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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 4
Vorbemerkung:
Im zweiten - längeren - Teil des Gesprächs zeichnen sich deutliche Verständnisschwierigkeiten zwischen Lange und Lorenzen ab, die teilweise zu unterschwelligen Gereiztheiten führen. Vielleicht wird so deutlich, dass es in den hier behandelten Fragen, trotz großer Nähe der Standpunkte, keine wirkliche Übereinstimmung geben kann. Dennoch findet bei aller unaufhebbaren Fremdheit der miteinander redenden Menschen so etwas wie wirkliche Kommunikation statt.
Lieber Herr Lorenzen,
die überlieferten metaphysischen Fragen kann man nicht radikal neu beantworten. Sie beziehen sich auf ein Zeitalter, in dem die letzten Seinsgründe religiös und spekulativ hinterfragt wurden. In unserem Zeitalter werden diese Fragen sinnlos, weil sie positivistisch nicht beantwortbar sind. Das ist der Grund, warum Phänomene wie Vergänglichkeit oder Endlichkeit mit größerer Schärfe und umso bedrohlicher hervortreten. Nun haben wir aber, obwohl wir wissen, daß es sinnlos ist, immer noch ein metaphysisches Bedürfnis, und da es nicht befriedigt werden kann, nistet es als unerlöste Angst im Rätselhaften. Da gebe ich Ihnen recht. Hier hätten wir tatsächlich ein Indiz für ein neues Zeitalter. Nun flüchten wir dringlicher in eine Vorstellungswelt, die uns nicht erlösen kam, und hier wird das neue metaphysische Hinterfragen bildhaft, also unbegrifflich. Die alten Seinsfragen waren noch auf einen sicheren Begriff aus.
Trotzdem sollte man diesen Sachverhalt, in dem sich die Nachmoderne eventuell abzuzeichnen beginnt, nicht so übermäßig vertrackt ausdrücken und man sollte den Eindruck des Autoritären und Sektiererischen gegenüber der alten Philosophie vermeiden. Deswegen bin ich dagegen, vom radikalen Umdenken, vom kompromißlosen neuen Anfang usw. zu reden. Die Alten hatten die gleichen Probleme wie wir, sie waren nur naiver und durften dies, Gott sei Dank, auch sein. Eine andere Sache betrifft Ihre affirmative Deutung der spätkapitalistischen Verhältnisse. Ich denke, daß Sie da schönfärben. Der Kapitalismus verdummt, und die Leute werden unfähig, ihr Unbehagen am Konsumverhalten oder an der Vergnügungsindustrie existentiell zu hinterfragen. Was das Seinsverständnis betrifft, und wenn es auch nur im Rätselhaften und in der unbefriedigten Angst überwintern kann, die Reklameindustrie und der wertverwertende Wille, der auch die Politik, Wissenschaft und Kultur beherrscht, schieben es ins Abseits des Unbewussten. Sie, Herr Lorenzen, schätzen meine Novellen, aber die Auflagenhöhe spricht eine andere Sprache. Die Auflagenhöhe meiner Novellen beweist, daß die Leute das "Schwarze, das Sie beschrieben haben, einfach nicht in ihren Einkaufskorb legen. Sie halten sich da lieber an die Gummibärchen, die Gottschalk ihnen Abend für Abend im Fernsehen anpreist. Schöne neue Welt, auf völlig freiwilliger Basis. Orwell glaubte noch, man könne die Leute nur mit Gewalt in einen Container zwingen, um das Auge des Big Brothers auf sie zu richten. Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
die heutige metaphysische Bild-Erfahrung muss nicht begrifflos sein, aber sie benötigt jedenfalls literarische Elemente. Darin sind wir uns einig. Insofern wäre die früher vorhandene Kluft zwischen Philosophie und Literatur nicht mehr unüberwindlich. Eigentlich versuche ich - gewissermaßen ja auch auf Ihren Rat hin -, dieses Gebiet für mich zu erforschen.
Ob es eindeutige Relationen zwischen Ökonomie und Politik gibt, ist eine seit langem strittige Frage. Für Marx war das klar: bürgerliche Demokratie und Marktwirtschaft gehörten für ihn zusammen. Vielleicht haben Sie recht, und was ich geschrieben habe, orientiert sich zu sehr an europäischen und amerikanischen Verhältnissen. Gerade in arabischen oder auch asiatischen Staaten gibt es ja ganz andere Verbindungen von Kapitalismus und Diktatur. Das bringt mich zu einer Sache zurück, die Sie schon angesprochen hatten. Was wir Nachmoderne (oder auch Moderne) nennen, bezieht sich überwiegend auf den "abendländischen" Raum, jedenfalls wohl kaum auf den islamischen. Daraus ergibt sich die Frage, ob Sie glauben, dass es andererseits ethische oder Vernunftmaßstäbe gibt, die allgemein, also in allen Teilen der Welt gelten? Gibt es so etwas wie universelle Menschenrechte, aus denen sich etwa ableiten lässt, dass die Unterdrückung der Frauen in anderen Kulturen nicht zu billigen ist? Oder ist die Weltentwicklung auf keinen Fall nur mit einem Maßstab zu messen?
Zu etwas ganz anderem: wie sind Sie gerade auf Leptis Magna gekommen, waren Sie schon dort? Oder hätten Sie auch eine andere Wüstenstadt wählen können? Wann werden die beiden neuen Novellen erscheinen? Herzliche Grüße, Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
Sie haben es In Ihrer Frage selber formuliert: Wenn metaphysische Begriffsmöglichkeiten wegfallen, dann kann es nur ein Ausweichen in die Vorstellungswelt geben. Und die Vorstellungswelt ist bildhaft. So kann die Metaphysik heute nur noch im anschaulich Spekulativen überwintern, also z.B. in der Kunst. Das haben Sie in Ihrem vorletzten Brief auch so formuliert, ich zitiere: "Dieser Charakter des Rätselhaften: daß ein Ganzes nur als besondere Gestalt, die sich selbst aufhebt, da ist, ermöglicht eine gänzlich andere Metaphysik. die das Sein als Bild erfährt."
Zu Ihrer Frage, ob sich Kapitalismus und Demokratie gegenseitig bedingen: Ich würde sagen nein. Beide existieren bei uns, aber sie bedingen einander nicht. Es gibt jedoch ein Proftitstreben in China oder unter anderen Diktaturen, das sehr wohl ohne Demokratie auskommt. Daß der Kapitalismus in Westeuropa demokratische Verkehrsformen benutzt, heißt nicht, daß er sie erzeugt. Alle demokratischen Prämissen, also Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit, freie Wahlen, Parlamentarismus usw. sind im Grundgesetz verankert, also einer politischen Idee geschuldet. Für diesen Umstand sollten wir dankbar sein, und ich kann mir ein solches Grundgesetz sehr wohl unter anderen Produktions- und Distributionsbedingungen vorstellen. Ich grüße Sie herzlich, Ihr Hartmut Lange
P.S. Lieber Herr Lorenzen, ob es einmal ein Weltethos geben wird, steht in den Sternen, unterschiedliche Kulturen wird es immer geben. Auf Leptis Magna bin ich gekommen, weil ich in einem wunderbaren Bildband geblättert hatte. Und natürlich, weil Leptis Magna am Rande der Sahara liegt. Herzliche Grüsse. Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
Was ist denn "objektiv" im menschlichen Transzendenz - Gefühl? Eben dieses, dass es Komponenten enthält, die den sonstigen Bereich "subjektiver" Emotionen übersteigen. Diese Komponenten sind real; sie produzieren allerdings "Einbildungen", nämlich Dinge, wie Götter, die vorgeblich unabhängig von ihnen existieren sollen. - Es versteht sich, dass, besonders in früheren Zeiten, solche scheinbar objektiven Korrelate die Gefühle wiederum verstärken können.
