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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 5
Friedrich Seibold will mit dem Vorwurf eines Denkfehlers (insbesondere bei den Naturwissenschaften) ein neues Weltbild begründen, in dem Geist und Bewusstsein sich als die Substanz des Universums erweisen. In seinem letzten Beitrag (Jg. 5 (2004), Heft 4) hat er dazu den Buddhismus zustimmend ins Spiel gebracht und rührt damit an dem buddhistischen Wiedergeburtsproblem. Das macht die ganze Sache sehr anschaulich und ich meine auch interessant. Ich möchte daher nachfolgend in dem ersten Teil einer Erwiderung versuchen, die buddhistische Wiedergeburtsproblematik und den darin liegendenden Denkfehler anschaulich herauszuarbeiten und damit dann letztlich auch den Aberglauben zu definieren.
Mit Aberglauben meine ich bezüglich des buddhistischen Wiedergeburtsproblems insbesondere die Vorstellung, dass nach dem Tod eines Lebewesens ein Bewusstsein davon übrigbleibt und durch Zeit und Raum wandert, um sich eine neue Existenz zu suchen. Dabei ist es letztlich auch egal, ob es sich dabei nur um ein individuelles Bewusstsein handelt oder ob mit diesem ein Universal- oder Gesamt-Bewusstein gemeint ist, das als ein Sein in Zeit und Raum existiert und Materie und Körper beinhaltet. Auch die hinduistische und christliche Vorstellung einer Seele, die den Tod überdauert, wären hierin eingeschlossen und als Denkfehler anzusehen, weil auch diese Vorstellungen objektiv nicht mit der Erfahrung und den natürlichen Gesetzmäßigkeiten in Einklang zu bringen sind, obwohl sie als Vorstellungen eine große Bedeutung haben. (Ich unterscheide zwischen Bedeutung und Erfahrung, was Friedrich Seibold in seiner letzten Replik ausdrücklich nicht tut, was aber für die Beurteilung eines Denkfehlers wesentlich ist.)
Im zweiten Teil als der eigentlichen und direkten Antwort möchte ich dann noch einmal speziell und ganz konkret auf zwei Widersprüche von Seibolds Argumentation eingehen und dadurch den Denkfehler in seiner eigenen Argumentation aufdecken, der dann zu der fälschlichen Auffassung führt, als gründe die moderne Naturwissenschaft auf einem Denkfehler, und der auch zu dem meiner Meinung nach falschen Verständnis der buddhistischen Wiedergeburt führt.
Im dritten Teil schließlich möchte ich eine mögliche Alternative zu dem neuen Weltbild von Friedrich Seibold, das vom Ansatz her ja durchaus richtig ist, anbieten, und zwar aus einer widerspruchsfreien Zusammenschau von Buddhismus, Meister Eckhart, Kant und der modernen Naturwissenschaft. Dieses alternative Weltbild oder Paradigma wird dann auch in einen Bezug zur Praxis, d.h. zur heutigen modernen Welt gesetzt.
Friedrich Seibold schreibt in seiner zweiten Replik (Jg. 5 (2004), Heft 4):
„Mein neues Weltbild stimmt, aber ohne spekulativ zu sein, mit wesentlichen Inhalten dessen überein, was der Buddhismus Erleuchtung nennt: mit der Irrealität (Immaterialität) der so genannten Außenwelt, der Existenz eines Gesamt-Bewusstseins, der Identität (essentiellen Einheit) von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt und dem Fortbestehen von Bewusstsein (bei mir allerdings nicht als das ursprüngliche individuelle Bewusstsein) nach dem Tod eines Lebewesens.“ (Kursive Hervorhebung durch B.E.)
