Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 4


 

Bettina Kümmerling-Meibauer: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Ein internationales Lexikon, Sonderausgabe, 3 Bände, J.B. Metzler Verlag 2004, XXXVI, 1236 Seiten m. 25 Abb., ISBN 3-476-02021-5, 49,95 €

Dieses Standard-Werk zur internationalen Kinder- und Jugendliteratur, zuerst 1999 erschienen, liegt jetzt in einer preiswerten, broschierten Ausgabe vor. Die Autorin hat sich Großes vorgenommen: Ursprünglich als Ratgeber für Eltern gedacht, hat sich das Lexikon unter der Hand zu einem wissenschaftlichen Nachschlagewerk gemausert, das sich aber dennoch weiter "an einen Benutzerkreis wendet, der sich aus privaten oder beruflichen Gründen für Kinderliteratur interessiert (Eltern, Kinderbuchsammler, Pädagogen, Bibliothekare, Buchhändler, Verleger, Antiquare, Übersetzer)." (S. V)

Mit ihrem Lexikon hat die Autorin Neuland betreten; etwas vergleichbares gibt es bisher nicht. Kinderliteratur hat keine Lobby, das zeigt sich auch am Fehlen jeglicher institutioneller Unterstützung während der neunjährigen Arbeit an diesem Werk. Wie Kümmerling-Meibauer angibt, hat sie die umfangreiche Lexikon-Arbeit (über 500 Werkartikel) ohne Hilfe von Mitarbeitern bewerkstelligt - eine Arbeitsleistung, die allein Respekt erheischt (wenn ihr auch 1999 die FAZ vorgeworfen hat, z.T. Besprechungen von anderen Autoren abgeschrieben zu haben).

Sie stellt 534 Bücher aus 65 Ländern vor, die vor 1700 und bis in die 90er Jahre erschienen sind. Vorwiegend handelt es sich um Romane und Erzählungen, aber auch Märchen, Fabeln und zur Kinderliteratur mutierte Erwachsenenliteratur werden berücksichtigt. Nur etwa zwei Drittel der fremdsprachigen Werke sind ins Deutsche übersetzt; hier leistet die Verfasserin mit der Erschließung fremder Kinder-Literaturen Pionierarbeit.

In ihrer Einleitung weist die Autorin gleich auf ein großes Problem der Kinder- und Jungendliteratur hin: Es gibt kaum historisch-kritische Ausgaben; mit der Werktreue nimmt man es nicht so genau. Viele Kinder-Klassiker sind aus ideologischen Gründen bearbeitet oder "modernisiert", ohne dass dies jeweils vermerkt wird. Leider hilft das Lexikon an diesem wichtigen Punkt auch nicht weiter, worauf weiter unten noch einmal eingegangen wird.

Umfassend begründet die Autorin ihr Vorgehen. Sie betont, von einem pragmatischen Klassik-Begriff auszugehen. Bei der Bewertung als "Klassiker" stünden allerdings zwei Kriterien in einer gewissen Spannung zueinander: das diachrone Kriterium der Popularität und Langlebigkeit und das synchrone der Qualität und Vorbildfunktion. Am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Märchen "Nußknacker und Mausekönig", das in der Forschung als "kinderliterarisches Meisterwerk" bezeichnet wird und das großen Einfluss auf die internationale phantastische Literatur für Kinder ausgeübt hat (so die Autorin S. XI), wird dies deutlich: Es fehlt die Popularität, und es ist nur im eingeschränkten Sinn als Klassiker zu bezeichnen. Man muss allerdings fragen, was Eltern und Bibliothekare dann mit dem Hinweis auf dieses Werk anfangen können. (Umgekehrt verhält es sich mit von Rhodens "Der Trotzkopf", hier fehlt nach heutigen Kriterien die inhaltliche Qualität).