Eine wichtige Frage lautet also: auf welche Weise können wir "die erfahrbaren Bedingungen unserer Existenz gedanklich und emotional übersteigen"? Was geschieht dabei in uns? Ich frage Sie mithin ganz direkt, was das Hören Bachscher Musik etwa in Ihnen auslöst.
Die "Bedürftigkeit nach Metaphysik" wurzelt, wie Sie selber sagen, in solchen Erlebnissen, den Erfahrungen von Kunst und anderen. Seit der Nihilismus an die Stelle der Ontologie getreten ist, geschieht etwas scheinbar Seltsames: das Transzendenz-Gefühl wird nicht mehr durch sein objektives Korrelat (Gott etc. ), sondern durch seine Unmöglichkeit verstärkt – s. Cioran.
Wie können wir unsere subjektiven Bedingungen transzendieren? - Und da wir es können, sind wir so nicht wirklich mehr, als wir im täglichen Daseins zu sein scheinen? Andererseits: Natürlich haben Sie recht, die Gegenwart wird immer transzendenzloser.
Mein Vorschlag: schauen wir uns selber zu, wenn wir in die Nähe des metaphysischen Bereiches kommen; und versuchen wir zu beschreiben, was dann mit uns vor sich geht.
Viele Sonntagsgrüße, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
daß die Transzendenz bloße Einbildung bleibt und bleiben muß, ist ja klar. Das kann man in jedem Lexikon nachlesen. Trotzdem zeichnet sich der Mensch durch diese Fähigkeit aus: Er kann die erfahrbaren Bedingungen seiner Existenz gedanklich und emotional übersteigen. Wen also der Satz "Alles, was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht" in die Verzweiflung treibt, der kann an Gott glauben, und damit eine Transzendenzgewißheit erlangen, die die Konsequenzen dieses Satzes rückgängig macht. Kann er das nicht, kann er immer noch ein Transzenzbegehren haben, das eben nur nicht zur Gewißheit aufsteigen kann. Sie können also wünschen, es gäbe Gott, obwohl Sie sicher sind, es ist und bleibt ein Wunsch Ihrer Vorstellungswelt. Die Bedürftigkeit nach Metaphysik ist dem Menschen, Rationalität hin, Rationalität her, wesentlich. In unserer Zeit wird es aber immer schwerer, zur Transzendenzgewißheit zu gelangen. Wir wissen, im Gegensatz zu Pascal, daß auch ein eingenähter Zettel daran nichts ändern kann, und dies ist der Grund, warum die Moderne und Nachmoderne, wenn es um existentielle Fragen geht, immer ratloser, immer verzweifelter reagiert. Insofern würde ich Ihnen raten, auch mit dem Christentum etwas nachsichtiger zu sein. Die Vorstellungswelt des Christentums mag veraltet sein, ist aber als Ausdruck metaphysischer Bedürftigkeit immer noch aktuell und vor allem - legitim.
Seien Sie freundlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lorenzen,
lassen Sie mich zu meinen Zeilen noch etwas hinzufügen: Der Begriff der Transzendenz erschöpft sich natürlich nicht in der Gottesvorstellung. Für mich ist alles, was die Erkenntnisfähigkeit übersteigt, also auch die Kunst, überhaupt alles, was der Vorstellungswelt angehört, wesentlich transzendent. Insofern kann man sein Transzendenzbegehren auch durch die Kunst erträglich halten, weil man hier sogar die Aussichtslosigkeit, die in einem solchen Begehren lauert, genießen kann. Mir geht es so mit der Musik. Für mich ist Bach eine Transzendenzleiter, die mich tröstet, ohne daß ich Bachs Frömmigkeit nachvollziehen kann.
Das Transzendieren will die Vorstellungen, die es erzeugt, objektivieren, und wo dies nicht mehr gelingt, da hat Cioran vollkommen recht, verzehrt es sich selbst. Eben das passiert, wenn ich Bach höre. Seine Musik gaukelt mir eine Transzendenz vor, und dieses Vorgaukeln ist eben die Objektivität der Kunst. Sie ist bloßer Schein, ein schönes, aber leeres Versprechen. Das erzeugt Wehmut, Trauer, Melancholie, ein vergebliches Über-sich-selbst-hinauswollen usw. "Die Verzweiflung der Endlichkeit ist der Mangel an Unendlichkeit." (Kierkegaard) Überhaupt will sich das konkrete Dasein nicht nur affirmativ verhalten, es neigt auch zur Selbstnegation, Selbstauflösung. Solche Dinge lassen sich begrifflich nicht fassen. "Wir haben in jedem Fall solche, die über uns sind", sagt der wahnsinnige Nietzsche, und äußert so im Anfall äußerster Selbstüberschätzung so etwas wie Demut. Was mir bei Ihrer Antwort auffällt: Offensichtlich ist für Sie das Objektivieren transzendenter Vorstellungen ein Anlaß zur Kritik. Wäre es so, wäre dies eine altmodische Auffassung von Aufklärung.
Transzendieren heißt ja eine neue, eine Vorstellungswelt schaffen, die sich in ihren Umrissen unserer Erfahrbarkeit entzieht, aber deswegen doch, wie in der Kunst, ohne Objektivierung gar nicht denkbar ist. Das gilt auch für die religiöse Vorstellungswelt. Ich hatte in Marburg [bei der Lesung Hartmut Langes] gemerkt, wie verächtlich Ihre Augen blitzten, wenn vom Christentum die Rede war. Also frage ich nochmals: Wenn man die Machtlosigkeit und gesellschaftspolitische Abseitigkeit des heutigen Christentums bedenkt, was bleibt dann noch an kritischem Ansatz, den klassischen Atheismus betreffend? Oder wollen Sie dem Christentum vorwerfen, daß es an seiner Transzendenzgewißheit immer noch naiv und hartnäckig festhält? Dann müßten Sie die Bachschen Choräle langweilen oder ein Ärgernis sein. Im übrigen deute ich Ciorans Liebe zu Bach und damit zur christlichen Musik als verzweifeltes Transzendenzbegehren. Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
mir scheint, das Versprechen der Kunst ist nur dann leer, wenn es sich in seiner eigenen Objektivierung verfängt - die dann unweigerlich erstarrt. Bleibt sie lebendig, spielt sich in ihr ein höchst dynamischer Prozess ab. Die Emotionen, mit denen wir auf dieses innere Geschehen reagieren, "Wehmut, Trauer, Melancholie, ein Über-sich-Hinauswollen", aber auch gesteigerte Freude, Empfindung von Schönheit und Freiheit, sind dann "wahr", wenn sie eine reale Verbindung mit diesem Geschehen des Werkes selbst eingehen.
Bis in die Moderne hinein gehörte die "Selbstauflösung" des Ichs (Freuds "ozeanisches Gefühl" etc.) zu den Grundbedingungen solcher ästhetischen Erfahrungen. Ich glaube, ich verstehe nun besser, was Sie mit "Demut" meinen - ein Verhalten gegenüber dem in uns, das sich unserer Verfügung entzieht. Das Ego muss sich gleichsam in die Luft sprengen, darin bestand paradoxerweise seine größte Sehnsucht. Aber zu diesem Kunst-Suizid bedarf es gerade der Hilfe. Könnte man das so ausdrücken?
Eigentlich, glaube ich, verspricht die Kunst gar nichts mehr. Ihre utopischen Inhalte sind ihr abhanden gekommen. Die Vorstellungswelten, die sie schafft, sind was sie sind - und gerade deswegen etwas anderes als ein Abklatsch der gesellschaftlichen etc. Realität, und natürlich schon gar kein l’art pour l’art. Ich gestehe, dass ich hier noch nicht gänzlich klar sehe.
