![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 4
Kaum ein Tag vergeht seit einigen Jahren, ohne daß das Thema „Werte“ in irgendeiner Weise in den Medien – ganz gleich ob Print- oder Bildschirmmedien – nicht präsent wäre. Vom „Wertewandel“ ist da die Rede, vom „Verlust von Werten“ – insbesondere, wie zu hören ist, bei Kindern und Jugendlichen –, ja gar vom „Wertever-“ und „-zerfall“. So dramatisch scheint dieser Wandel zu sein, daß politische Parteien sich genötigt fühlen, sogenannte „Grundwertekommissionen“ einzusetzen und Leitartikler und Kolumnisten gar einen „Kampf der Werte“ heraufbeschwören (so titelte beispielsweise DIE ZEIT am 21. Februar 2002). Aufs Ganze gesehen scheint sich damit zu bestätigen, was Nietzsche bereits in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts am Horizont aufscheinen sah: nämlich daß eines der zentralen, wenn nicht gar das zentrale Problem der nächsten ein, zwei Jahrhunderte das sein werde, was er in einem Brief aus Turin vom 18. Oktober 1888 an seinen Freund Franz Overbeck als „die große Wertfrage“ bezeichnete.
Aber anders als viele unserer Zeitgenossen, die, ohne sich wirklich bemüßigt zu fühlen, einmal eingehender den Gründen für solchen Wandel nachzugehen, den Verlust traditioneller Werte lediglich beklagen und bejammern, erblickte Nietzsche in solchem Wandel nicht nur so etwas wie eine historische Notwendigkeit, sondern auch eine Chance, sich Gedanken über neue Werte zu machen. „Nie“, so schreibt er in dem bereits erwähnten Brief mit Blick auf die Wertfrage, „gab es einen wichtigeren Augenblick in der Geschichte“ – denn, so meinte er, wir sind dahinter gekommen, was eigentlich der Wert jener Werte war, deren Verlust wir beklagen. Aber bei dieser Einsicht, so forderte Nietzsche, sollte man es nicht bewenden lassen. Denn wenn man dahinter gekommen ist, warum welche Werte dabei sind, sich zu entwerten, dann kann sich uns von dort her gerade ein Horizont für neue Wertsetzungen eröffnen. Und so kann Nietzsche sich notieren: „Wir haben, irgendwann, neue Werte nötig …“.
Aber Nietzsche sah zugleich: Dieses „irgendwann“ enthält ein nicht zu unterschätzendes Problem. Denn so, wie er die Sachlage beurteilt, tritt nicht gleichsam von selbst und sofort eine neue Wertordnung an die Stelle der alten. Nein, meinte er, es wird womöglich ein bis zwei Jahrhunderte oder noch länger dauern, bis sich der von ihm diagnostizierte Wertewandel vollzogen hat. Was aber geschieht in der Zwischenzeit? Nun, gibt Nietzsche darauf zur Antwort, dann kommt das herauf, was er als das nihilistische Zeitalter bezeichnet. Gemäß dem Zeitrahmen, den seine Prognose umreißt, befänden wir uns gegenwärtig exakt in diesem Zeitalter – Anlaß genug also, sich einmal etwas eingehender mit seiner Voraussage eines nihilistischen Zeitalters zu beschäftigen und die Grundlinien dessen zu skizzieren, was für Nietzsche „Nihilismus“ heißt und wie ihm aus seiner Sicht gegebenenfalls zu begegnen wäre.
Ich beginne zu diesem Zweck mit einem kurzen Blick auf Schopenhauer. Schopenhauers Hautwerk trägt den Titel Die Welt als Wille und Vorstellung; es erschien 1818. Dort entwirft Schopenhauer ein Bild vom Menschen und der Welt, das durch und durch pessimistisch ist. Der vorherrschende Grundzug im Leben der meisten Menschen ist, nach Schopenhauerscher Sicht der Dinge, das Leiden und das Elend. Die große Mehrzahl der Menschen wird sich damit abfinden müssen, in ihrem Leben weder länger dauerndes Glück noch einen dauerhaften, schützenden Sinn zu finden. Das menschliche Dasein ist wesentlich Leiden; alles Streben nach dauerhaftem Glück, alle Versuche, dem Leben einen dauerhaft schützenden Sinn zu geben, sind letztlich zum Scheitern verurteilt. Glück und Sinn sind flüchtig, momentan, schnell vorübergehend. Das Leben von uns Menschen, hält Schopenhauer fest, gleicht einer Kreisbahn aus glühenden Kohlen mit einigen wenigen erkalteten Stellen. Letztere gewähren uns für den Augenblick Erholung, ja können uns sogar das Gefühl von Zufriedenheit oder Glück vermitteln. Aber ach, wie schnell geht der Wahn vorbei!