Was ist das buddhistische Wiedergeburtsproblem? Zunächst unterschied sich der Buddhismus dadurch von dem damaligen Brahmanismus, der sich zum heutigen Hinduismus entwickelt hat, dass er etwas Beharrendes im menschlichen Sein, also eine Seele, klar verneinte. Im Hinduismus ist die Wiedergeburtslehre einfach, eindeutig und klar: Der Mensch hat eine feste Seele, die den Tod überdauert und sich in einem neuen Lebewesen niederschlägt, so dass eben von einer Wiedergeburt gesprochen wird. Ein Hinduist kann also sagen, der und der war ich in dem vorherigen Leben und in dem nachfolgenden werde ich der und der sein. Es wird so über den Tod hinweg eine eindeutige und einzigartige Identität hergestellt, die dem Gläubigen die Gewissheit vermittelt, das bin „ich“ und mit dem Tod ist meine Identität und Personalität nicht erloschen.
Der heutige Buddhist bestreitet nun allgemein gemäß der Lehre des historischen Buddhas zwar eine Seele oder irgendetwas Beharrendes im Menschen, hält aber an dem Glauben einer Wiedergeburt über den Tod hinweg fest. So gibt etwa der Indologe und Religionswissenschaftler Hans-Wolfgang Schumann hat in seinem Buch "Der historische Buddha" zunächst die Lehre wieder, dass im Menschen nichts Beharrendes ist, sondern nur vergängliche Gruppen, wozu hier aber auch das Bewusstsein gehört:
Das »Sutta von den Kennzeichen des Nicht-Ich« geht davon aus, dass die empirische Persönlichkeit aus fünf – und nur fünf – »Gruppen« (khandha) von Konstituenten besteht, nämlich dem Körper, den (Sinnes-)Empfindungen, den Wahrnehmungen, den von diesen geweckten Geistesregungen (sankhara) und dem Bewusstsein. Da unter einem Ich, einem Selbst, einer Seele (atta, skt: atman) in Indien stets etwas den Tod Überdauerndes und Ewiges vorgestellt wird, keine der »Fünf Gruppen« aber Dauerhaftigkeit aufweist, wird gefolgert, dass keine von ihnen eine Seele darstellt. In den Fünf Gruppen, in denen sich die Persönlichkeit erschöpft, gibt es zwar ein »Seelenleben«, indes keine Seele im Sinne einer beharrenden Entität: Die Persönlichkeit ist Nicht-Ich (anatta), sie ist seelen-los. (Der historische Buddha, H.-W. Schumann, Köln 1988, S. 84)
Dann gibt Schumann die überlieferte Lehre von der buddhistischen Wiedergeburt wieder, und zwar ausschließlich der nachtodlichen Wiedergeburt und ohne diese Art der Wiedergeburt grundsätzlich in seinem fundierten Sachbuch in Frage zu stellen. Er sagt lediglich, dass vieles dafür spricht, dass die „Formel“ für die buddhistische Wiedergeburtslehre, der sogenannte Konditionalnexus, ein Werk früher Mönche war, die dann diese Formel „für eine so große Erkenntnis [hielten], dass sie sie bei der Zusammenstellung des Pali-Kanons dem Buddha in den Mund legten“ (Schumann, 1988, S. 166). In der Beschreibung der nachtodlichen Wiedergeburt, bei der plötzlich das vorher als den Tod nicht überdauernd definierte Bewusstsein eine große Rolle spielt, heißt es:
Das Bewusstsein des Verstorbenen wirkt im Schoß der zukünftigen Mutter als der das Leben zündende Funke: Es zündet die Voraussetzungen (Mutter und Zeugung) zur Flamme (dem Kind), aber der Funke ist in der Flamme, die er bedingte, nicht substantiell, sondern nur als conditio enthalten. Im Laufe seines Werdens entwickelt das Kind sein eigenes Bewusstsein, das mit dem Urheber-Bewusstsein nicht identisch ist. (Schumann, 1988, S. 165)
Man hat so nach Schumann „nicht zu denken: ‚Ich werde wiedergeboren’ (Schumann, 1988, S. 163). Doch das widerspricht einfach der Praxis und ergibt überhaupt keinen Sinn. Der Sinn der Wiedergeburtslehre auch im Buddhismus ist es, dass man durch gute Taten für höhere oder bessere Wiedergeburten sorgt, bis am Schluss die Erleuchtung steht. Als Ziel wird aber nicht ein unpersönliches Gesamt-Bewusstsein vorgegeben, an dem jeder „arbeitet“, bis es einmal vollendet ist, sondern dass die einzelnen und individuellen Menschen die Erleuchtung nach einer langen Kette von Wiedergeburten erlangen, der eine früher, der andere später (ansonsten, d.h. angesichts eines Gesamt-Bewusstseins als Ziel, wäre die individuelle Erleuchtung des historischen Buddhas recht wertlos). Dabei können die an die Wiedergeburt Glaubenden aber gar nicht anders als genau wie im Hinduismus zu denken: „Ich werde wiedergeboren“. (Bei einem Gesamt-Bewusstsein, auf das ja Schumanns Darstellung hinzuweisen scheint, wäre es dann auch denkbar, dass ein Bewusstsein mehrere oder gar alle Geburten (mit)zündet. Dadurch erst wäre die Identitätsfortführung wirklich aufgehoben, das wäre eine unpersönliche Wiedergeburt, bei der man gemäß der Forderung von Schumann nicht denken kann: „Ich werde wiedergeboren“.)