Noch etwas anderes: das Christentum mag heute machtlos sein, die Kirche ist es durchaus nicht. Sie ist eine schrecklich verkrustete hierarchische Organisation, unfähig offenbar, sich zu reformieren. - Haben meine Augen wirklich "verächtlich geblitzt", wenn von diesen Dingen die Rede war? In mich hineinhorchend, stelle ich fest, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wie "Verachtung" sich anfühlt. Trotzdem haben Sie nicht ganz Unrecht: ich reagiere sehr emotional auf Institutionen, die das, wodurch sie sich legitimieren, gerade verraten.
Noch einmal zu unserem Thema: Die eigentliche Transzendenz ist im Werk, etwa der Bachschen Musik, selber, in dem, was in ihr geschieht. Es gibt, mit anderen Worten, eine Unendlichkeit in unserer Endlichkeit. Das ist für mich der wichtigste Punkt. Wir können Strukturen schaffen, die sozusagen real metaphysisch sind - und nachmodern.
Ist die "Selbstauflösung", von der Sie sprechen, nicht identisch mit derjenigen, von der auch in der christlichen Mystik die Rede ist? In Ihren Novellen wird diese Zone des Unsagbaren eigentlich immer zum Mittelpunkt des Erzählverlaufs. Sie ist also da - und keine Einbildung; oder sehe ich das falsch?
Ich bin bespannt auf Ihre Antwort. Mit herzlichen Grüßen, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
ich gebe Ihnen recht: Wir können real-metaphysische Strukturen schaffen, die auch zur Empirie gehören. In der WATTWANDERUNG steht der Satz "Wovon ich nichts wissen kann, aber doch etwas wissen will, dies ist durch mich schon in der Welt." Insofern ist die vorgestellte Transzendenz auch wahr, und schön Ihr Satz: "Es gibt eine Unendlichkeit in unserer Endlichkeit." Das habe ich so noch nicht bedacht. Das wäre auch eine Antwort auf Kierkegaard. Jetzt interessiert mich eine andere Frage, d.h. sie treibt mich seit jeher um: Was ist das absolute Individuum? Was also bin ich selbst im Verhältnis zur sonstigen Seinsstruktur. "Das Ich ist das größte Geheimnis der Welt", schrieb Max Beckmann in seinem Tagebuch. Und auch Pascal wird mit der Absolutheit und der gleichzeitigen Kontingenzgebundenheit des eigenen Ichs nicht fertig. Wollen wir darüber etwas länger korrespondieren? Ich grüße Sie herzlich! Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
Ihre Wortverwendung hat mich zunächst verwirrt, oder genauer: meine eigenen Assoziationen zum Begriffsfeld des "Absoluten". Aber das letzte Fax hat mir auf die Sprünge geholfen. Zudem lese ich in: "Irrtum als Erkenntnis": "Warum ist alles relativ, nur meine eigene Unterschiedenheit zu dem anderen absolut gesetzt?" Soll heißen, meine nur mir zukommende Individualität entspringt gerade meiner radikalen Endlichkeit. Insofern wäre also "das Wesentliche an uns unsere flüchtige Erscheinung". Ich gebe Ihnen völlig Recht, hinter oder gar über den Erscheinungen ist nichts. Das Reden von Transzendenz in diesem Jenseits-Sinne ist völlig überflüssig. Aber wir haben ja schon von der Unendlichkeit in der Endlichkeit gesprochen.
Selbst das Unerkennbare bringen wir hervor, wie etwa das Gefühl der absoluten Rätselhaftigkeit des Daseins und seiner Kontingenz beim Anblick des nächtlichen Sternenhimmels. Deswegen ist es aber nichts im negativen Sinn Subjektives, sondern gerade eine Grundbefindlichkeit unserer Existenz. Das Akzeptieren der Unruhe und Angst, die in uns stecken, kann so etwas wie eine vorübergehende Balance erzeugen: die Ruhe im "freien Fall", auch die Heiterkeit, von der Sie schreiben. Was jedoch ist das "Erfasstwerden von der Geheimnisströmung der Welt", wie Sie Romano Guardini zitieren? Welches sind "die rätselhaften Bedingungen unserer Existenz"? - Versuchen Sie bitte, mir das zu verdeutlichen.
Wir können Bilder erzeugen, die in sich etwas Metaphysisches haben. Mir scheint, dass eine Metaphysik - und Literatur - der Nachmoderne die Endlichkeit unseres Lebens sozusagen erst in seinen neuen Gefüge-Strukturen wiederfinden muss. Was ist denn "Endlichkeit" wirklich für uns, also nicht als abstraktes Wissen von Zeitlichkeit und Verfall? Wenn ich sie erlebe, öffne ich mir selbst einen transzendenten Bereich in meiner Immanenz. In einer gewissen sehr präzisen Hinsicht transzendiere ich damit die Grenzen meines Egos. Mit anderen Worten, Transzendenz geht auf ein Wir im Ich. Darauf deuten auch die stammesgeschichtlichen Erfahrungen von Ritus, Opfer oder Initiation.
Beste Sonntagsgrüße nach Italien, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
meine Frage betrifft ausschließlich das Phänomen meiner Existenz, die sich dadurch auszeichnet, daß sie nicht quantifizierbar ist. Ich möchte wissen, ob ich wesentlich flüchtige Erscheinung bin und ob diese meine Wesenheit absolut gesetzt ist. Hieran knüpften die Alten noch ihre metaphysischen Systeme. Für Schopenhauer ist jedes Individuum flüchtige Objektivierung des Willens. Ihm gilt jede subjektive Selbsterkenntnis nur als Täuschung. Wir sind, solange wir sind, wie im Schleier der Maja befangen, und wenn wir sterben, ja, dann erst erfahren wir die Unzerstörbarkeit unseres Wesens.
Ich halte dies für Unsinn und für eine besonders krasse Spielart des Pantheismus. Hier wird das Individuum herabgestuft, ja verächtlich gemacht und ins Feld der Täuschung verwiesen. Man könnte aber den Spieß umdrehen: Das Ding an sich oder der blinde Wille oder das Sein überhaupt kennt keinen Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung. Alles was ist, ist Unterschiedenheit im ständigen Wechsel, es ist ein ständiges Werden und Vergehen, und ich bin, wie jedes Seinsereignis, eben auch nur flüchtige Erscheinung. Schopenhauer beantwortet die Frage nach dem absoluten Individuum durch Ouantifizierbarkeit. Ihm ist jedes Individuum ununterscheidbar durch die Objektivierung des Willens in die Welt gesetzt. Wenn ich sterbe, lebe ich in allen anderen, noch nicht gestorbenen Individuen weiter. In diesem metaphysischen System könnte man die flüchtige Erscheinung ebenso unerwähnt lassen, da es Schopenhauer völlig gleichgütig ist, ob und wie differenziert sich der Wille in seinen Erscheinungen objektiviert. Es ist also einer Religion vergleichbar, die dem Einzelnen das Existenzrecht mit dem Hinweis abspricht, es käme sowieso nur darauf an, zu Gott einzugehen. Aber eben in jener Differenzierung, die Schopenhauer ins Feld der Unerheblichkeit abdrängt, ist die Seinsstruktur des absoluten Individuums auf rätselhafte Weise umrissen. Für Kant sind alle existentiellen Anschauungsversuche rein subjektiven Ursprungs. Trotzdem haben wir keine anderen, um unser eigenes Ich objektiv zu hinterfragen. Ich frage also: Könnte es sein, daß in meiner Existenz das Absolute und das Relative, Wesen und Erscheinung, Zufall und Notwendigkeit ununterscheidbar zusammenfallen? Oder gibt es überhaupt nur eine Welt von zufälligen Erscheinungen, so daß sich meine Existenz nur einmal und auch noch auf kontingente Weise ereignen kann? Und war es dies, was Nietzsche ahnte und was ihn veranlaßte, so hartnäckig und verzweifelt nach der ewigen Wiederkehr des Gleichen zu suchen?
Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
heute habe ich mir Ihren neuen Novellenband in Herrn Kaltenbachs Buchhandlung abgeholt. Ich werde beide Texte noch einmal lesen und nächste Woche dann meine Rezension als "Buch des Monats" im Forum veröffentlichen.
Nun zu dem von Ihnen angesprochenen Problem - vielleicht dem Grundproblem überhaupt. Ich muss nachfragen: was bedeutet das "und" in dem Satz "Ich möchte wissen, ob ich wesentlich flüchtige Erscheinung bin und ob diese meine Wesenheit absolut gesetzt ist"? Zunächst würde man ja ein "oder" erwarten. Denn was sollte es bedeuten, dass meine Wesenheit, die flüchtige Erscheinung, absolut gesetzt ist? Doch gerade, dass es kein Wesen gäbe. Aber das meinen Sie nicht, scheint mir. Denn wenn in der Differenzierung die Seinsstruktur des absoluten Individuums auf rätselhafte Weise umrissen ist, wie Sie sagen, dann hieße das doch, dass gerade in der höchsten Besonderung ein nicht nur kontingentes Element von Individualität läge. Sehe ich das richtig?
Sehr aufregend finde ich, was Sie am Schluss schreiben: ob es nicht sein könnte, dass das Absolute und Relative, Wesen und Erscheinung, Zufall und Notwendigkeit ununterscheidbar zusammenfallen. Mir fällt Rilke ein: "halten wir uns dem Wechsel zwischen die Zähne". Und Goethe: "Nicht mehr auf Seidenblatt / Schreib' ich symmetrische Reime; / Nicht mehr fass' ich sie / In goldne Ranken; / Dem Staub, dem beweglichen, eingezeichnet / Überweht sie der Wind, aber die Kraft besteht, / Bis zum Mittelpunkt der Erde / Dem Boden angebannt."
Aber vielleicht meinen Sie es noch anders. Vielleicht so, dass Absolutes und Relatives sozusagen ununterscheidbar changieren und gar nicht klar auseinander zu halten sind. Bei Goethe und Rilke entsteht etwas "Ewiges" in Untergang und Wechsel. Sie denken, scheint mir, eher daran, dass sich in den geringsten Zufälligkeiten doch wie ein Lichtfunke etwas Individuelles und Unverwechselbares ausprägen könnte. Ist das richtig ? Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge.
Ich bin, und vielleicht kann ich sagen, wir sind, auf der Suche nach einer Metaphysik der Nachmoderne. In der heutigen Akzentuierung der Kontingenz könnte etwas liegen, das über sie hinausweist; aber es läge so in, nicht außerhalb ihrer. Ich warte, um weiterzukommen, auf Ihre Antwort.
Herzliche Grüße - habe im Bus schon in "Leptis magna" gelesen -, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
wenn ich wesentlich flüchtige Erscheinung bin und diese meine Wesenheit absolut gesetzt ist, dann heißt das logisch und nach den Regeln der Grammatik: Es gibt mich nur als flüchtige Erscheinung. Sonst wäre ich relativ gesetzt und könnte als andere flüchtige Erscheinung wieder auftauchen. Das behauptet Schopenhauer. Das Absolute an mir bedeutet ja gerade, daß ich, obwohl die Ichheit außer mir milliardenfach gegeben ist, nicht quantifizierbar bin. Wir beide unterscheiden uns als Individuum nur durch das Absolute. Ich bin absolut Lange, wie Sie absolut Lorenzen sind, und doch werden wir beide vergehen wie der Rauch. Oder mit anderen Worten: Das Wesentliche an uns ist unsere flüchtige Erscheinung. Und nur so entsteht, was Sie mutmaßen, das "Unverwechselbare und Individuelle." Also nichts von Ewigkeit und dergleichen. Alles, was außer mir liegt, tangiert mich nur als Bedingung meines Seins. Der Grund meines Seins ist der kontingenzgesteuerte Zufall. Und auch, daß ich ein Produkt von Kausalität bin, kann meine als wesentlich gesetzte flüchtige Erscheinung nicht relativieren. Kausalität heißt eben, alles was aus Ursache und Wirkung hervorgeht, geschieht absolut und kann sich nie mehr wiederholen. Das Wesen außerhalb der Erscheinung ist eine Täuschung, die durch das Phänomen der Zeit begünstigt wird. Darauf möchte ich näher eingehen, aber erst, wenn wir uns in der Sache, das absolute Individuum betreffend, richtig verständigt haben.
Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
die Dinge klären sich, jedenfalls in gewisser Hinsicht. Ich weiß mich einig mit Ihnen in der Überzeugung, dass dem kosmischen Werden und Untergehen kein Vernunft-Plan zu Grunde liegt. Eigentlich sind die Gottesvorstellungen der Hochreligionen nicht reformierbar, weil ihnen Welterlösungsstrukturen anhängen, die angesichts der zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Weltalls einfach grotesk sind. Wobei schon Pascal sehr zu Recht daraufhingewiesen hat, dass sich die Unendlichkeit nicht nur im Großen, sondern eben so im Kleinen zeigen lässt. Unser Transzendenzbegehren stößt also im Objektiven ins Leere. Was aber soll dann, noch einmal gefragt, heißen: "Wir berühren die rätselhaften Bedingungen unserer Existenz. Hier manifestiert sich das Unerfahrbare oder - erkenntnistheoretisch gesprochen - das Nichts" ( Irrtum als Erkenntnis, S. 72)? Oder gar: "Die Angst vor dem Grundlosen erzeugt ein Gefühl von Gottesnähe" (S. 83)?
Das zweite verstehe ich jetzt so: die Angst erzeugt sich notwendig ihre Täuschung. Die "Gottesnähe" ist Schein, ihr Gefühl, als Gefühl genommen, aber nicht - es ist, wie wir uns jetzt verständigt haben, real. Aber den als erstes zitierten Satz müssen Sie mir bitte noch einmal erläutern. Was ist das "Unerfahrbare", bzw. das "Nichts"?
Natürlich müssen wir der geheimnislosen Determination oder Kausalität allen Naturgeschehens widersprechen, in der Philosophie, wie in der Kunst, und vielleicht sogar in den Naturwissenschaften, weil der ewige Versuch, auch den Bereich des Organischen und so den der Vorstellungen und Gefühle, immer noch durch "Druck und Stoß" - heute neuro-physiologisch - zu erklären, zum Scheitern verurteilt ist. Er ist es, weil Kunst, Philosophie oder natürlich auch die mystischen Erfahrungen ein "Gefühl" erzeugen, das uns ahnen lässt, was, für uns, Freiheit wäre. Selbstverständlich erzeugen wir auch dieses Freiheitsgefühl selbst. Trotzdem, oder gerade deswegen beinhaltet es mehr, als Kontingenz und Kausalität. Es funktioniert, wenn ich so sagen darf, nach anderen Kriterien. Mithin führen wir, in all unserer Hinfälligkeit, etwas in diese Welt ein, was ihr keineswegs zu Grunde liegt - und das doch nun, als für uns Wichtigstes, in ihr, mit und durch uns, existiert. Können Sie diesem Gedanken zustimmen?
Gestern habe ich den "Umzug" und "Leptis Magna" wiedergelesen, erneut mit großer Begeisterung. Morgen mache ich mich an die Rezension. Beide Novellen sind absolut meisterhaft, aber die zweite scheint mir, in der nächtlichen Begegnung mit dem "Würgeengel", sozusagen noch einen Schritt weiter in das Gebiet des "Unbetretbaren" vorzurücken.
