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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 3
Vermutlich wäre dem Buch "Nach dem Terror" von Ted Honderich, einem kanadisch-britischen Philosophieprofessor em. am University College London, ein Nischendasein im bibliophilen Betrieb beschert worden, und Leser hätte an ihm selten Interesse gefunden. Ein Streit jedoch hat diesem schlechten Buch zu Publizität verholfen. Professor Micha Brumlik, Pädagoge und Leiter des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, hat den Surkamp-Verlag darauf hingewiesen, dass der Text antisemitisch sei. Daraufhin zog der Verlag den Traktat zurück. Honderich, empört über diese "Ungeheuerlichkeit", schreibt Anfang August 2003 an die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt a.M. und verlangt, Micha Brumlik die Professur abzuerkennen. Im Oktober schaltet sich Norman Peach, Professor em. für Völkerrecht an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, in das Geschehen ein, verteidigt Ted Honderich und verurteilt Brumlik in scharfem Ton. Nun ist das Interesse da, ein heikles Thema, Erfolg in Sicht für einen kleinen Verlag, in dem das Buch in neuer, schlechterer Übersetzung erscheint.
Ted Honderich polemisiert in "Nach dem Terror" über die Moral, das Leben, das Recht und das Unrecht, über das gute, das schlechte, das lange und das kurze Leben. Das Ganze ist sehr langatmig und langweilig geschrieben. Laut Honderich setzt sich die Moral aus drei Fakten zusammen: den Wünschen, der Konsistenz und dem Mitgefühl. Unser Mitgefühl wird erweckt, wenn die Bedürfnisse der anderen sich mit unseren decken. Also wäre Moral ein Begriff der Sympathie oder Antipathie, die sich mit unseren Interessen decken - meint Honderich. Als mitgefühlwürdig nennt der Autor in einem Atemzug Kinder und Sexualtäter, Folter, Hungersnot, Holocaust, Flüchtlingslager, Sabra und Schatila, Dschenin (eine merkwürdige Reihenfolge mitgefühlwürdiger Ereignisse). Für die in die Luft gesprengten Busse mit Schulkindern, die in die Luft gesprengten Restaurants, Cafes, Studenten in der Mensa im Campus der Hebräischen Universität in Jerusalem, Passanten auf den Straßen, Wartende an Bushaltestellen und Kunden in Supermärkten gibt es in der Moralphilosophie Honderichs für Sympathie keinen Platz. Seine Moral ist sensibel nur hinsichtlich des Leidens der Palästinenser und desjenigen der Menschen in Afrika. Spätestens hier dokumentiert sich Honderichs Wertung und sein Moralverständnis. Schon auf Seite 53 seines Buches verurteilt er Zionismus als rassistisch.
Nur ist Zionismus nichts anderes als die Bestrebung des jüdischen Volkes, endlich, nach zweitausend Jahren blutiger Verfolgung und Vernichtung erneut einen Nationalstaat, der für alle Juden offen ist, auf dem historischen Boden des einstigen Judenstaates aufzubauen.
Da schreibt ein Autor einen philosophischen Traktat, ein Plädoyer für Humanismus und Sensibilität gegenüber Leiden und Ungerechtigkeit, und befürwortet gleichzeitig den sich überall in Israel gegen das zivile Leben richtenden Terror der Palästinenser, ja bezeichnet ihn als legitim und gerecht. Ein mörderischer Terror gegen die zivile Bevölkerung , gegen Säuglinge, Kinder, Frauen, Greise. Er bezeichnet diesen Terror als einen legitimen Kampf, weil er ein befreiender Terror eines Volkes gegen seinen Unterdrücker und Aggressor sei.
An dieser Stelle möchte ich einen stenographischen Abriss der Geschichte hinzufügen, um Ted Honderich an Zusammenhänge erinnern, die offensichtlicht in seinen Überlegungen keinen Platz haben.
Juden waren immer verfolgt, aus Palästina und Jerusalem verjagt. Zuerst von den Römern, dann vom Oströmischen Reich (Byzanz), hierauf von den islamischen Arabern und den christlichen Kreuzzüglern. Die Seldschuken, ein türkisches Herrengeschlecht und Volk (um 1000) bilden den Anfang des Osmanischen Reiches, welches die byzantinische Herrschaft aus Kleinasien zurückdrängt und in den folgenden Jahrhunderten Iran, Bagdad, Palästina, die türkischen Kleinstaaten, Ägypten, Syrien, die Arabische Halbinsel und die Krim bis zum Balkan erobert. Sie dringen schließlich auch nach Europa vor (Wien 1529). 1535 schließt Frankreich mit dem Sultan einen Friedenspakt.