Im Gegensatz zur hinduistischen Wiedergeburt lässt sich die buddhistische nachtodliche Wiedergeburt nur sehr schwer vorstellen, sie ist äußerst kompliziert bzw. letztlich widersprüchlich, d.h. das, was da den Tod überdauert und ein neues Bewusstsein zündet, ist faktisch trotz aller Dementis nichts anderes als eine Seelenvorstellung und Identitätsfortschreibung.
Nur die Schule von Buddhadasa Bhikkhu in Thailand bezweifelt heute die buddhistische Wiedergeburt über den Tod hinweg. Buddhadasa spricht nur von einer „geistigen Wiedergeburt“, also einer Wiedergeburt der Ich-Vorstellung von Augenblick zu Augenblick, die uns darin in diesem Leben das Gefühl vermittelt, als wäre die Persönlichkeit etwas Substantielles und Wirkliches. Die Persönlichkeit ist in diesem Sinne einer geistigen Wiedergeburt jedoch nur eine Benennung oder Einordnung, so wie etwa in bestimmten Sternen ein Bild gesehen wird oder wie in einem Geldschein ein Wert gesehen wird, obwohl er objektiv nur Papier ist. Ziel dieses Verständnisses der geistigen Wiedergeburt ist es, zu vermitteln, dass die Benennung und Einordnung „Ich“ nichts weiter als eben eine Benennung ist, aber nicht dass diese Benennung Substanz erlangt, indem sie über den Tod hinaus fortgeführt wird und auch ohne Körper oder „Papier“ in Zeit und Raum als ein besonderes Sein existiert. Die Vorstellung der geistigen Wiedergeburt gilt nur für das Leben im Hier und Jetzt, d.h. sie endet mit dem Tod des Menschen, während die nachtodliche Wiedergeburt mit und nach dem Tod erst zu wirken beginnt (und dagegen im konkreten Leben nicht stattfindet, d.h. dass sie hier im Leben verhindert, die Ich-Vorstellung nur als Benennung und als Illusion zu erkennen).
Das buddhistische Wiedergeburtsproblem besteht also darin, dass bei der Wiedergeburt über den Tod hinweg etwas Unmögliches versucht wird, nämlich einerseits zu verleugnen, dass irgendetwas der Persönlichkeitsbestandteile den Tod überdauert, was der Buddha in Abgrenzung zum Brahmanismus bzw. Hinduismus klar und eindeutig gelehrt hat, andererseits aber weiterhin an eine nachtodliche Wiedergeburt, in der ja die Persönlichkeit und Identität weitergeführt wird, zu glauben.