Dazu kommt für Schopenhauer: Hofft man angesichts dieser Sachlage nun auf ein besseres, jenseitiges Leben, so ist das für ihn nichts als Aberglaube. Das Jenseits, das den Menschen seit Jahrtausenden verheißen worden ist und in dem unser Sinnanspruch und unsere Glückserwartung eventuell erfüllt werden könnten, ist für ihn nichts weiter als eine „imaginäre Welt“. Und die Versuche, mit Gebeten und Opfern von Gott und den Göttern ein besseres jenseitiges Leben zu erbitten, ironisiert er als ‚phantastische Unterhaltungen mit einer erträumten Geisterwelt’.
Mit diesen Überlegungen Schopenhauers beginnt im neunzehnten Jahrhundert eine Denktradition, die gegen Ende des Jahrhunderts in Nietzsche ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nietzsche hebt anerkennend hervor, durch Schopenhauer sei in seinem Jahrhundert auf eine, wie er sagt, „furchtbare Weise“ die Frage auf uns gekommen: Hat denn das Dasein überhaupt einen Sinn? Und Nietzsche selbst meint, diese Frage werde ein paar Jahrhunderte brauchen, „um auch nur vollständig und in alle ihre Tiefe hinein gehört zu werden“.
Schopenhauer zog aus dem geschilderten Elend des Daseins die Konsequenz, es sei bei weitem besser, nicht zu sein als ein solches Leben weiterhin zu bejahen. Daher forderte er, zu resignieren, das heißt den Willen zum Leben in sich selbst still zu stellen, ihn abzutöten – beispielsweise durch Askese und freiwillige Selbstkasteiung –, um auf diese Weise der Welt abzusterben. Gelingt mir das, dann „zerfließe“ ich, wie Schopenhauer sagt, letztendlich „ins Nichts“, dann gehe ich ein ins Nirwana der Buddhisten.
Nietzsche hingegen hält eine solche Sicht der Dinge, wie er wörtlich sagt, für „etwas Voreiliges, Jugendliches“, für ein Sich-Abfinden mit scheinbar Unabänderlichem. Letzten Endes, meint Nietzsche, ist Schopenhauer mit einem solchen ‚Lösungsvorschlag’ selbst in christlich geprägten asketischen Wert- und Moralvorstellungen befangen geblieben und hat sich nicht wirklich davon frei machen können. Daher gilt es nach Nietzsche, darüber hinauszugelangen. Folgerichtig ist ihm der Pessimismus Schopenhauers nur eine Durchgangsstufe – allerdings eine Durchgangsstufe zu einer noch radikaleren Sicht auf Welt und Dasein. Diese Sichtweise nennt Nietzsche „Nihilismus“. Dies nun ist nicht so zu verstehen, als würde Nietzsche sich hinstellen und ein neues Zeitalter verkünden: das des Nihilismus eben. Vielmehr faßt Nietzsche mit dieser Bezeichnung lediglich Tendenzen zusammen, die er zu seiner Zeit glaubt erkennen zu können und von denen er behauptet, sie würden während der nächsten ein, zwei Jahrhunderte immer deutlicher zutage treten.
Nihilismus kommt vom lateinischen nihil = nichts. In einem ersten Zugriff kann gesagt werden: Ein Nihilist im Sinne Nietzsches ist jemand, der mißtrauisch geworden ist gegen jeglichen Sinn im Dasein; dem Nihilisten erscheint alles sinnlos und umsonst. Für ihn ist immer schon entschieden, daß die Antwort auf die Frage: ‚Hat denn das Dasein überhaupt einen Sinn?’ mit einem klaren und entschiedenen „Nein!“ zu beantworten ist. Nihilismus, so hat Nietzsche einmal geschrieben, ist „das durchbohrende Gefühl des Nichts“, ist eine Erfahrung, die auf die Behauptung hinausläuft, schlechterdings nichts habe noch irgendeinen Sinn.
Ein so verstandener Nihilismus ist für Nietzsche der vorherrschende Grundzug seines Zeitalters, das heißt der letzten zwei, drei Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts. In einer Aufzeichnung aus dem Zeitraum 1887-88 hat Nietzsche geschrieben: „Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. Diese Geschichte kann jetzt schon erzählt werden: denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werk. Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen“.
