglichkeit jeder Transzendierung), hat seine Kraft verloren: damit beginnt die Nachmoderne.

Ich rufe mir nun das Bild, das ich damals gesehen habe, wieder vor Augen. Es ist wie ein "schwarzes Loch" (ich zitiere Sie), das mich aber nicht mehr einsaugt. Damals habe ich mich mit Bewusstsein in es hineingestürzt. Was mich am meisten angriff, war der Eindruck einer ungeheuren Fremdheit, die über der Gestalt lag, und die sich bis zur Empfindung des Bösen verdichtete. Das war ein metaphysisches Bild, wie ich es heute nennen möchte, also etwas, in dem der Übergang von Philosophie und Literatur ineinander schon angelegt ist.

Der Unterschied zur Moderne: dieses Bild ist in sich kein Ganzes, kein Archetyp oder Urphänomen - und die gleichgültige Natur, von der Sie schreiben, ist in ihm anwesend. Nun entstehen jedoch auch andere Bilder. Das "Schwarze" verlangt gleichsam selbst, dass ihm andere Farben an die Seite treten, auch seine Wahrheit muss mit anderen Wahrheiten koexistieren.

Mithin: die "Seinsfragen" sind nicht zu regeln, jeder Marxismus liegt mir hier ganz fern. - Und worin besteht die trotz der Unlösbarkeit dieser Fragen unleugbare Selbst-Affirmation alles Existierenden? Ich möchte diese Frage an Sie zurückgeben und Sie bitten, Ihre Andeutungen auszuführen.

Die besten Grüße, bis bald hoffentlich, Ihr Max Lorenzen

 

"Jeder Tropfen Wasser, der verdunstet … ist glücklicher dran als wir"

Lieber Herr Lorenzen,

mit dem Begriff der Selbstaffirmation alles Existierenden haben Sie, wie ich glaube, schon das Wesentlichste gesagt. Sein ist Selbstaffirmation in der Form des Vergeblichen, eben als Vergänglichkeit. Das meine ich mit Tautologie. Sein ohne Selbstaffirmation wäre schon das Nichts. Insofern kann man sagen, Sein ist überhaupt nur, indem es seinem Sein, also sich selbst, zustimmt. Insofern finde ich die Frage nach der Affirmation beantwortet. Eine andere Frage ist das Hinzutreten von Bewußtsein. Das Bewußtsein will der Selbstaffirmation die Form der Vergänglichkeit nehmen. Und hier erst beginnen die Schwierigkeiten. Aber es sind und bleiben Schwierigkeiten des bewußten Seins. Insofern ist der Mensch, wie ich glaube, doppelt konstituiert: Sein Sein ist wie alles Sein affirmativ, aber es fühlt sich durch die Form des Vergeblichen bedroht. Hier sind wir aus dem Paradies des unbewußten Seins herausgefallen. Jeder Tropfen Wasser, der verdunstet, jeder Flecken Schnee, der in der Sonne wegtaut, ist glücklicher dran als wir und kennt das Bild des Bösen, das in der bewußt gewordenen Vergänglichkeit lauert, natürlich nicht.

Daß die Freiheit vor dem Nichts ihre energetische und damit sinnstiftende Kraft verloren hat leuchtet mir ein, und damit hätten wir das erste sichere Indiz, das auf die Nachmoderne verweist. Aber wird dann eben diese Freiheit nicht zum Gespenst? Und wären wir dann nicht unfähig, dem schwarzgrundierten Hintergrund unserer Existenz andere Farben entge­genzusetzen? Was sagen Sie zur Spaßgesellschaft? Es grüßt Sie herzlich Ihr Hartmut Lange

 

Lieber Herr Lange,

was meinen Sie damit, dass die Freiheit zum Gespenst werden würde? Aber ist sie nicht eigentlich immer eines gewesen, nämlich etwas Irrlichterndes, das zu Zeiten und völlig unberechenbar in die Existenz eintritt? - Heute jedoch hat sich ihre Erscheinungsweise geändert. Sie kann im selben Individuum anwesend und nicht anwesend sein. Wir akzeptieren mit anderen Worten, dass sie nicht mehr unser ganzes Wesen beansprucht. Eben deswegen sind wir fähig, "dem schwarzgrundierten Hintergrund unserer Existenz andere Farben entgegenzusetzen". Sie heben diesen Hintergrund nicht auf - er besteht weiter und muss genauso den anderen Farbtönen ihr Dasein zubilligen. Diese Koexistenz des früher einander Ausschließenden ist ein wesentliches Kennzeichen der Nachmoderne.