Wie gesagt bestreitet nur die Schule von Buddhadasa diese nachtodliche Wiedergeburt, u.a. in den folgenden Zitaten:
Do you know why Buddhism disappeared from India? Different people say for this, that or the other reason: for example, because foreign enemies came in and oppressed the religion. I don´t think that is the case. I think that Buddhism disappeared from India because the followers of Buddhism began to interpret the principles of Buddhism incorrectly, explaining Paticcasamuppada [das abhängige Entstehen als Wiedergeburt], the heart of Buddhism, as a form of having a self. This is, I believe, the de facto reason for Buddhism´s disappearing from India. Buddhism became simply an appendage of Hinduism. (Paticcasamuppada, Pratical Dependent Origination, Buddhadasa Bhikku, übersetzt von Steve Schmidt, Vuddhidhamma Fund, Chaiya Suratthani (Thailand) 1992 (Bezugsquelle siehe http://www.suanmokkh.org/ unter =>Archives=> Publications), S. 67-68) [Hervorhebungen wie in allen folgenden Zitaten von Buddhadasa]
(9) Paticcasamuppada is a momentary and sudden (khanika-vassa) matter, not an eternal matter. Therefore, such words as jati, to be born, must refer to the birth in the moment of one revolution of Dependent Origination in the daily life of ordinary people, which is to say when mindfulness is absent and when there is sense contact as explained in point 1 above. It´s easy to know: when greed, anger, or delusion arise, then the self is born in one »life« already. If anyone still likes to talk in terms of »this life« and »the next life«, that´s all right, if »life« is understood in this momentary sense. Such language is in accord with reality and the principle of being in the present. (Buddhadasa 1992, S. 14)
Die Wiedergeburt über den Tod hinweg ist für Buddhadasa nur etwas für den Volks- und Seelenglauben:
The words becoming and birth must be understood in terms of the language of ultimate truth of those who understand the Dhamma [die buddhistische Lehre] and not the language of relative truth, the language of ordinary people. In the language of ordinary people, one must await death in order to be reborn – in order to have becoming and birth. According to the language of relative truth, we are born once of the body and then we die and go into the coffin before being reborn. But in the language of ultimate truth, one may be born many times in one day. Each time the »I« concept arises, it is called one set of becoming and birth. (Buddhadasa 1992, S. 60)
Was dabei den Unterschied zu dem Wiedergeburtsverständnis über den Tod hinweg ausmacht, lässt sich gut am Beispiel eines einfachen materiellen Gegenstandes zeigen, etwa dem einer Axt (im Buddhismus wird dazu, wie in einem der obigen Zitate, als Vergleich oft eine Flamme verwendet). Wenn ich mir etwa eine Axt gekauft habe, so hat diese genau wie ein lebendiges Wesen eine ganz bestimmte und einzigartige Identität für mich. Das gilt selbst für den Fall, falls ihre beiden Bestandteile, Blatt und Stiel, während meines Besitzes mehrfach, aber immer nacheinander, ausgetauscht werden würden. (Dasselbe geschieht beim Menschen durch den mehrmaligen Austausch der Körperzellen während seines Lebens. Dass ein Mensch Geist hat, ist bei der Identitätsfrage vernachlässigbar, denn, wie die Neurobiologie heute zeigt, „hat“ auch der Mensch überhaupt keinen Geist im Sinne einer Substanz. Die Hirnforscher finden keinen Geist, sondern nichts als gewöhnliche Nervenzellen.)
Dadurch, dass Blatt und Stiel immer nacheinander ausgetauscht wurden, blieb die Identität erhalten, obwohl die Materie der ursprünglichen Axt nicht mehr vorhanden ist. Es wird trotzdem gesagt, dass es noch dieselbe Axt ist. Diese Aussage entspricht darin dem geistigen Wiedergeburtsverständnis, in dem ein Mensch trotz großer Änderungen von der Geschlechtszelle über das Baby, den Jugendlichen und Erwachsenen bis zum Greis als ein und dieselbe Person und Identität erkannt wird, obwohl die meisten Körperzellen dabei mehrfach ausgetauscht wurden und sich auch der Charakter vollkommen geändert haben kann.
Wenn aber nun bei der Axt Stiel und Blatt einmal gleichzeitig verschlissen sind, so werde ich diese Axt wegwerfen, vielleicht verbrenne ich den Stiel und schmelze das Blatt ein. Wenn ich dann allerdings davon ausgehe, dass damit die Identität dieser bestimmten Axt, mit der ich vielleicht viele Erinnerungen verbinde, so dass sie für mich eine bestimmte Bedeutung hat, in irgendeiner ganz bestimmten neuen Axt fortbesteht und ich so von Geschäft zu Geschäft fahre, um die alte Axt in ihrer neuen Form wieder zu finden, so entspricht das dem Wiedergeburtsverständnis über den Tod hinweg. Dabei passiert vom Grundsatz her nichts anderes.