Wie man dieser Stelle entnehmen kann, ist der Nihilismus, wie Nietzsche die Sache sieht, kein Ereignis, das plötzlich und unerwartet eintritt. Vielmehr kündigt es sich schon seit langem in allen Bereichen der Kunst, der Musik, der Politik, der Religion an. „Der Nihilismus“, hat Nietzsche daher geschrieben, „steht vor der Tür“. Und er fragt: „Woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“ Seiner Überzeugung nach wäre es nun grundfalsch, anzunehmen, seine Ursachen seien in zeitgenössischen politischen, sozialen oder ökonomischen Gegebenheiten zu suchen. Auch liegt dem Nihilismus seiner Ansicht nach keine plötzlich eintretende ‚physiologische Entartung’ des Menschen zugrunde. Seinen wahren Grund hat der Nihilismus vielmehr darin, „daß“, so heißt es wörtlich bei Nietzsche, „die obersten Werte sich entwerten“. Der Nihilismus rührt also daher, daß Werte, die in der bisherigen Geschichte mehr oder weniger fraglos in Geltung waren, ihre Gültigkeit zu verlieren drohen. Und zwar handelt es sich hierbei nicht um irgendwelche Werte, sondern um die obersten. Dazu gehören nach Nietzsche vor allem Werte wie das Gute, Wahre, Schöne und Heilige – also traditionelle Moral- und Gottesvorstellungen –, ferner Werte wie Sein (im Sinne eines unveränderlichen, ewigen Seins), Einheit und Zweck (womit gesagt sein soll: das menschliche Leben verliert zunehmend seine Zweckbestimmung, die nach christlicher Deutung darin besteht, Gott zu verherrlichen und sich auf die ewige Seligkeit vorzubereiten, wie es der Kirchenvater Augustinus formuliert hat).
Vornehmlich solche Werte waren es, die allem Tun und Leiden der Menschen bisher Sinn gegeben haben. Werden diese Werte aber hinfällig, dann gibt es nichts mehr, wofür es sich noch zu leben oder zu sterben lohnte; dann macht sich eine Einstellung breit, es sei doch ohnehin alles umsonst. Und genau damit ist für Nietzsche das Zeitalter des Nihilismus eingeläutet.
Angesichts dieser Feststellung stellt sich die Frage: Wie kommt es zur Entwertung der obersten Werte? Wieso werden Werte wie die genannten im neunzehnten Jahrhundert mehr und mehr fragwürdig? Mit anderen Worten: Wo sind nach Nietzsche die Gründe für die Heraufkunft des Nihilismus zu suchen?
Diesbezüglich ist zunächst festzuhalten: Oberste Werte wie die genannten und ein höchstes Ziel sind den abendländischen Menschen seit zwei tausend Jahren durch die Weltdeutung des Christentums vorgezeichnet worden. Das Christentum begreift Gott als allmächtig und allgütig; er hat die Welt und den Menschen geschaffen. Dieser Mensch kann sein Seelenheil letztlich nur in der Versöhnung mit Gott finden. Solche Versöhnung findet letztgültig aber nicht in diesem Leben statt, sondern in einem jenseitigen, in einem Leben also, das nicht von dieser Welt ist. Gott repräsentiert so betrachtet das höchste Wahre und Gute; der Glaube an ihn verleiht unserem Leben Einheit und Sinn.
Ein solcher Glaube und ein solches Gottvertrauen, meint Nietzsche, sind in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts stark im Schwinden begriffen. Der Glaube büßt in zunehmendem Maße seine Verbindlichkeit ein; er wird ohnmächtig. Mehr und mehr Menschen sehen sich der Tatsache gegenüber, daß Gott tot ist, wie Nietzsches provozierende Formel lautet.
Diese These vom Tod Gottes enthält mindestens drei wichtige Aspekte. Erstens zielt Nietzsche mit der Rede vom Tod Gottes auf die Umschreibung des Sachverhalts, daß das Christentum für immer mehr Menschen zunehmend an Glaubwürdigkeit einbüßt (so lautet jedenfalls seine Diagnose). Natürlich gibt es – und das verkennt Nietzsche auch gar nicht – nach wie vor gläubige Christen; und es wird sie auch in Zukunft noch geben. Aber das Christentum, meint er, hat seine geschichtliche Rolle ausgespielt; es ist keine geschichtliche Macht mehr, das heißt, keine Macht mehr, die die Weltgeschichte entscheidend prägen könnte. Wenn dem aber so ist, dann ist auch für viele die Versöhnung des Menschen mit Gott nicht mehr länger das höchste Ziel. Dann gibt es für uns kein höchstes Ziel mehr, das unserem Dasein Sinn verleihen könnte. Dann ist unser Dasein sinnlos, weil es das oberste Ziel, auf das hin es ausgerichtet war, verloren hat. Dann ist alles in diesem Dasein vergeblich und umsonst.