Herzliche Grüße, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
wir sind uns also einig: Unser Transzendenzbegehren erzeugen wir selbst. Die Transzendenz ist eine Leistung unserer Immanenz. Werfen wir also den ganzen Krempel des 19. Jahrhunderts über Bord, vor allem Hegels Dialektik. Es gibt keinen Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung, Zufall und Notwendigkeit. Es gibt nur die Welt des Zufalls und der Erscheinungen, die sich durch den Grad ihrer Komplexität unterscheiden. Je höher die Komplexität, je größer die Täuschung, hier sei etwas wesentlicher als das andere. Aber die Blätter am Lindenbaum haben lediglich eine kürzere Verfallszeit als der Lindenbaum selbst, und die längste aller bisher erkannten Verfallszeiten hat der Kosmos. Denn auch hier versichert uns die Naturwissenschaft: Der Urknall, wahrscheinlich selbst ein Produkt des Zufalls, hat wiederum unseren Kosmos zufällig erzeugt. Die Täuschung, als sei da ein Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Zufall und Notwendigkeit, geschieht aus dem Phänomen der zeitlichen Anschaulichkeit. Wir denken, was kurz dauert, sei flüchtige Erscheinung, was länger dauert, sei wesentlicher, und wovon wir gar keine zeitliche Vorstellung entwickeln können, das sei eben das ewige Absolute, das sei Gott oder der blinde Wille oder das Ding an sich usw.
Und nun zu Ihrer Frage, die Geheimnisströmung der Welt betreffend. Ich hatte da aus Höflichkeit nichts Allzukritisches gegen Guardini sagen wollen. Er selbst ist ja davon überzeugt, daß diese Strömung von Gott herkommt. Ich selbst glaube oder besser fürchte, daß die Welt gar keine Geheimnisse hat, und daß wir, da wir dies nicht aushalten können, der Welt unsere Geheimnisse beimischen. Es ist sicher so, wie Sie sagen: Wir selbst bringen das Unerkennbare hervor. Hier läge auch ein Kritikpunkt gegen den Nihilismus, der ja dergleichen Rationalisierungsversuche ablehnt. Aber ich selbst habe ein Transzendenzbegehren aus nihilistischer Überzeugung. Nur bin ich kein negativer, ich bin ein positiver Nihilist, und so ist auch mein Satz "von den rätselhaften Bedingungen unserer Existenz " zu verstehen. So wie unsere Zivilisation der Grausamkeit des Naturgeschehens widerspricht oder besser widersprechen sollte, so gehört es, wie ich finde, zum aufrechten Gang des Menschen, der puren Determination, der geheimnislosen Kausalität allen Naturgeschehens zu widersprechen. Das leistet die Kunst. Und, wer weiß, vielleicht auch eine Philosophie der Nachmoderne? Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
*
Lieber Herr Lange,
gerade arbeite ich an der Rezension von "Leptis Magna". Den arabischen Dichter Sidi Mahrez kann ich in meinem Brockhaus nicht finden. Gibt, bzw. gab, es ihn, oder handelt es sich um eine Fiktion? - Mehr für mich selbst gefragt: warum verändert sich beim Einbruch der Dunkelheit in Prof. Bodewigs Haus zuerst die Küche? Und können Sie mir etwas über die Stimme sagen, die zu Beginn des 18. Kapitels von "Leptis Magna" mit Sibylle spricht?
Herzliche Grüße, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen, Sidi Mahrez ist keine Fiktion. Er wurde in dem italienischen Bildband zitiert, den ich benutzt habe. Die Küche zuerst, weil man vom Sofa aus dort einsehen kann. Die Stimme im letzten Kapitel ist mehrdeutig. Es könnte ihre eigene Stimme, aber auch die Stimme des Würgeengels sein. Die Sache wird hier ununterscheidbar. Herzlichst Ihr Hartmut Lange
*
Lieber Herr Lorenzen,
ich stimme Ihnen zu: Die Vorstellungswelt dokumentiert unser Vermögen zur Freiheit. Aber diese Freiheit ist bedingt durch unsere Existenz. Das beantwortet schon Ihre Frage: "Was sind die rätselhaften Bedingungen unserer Existenz, und warum manifestiert sich hier das Unerfahrbare, erkenntnistheoretisch gesprochen - das Nichts."
Wenn die Astrophysik erklärt, die schwarzen Löcher sind nicht zu erklären, weil es dort offenbar keine Seinsstrukturen mehr zu geben scheint, dann haben wir hier eine der rätselhaften Bedingungen unserer Existenz, die wir weder mit der Freiheit unserer Vorstellungswelt, noch mit spekulativen Erkenntnissen ausfüllen können. Hier erscheint das Nichts, an dem jede Freiheit erlischt, weil die Bedingungen unserer Freiheit, ich betone es nochmals, eben unsere Existenz ist. So ist es mit dem Sterben. Es öffnet jene Grenze, die uns vom Sein ins Nichts schleudert. Insofern bleibt unser Sein durch das Nichts metaphysisch grundiert, und hier hätten wir tatsächlich eine "Geheimnisströmung der Welt“!'
"Warum in dieser Welt leben, warum gar sterben?" Diese Frage Russels kann selbst der Nihilismus nicht beantworten. Auch nicht der zum Selbstmord bereite Hamlet, der über den Bezirk, von dem kein "Wanderer wiederkehrt", vergebens nachgrübelt. Also, das Nichts, und immer auf unsere absolut gesetzte Individualität bezogen, ist 1.) eine der Bedingungen unserer Existenz und 2.) ein unauflösbares Rätsel, da es uns 3.) im Zustand des Todes daran hindert, eben dieses Rätsel, auf welche Weise auch immer, zu hinterfragen. Nur das Sein selbst kann das Sein hinterfragen. Über das Nichts wird das Sein umsonst nachgrübeln. Und doch ist das Nichts, da wir sterben müssen, eine, wie Heidegger sagen würde, Existentialprämisse unseres Daseins. Wir sind wesentlich Sein zum Tode.
Heidegger nimmt die alte Frage von Leibniz wieder auf und meint, dies sei überhaupt das letzte Geheimnis, das es in der Philosophie zu hinterfragen gilt, nämlich: "Warum ist ist überhaupt Sein und nicht vielmehr Nichts?" Ich halte diese Frage für beantwortet. Es gibt das Sein und das Nichts. Der Rest ist eine Sache der Erfahrbarkeit, und hier ist die Sache leider so, daß das Nichts, da es die Abwesenheit des Seins impliziert, auf immer und ewig unerfahrbar bleiben muß.
Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange.
Lieber Herr Lange,
immer mehr habe ich das Gefühl, dass wir in ein wirkliches Gespräch hineinkommen. Zu Beginn habe ich manche Ihrer Äußerungen teilweise missverstanden - die Korrekturarbeit, die ich nun, durch Ihre Antworten geleitet, unternehme, lässt mich auch, was Sie in "Irrtum als Erkenntnis" ausführen, präziser wahrnehmen.
Es ist rätselhaft - für uns, immer für uns -, wie sehr das undenkbare Nichts im Zentrum unserer Existenz steht. Es spielt in der Physik, etwa bei den "schwarzen Löchern", wie Sie schreiben, eine Rolle, und ist mithin keineswegs nur ein philosophischer Begriff, sondern eine naturwissenschaftliche Realität. Ebenso ist es der beunruhigendste Hintergrund des menschlichen Lebens. Mit anderen Worten: die "Aufhebung unserer Seinsbedingungen" gehört zu ihnen selbst. Nicht erst seit Hegel wissen wir, dass die Negation, "Nichtung", das Nichts eben, ein unverzichtbares Ingredienz des Denkens ist. Pointierter formuliert: das, was sich unserem Zugriff schlechthin entzieht, 'durchwaltet' unser Dasein und bestimmt dessen Bewegungen mit. Im "Schwarzen" taucht es unter dem Namen des "Kalten" und "Fremden" auf.