Anschließend definiert die Autorin umfassend, was sie unter einem "Kinderklassiker" versteht: "Als Kinderklassiker gelten diejenigen Werke, die in der Kinderliteratur eines Landes oder eines Sprachraums eine herausragende Rolle spielen bzw. gespielt haben und sich hinsichtlich ihrer literarisch-ästhetischen Qualität durch eine besondere Innovationsleistung und Repräsentativität für ihre Epoche auszeichnen" (S. XI). Weiterhin erläutert sie, was sie unter Innovativität, Repräsentativität, ästhetische Gestaltung der Sprache, Einfachheit, Darstellung der kindlichen Erlebniswelt, Phantasie und Polyvalenz als wesentliche Kriterien der literarischen Qualität eines Kinderklassikers versteht, und verlangt, dass jeder Klassiker wenigstens drei dieser Kriterien erfüllt. Als deutsche Beispiel für ein Werk, das alle Kriterien eines "Klassikers" umfasst, führt sie von Otfried Preußler "Krabat" an.

Da es nun aber keine Kriterien gibt, die für alle Literaturen der gesamten Welt gelten, muss auch der jeweilige historische bzw. nationale Kontext berücksichtigt werden. Ein weiteres Problem ist die Frage der internationalen Reichweite eines nationalen Klassikers. Hier zeigt sich, dass internationale Klassiker überwiegend aus dem englischen Sprachraum kommen; häufig schaffen es Klassiker aus anderen Sprachgebieten nicht, ihre nationalen Grenzen zu überschreiten. Das gilt ganz besonders für die Minderheitenliteratur. Aber auch derartige "begrenzte" Klassiker werden herangezogen, und hier liegt zweifellos ein gewichtiger Vorzug dieses Lexikons.

Deutlich wird so, dass die Verfasserin vor allem Anregungen für komparatistische Forschungen gibt: rezeptions-, motiv- und gattungsgeschichtliche Forschungen finden hier reichhaltiges Material, auf das zurückgegriffen werden kann, die Übersetzungsforschung erhält Anregungen, um Kürzungen, Streichungen von Tabu-Themen und Adaptionen an stilistische Normen nachzugehen.

Die Ausführungen im Einzelnen werden umfassend an Beispielen verdeutlicht; am Schluss runden Literaturhinweise diese Einführung ab. Die jeweiligen Artikel sind einheitlich aufgebaut: Nach Autorennamen geordnet wird der Autor kurz vorgestellt, das Werk in der jeweiligen Sprache benannt, (der deutsche Titel angeführt), Entstehung, Inhalt, Bedeutung und Rezeption des Werks beschrieben; es folgt ein aktueller bibliographischer Anhang: Ausgaben, Übersetzungen, Mediatisierungen, Sekundärliteratur.

Die sehr kurze Verfügbarkeit von Kinderliteratur im Buchhandel bringt es allerdings mit sich, dass diese Angaben eher einen wissenschaftlichen als praktischen Zweck erfüllen; ob ein besprochenes Werk im Buchhandel verfügbar ist, muss für jedes Buch einzeln erfragt werden. Viele Kinderbücher können aber über Antiquariate erworben werden.

Am Schluss ist ein umfangreiches Verzeichnis von Fachliteratur und ein Länderverzeichnis mit den jeweiligen Werken angefügt.

Um die Reichweite der Lexikon-Artikel wenigstens an der deutschen Literatur zu verdeutlichen, seien die besprochenen Werke kurz angeführt: Arnim/Brentano, Des Knaben Wunderhorn; Bechstein, Deutsches Märchenbuch; Brecht, Kinderlyrisches Werk; Brentano, Italienische Märchen; Bürger, Münchhausen; Busch, Max und Moritz; Campe, Robinson der Jüngere; Durian, Kai aus der Kiste, Ende, Jim Knopf; Die unendliche Geschichte; Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen; Hauff, Märchen-Almanach; Hoffmann, Nußknacker und Mausekönig; Heinrich Hoffmann, Lustige Geschichten ... [Struwelpeter]; Kästner, Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton, Das fliegende Klassenzimmer, Das doppelte Lottchen; Krüss, Timm Thaler; May, Winnetou; Pludra, Tambari; Preußler, Die kleine Hexe, Krabat; von Rhoden, Der Trotzkopf; Storm, Die Regentrude, Pole Poppenspäler; Strittmater, Tinko; Tetzner, Die Kinder aus No. 67.

