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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 4
Hans-Jürgen Heise
Ferien
Die Knabenhände
die den Fisch im Bergwasser greifen
würden gern
für immer vergessen
wie man den Federhalter
halten muß
wenn man
Bergwasser
schreibt
Das Gedicht Ferien von Hans-Jürgen Heise entstammt dem schönen Band „Ein bewohnbares Haus“ von 1968. Es wurde neben neun weiteren Heise-Gedichten 1980 in die Reclam Anthologie „Moderne deutsche Naturlyrik“ aufgenommen.
Naturlyrik und Moderne bilden zwei Pole von einer gewissen Brisanz, denn die lyrische Selbstverortung des Menschen in der Natur - oder was dieser davon übrig lassen mag - ist eine Herausforderung der Dichtung des 20. Jahrhunderts.
Hans-Jürgen Heises Gedichte bilden mit ihrer Ausgangsthematik einfacher Begebenheiten aus Familie, Kindheit und Alltag auch „Stufen der Poesie“ ab, schreibt Walter Neumann am 19.07.2002 in der Stuttgarter Zeitung. Ein schöner Gedanke, dem meine (ganz subjektiven) Ideen zu Heises Bergwasser-Phantasie nachfolgen.
Das mich im Frühsommer 2004 so anrührende, moderne Gedicht entstand 1968. Im gleichen Jahr kam ich in die Schule. Ich hatte einen roten Ranzen aus Leder und eine damals ganz moderne Plastiktafel mit Schwämmchen in einer extra Plastiktüte. Ich hatte sogar bunte Griffel und ich hatte Angst. Ich war fast schon sieben und konnte noch „gar nix“. Das lernst du doch „alles“ da..., sagten mir meine schulerprobten Geschwister, aber ich mochte ihnen nicht glauben. Auch meinen Eltern nicht. Ihre Freundlichkeit wirkte irgendwie bemüht. Auch als „alles“ gut anlief, blieb ich misstrauisch der neuen lebensentscheidenden Institution gegenüber und behielt recht. Beim großen F musste ich in der Ecke stehen und meine Freundin auch und es war ungerecht. Meine schwitzenden Hände arbeiteten derweil den gesammten Saum des Faltenrockes ab, der nach der Aktion weit übers Knie ragte, statt wie zuvor darüber aufhörte.
Irgend etwas Bemühtes und Gequältes haftet wohl jeder Schulzeit an. Der Dichter Heise bringt hierzu einen Kontrast voller Poesie, wie er aber schärfer kaum sein könnte: der Leser muss die Grazie eines Kindes, welches den glitschigen zappelnden Fisch im klaren strömenden Bergwasser greift mit dem ungelenken aber ebenso hochkonzentrierten Halten und Führen des Federhalters oder Griffels oder neuerdings ergonomisch-dreieckigen Schreiblernbleistift vergleichen - und hält eine lange Gedichtzeile über zwangsläufig selbst den Atem an. Assoziierter Tannennadelgeruch und die akustische Wahrnehmung von Plätschern und Rauschen, stehen im Gegensatz zur erinnerten Starre, ja Verkrampfung. Für die Dauer der zweiten Leerzeile, welche die großartige Metapher Bergwasser umrahmt, hat man Zeit auszuatmen und sich nur einen Moment lang vorzustellen, dass alle Erwachsenen, ja sogar alle großen Dichter einmal unwissend vor dem ABC saßen, und das nachdem sie elementare Zusammenhänge wie „Fisch im Bergwasser“ schon lange begriffen hatten und zwar buchstäblich.
Und doch wird das Schreiben gelernt. Auch das Schreiben, welches schließlich zur kunstvollen Poetik solcher Naturmetaphern führt, weil Schreiben eben eine Stufe ist auf dem Weg die Welt zu begreifen.
Mein Sohn kommt im Sommer zur Schule. Aber jetzt sind erst mal Ferien.
Erika Schellenberger-Diederich