Gemeinsam mit der absolut kontingenten Präsenz des Individuums - ich habe in meiner Rezension von "Leptis Magna" den entsprechenden Satz aus "Irrtum als Erkenntnis" zitiert - macht also, Ihnen zufolge, die Anwesenheit des Nichts in unserer Welt tatsächlich so etwas wie eine "Geheimnisströmung" aus. Die "Demut" bestünde dann also darin, das Unbegreifliche als solches anzuerkennen?
Nun helfen Sie mir bitte auf die Sprünge: inwiefern gründet die Ethik auf dem metaphysischen Bedürfnis? Ich habe immer noch nicht wirklich begriffen, wie Sie das meinen.
Offengestanden habe ich mit der Leibnitz-Heideggerschen Frage, "warum ist überhaupt Sein und nicht vielmehr Nichts", bisher nicht viel anfangen können. Wohl aber nun mit Ihrer Antwort auf sie, die mir unmittelbar einleuchtet. Das Sein und das Nichts sind koexistent, und vielleicht hat keines von beiden einen Vorrang vor dem anderen.
Eine der Grundfragen, die ich im "Schwarzen" untersuche, lautet, auf welche Weise sich die Präsenz des Nichts in unserer nachmodernen Existenz verschiebt. Es selbst mag immer das uns schlechthin Äußere bleiben, aber die Rolle, die es für uns spielt, die Erscheinungsweise des "Würgeengels", verändert sich nichtsdestoweniger. Wenn ich besser verstanden habe, was Sie unter Ethik verstehen, werden wir genauer erörtern können, welche neuen Formen sie in der Nachmoderne annimmt.
Herzliche Grüße, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen, merkwürdig, daß Sie mir eine Frage stellen, die Sie in Ihrer Rezension [ Hartmut Lange: Leptis Magna. Zwei Novellen ] längst beantwortet haben. Ganz offenbar haben Sie mit meiner Position Schwierigkeiten, die sich in dem immer wieder nachhakenden Unbehagen äußert. Ich will Ihnen also nochmals antworten: "Die Ethik ist transzendental", schreibt Wittgenstein und meint damit ganz offensichtlich, daß das Apriori der sittlichen Vernunft in der zivilisatorischen Praxis nicht sicher aufbewahrt werden kann. Dort zeigt sie sich fast immer nur als Aposteriori. Es ist in der Regel so, das z.B. Kriegsverbrechen zunächst kollektiv begangen und hinterher kollektiv bereut werden. Daß dies möglich ist, liegt eben daran, daß die Ethik nur transzendental, als Idee, was heißen soll, unabhängig von jeder zivilisatorischen Praxis, überdauern kann. Der Nazi, der im Nürnberger Gefängnis plötzlich bereut, hat die sittliche Vernunft nicht erfunden, er findet sie im metaphysischen Raum des wiederentdeckten Apriori vor. Oberhaupt muß man sagen, daß die Ethik ihre ewige Jungfernschaft und ihre Unzerstörbarkeit nur im metaphysischen Bedürfnis bewahren kann. Erst wenn ich weiß, daß die konkrete, z.B. soziologisch begründete Ethik jederzeit zur Ideologie verkommen kann, erst dann bewahre ich mir die Erinnerung an den kategorischen Imperativ - und zwar außerhalb der Realität. Ich kenne die marxistische Ethik zur Genüge und habe daran geglaubt. Die Ideologieabhängigkeit eben dieser Ethik konnte ich nur entdecken, indem ich auf transzendente Weise alle sozialrevolutionär bedingten Irrtümer überstieg. Und eben dies, ich betone es nochmals, nenne ich ein metaphysisches Bedürfnis, indem die Ethik sich wieder als Idee zeigen und zivilisatorisch erneuern kann. Näheres finden Sie dazu in meinem "Irrtum als Erkenntnis."
Haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre Rezension, die, wie ich finde, leider etwas kopflastig ausgefallen ist. Kunst ist einfache Anschauung, und es ist immer schwer, ja fast unmöglich, eben diese einfache Anschauung mit dem Instrumentarium der Abstraktion wiederzugeben. Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
die in der Rezension gegebene Antwort war ein Versuch. Ich musste einfach genauer nachfragen, weil die Sache wichtig ist. Ein Unbehagen, wie Sie vermuten, habe ich mit Ihrer Position keineswegs - ich verstehe nur manches noch nicht, auf das ich jedoch sehr neugierig bin. Was soll ich also machen? Wenn Ihnen mein Beharren zu sehr als Auf-der-Stelle-Treten erscheint, sagen Sie es ruhig, dann gehen wir weiter zu anderen Themen. Wenn ich aber nachhaken darf, würde ich es gerne tun, und zwar gerade, was den Zusammenhang von Ethik und metaphysischem Bedürfnis angeht. Was zum Beispiel meinen Sie mit der "Jungfernschaft" und "Unzerstörbarkeit" der Ethik? Wie verhält sich diese "Idee" zur Kontingenz allen Daseins? Kann es eine Idee unabhängig von aller zivilisatorischen Praxis geben? Überdauert da nicht ein Anspruch an "Reinheit" gegenüber der Korrumpierbarkeit des Empirischen? Meinen Sie, dass dieser Anspruch an oder das Bedürfnis nach Reinheit, obwohl uneinlösbar, in uns verankert ist? Aber das wäre doch von höchster Bedeutung: dass sich nämlich, wie man früher sagte, Endliches und Unendliches, oder wie man heute formuliert, Kontingentes und "Letztbegründetes" in uns gegenüberstehen und sich gegenseitig in die Schwebe bringen. Die Erinnerung an den kategorischen Imperativ ermöglichte so, in der Umkehrung, auch erst den Begriff von Kontingenz. In "Irrtum und Erkenntnis" geben Sie Hinweise, die aber durchaus der Erläuterung bedürfen. Wie kommt es, dass ein absolutes Individuum in sich ein unausrottbares Bedürfnis nach einer der Kontingenz entzogenen Idee findet? Ich wiederhole: erst vor dem Hintergrund einer solchen Idee vermögen wir die Vergänglichkeit zu denken, die heute scheinbar das Selbstverständlichste von der Welt ist. Mithin: das, was wir im Grunde nicht denken können, Nichts und intelligible Idee, ist das Apriori unserer heutigen Welterfahrung.
Zur Rezension - wahrscheinlich haben Sie recht und sie ist zu kopflastig. Ich akzeptiere diese Kritik. Es gelingt mir keineswegs immer, Abstraktion und Anschauung in eine Balance zu bringen, die für mich selber eine Idee, etwas schwer Erreichbares ist.
Herzliche Grüße, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
die meisten Ihrer Fragen verstehen sich von selbst. 1.) Die Unzerstörbarkeit der Ethik ist nur durch Ihre Unabhängigkeit von aller zivilisatorischen Praxis gewährleistet. Die Praxis würde sie sofort vereinnahmen. Der Satz "Du sollst nicht töten" ist nur als Apriori vor aller Praxis unangreifbar. Danach kann er als Mittel zum Zweck verfälscht werden. Selbst das allerbeste, allergerechteste Strafgesetzbuch ist nur als praxisunabhängige Idee wirksam, sonst würde es jeden Tag neu umgeschrieben und irgendeiner verbrecherischen Praxis angepaßt werden. Überhaupt geschieht der Widerruf verbrecherischer Praxis immer nur als Rückgriff auf die in der Transzendenz überwinternde Ethik. 2.) "Die Kontingenz allen Daseins" hat mit der Ethik kaum etwas zu tun, außer daß in der Welt des Zufalls ethisches Verhalten umso nötiger erscheint. 3.) Natürlich muß die Ethik ihre Reinheit behalten. Könnte sie dies nicht, könnte sie die Praxis nicht mehr korrigieren. Außerdem ist der Anspruch der Reinheit gegenüber der Korrumpierbarkeit der Praxis doch selbst schon eine Forderung der ethischen Vernunft! Und 4.) selbstverständlich ist der Anspruch auf die Reinheit der Ethik, "obwohl uneinlösbar", in uns verankert. Wo denn sonst? Und nun machen Sie einen Sprung ins Nebulöse: Die Ethik enthält nichts "Letztbegründetes“. Sie ist keine deterministische Kategorie. Alles "Letztbegründete" käme auch ohne Ethik aus. Sie ist eine Anleitung zum humanen Verhalten, das der "Kontingenz des Daseins" ein transzendentes, früher sagte man ein göttliches Licht aufsetzt. Insofern kann man auch nicht, wie Sie es tun, aus dem Begriff der Ethik ein Verständnis für den Begriff der Kontingenz ableiten. Das ist eine durch nichts begründete Verallgemeinerung, die alles unklar macht. So wird ihr letzter Satz, den ich interessant finde, der aber mit dem Problem der Ethik gar nichts mehr zu tun hat, durch das "Mithin" auf eine schiefe Ebene gestellt.