Die beschriebene Struktur gibt auch Kennzeichen für die Beurteilung der so genannten "Spaßgesellschaft" ab. Wie wir alle wissen, hat sich die gesellschaftliche Werteskala verschoben. Die Tugenden der Befehlsgewalt, bzw. des Gehorsams und der Unterwerfung, der Demut und Opferwilligkeit, auch des Ertragens von Schicksalsschlägen, die früher das Streben nach Lust verdecken sollten, lösen sich entweder auf oder treten in die zweite Reihe, wohingegen in der ersten nun das früher Verpönte: Lustgewinn, "Spaß", Abwechslung, steht. Ich halte diese Entwicklung in mancher Hinsicht für positiv, weil sie eine Demokratisierung und Enthierarchisierung bedeuten kann - die Gesellschaft beruht nicht länger auf dem Prinzip des Sichfügens; die negativen Konsequenzen kennen wir alle, sie sind häufig genug beschrieben worden. Mir ist nun wichtig, dass die von mir im "Schwarzen" analysierte Struktur der neuen psycho-sozialen Gefüge im Grunde eine der Komplementärfarben (um in Ihrem Bild zu bleiben) ist: das "Schwarze", so merkwürdig es klingen mag, beinhaltet gerade keine Untergangsvision.

Aber bedeutet Ihre Redeweise vom "Würgeengel der Zeit", der auch in Ihrer neuen Novelle: "Leptis Magna" wiederum eine große Rolle spielt, nicht auch, dass unsere Existenz sich immer vor einem "schwarzgrundierten Hintergrund" abhebt? Sehen Sie unser Dasein hoffnungsfreudiger? Wie können oder sollten wir denn mit dem Tod umgehen?

Beste Grüße nach N., Ihr Max Lorenzen

 

"Dann wären wir in der Spaßgesellschaft, der die Phantasie zum Ende fehlt"

Lieber Herr Lorenzen,

die "sich selbst gewisse Freiheit zum Tode“ (Heidegger) ist kein Gespenst. Sie ist gegeben. Man kann sie übersehen. Dann wären wir in der Spaßgesellschaft, der die Phantasie zum Ende fehlt. Auch das hat Heidegger als Struktur des Manselbst beschrieben. Nun sind wir insofern einig: Auch ich würde die Struktur des Manselbst nicht so autoritär kritisieren, wie Heidegger es tut. Es gibt durchaus eine Struktur des Manselbst, die Spaß am Leben haben will, weil sie sich vor der 'sich selbst gewissen Freiheit zum Tode' fürchtet. Aber eine Gesellschaft, die die sinnstiftende, normative Kraft "der sich selbst gewissen Freiheit zum Tode" nicht mehr aufbringen kam, ist verloren. Sie endet in der Freizeitindustrie oder in der Spaßgesellschaft, die das Streben nach der sittlichen Vernunft aufgegeben hat oder einfach nicht mehr kennt.

Insofern würde ich Sartre recht geben: Wir sind dazu verdammt, unsere Freiheit in erster Linie ethisch zu definieren. Das eben stiftet die Zivilisation und unterscheidet uns von dem ewigen Fressen und Gefressenwerden der Natur. Hier hat die Existenz­philosophie das Entscheidende gesagt. Ohne gedanklichen Vorlauf zum Tode bleibt der einzelne unfähig, seinem Leben das nötige ethische Gewicht zu geben. Ich würde also Ihrem sympathischen Streben nach der Demokratisierung und Pluralisierung aller konkreten Lebenswünsche zustimmen, vorausgesetzt, Sie denunzieren die Forderung, sich ethisch   zu verhalten, nicht als "Gehorsam und Unterwerfung" usw, also als autoritären Plunder der Moderne und Vormoderne. Ich selbst bin, was die Emanzipation des einzelnen angeht, nicht so optimistisch wie Sie. Die meisten Leute wollen Spaß haben. Aber sind sie ebenso selbstverständlich bereit, sich ethisch zu verhalten? "Der Mensch", sagte Nietzsche, "ist ein nicht festgesetztes Tier." Dieser Satz bewahrheitet sich, wenn man die Weltlage betrachtet, jeden Tag. Wie können Sie einen Totschläger zur Besinnung bringen? Durch die sittliche Vernunft der bürgerlichen Strafgesetzgebung. Das BGB ist und bleibt die Voraussetzung, daß sich auch in den Diskotheken der nötige Spaß am Leben ohne Mord und Totschlag verbreiten kann. Also: Die gesellschaftliche Werteskala hat sich nicht verschoben. Sie ist nur, da man in der Seinsvergessenheit des Manselbst selbstverständlicher verharrt, nicht mehr so leicht zu haben. Im übrigen hat keine Philosophie der geschlossenen Systeme, kein Festhalten am Numinosen es vermocht, das „nicht festgesetzte Tier“ In Ihrem Sinne zu domestizieren.