Zweitens: Der diagnostizierte Tod Gottes bringt laut Nietzsche die Konsequenz mit sich: Ohne Gott und ohne sichere Wahrheit vereinsamt der Mensch; er ist nun allein auf sich selbst zurückgeworfen. Aber das Dasein, das er jetzt lebt, ist sinnlos, weil es ziel- und zwecklos ist. Diese Sinn- und Zwecklosigkeit des Daseins muß dem Menschen ein Grauen sein. In einer solchen Sinnlosigkeit hält man es auf die Dauer nicht aus; ohne irgendeinen Sinn, ohne irgendeinen Zweck kann man schlechterdings nicht leben. Was macht man also in einer solchen Situation? Nietzsches Antwort besagt: Man setzt Götzen an die Stelle des toten Gottes. Als Beispiele für solche Götzen der modernen Zeit sieht Nietzsche etwa die folgenden an:
den Fortschritt der Menschheit (dies ist der Götze der Aufklärung, der durch Schlagworte wie Fortschritt, Optimismus sowie Vervollkommnung des Menschen und der Gesellschaft repräsentiert wird)
das Glück einer größtmöglichen Zahl von Menschen (Nietzsche hat hierbei in erster Linie die utilitaristische Ethik im Blick, wie sie vornehmlich von britischen Moralphilosophen wie Jeremy Bentham und John Stuart Mill vertreten wurde; Nietzsche hat den Kernpunkt dieser Ethik einmal mit der Wendung glossiert: „Der Mensch strebt nicht nach Glück; das tut nur der Engländer“)
die abendländische Kultur (insbesondere sofern sie mit dem Anspruch auftritt, allen anderen Kulturen überlegen zu sein)
die nationale Machtentfaltung und die Betonung der nationalen Überlegenheit der Deutschen gegenüber anderen Völkern
den Sozialismus (insofern er eine neue Heilserwartung schürt und eine befriedete Endzeit verheißt)
Nietzsche erkennt an, daß das durchaus berechtigte Ziele und Werte sein mögen; aber seiner Ansicht nach bedürfen sie selbst noch der Rechtfertigung. An sie alle nämlich kann man die Frage richten: Warum denn soll alles auf den Fortschritt der Menschheit oder auf das größte Glück der größten Zahl oder auf die abendländische Kultur oder auf die nationale Machtentfaltung der Deutschen ankommen? Warum soll man sich ausgerechnet dafür einsetzen? Ferner: Läßt sich vielleicht eines dieser Ziele als das höchste bezeichnen? Und wodurch ließe sich das rechtfertigen? Und außerdem: Mit welchem Recht und mit welchen Gründen kann man es einem anderen verwehren, ein anderes als das von uns proklamierte Ziel zum höchsten zu erklären?
So, wie Nietzsche die Sachlage beurteilt, haben wir keine plausiblen Antworten auf solche Fragen. Daher steht man auch dann, wenn man an die Stelle des toten Gottes Götzen wie die genannten gesetzt hat, in der Situation des Nihilismus: Mit all diesen Götzen ist es im Grunde genommen nichts. Bei ihnen allen handelt es sich lediglich um Ersatzbildungen, mit denen man sich über die verloren gegangenen Sinnstiftungen und Lebensziele hinwegzutrösten versucht.
Für Nietzsche heißt das alles: Ohne Werte ist es dem Menschen nicht möglich, zu leben. Aber da sich die traditionellen Werte entwertet haben, kann man nicht länger auf sie setzen und auf sie zurückgreifen. Aber auch die Ersatzbildungen – die neuen Götzen – halten nicht das, was sie zu versprechen scheinen. Daher bedarf es grundlegend neuer Werte. Die aber müssen erst noch geschaffen werden.
Drittens: Nietzsche versteht die These vom Tod Gottes im Sinne einer historischen Notwendigkeit. Damit ist gemeint: „Gott“ als Inbegriff religiöser, moralischer und metaphysischer Transzendenz – das heißt als ein Wesen ‚hinter’ oder ‚über’ den sinnlich erfahrbaren Dingen – hat in dem Stadium, das das europäische Denken zur Zeit Nietzsches erreicht hat, für viele Menschen keine Funktion mehr. Der ungeheure Aufschwung der Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert gebiert den Optimismus, auf kurz oder lang restlos alles erklären zu können. Ja, so überschäumend gebärdet sich dieser Optimismus bei manchen, daß beispielsweise der Evolutionsbiologe Ernst Haeckel meinte, selbst Gott noch in die Evolutionsreihe einreihen zu können, indem er ihn als das „gasförmige Wirbeltier“ klassifizierte. Der einzelne, darauf will Nietzsche hinaus, braucht sich nun nicht mehr länger von einem Gott und moralischen Verboten gängeln zu lassen, sondern kann sich als freies Wesen selbst als der bestimmen, der er sein will.
„Gott ist tot“ meint so gesehen: Mit den Wertvorstellungen und Sinngebungskonzepten der letzten zwei tausend Jahre ist es nun endgültig vorbei. Für Nietzsche heißt das zugleich, daß nun eine neue Epoche anbricht. Für diesen Epochenwechsel hat er in seinem Buch Also sprach Zarathustra das Bild des „großen Mittags“ geprägt. Der Zarathustra schließt mit den Worten: „Dies ist mein Morgen, mein Tag hebt an: herauf nun, herauf, du großer Mittag! – – Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt“.