Philosophieren heißt für mich in erster Linie, um einen klaren Gedanken ringen. Sie haben da, wenn ich mich so freimütig äußern darf, und ich tue das aus Sympathie, eine Neigung zum chaotischen sprunghaften Assoziieren. Das führt sicher oft zu neuen Ufern, aber auch die müssen durch striktes, logisches, nachvollziehbares Denken abgesichert werden. Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
wie kann ein absolut kontingentes Individuum reine - intelligible - Ideen haben? Wir haben meiner Überzeugung nach nicht auf der einen Seite undenkbare Vorstellungen, wie das Nichts, auf der anderen denkbare, wie "Tisch" oder auch "Leben", sondern das Undenkbare und das Denkbare kontrastieren einander und bedingen sich in unserem Gehirn wechselseitig. Das "mithin" meines letzten Satzes ist also kein Sprung: Nichts und intelligible Idee sind beide Voraussetzungen, die den Begriff der Kontingenz schattieren. Ich glaube, dass jeder scheinbar noch so klare Begriff eine dunkle Zone in sich hat, durch die er mit dem Undenkbaren kommuniziert. Ohne diese Kommunikation wären unsere begrifflichen Operationen rein mechanisch.
Dasselbe gilt aber doch auch für unsere Erfahrungen. Wir stoßen nicht an ihrer äußeren Peripherie (wo sollte das sein?) an etwas sie Transzendierendes, sondern mitten in ihnen. Tod, Vergänglichkeit, oder gesteigertes Leben liegen in ihrem Kern auf dem Sprung und warten darauf, freigesetzt zu werden.
Deswegen - auch wegen der immer gegebenen Verbindung von Reinheit und "Unreinheit" - erscheint mir die Vorstellung einer Reinheit der Ethik sehr erklärungsbedürftig. Wie kommen wir zu ihr? Und ist sie bloßes Bedürfnis, oder hat sie, mit Kant zu reden, eine regulative Kraft? Denn das Gebot: "du sollst nicht töten" ist, wiederum nach Kant, in unserer Vernunftstruktur verankert und eine Folge des kategorischen Imperativs, niemanden zum bloßen Mittel unserer Zwecke zu machen. Nun sprechen Sie selber vom Apriori dieses Gebots, deswegen ist die Frage, wie ein bloß kontingentes Wesen - das also gerade keine apriorischen Vernunftstrukturen einfach "hat"! - zu solchen reinen Ideen kommt, keineswegs überflüssig. Ich vermute, dass Sie die Unzerstörbarkeit der Ethik doch aus dem Transzendenzbedürfnis ableiten. Weil wir aber gerade nicht mehr von einer in sich stimmigen Vernunft (die übrigens auch für Kant so stimmig nicht wahr) ausgehen können, bekommen Ethik und Transzendenzbedürfnis durchaus etwas Schwankendes: auch sie nehmen teil an dem dunklen Grund der Existenz.
Aber das wissen Sie genauso wie ich, denn dieses Bedürfnis stößt doch, wie Sie sagen, immer nur auf Täuschungen. Ich hoffe, nun das Problem genauer umrissen zu haben. Wie kommt ein bloßes Bedürfnis, wenn es sich als solches versteht, zu apriorischen Aussagen?
Die Gefahr eines Zirkels, die hier entsteht, lässt sich wahrscheinlich nur vermeiden, wenn man Bedürfnis und Uneinlösbarkeit zusammendenkt. Das versuche ich auch, auf meine Weise, im "Schwarzen" und schlage deswegen vor, dass wir hierüber weiter diskutieren. Hier stellt sich eine Schlüsselfrage, die wir noch genauer betrachten müssen.
Herzliche Grüße, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
ich habe wirklich Mühe, Sie zu verstehen. Warum sollten "absolut kontingente Individuen" keine reinen Ideen haben? Wer sollte sie sonst haben. Und wie definieren Sie das "bloß kontingente Wesen"? Alle Individuen sind absolut zufällig entstanden. Es gibt offenbar keine anderen, also warum diese Einschränkung? Wir können auch nur von Individuen reden, weil die Entdeckung ihrer Kontingenz am Abstraktionsvermögen eben dieser Individuen gar nichts geändert hat. Und wie kommen Sie darauf, daß das Nichts zu den undenkbaren Vorstellungen gehört? Das Nichts ist sowohl vorstellbar als auch denkbar. Und wieso glauben Sie, ich würde die Transzendenz als äußere Grenze des Erfahrbaren definieren? Transzendieren heißt doch, das Erfahrbare im Gedanken oder vermittels einer Vorstellung zu übersteigen. Ich bin auch der Meinung, daß jeder Begriff eine dunkle Zone hat, aber wir müssen uns erst einmal über die Begriffe einig werden. Und was die Ethik betrifft: Ich habe ausdrücklich gesagt, daß sie, weil sie im Apriori der reinen Idee verharren kann, eine regulative Kraft besitzt.
Daß Kant den kategorischen Imperativ zum Apriori der Vernunft rechnet, dies hielt ich immer für ein Märchen. Das Bedürfnis nach ethischem Verhalten ist eine Entwicklung in der Evolutionsschiene des Menschen, die nicht unumgänglich war und über die Benn zu recht rätselt, wann sie entstanden sein könnte. Und nun zu Ihrer Kernfrage: "Wie kommt ein bloßes Bedürfnis, wenn es sich als solches versteht, zu apriorischen Aussagen?" Ja einfach so.
Jedes menschliche Bedürfnis kommt, wenn ihm danach ist und da der Mensch seine Existenz gedanklich übersteigen kam, zu irgendwelchen Aussagen. Ich kann hier keine Schlüsselfrage entdecken, über die man nachgrübeln sollte.
Seien Sie herzlich gegrüßt, Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
lassen wir einige Detailfragen beiseite. Was ich besonders wichtig finde: jedes reine Bedürfnis, jede reine Idee trägt per definitionem etwas Transzendierendes und gleichermaßen und eben hierin etwas Gefährliches in sich. Da es zweifellos eine Geschichte der Ideen gibt - keine nur äußere, sondern eine innere -, kann man beobachten, wie in ihr Erfahrungen und Veränderungen aufgespeichert werden, bzw. stattfinden. Die größte Veränderung hat sich im letzten Jahrhundert mit dem Niedergang der totalitären Staaten ereignet. Seither ist gerade den auf Absolutheit zielenden Ideen gleichsam eine innere Hemmung beigegeben, die verhindert, dass sie sich wie früher ein "totales" Objekt schaffen - einen Gott, einen deifizierten Menschen, eine gesellschaftliche Struktur. Wir wissen nun, wie mörderisch ein solches nach Totalität strebendes Bedürfnis werden kann. Mir scheint übrigens, die Menschen in Ihren Novellen wissen es auch, weil sie mit ihrem Transzendenzbegehren gar nicht mehr in einen scheinbar objektiven Bereich gelangen wollen (jedenfalls einige von ihnen), sondern sich gerade im Unbestimmten aufhalten möchten.
