Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 4


 

Kunst in Marburg 2004. Ausstellung vom 18. Juni bis 5. August 2004 in der Kunsthalle

Der Einladung des Marburger Kunstvereins zur Teilnahme an einer gemeinsamen Ausstellung folgten, wie Gerhard Pätzold im Vorwort des Kataloges informiert, 86 Künstlerinnen und Künstler, die insgesamt 310 Arbeiten einreichten. Die Jury wählte hiervon 44 Künstlerinnen und Künstler mit 153 Werken aus. Natürlich kennt man manche Namen, wie etwa Louisa Biland, Doris Conrads, Helga Krawielitzki-Hajos, Dieter Liedtke, Burgi Scheiblechner oder Horst Vaupel. Daneben jedoch gibt es bislang nicht Gesehenes zu entdecken - und man ist überrascht über die Bandbreite der gezeigten Bilder und Objekte. Sicherlich befindet sich der gesamte Kulturbereich, schon wegen der neuen Medien und der veränderten Seh- und Hörgewohnheiten, die sie produzieren, in einer prekären Phase, aber eins ist gewiss: an Künstlern fehlt es im Kreis Marburg-Biedenkopf nicht.

Katharina Voigt, 1988 geboren, ist Schülerin der Marburger Waldorfschule. Ihre Aquarell-Foto-Collage zeigt eine nur im ersten Moment verwirrende Abfolge von "Augenblicken"; tatsächlich aber wiederholt sich das montierte Muster fünfmal (in der Senkrechten), wodurch in das scheinbare Chaos etwas gegenstrebiges Monotones und gleichsam Unbelebtes kommt.

Ebenfalls im ersten Stock hängen zwei Arbeiten von Elisabeth Schwellnus, die durch ihre herrlichen Rot - Töne auffallen. Die Titel: "Bande" und "Richtung" wecken abstrakte Bewegungsassoziationen.

Bernd Eiflers ebenfalls dreiteiliges "Wo stehst du" kommt ohne Fragezeichen im Titel aus. Es scheint unmöglich, dass der dunklen Figur im gelb-roten Raum eine wirkliche Orientierung gelingt. Trotzdem gibt sie offenbar das hoffnungslose Unterfangen nicht auf.

Das "Wolkenmeer" von Doris Conrads muss man im Original sehen: diesmal gibt es keine in die Wolken gesetzten Tiepolo-Gestalten, die dem Auge noch Halt böten, sondern nur eine atmosphärische Unendlichkeit, die etwas seltsam Anziehendes und Bedrohliches zugleich hat.

Volker Schneider hat Pädagogik, Sonderpädagogik und Philosophie studiert. Seine "Menschengruppe" von 1997 (Bleistift und Buntstift) ist ein großartiges - und schreckliches Bild. Die "Gruppe" besteht aus Einzelnen, die sich nichts angehen und doch in einer beunruhigenden Gemeinschaft existieren.

Der "Lichtertanz" von Ursula Eske zeigt in vier fotografischen Variationen beinahe körperlose Bewegungen, die in einem dickflüssigen Medium stattzufinden scheinen.

Das größte Objekt der Ausstellung zeigt Gerhardt Oberlik. Seine "Hundert Hände" porträtieren fünfzig Menschen, die eben das vorweisen, was nach dem Gesicht wohl den ungeschütztesten Einblick in die "Seele" eines Individuums ermöglicht. Das Material, Bromsilbergelatine, verleiht der Haut einen eigentümlich metallischen Glanz, der sie zugleich "nackter" und wie mit einer Schicht überzogen erscheinen lässt.

Begnügen wir uns hier mit diesem ein wenig willkürlichen Ausschnitt, der keineswegs alles Beachtenswerte in der Ausstellung anführt. Natürlich gibt es auch weniger Geglücktes, zu harmlos Anmutendes, aber das erinnert uns daran, dass man nicht mit einem unangemessenen Maßstab arbeiten sollte. Was der Kunstverein uns in diesem Jahr von Thomas Lange oder Dieter Krieg gezeigt hat, ist Malerei in anderen Dimensionen - aber was die Marburger machen, ist doch auch nicht schlecht.

Max Lorenzen

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