Die Heraufkunft des Nihilismus aber einfach nur als durch den so verstandenen Tod Gottes verursacht anzusehen – das greift für Nietzsche zu kurz. Hier hat er versucht weiter und tiefer zu graben. Und als Resultat dieses Weiter- und Tiefergrabens zeigt sich ihm: Die Heraufkunft des Nihilismus wurde dadurch ermöglicht, daß die ihm vorausgehende Weltdeutung, die christlich-moralische, selbst schon – wenn auch in einem anderen Sinn – nihilistisch war. Und zwar war sie für Nietzsche insofern nihilistisch, als sie das Leben, die sinnlich erfahrbare Wirklichkeit – also das, was wir als die „Realität“ bezeichnen – entwertete und allein ein Jenseits des Lebens, das heißt eine übersinnliche ideale Welt als Wert gelten ließ. Wert hat demnach nur jene übersinnliche, jenseitige Welt; die Welt hingegen, in der wir leben und die wir sinnlich erfahren, hat selbst keinerlei Wert; an ihr liegt nichts. Und der Nihilismus kam herauf, als diese jenseitige Welt als das entlarvt wurde, was sie in Nietzsches Augen in Wahrheit ist: nämlich ein Nichts, eine Illusion. Damit war all der Wert, den man ihr beigelegt hatte, vernichtet. Und übrig blieb die reale Welt – und die war nach christlichem Verständnis ohnehin ohne Wert und Sinn. So stehen wir jetzt endgültig vor dem Nichts. Der Nihilismus ist da.
Mit anderen Worten gesagt: Laut Nietzsches Diagnose ist der Gottesglaube seit dem neunzehnten Jahrhundert in zunehmendem Maße im Schwinden begriffen. Gekoppelt damit ist die Tendenz, eine jenseitige Welt als ein Nichts zu entlarven, als eine Erfindung, als eine Projektion, die letzten Endes einem geschwächten Lebensgefühl entspringt. Nietzsche erkennt und anerkennt sehr wohl die Motive, die Menschen dazu veranlassen, an eine solche jenseitige Welt zu glauben: gelingt es ihnen damit doch, sich über die Vergänglichkeit hinwegzutrösten.
Er will damit folgendes zu bedenken geben: In der Welt, in der wir leben, entsteht alles nur, um irgendwann wieder zu vergehen; alles ist vergänglich, nichts hat wirklich Bestand. Sich in einer solchen Welt einzurichten, ist schwer; es kostet Kraft, da ja das, was man sich gerade aufgebaut hat, im nächsten Moment schon wieder hinfällig sein kann. Daher sehnen wir uns nach etwas, das wirklich und auf Dauer Bestand hat. Da es so etwas aber in unserer Welt nicht gibt, erfinden wir uns eine solche Welt des wahren, dauerhaften, beständigen Seins – eine „Hinterwelt“, wie Nietzsche sie nennt –, eine „wahre“ Welt, eine Welt des göttlichen Seins.
Wird diese jenseitige Welt nun als ein Traumgebilde entlarvt, das wir Menschen uns zurechtgelegt haben, wie Nietzsche es im Blick auf seine Zeit diagnostiziert, dann bleibt als einzige Wirklichkeit nur das Diesseits übrig. Aber das Diesseits ist nach christlichem Verständnis das Wert- und Sinnlose. Wenn wir also auf dieses Diesseits verwiesen sind, dann ist damit alles wert- und sinnlos. Dann lohnt sich nichts mehr, dann ist der Nihilismus da. In diesem Sinne hat Nietzsche einmal geschrieben: „Ein Nihilist ist der Mensch, welcher von der Welt, wie sie ist, urteilt, sie sollte nicht sein, und von der Welt, wie sie sein sollte, urteilt, sie existiert nicht“.
In Anbetracht dieser Überlegungen kann man natürlich fragen: Wodurch wurde der Glaube an die übersinnliche Welt als die einzig wahre Welt erschüttert? Nach Nietzsches Sicht der Dinge hat diesbezüglich ein Prozeß stattgefunden, der durch Wandlungen historisch-kultureller Art vorangetrieben worden ist. So wird der wahren, jenseitigen Welt bereits im Zeitalter der Aufklärung – also insbesondere in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts – ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit entzogen. Weil wir von einer jenseitigen Welt, so argumentierten die Aufklärer, keinerlei sinnliche Anschauung haben, ist sie streng genommen unbeweisbar – letzten Endes verflüchtigt sie sich zu einer bloßen Idee, zu einem bloßen Gedankending.