Worum sonst handelt es sich hier, wenn nicht um jene Hemmung gegenüber dem eigenen Anspruch? Er ist eben nicht nur uneinlösbar, sondern auch tendenziell dogmatisch. Handelt aber das Transzendenzbedürfnis seinem eigenen Anspruch entgegen, so entsteht ihm überhaupt erst eine Zone des Unwägbaren oder der "Ruhe im freien Fall". Bei allen Verständnisschwierigkeiten zwischen uns scheint mir hier eine wichtige Übereinstimmung gegeben.
Wir dürfen heute, obwohl jede Form der Transzendenz immer mehr in der Immanenz zu verschwinden scheint, nicht vergessen, dass dieser Zustand sich in erster Hinsicht dem katastrophalen selbstverschuldeten Untergang der tradierten Ideen und Ideale verdankt. Sie haben im Nationalsozialismus und Stalinismus, aber auch schon vorher, ihr unablegbares totalitäres Potenzial offenbart. Es macht also keinen Sinn, sie sich zurückzuwünschen. Sie wissen jedoch inzwischen auch, dass ich sie nicht einfach auf den "Misthaufen der Geschichte" werfen möchte. Ganz im Gegenteil. Vielleicht kann ich meine Position so erläutern: wir brauchen in unserem Leben Ideen und Ideale, und wir müssen unserer Verführbarkeit durch sie entgegenarbeiten. In einem solchen anderen Umgang mit ihnen könnte eine Metaphysik der Nachmoderne entstehen. Wenn Sie mögen, reden wir darüber ein wenig.
Herzliche Grüße, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
selbstverständlich muß man damit rechnen, daß das Transzendieren zur reinen Idee ins Böse ausartet. Aber dies soll die Ethik gerade verhindern, und ihr historisches Scheitern ist nicht am Totalitarismus Stalins oder Hitlers schuld. Hitler folgte keiner ethischen, sondern einer verbrecherischen Idee. Ich halte das demokratische Zeitalter, in dem wir leben und das den Totalitarismus des 2o. Jahrhunderts niedergerungen hat, für ein legitimes Ziehkind der zur Transzendenz erhobenen Ethik des 18. und 19. Jahrhunderts. Im übrigen ist und bleibt dem Menschen das Transzendieren ein Bedürfnis wie Essen, Schlafen, Trinken usw., und ich glaube auch nicht, daß heutzutage "jede Form der Transzendenz immermehr in der Immanenz zu verschwinden scheint." Von der Immanenz allein kann niemand leben. Es ändern sich lediglich die Metaphern oder die Leute enden, da die herkömmlichen Metaphern nicht mehr greifen und neue noch nicht in Sicht sind, in der Unendlichkeit ihrer Irritation. So geht es mir selbst und den Figuren in meinen Novellen. Enwerfen Sie doch einmal in ein paar Sätzen die möglichen Umrisse einer neuen, nachmodernen Metaphysik. Ich wäre gern bereit, darauf einzugehen.
Herzliche Grüsse! Ihr Hartmut Lange
Lieber Herr Lange,
in Ihrem letzten Fax sind für mich keine strittigen Punkte; ich hatte es zum einen kritisch gemeint, dass heute viele Menschen in ihren immanenten Lebenssituationen aufgehen, zum anderen scheint mir aber, dass die heutigen Transzendenz-Erfahrungen - und darüber haben wir gesprochen - keine Jenseits-Vorstellungen alten Stils mehr nötig haben. Damit komme ich zu Ihrer Frage, die zu beantworten für mich natürlich nicht gerade einfach ist. Ich versuche einige Punkte zu skizzieren.
Eine Zeit lang, in der Anfangsphase meiner Kritik des mittelpunktsorientierten Geistes, glaubte ich, die numinosen Erfahrungen würden durch rein immanente ersetzt werden. Inzwischen bin ich anderer Ansicht. Es wird auch in der Nachmoderne Geist-Strukturen geben, scheint mir, die sozusagen als Folie unseren Handlungen, dem Denken und Fühlen, zugrundeliegen. Zwischen dem, was Sie mit "Transzendenz" meinen, ich mit "Geist", sehe ich keine gravierenden Unterschiede. Es gibt in jedem Menschen die Fähigkeit, die direkt wahrnehmbare Wirklichkeit zu transzendieren (schon deswegen, weil, mit Heidegger zu reden, diese Wirklichkeit ein spätes Kunstprodukt ist). Diese Fähigkeit ist in sich, was keineswegs auf der Hand liegt, wesentlich kommunikativ. Sie sieht, schafft mit, gliedert sich ein in, eine andere, höhere oder tiefere Realität, die zu spüren für uns unmittelbar sinnhaft ist. So geben die Menschen in Ihren Novellen ohne weiteres ihr normales Leben und dessen Absicherungen auf, um in Kontakt mit etwas zu gelangen, das für sie vielleicht "Corinna" heißt.
Nun hat sich aber gegenüber den früheren Zeiten und auch der Moderne die Bewegungsart der Transzendenzerfahrungen geändert. Sie können in der Regel nicht mehr direkt auf absolut gesetzte Objekte gehen, weil sie in sich einen Widerstand gegen solche Formen der Absolutsetzung haben. Deswegen tragen die alten Gottesbegriffe nicht mehr. Ich spreche bei den neuen, nicht mittelpunktorientierten Strukturen von "Gefügen", um so anzudeuten, dass die geistige Wirklichkeit, die sie aufbauen, in sich plural ist. Ihr wesentliches Bewegungsgesetz beruht darauf, Vielfalt zu konstituieren und zuzulassen. Es versteht sich, dass eine Ethik, die auf solchen nachmodernen Grundsätzen fußt, kein absolutes Prinzip, wie etwa den Kantischen kategorischen Imperativ, mehr benötigt, sondern sich eher gegen es sperrt.
Nachmoderne Literaturen und Philosophien können also in der Darstellung oder Analyse heutiger Transzendenzerfahrungen einen metaphysischen Bezirk selber schaffen, der gerade deswegen real ist, weil er seine eigene Gültigkeit als immanente und fragwürdige begreift. Eine wesentliche Spielart eines solchen Vorgehens ist mit Ihrem Begriff der "Irritation" bezeichnet. Ich sehe auch die Möglichkeit, geistige Realitäten bildhaft so darzustellen, dass sie scheinbar - aber nur scheinbar! - den Bereich des direkt Wahrnehmbaren verlassen. Um nicht um den heißen Brei herumzureden: ich habe bereits im "Schwarzen" versucht, eine solche in sich transzendente Wirklichkeit wiederzugeben, wusste seither, dass ich diesen Weg weiterverfolgen muss und habe nun eine erste Erzählung geschrieben, die ich um zwei weitere ergänzen möchte, in denen allen eine unterirdische Kommunikation, auch miteinander, stattfindet, die dann an manchen Stellen aufbricht und nach außen tritt. Wenn es denn gelänge, sollte so keine philosophische, aber eine metaphysische Literatur entstehen, die nachmoderne Sinnstrukturen selber enthält.
Herzliche Grüße, Ihr Max Lorenzen
Lieber Herr Lorenzen,
[...] Ihre Gedanken, die nachmoderne Metaphysik betreffend, finde ich interessant, habe auch keine Einwände. Letztlich sagen Sie, daß es die Kunst sein wird. Oder eben alle Grenzüberschreitungen, die Phantasie betreffend, aber in den Grenzen unserer immanenten Gebundenheit - Irritation scheint hierfür tatsächlich eine brauchbare Formel zu sein. Auch Ihr Hinweis auf die Pluralität scheint mir plausibel. […]
Seien Sie herzlich gegrüßt! Ihr Hartmut Lange