Moderne oder Nachmoderne, wir sind und bleiben mit der immergleichen Triebstruktur des einzelnen konfrontiert Der Kampf zwischen Zivilisationsbestreben und Triebstruktur dauert an. Und natürlich wird sich unsere Existenz immer vor einem schwarzgrundierten Horizont abheben. Er ist, ob wir es wollen oder nicht, gegeben. Mit dem Tod kann man nicht umgehen, man kann ihn nur auf subtile oder weniger subtile Weise bewerten. Leute von Kultur machen zur Not Selbstmord, Leute ohne Kultur lassen das doch lieber ihre Nachbarn tun. Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange.

 

Lieber Herr Lange,

klären wir zunächst ein Missverständnis: dass die Freiheit ein Gespenst sei, heißt für mich nicht, dass sie nicht existiere. Vielmehr kann sie in unserer gegenständlichen Welt nur als Existenzakt anderer, eigener Ordnung erscheinen.

Ihr pointiertes Auftreten ist, denke ich, eher selten, deswegen jedoch nicht weniger bedeutsam. Die ethischen Entscheidungen der Nachmoderne implizieren gerade ein Regelsystem: "Dieses politisch-soziale System von Regeln bildet nicht nur die Bedingung meines moralischen Engagements, es ist in mir selber, in den Bezügen meiner Ichteile, der Gegenpol meiner Partikularstrukturen" (Das Schwarze, S. 273). Verzeihen Sie das Selbstzitat. Ich meine, dass unsere aus Freiheit stammenden Handlungen aus sich heraus die Anerkennung von demokratischen Gesetzen beinhalten. Das ist gleichsam ein nachmodernes Faktum. Insofern ist in der Gegenwart keineswegs, wie manche Theoretiker in der Adorno-Nachfolge meinen, per se ein Verlust der sittlichen Vernunft zu befürchten. Warum sollte diese aber nur in der "Freiheit zum Tode", also darin, die Endlichkeit des eigenen Daseins zu empfinden, gründen? Ich weiß, dass dieser Punkt für Sie besonders wichtig ist, das geht schon aus "Irrtum als Erkenntnis" hervor, möchte Sie aber gerade deswegen bitten, diesen in Ihren Augen ausschließlichen Zusammenhang weiter zu erläutern.

Ethisches Verhalten hatte früher etwas mit Gehorsam und Unterwerfung zu tun, zum Beispiel unter das "selbstgegebene Sittengesetz". Die etwa von Pascal geforderte Demütigung des Menschen vor Gott ist kein heute vernachlässigenswertes religiöses Ingredienz seiner Philosophie, sondern deren unverzichtbarer Bestandteil: bis in die Moderne hinein gab es keine Freiheit ohne den ihr beigeordneten Verzicht auf den egoistischen Individualwillen. Eben das hat sich geändert oder ändert sich gegenwärtig, und darin sehe ich nun doch eine Verschiebung der gesellschaftlichen Werteskala. Es interessiert mich ungemein, dieser Umstrukturierung ethischer - und ästhetischer - Intuitionen nachzugehen.

Herzliche Grüße, Max Lorenzen

 

"Heute treten plurale Wahrheitsformen an die Stelle der zentrumsorientierten"

Lieber Herr Lorenzen,

pointierter als Sie gegen Kierkegaard kann man nicht auftreten. Ebenso wenn Sie in Ihrem Buch "Das Schwarze" behaupten, die Nachmoderne sei aus der Diskontinuität zu begreifen. Auch ich finde diese Zuspitzungen wichtig, und ich freue mich, daß wir uns da verstehen. Wir reden ja aus gegenseitiger Hochachtung miteinander und nicht um irgendwelche Freundlichkeiten auszutauschen.  Mir ist Ihre Fixierung auf den Begriff der Nachmoderne wichtig, und ich möchte lediglich herausfinden, ob ich sie nachvollziehen kann. Ich bin also ganz offen, meine aber, daß Sie auch in Ihrer letzten Artwort die geforderte Diskontinuität der Nachmode nicht plausibel machen können.