Einen weiteren wichtigen Markstein in diesem Prozeß stellen die sich aufgrund ihrer eminenten Erfolge im neunzehnten Jahrhundert äußerst selbstbewußt gebenden Naturwissenschaften dar. Sie waren von der grundlegenden Einstellung getragen: Was nicht empirisch als Tatsache, als Faktum, nachgewiesen werden kann, ist für unser Weltverständnis und Weltverhältnis nicht von Belang. Eine jenseitige, vorgeblich „wahre“ Welt nun ist uns, wie Naturwissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts betonten, gänzlich unbekannt. Was uns aber gänzlich unbekannt ist, das vermag uns weder zu trösten noch zu irgendetwas zu verpflichten. Und so kam es, wie Nietzsche darlegt, daß die jenseitig-wahre Welt „abgeschafft“ wurde.
Nach Abschaffung der wahren Welt bleibt nur die diesseitige Welt, die Welt des Werdens übrig. Aber da jahrtausendelang aller Wert auf die jenseitige Welt gehäuft und die diesseitige als wertlos angesehen worden ist, steht man nun nach Abschaffung der wahren Welt vor der Situation, daß es nun nichts mehr gibt, was es zu erstreben lohnte. Alles scheint umsonst, alles scheint sinnlos. Wir haben uns selbst von der Sonne losgekettet, die bislang unserem Dasein Sinn verliehen hatte. Wir leben im Zeitalter des Nihilismus: Die obersten Werte, die allem Tun und Leiden der Menschen Sinn gegeben haben, haben ihre Gültigkeit verloren, sie haben sich, wie Nietzsche sagt, „entwertet“.
Nichts in allem Geschehen hat jetzt für den Nihilisten noch Sinn und Wert. Es fehlt die Antwort auf die Frage: Wozu? Ein resignatives „Umsonst bisher!“ wird zum Leitmotiv des nihilistischen Daseins.
Jetzt aber kommt das Entscheidende – denn Nietzsche stellt die Frage: Muß es dabei bleiben? Müssen und können wir es dabei bewenden lassen? Ist das tatsächlich das letzte Wort? Nietzsches Antwort auf diese Fragen schlägt folgende Richtung ein. Dadurch, so meinte er, daß der Nihilist kein vorgegebenes Ziel mehr anerkennt, eröffnet er sich die Freiheit, sich selbst neue Ziele zu setzen. Diese Freiheit wird ihm gerade durch den Nihilismus eröffnet. Denn fortan gilt dem Menschen kein Ziel mehr als verbindlich, das er nicht selbst frei sich gesetzt hätte.
Von daher begreift Nietzsche den Nihilismus als einen „Zwischenzustand“. Und diesen Zwischenzustand charakterisiert er näher als einen „pathologischen“. Damit meint er: Pathologisch ist der Nihilismus dann, wenn der Nihilist von der Entwertung eines Wertes – nämlich dem Glauben an Gott, an ein Jenseits, an eine wahre Welt – auf die Entwertung aller Werte schließt und aus dem Umstand, daß im Blick auf diesen Wert bisher alles umsonst gewesen ist, folgert, demnach könne das Dasein gar keinen Sinn haben.
Ein solcher Nihilist ist für Nietzsche ein völlig unproduktiver Mensch. Er hat keinerlei Kraft, selbst Sinn und Werte zu schaffen. Diese Kraft ist bei ihm völlig verkümmert. Bei ihm macht sich Resignation breit: „Alles umsonst!“ wird das Leitmotiv des Nihilisten. Ein solcher Nihilismus ist für Nietzsche ein „Symptom […] wachsender Schwäche“: „die schöpferische Kraft, Sinn zu schaffen“, läßt nach „und die Enttäuschung [wird] der herrschende Zustand“.
Diesem Nihilismus der Schwäche setzt Nietzsche einen Nihilismus der Stärke entgegen. Denn die ‚Abschaffung’ der ‚wahren’ Welt, das Abwerfen der Last der Transzendenz und des Jenseits, kann nach Nietzsche gerade dazu führen, daß die Kraft zum Schaffen neuer Werte wächst. Der Nihilismus der Stärke kann getrost auf die bisherigen Weltdeutungen verzichten, ohne daß er in der Resignation versänke. Er hat genug Kraft, neue Werte zu schaffen und seinem Dasein einen neuen Sinn zu geben. Damit tritt die Menschheit in eine neue Epoche ein – mit Nietzsche gesprochen: in die Helle des Mittags, der Zeit des „kürzesten Schattens“.