Zur Zeit des Osmanischen Reiches gibt es keine Grenzen zwischen Kairo - Istanbul - Damaskus - Beirut - Jerusalem - Bagdad. Die zweite Belagerung Wiens (1683) leitet den Zerfall des Osmanischen Reiches ein, der sich auch im Inneren des Reiches abzeichnet.
1869, unter Abd ül Azi, wird eine Verwaltungsreform der Tanzimate verabschiedet. Am 17. Juni 1867 wird ein Gesetz erlassen, welches den bis dahin verbotenen Landerwerb erlaubt. 1875 sucht Sultan Abd ül Hamid II. nach einem Staatsbankrott eine neue Einkommensquelle und verkauft in Palästina Grund und Boden an nomadisierende Stämme.
Das XIX. und XX. Jahrhundert bringen große politisch-geographische Veränderungen mit Millionen von Flüchtlingen, die in ihren neuen Heimatländern integriert worden sind. Nur die Palästinenser werden nirgends integriert. Warum? Wo bleibt die Analyse "des schlechten Lebens" der Palästinenser unter der arabischen Verwaltung und der Obhut der UN- Hilfsorganisationen vor 1967? Wieso gibt es in Honderichs Analysen keinen Platz für Juden ?
In seinen Überlegungen spielt es keine Rolle, dass es in Jerusalem, in Hebron, in Safed und in Tiberias eine ununterbrochene, tausende Jahre währende jüdische Geschichte und Präsenz gibt. Er prägt das Wort Neo-Zionismus und besetzt es negativ. Positiv dagegen wird der palästinensische Mord und Bombenterror der grausamsten Art gewertet und legitimiert, sowie durch die 50 Jahre der jüngsten Geschichte gerechtfertigt. Nur liegt das Jahr 1967 nicht einmal 50 Jahre zurück. Um welch eine Moralphilosophie handelt es sich hier?
In seiner Definition der Gewalt schreibt der Autor: "....Ein Einsatz physischer Kraft, der Menschen oder Dinge verletzt, beschädigt, schändet oder zerstört.....ein Teil der Gewalt ist die politische Gewalt, die auf ein Endziel gerichtet ist, durch das sie sich rechtfertigt. Die Unterart der politischen Gewalt ist der Terrorismus...." Nach Honderich ist der Terrorismus kein Krieg, weil es nicht um Handlungen einer Armee geht, " ... die in ihrer verheerenden Wirkung den Terrorismus bei weitem übertreffen.". Nicht jeder Terrorismus sei zu verurteilen. Zwar seien manche Terrorismusformen rechtlich nicht legitimiert, jedoch moralisch durchaus legitim. Den palästinensischen Terror aber findet Honderich sowohl moralisch, als auch gerechtfertigt und legitim, weil es sich um einen Befreiungsterrorismus handle. Fazit: der Zweck heiligt die Mittel! Ist dies die neue Form der Moral? Immer wieder verweist Honderich in seinen Ausführungen und Vergleichen auf das Recht der Palästinenser, ohne ein solches den Israelis zuzubilligen.
Eine solche Moralphilosophie muß ich entschieden ablehnen.
Auch der Vergleich des palästinensischen Terrors mit dem Kampf des Afrikanischen Nationalkongresses in Südafrika gegen das Apartheidregime ist nicht angebracht. Israel ist auf keinen Fall mit dem Apartheidregime in Südafrika zu vergleichen. In seinen Überlegungen lässt Honderich die Geschichte völlig außer acht, er ignoriert die historischen Tatsachen.
Philosophie ist Aufklärung. Honderich betreibt das Gegenteil davon.
Sein Buch ist ein philosophisch gewandeter Antisemitismus. Es entspricht nicht den Kriterien des Humanismus, der Ethik, der Gerechtigkeit, es bedient die antisemitischen Ressentiments, ja es ist gefährlich. Daher ist sein Anspruch, eine Moralphilosophie zu sein, die für die Armen und Entrechteten dieser Welt eintritt, nicht glaubwürdig.
Da der Traktat nach seinem Erscheinen eine kontroverse Diskussion auslöste, versuchte Ted Honderich seinen Anspruch als Moralphilosoph dadurch zu dokumentieren, dass er eine 5000-Pfund-Sterling-Spende an Oxfam GB richtete. Oxfam hat diese Spende abgelehnt.
Oxfam ist eine Entwicklungs- und Hilfsorganisation zur Bekämpfung von Armut in der Welt (A development advocacy and relief agency working to put an end to poverty world-wide). Die Ablehnung dieser Organisation spricht für sich.