Ihr Zitat aus Ihrem Buch könnte sinngemäß aus der Hegelschen Rechtsphilosophie entlehnt sein. Auch Hegel meinte, der einzelne solle das erforderliche moralische Engagement als Gegenpol gegen seine Partikularinteressen verinnerlichen und somit mehr Freihalt erlangen. Was nun das Numinose betrifft: Ich kenne aufrichtige Demokraten, die durchaus an Gott glauben und trotzdem ihren "egoistischen Individualwillen" nicht vernachlässigen. Und was Pascal da fordert, ist für den gläubigen Menschen heute noch richtig. Vor Gott, falls es ihn gibt, kann man sich nur demütig verhalten. Er ist ja das gedachte und vorgestellte Absolute. Falls es ihn nicht gibt, ist die Sache erledigt . Das hat Pascal mit seiner Wette ausdrücklich gesagt. Bis hierher kann ich ihm folgen, ansonsten ist das Erschrecken vor den Natuwissenschaften, das er erfahren mußte, für mich an Pascal das Allerwichtigste.

Im übrigen ist es nicht richtig, daß ethisches Verhalten früher etwas mit Gehorsam und Unterwerfung zu tun hatte. Das ist eine Behauptung, die Sie nicht nötig haben. Die Aufklärung, die Weimarer Klassik, die Romantik, all diese Epochen widersprechen einer solchen Sicht schon in der Kontinuität ihrer Kunstanstrengungen. Und Nietzsche, den ich der Vormoderne zurechnen würde, war der erste, der dem "egoistischen Individualwillen" als Umwertung aller Werte philosophische Weltgeltung verschafft hat. Wollen Sie diesen Mann, der im Wahnsinn Gott ausdrücklich wieder in in die eigene Lebensbefindlichkeit zurückholt, wollen Sie diesen Heroen, der schon zu Lebzeiten die Moderne und Nachmode wie eine Gartenhecke mühelos übersprang, dem Gedanken einer diskontinuierlichen Gegenwart opfern? Soweit für heute. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort und grüße Sie sehr herzlich. Ihr Hartmut Lange

 

Lieber Herr Lange,

nun habe ich Ihre Einwände und Fragen noch einmal in Ruhe gelesen. Es gibt sicher noch manche Unklarheiten oder Missverständnisse zwischen uns - aber das macht ja nichts, weil ihre Aufklärung uns zu Präzisierungen zwingt. Zu Kierkegaard und Nietzsche: beide sind für mich äußerst wichtige und sozusagen unverzichtbare Philosophen, gerade deswegen muss ich mich kritisch mit ihnen auseinandersetzen. Es kommt mir also überhaupt nicht darauf an, durch Kritik ihre Bedeutung herabzusetzen, sondern im Gegenteil von meiner nachmodernen Position her eine Einstellung zu ihnen zu finden, die es mir ermöglicht, aus einem neuen Freiheitsimpuls heraus gewissermaßen gleichberechtigt (aber ohne jede Anmaßung) mit beiden zu kommunizieren. Ich opfere weder den einen noch den anderen, eben weil ich in anderer Weise an ihre philosophische Haltung anknüpfen möchte.

Die Diskontinuität, die ich zwischen Moderne und Nachmoderne sehe, beruht darauf, dass meiner Ansicht nach die großen Projekte der ersten gescheitert sind und nicht einfach - das gilt auch für den Marxismus - wieder aufgenommen werden können. Die alte Form der Ideale ist zerbrochen oder abgeschafft. Das trifft auch für die "absolute" Form Gottes zu: sie ist so nicht mehr möglich (und es gibt wohl, aber da kenne ich mich nicht besonders aus, theologische Versuche, auch einen nicht vollkommenen Gott zu denken, der also plurale, polytheistische Züge annehmen müsste). Sie schreiben sehr richtig, dem Absoluten gegenüber könne es nur Demut geben; es sei denn, ein solches Göttliche legte seinen Absolutheitscharakter ab.

Ein wichtiger Punkt: die von Hegel und natürlich erst recht von Kant begründete Entgegensetzung von partikularen und allgemeinen Interessen gilt nach meinem Dafürhalten in der Nachmoderne gerade nicht mehr. Dieses Schema, das zwangsläufig auf dem Vorrang des Ganzen gegenüber den Teilen beruht, lässt sich insgesamt nicht mehr anwenden. Das Ganze, mit dem man sich identifizierte, indem man sein Ego transzendierte, existiert nicht mehr. Eben daran lässt sich ermessen, welche anderen Strukturen heute ethische Entscheidungen und jedes entsprechende Engagement haben müssen.