Aber hier stellt sich jetzt natürlich sofort die Frage: Um welche neuen Werte handelt es sich hierbei? Bevor ich darauf zu sprechen komme, möchte ich kurz noch auf etwas anderes hinweisen: Nietzsches Philosophie, die neue Werte setzen will, setzt also den Nihilismus voraus – aber sie selbst versteht sich nicht als Nihilismus. Gleichwohl vermag Nietzsche von sich zu behaupten, er sei „der erste vollkommene Nihilist Europas“. Das will besagen: Nietzsche erkennt den Nihilismus als eine historische Entwicklung, er sieht, daß er eine notwendige Erscheinung im Gang der abendländischen Geistesgeschichte ist, er deckt mit schonungsloser Kritik seine Herkunft auf, treibt ihn auf die Spitze – und versucht ihn mit einer neuen Wertsetzung und Sinnstiftung zu überwinden. Von daher kann Nietzsche schreiben, zwar sei er „der erste vollkommene Nihilist Europas“, „der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat, – der ihn hinter sich, unter sich, außer sich hat“.
Von hierher komme ich zurück auf die Frage, an welche neuen Wertsetzungen und Sinnstiftungen Nietzsche denkt. Hierauf antwortet er vor allem in seinem Buch Also sprach Zarathustra. Leitend ist für ihn der Gedanke: Wenn die wahre Welt abgeschafft ist, dann bleibt nur die diesseitige Welt übrig. Aber diese Welt ist keine scheinbare – denn scheinbar war sie ja nur im Licht der Gegenwelt des Jenseits. Ist diese jenseitige Welt als Fiktion, als Illusion entlarvt, dann wird zugleich damit der diesseitigen Welt der Charakter der Scheinbarkeit genommen. Sie ist jetzt die einzige, die es gibt. Und diese Welt ist die Welt des immer neuen Werdens, ist die Welt des Lebens. Also gilt es fortan, alles „unter der Optik des Lebens“ zu sehen. Von daher spricht Zarathustra: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!“
Der oberste Wert ist jetzt das wirkliche Leben. Und dieses Leben „selbst zwingt uns“, wie Nietzsche einmal geschrieben hat, „Werte anzusetzen, das Leben wertet durch uns, wenn wir Werte ansetzen“. So gesehen kann Nietzsche sagen: „Auch ich rede von ‚Rückkehr zur Natur’, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehen, sondern ein Hinaufkommen ist – hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit, eine solche, die mit großen Aufgaben spielt, spielen darf …“.
Etwas weniger poetisch ausgedrückt ist damit gesagt: Der als Natur aufs höchste gesteigerte Mensch ist der große Mensch, ist der Übermensch. Auch der Übermensch ist ein Mensch, allerdings ein Mensch von größerer Macht und Fülle des Lebens, als er jetzt, im Zeitalter des Nihilismus, hat. Und so kann Nietzsche seinen Zarathustra sprechen lassen: „Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde“. Und an einer anderen Stelle: „Tot sind alle Götter: nun wollen wir, daß der Übermensch lebe!“
Für uns stellt sich von hierher die Frage: Was eigentlich hat es mit dieser Rede vom Übermenschen als dem neuen Sinn der Erde auf sich? Was genau hat sich Nietzsche darunter vorgestellt?
Sucht man nach Antworten auf diese Fragen, so wird man zunächst mit der Schwierigkeit konfrontiert, daß der Übermensch in Nietzsches Schriften nur unzureichend bestimmt ist, sowie daß Nietzsche in diesem Zusammenhang oft auf metaphorisch-bildliche Umschreibungen zurückgreift. Dennoch lassen sich die Grundlinien seines Konzepts vom Übermenschen einigermaßen deutlich skizzieren. Und wir werden uns zu fragen haben, was es im Hinblick auf die Wertfrage möglicherweise zu leisten imstande ist.
Zunächst einmal gilt es diesbezüglich zu sehen: Nietzsche begreift die Heraufkunft des Übermenschen nicht als eine plötzliche und sprunghafte Veränderung im Gang der Natur – er kann also nicht biologisch gezüchtet werden –, sondern als ein allmähliches Freiwerden von der Täuschung und Selbstentfremdung, die der Glaube an das Jenseits und die damit verbundenen Wertvorstellungen nach Ansicht Nietzsches mit sich gebracht hat. Der Übermensch ist demnach der Mensch, der wahrhaft von allem Jenseitigen frei geworden ist und sich damit die Möglichkeit eröffnet, selbst neue Werte zu schaffen. In diesem Sinne sagt Nietzsche vom Übermenschen, er sei „eine neue Kraft und ein neues Recht, eine erste Bewegung“ – hin zu neuen Wertsetzungen.
Und zwar schafft dieser Mensch der Zukunft aus der Überfülle des Lebens heraus. Er ist also ein Mensch, in dem das Leben stark ist; er repräsentiert mithin ein gesteigertes Maß an Lebenskraft. Leben aber ist für Nietzsche der stete Drang, Neues zu entwickeln, Neues zu versuchen. Leben ist schier unerschöpfliche Vielfalt, ist Pluralität.