Eine Benennung wird dabei nicht als reine Benennung gesehen, die nur über eine bestimmte Zeit während des individuellen Lebens „linienhaft“ fortgeführt werden konnte (jedem Zeitpunkt entspricht nur ein bestimmter Ort, und wenn Zeit und Raum die Achsen eines Diagramms bilden, ergibt sich eine stetige Identitätslinie). Eine solche Identität ist für das Sein in der Welt sehr nützlich und im Grunde unabdingbar, ja, es begründet in eigentlicher Weise das Sein in der Welt, aber eben nur als eine Benennung oder Konstruktion Doch im Fall der nachtodlichen Wiedergeburt wird dieser Benennung eine Substanz unterstellt, die auf geheimnisvolle Weise dann an einem anderen Ort (praktisch mit einem Zeitsprung) wieder auftaucht. Wo und wie diese substantielle Benennung „dazwischen“ (in dem buddhistischen Zwischenreich) existierte, bleibt vollkommen im Dunkeln und entzieht sich den natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die naturwissenschaftlich erforscht und sinnhaft wahrgenommen werden können. Die nachtodliche Wiedergeburt hat so eine große Bedeutung für den so Glaubenden, aber sie kann nicht erfahren werden, zumindest nicht objektiv. In diesem Mangel liegt dann der Aberglaube begründet.
Die Frage ist nun gerade hinsichtlich des diskutierten Denkfehlers sehr interessant, was in beiden „Identitätsherstellungen“, einmal der in diesem Leben, im Hier und Jetzt, und einmal der über den Tod hinweg, eigentlich geschieht. In der ersteren benenne ich ein materiell-körperliches Phänomen, egal ob Lebewesen oder rein materielles Ding, wobei diese Identitätszuschreibung eine Bedeutung für mich hat (ich verbinde damit bestimmte Vorstellungen und Erinnerungen) und ich kann sie jederzeit erfahren, d.h. ich kann das materiell-körperliche Phänomen in Übereinstimmung mit der Benennung mit den Sinnen grundsätzlich jederzeit wahrnehmen. Selbst wenn ich es zwischenzeitlich aus den Augen verliere, so weiß ich doch, dass es zu jedem Zeitpunkt nur immer einen einzigen Ort der Existenz dieses Phänomens gibt, so dass ich, wenn ich es wiedererkenne, mit Sicherheit sagen kann, das ist das einzigartige materiell-körperliche Phänomen meiner früheren Identitätszuschreibung. Es kann nicht sein, dass sich ein solches Phänomen zwischenzeitlich aufspaltet, dass also ein Ding oder ein Mensch sich teilt und in zwei verschiedenen Identitäten weiterexistiert, so dass ich nicht sagen könnte, was denn nun der alte Mensch wäre, den ich gekannt habe. (Im Fall der Axt wäre es schon möglich, Stiel und Blatt zu trennen und mit jeweils neuen Bestandteilen wieder zu einer Axt komplettieren, so dass ich zwei Äxte hätte, aber die alte Identität könnte dabei nicht mehr fortgeführt werden.)
Doch was passiert nun in der Identitätsherstellung über den Tod hinweg? In diesem Wiedergeburtsglauben wird die Identität hergestellt, dadurch gedacht und ebenfalls mit bestimmten Bedeutungen und Erinnerungen verbunden. Es wird so also eine Identitätsverbindung zu einem Menschen gezogen, der vor einer Geburt eines anderen gestorben ist, dadurch wird gesagt, dass der Verstorbene wiedergeboren wird und in diesem Denken hat das automatisch eine bestimmte Bedeutung für den so Glaubenden. Allgemein ist Denken immer Bedeutungszuweisung, d.h. Denken ist Bedeutung. Aber kann diese Identitätsverbindung über den Tod hinweg auch erfahren werden (außer in der subjektiven Bedeutung des Denkens)?