Nicht verstanden habe ich, welchen Zusammenhang Sie zwischen ethischem Verhalten und der "Kontinuität von Kunstanstrengungen" sehen. Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge, damit ich auf Ihr Argument eingehen kann.

Noch einmal zur Moderne: die großen philosophischen Theorien des zwanzigsten Jahrhunderts haben jeweils versucht, die Realität von einem zentralen Punkt aus zu deuten (das trifft in besonderer Hinsicht für Adorno und Heidegger zu). Daraus resultierten die bekannten Grabenkämpfe. Wenn es nur eine Wahrheit gibt, dann muss die des anderen natürlich falsch sein. Dieses Gegensatzdenken ist kennzeichnend für die Moderne. Heute treten plurale Wahrheitsformen an die Stelle der zentrumsorientierten.

So weit für heute. Ich freue mich auf Ihre Antwort, herzliche Grüße, Max Lorenzen

 

"Insofern ist Ihre Auffassung, die gesellschaftlichen Verhältnisse würden alles, also auch die Ethik, determinieren, falsch"

Lieber Herr Lorenzen,

die Kunst ist wesentlich ethisch stimuliert. Wenn wir an Shakespeare denken, können wir nicht behaupten, er hätte seine Dramen dem Absolutismus zuliebe konzipiert. Shakespeares Empfindungswelt ist wesentlich ethisch, wie die Empfindungswelt Beethovens, Schillers, Schuberts usw. Schiller mußte nach der Abfassung der "Räuber" fliehen, von Beethoven ist bekannt, daß er den Adel verachtet hat usw.

Es stimmt schon, was Schopenhauer meint: Nur in der Kunst erfüllt der Mensch die Forderung nach sittlicher Vernunft. Es ist also völlig abwegig, die Kunstanstrengungen dieser Leute als Akt der Unterwerfung und Demütigung zu denunzieren. Über den Ursprung der ethischen Bedürftigkeit ist viel gerätselt worden. Benn datiert ihn in die altägyptische Periode. Schopenhauer meint, er sei ein Ziehkind des Mitleids. Wie dem auch sei: Die Fähigkeit zur Ethik ist völlig subjektiv und an keine gesellschafliche Bedingung gebunden. Daran wird sich auch in der "Nachmoderne" nichts ändern. Insofern ist Ihre Auffassung, die gesellschaftlichen Verhältnisse würden alles, also auch die Ethik, determinieren, falsch.

Daß die Nachmoderne nur noch die Pluralität von Wahrheiten und keine geschlossenen Systeme mehr zuläßt, leuchtet mir ein. Wobei wir sagen müssen, dies gilt nur für die Zivilisation des sogenannten Abendlandes. Für die Dritte Welt gilt dies nicht mehr. Und auch nicht für den Islam usw. Wenn in unserer Zivilisation keine Wahrheit mit einem Bezug auf das Ganze mehr existiert, dann existieren aber immer noch Fragen, die auf das Ganze zielen, die man nicht wegpluralisieren kann und die die Nachmoderne übernehmen muß, ob sie dies will oder nicht. Es sind dies:

1.) Das Geheimnis von Raum und Zeit, 2.) die Unerkennbarkeit der Dingheit an sich, 3.) die Frage nach dem Sinn von Sein, 4.) das Phänomens der Vergänglichkeit, 5.) überhaupt die Erfahrung von Endlichkeit, die nach Schopenhauer das metaphysische Bedürfnis und damit das Vermögen zur Philosophie überhaupt erst auslöst.

Wenn Ihr Begriff der Nachmoderne nicht nur in einer demokratischen, pluralistischen, bunten Lebensbejahung sein Genüge finden soll, dann müssen die Teilwahrheiten, die keinen Absolutheitsanspruch gegeneinander mehr geltend machen wollen, doch auf die ewigen Rätsel des Existentiellen Rücksicht nehmen. Also: Warum ist überhaupt Sein und nicht vielmehr

Nichts? Diese alte Frage von Leibnitz, die Heidegger wieder aufgenommen hat, bleibt uns als Menetekel an die Wand gemalt. Sind Sie damit einverstanden? Oder wollen Sie eine Welt ganz und gar ohne Metaphysik? Herzliche Grüsse, Ihr Hartmut Lange

 

Lieber Herr Lange,

Ihr letzter Brief hat es in sich. Ich werde versuchen, auf einige Punkte zu antworten.