Damit ist uns zu verstehen gegeben: Zwar nimmt der nach-nihilistische Mensch die Gottlosigkeit der Welt an, aber er versinkt nicht in der Resignation des Nihilisten. Vielmehr läßt er sich auf den Wagnis- und Experimentiercharakter des Lebens ein: er experimentiert mit neuen Werten, er „wagt“, wie Nietzsche sagt, neue Werte – auch um den Preis, daß er dabei vielleicht scheitert. Aber gerade das ist das Übermenschliche an ihm, daß er angesichts eines solchen Scheiterns nicht resigniert, keinem Nihilismus der Schwäche anheimfällt. Der Mensch des nach-nihilistischen Zeitalters begreift sich vielmehr als ein Wesen, das sich jenseits von Gut und Böse im traditionellen Verständnis im Zuge einer Entwicklung selbst neu bestimmt. Anders gesagt: Als ein schaffendes Wesen sucht er in immer neuen Selbstübersteigungen die wahre Seinsweise des von herkömmlichen Wertvorstellungen und Weltdeutungen frei gewordenen Menschen. So gesehen ist der nach-nihilistische Mensch auf der Suche nach sich selbst. Und diese Suche nach sich selbst schließt die Suche nach, schließt das Wagnis und Experimentieren mit Werten ein, die einer Sichtweise, die alles „unter der Optik des Lebens“ betrachtet, angemessen sind. Und da das Leben selbst Vielfalt ist, kann es sich bei den neuen Werten, die wir laut Nietzsche irgendwann nötig haben, nur um eine Pluralität von Werten handeln, um eine Vielfalt von Werten, deren Tragfähigkeit für unser Leben es experimentierend auszuloten gilt.
Nietzsches Kopplung des Wertproblems an den Entwurf eines Übermenschen hat sich die kritische Anfrage gefallen lassen müssen, ob damit wirklich ein tragfähiges Konzept für die von ihm geforderte neue Wertsetzung vorgelegt worden ist. Und in der Tat: Hier bleibt vieles zu umrißhaft, zu unbestimmt, als daß sich von der Rede vom Übermenschen als dem neuen Sinn der Erde her konkrete Leitlinien ergäben. Mit anderen Worten: Die Therapie ist offensichtlich nicht Nietzsches stärkste Seite. Um so stärker – wenngleich auch schonungslos – ist die Diagnose, die er seinem und unserem Zeitalter stellt. Wie immer man daher auch zu Nietzsches neuer Weltauslegung und seinen Überlegungen zur ‚Lösung’ der „Wertfrage“ stehen mag – eines kann man kaum bestreiten: Der Verdacht, das Dasein, so wie es bislang begriffen wurde, habe möglicherweise keinerlei Sinn und Wert, wird in seiner Beschreibung des Nihilismus auf eine wohl unübersteigbare Spitze getrieben. Radikaler als Nietzsche hat bis dahin kaum ein anderer Denker alle bisherigen Versuche – seien es religiöse, philosophische oder welche auch immer –, dem Dasein Sinn zu verleihen, verworfen. Nietzsches Prognose von der Heraufkunft des Nihilismus versucht uns auch noch die letzte Illusion zu nehmen, es ließe sich möglicherweise in einer der herkömmlichen Weltauslegungen doch noch ein Rest von Sinn und Wert entdecken. Mit all dem, so meint er, ist es schlechterdings nichts.
In diesem Sinne hat er einmal festgehalten: „Die Welt ist das nicht wert, was wir geglaubt haben: Man ist dahinter gekommen. Der Pessimist gibt uns sogar zu verstehn, dies eben sei ihr Rest von Wert, den sie für uns behalte, daß wir dahinter kommen können – und sie das nicht wert sei was wir geglaubt haben. Die Welt wäre dergestalt ein Mittel, sich die Welt zu verleiden, sich selber bestmöglich zu ‚entweltlichen’“. Eine solche Konsequenz hält Nietzsche jedoch – ich zitiere – für einen „Unsinn, der sich endlich nach unseligen Umschweifen zu begreifen beginnt, eine etwas langgesponnene Komödie der Irrungen, die sich beschämt ins Nichts verliert“. Statt sich die Welt im Angesicht des Nichts, das heißt angesichts des Verlusts traditioneller Sinn- und Wertvorstellungen, zu verleiden, käme es nach Nietzsche also gerade darauf an, sich nicht ins Nichts zu verlieren, sondern sich ihm zu stellen und sich auf das Wagnis der Erprobung neuer Werte einzulassen.
Auch wenn das arg dramatisch klingen mag – vielleicht sollten wir die Angelegenheit doch einigermaßen gelassen angehen: immerhin haben wir gemäß dem Zeitrahmen, den Nietzsches Prognose umreißt, ja noch gut ein Jahrhundert Zeit.