Deutlich wird: Es handelt sich um eine Auswahl, die nicht jeder nachvollziehen kann.

Was dieses Lexikon nun im Einzelnen leistet bzw. nicht leistet, möchte ich an einem Beispiel aus der deutschen Kinderliteratur diskutieren: Emmy von Rhoden, Der Trotzkopf. Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen, 1885.

Dieses Buch hat zweifellos zahlreiche Leserinnen gefunden hat und ist auch heute in der Stadtbücherei Marburg mit zwei Exemplaren vertreten. Es ist also, was Popularität und Langlebigkeit betrifft, ein "Klassiker". Aus der Analyse Kümmerlings-Meibauers wird deutlich, wie von Rhoden pädagogische Appelle akzentuiert und wie durch das Einbeziehen der zeitgenössischen Jugendsprache eine unmittelbare Teilnahme erzeugt wird - eine literarische Novität zur damaligen Zeit. Auch ein Wandel des Frauenbildes wird konstatiert: die Heldin ist fröhlich, natürlich und kameradschaftlich, nicht mehr ausschließlich tugendhaft. Dennoch bleibt sie dem traditionellen Frauenbild verpflichtet, das als einziges Ziel des Lebens die Ehe kennt. Ihren Traummann findet Ilse, der "Trotzkopf", unmittelbar nach der Heimkehr aus dem Internat, und sie heiratet ihn, ohne viel von ihm zu wissen.

Sicher war dieses Buch stilbildend - man denke nur an Urys Nesthäkchen (das allerdings insofern fortschrittlicher war, als es studiert hat), aber auch die Internats-Szenerie mit der strengen Leiterin und der liebevollen Erzieherin findet sich noch in Havatnys "Mädchen in Uniform", die Streiche im Internat oder die Deutsch radebrechende Engländerin in "Hanni und Nanni". Kann man nun aber deshalb "Der Trotzkopf" als Lektüre jungen Mädchen empfehlen? Das scheint angesichts des vorgestrigen Frauenbides doch sehr fraglich.

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Da sich die Sprache in 120 Jahren gewandelt hat, werden die Ausgaben seit den 20er Jahren bearbeitet, ohne dass dies wenigstens im Impressum jedesmal vermerkt wird. So wird z. B. "Backfisch" durch "Trotzkopf" ersetzt, oder ganze Abschnitte, in denen allzu veraltetes Verhalten beschrieben wird, werden gestrichen. Wieweit also die heutige Ausgabe noch mit dem Original identisch ist, kann nur eine sorgfältige Prüfung ergeben. Dass aber die neueren Ausgaben bearbeitet sind, geht aus dem Literatur-Verzeichnis des Lexikons nicht hervor, ich habe es eher zufällig bei einer Recherche nach einer antiquarischen Ausgabe erfahren. Insofern ist das Verzeichnis der Ausgaben wenig brauchbar.

Gewichtiger ist mir aber ein anderer Einwand: Die Autorin erhebt den Anspruch (S. XVI), zur Diskussion um die Kanonbildung im Rahmen des Literaturunterrichts beizutragen. Dazu müsste sie aber m. E. auch auf die inhaltliche Qualität bzw. Aktualität eines Werkes eingehen. Ein Werk wie "Der Trotzkopf" hat jedenfalls in einem literarischen Kanon für Kinder und Jugendliche nichts zu suchen.

Mit diesem Einwand möchte ich die genuine Leistung des Lexikons nicht schmähen. Es ist hervorragend geeignet, sich über die gesamte Breite der internationalen Kinder- und Jugendliteratur zu informieren und Anregungen für weitere Forschungen zu gewinnen. Als Ratgeber für die pädagogische Praxis taugt es aber ohne weitere Bearbeitung nicht.

Regina Neumann

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