Zunächst: Kunst ist ethisch stimuliert, aber doch keine Ethik. In ihr formt sich der ethische Impuls als ästhetisches Gesetz. "Heinrich von Ofterdingen", II. Teil: "... das Gewissen erscheint in jeder ernsten Vollendung, in jeder gebildeten Wahrheit. (...) Und gerade diese allumfassende Freiheit, Meisterschaft oder Herrschaft ist das Wesen, der Trieb des Gewissens." Nach Novalis ist so das eigene innere, höchste Bildegesetz der Natur und des Menschen auch das der Kunst. Im Streben nach seiner Verwirklichung fallen in den Momenten der Inspiration Aktivität und Passivität zusammen, eigene höchste Anstrengung und "Gnade" (wie man früher sagte) der Eingebung. Ihr hat man sich in letzter Steigerung zu überantworten oder zu "unterwerfen", d. h. der Begriff der Unterwerfung hat in diesem Sinne nichts Negatives, sondern bezeichnet die gänzliche Öffnung und Transzendierung des empirisch-egoistischen Egos. So entsteht überhaupt erst ein "Ganzes": in ihm verbinden sich ein "Alles" und ein individuierender Impuls zur besonderen Gestalt (ich kann das hier nur andeuten).

Eben dieser Prozess der Herstellung eines Ganzen ändert sich in der Nachmoderne. Deswegen sind Fragen, die auf das Ganze zielen, nicht mehr in der alten Weise möglich. Als bloße Wissens-Fragen waren sie es übrigens noch nie, sie enthielten immer einen existentiellen Kern. "Antworten" auf sie können wir nun gerade dann erhalten, wenn uns die Rätselhaftigkeit der Frage und des Bereichs, auf den sie zielt, deutlich wird. In dieser Rätselhaftigkeit gründet, so meine ich, das nachmoderne metaphysische Bedürfnis - die auf ein Ganzes zielenden Fragen erhalten eine Antwort, indem sich vor den Augen des Fragenden dieses Ganze selber aufhebt und sich so als neue Struktur konstituiert. Dieser Charakter des Rätselhaften: dass ein Ganzes nur als besondere Gestalt, die sich selbst aufhebt, da ist, ermöglicht eine gänzlich andere Metaphysik, die das Sein als "Bild" erfährt. Das Geheimnis von Raum und Zeit, von dem Sie schreiben, verändert sich selber, weil die Raum- und Zeit-Strukturen sich verschieben (ich habe versucht, das im Tiepolo-Kapitel zu beschreiben). Die Frage, was ein Ding an sich sei, müsste in der Nachmoderne ganz neu gestellt werden. "Sinn" wäre nicht länger mit der dynamischen Bewegung eines urphänomenalen Schöpfungsprozesses (wie Novalis oder auch Goethe das beschreiben) identisch. Das Phänomen der Vergänglichkeit oder Endlichkeit - nicht nur unserer Existenz, sondern des Seins überhaupt - tritt jetzt mit noch größerer Schärfe hervor.

Man sieht daraus, dass die alten metaphysischen Fragen selber ganz dringlich nach Neuformulierungen streben. Die Nachmoderne mag einerseits eine Welt der "bunten Lebensbejahung" sein, andererseits konzentriert sich offenbar in ihr ein philosophisches Interesse, das am Ende der Moderne in der beinahe allein noch übrigen Universitätsphilosophie eher dahinsiechte. Nichts scheint mir spannender, als an dieser Neuformulierung der alten Fragen mitzuwirken. Auf jeden Fall bilden sich in unserer Welt Impulse und Bedürfnisse, die sich durch welches Konsumangebot auch immer nicht befriedigen lassen. Allerdings ist auch in ihr wieder die Fähigkeit zur Ethik völlig subjektiv, wie Sie schreiben, also aus gesellschaftlichen Bedingungen nicht ableitbar, und eben das versuche ich im letzten Kapitel des "Schwarzen" zu analysieren.

Meine Frage also an Sie: könnten Sie sich vorstellen, dass die tradierten metaphysischen Fragen gerade dadurch überdauern, dass sie auf radikale Weise ihre Gestalt ändern? Wie ich glaube, arbeiten Sie in Ihren Novellen schon an dieser Gestaltänderung, weshalb sonst wäre Rätselhaftigkeit eines ihrer konstitutiven Elemente?

Mir scheint, wir sind jetzt in den Bereich der "letzten Fragen" eingedrungen. Was mag daraus wohl werden? Viele Grüße, Ihr Max Lorenzen

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