Wenn ich im Leben ein bestimmtes Ding oder einen bestimmten Menschen zwischenzeitlich aus den Augen verloren habe und ich weise ihm eine frühere Identität wieder zu, indem ich sage: „Ja, das ist der und der“, so weiß ich wie gesagt, dass diese Identität in einer einzigartigen Weise überprüfbar sein muss. Ich kann ihn also ausfragen, wo er zu jedem Zeitpunkt gewesen ist, und kann das durch Nachforschungen überprüfen. Die (makroskopische) Welt ist so strukturiert, dass es zu jedem Zeitpunkt nur einen Ort seines Aufenthaltes geben kann, und wenn ich diese Orte lückenlos überprüft habe, kann ich mir sicher sein, jawohl, das ist der und der mit dieser einzigartigen, „linienhaften“ Identität. Es kann nicht sein, dass jemand oder ein Ding zu einer bestimmten Zeit nirgends aufzufinden ist (so dass es Lücken oder Sprünge in der Identitätslinie gibt) bzw. dass er oder es in einem rein geistigen Sein zu einem bestimmten Zeitpunkt an mehreren verschiedenen Orten gleichzeitig ist, und sich dann plötzlich wieder an nur einem Ort materialisiert. (Genau das passiert jedoch in der „verrückten“ Quantenwelt.)
In der makroskopischen Welt kann ich eine Identität bis zu einer früheren Erinnerung lückenlos und linienhaft verfolgen (ohne dass eine Identitätslinie mit einer anderen verschmilzt oder sich in zwei oder mehr aufteilt) und in dieser Verfolgung und Nachforschung auf der materiellen Ebene auch erfahren. Die Identitätsüberprüfung kann nur auf bzw. mit Hilfe der materiellen Ebene vorgenommen werden, was darin die Erfahrung ist. Erfahrung bedeutet immer Bezug zur materiell-körperlichen Ebene.
Gilt diese Erfahrung dann auch für die nachtodliche Wiedergeburt? Ich stelle ja auch dort die Identität über den Tod hinweg her, was mit einer Bedeutung verbunden ist. Nur ist diese Identitätsherstellung auch erfahrbar und überprüfbar? Eindeutig nein, denn von dem Todeszeitpunkt eines gestorbenen Menschen, zu dem ich die Identität hergestellt habe, bis zu dem Geburtszeitpunkt des nachfolgenden, darin angeblich identischen Menschen, kann die Identität in Zeit und Raum nicht verfolgt und nicht erfahren werden. Es ist eine reine Glaubenssache ohne Bezug zur materiell-körperlichen Ebene. (Nun zu sagen, dass es doch möglich ist, da es ja auch in der Quantenwelt möglich ist, ist nicht legitim, da die Quantenereignisse trotz ihrer „Verrücktheit“ in einer bestimmten gesetzmäßigen Weise ablaufen, die in einer mathematischen Wellengleichung erfasst und mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden können.)
In der makroskopischen Welt nicht erfahrbare und nicht mit den natürlichen Gesetzmäßigkeiten in Einklang zu bringende Bezüge und Identitäten herzustellen, sind Denkfehler bzw. das, was wir Aberglaube nennen. (Im Aberglauben sind objektiv keinerlei Gesetzmäßigkeiten herstellbar, sie werden zwar oft subjektiv behauptet, also dass etwa bestimmte Zeichen oder Vorgänge Unglück oder Glück bringen, sie sind aber nicht wie bei den Quantenprozessen objektiv vorhanden und mathematisch erfassbar und voraussagbar. Die übernatürlichen Bezüge und nicht-linienhaften Identitäten sowie deren angebliche Gesetzmäßigkeiten sind dabei in der makroskopischen Welt im Grunde vollkommen willkürlich hergestellt.)
Ich könnte etwa behaupten, dass ein Verkehrsunfall durch ein vom Baum fallendes Blatt verursacht worden ist. Diese Aussage ist ein Denken und hat eine bestimmte Bedeutung, doch stimmt sie auch mit der Erfahrung und den Geschehnissen auf der materiell-körperlichen Ebene überein? Das kommt darauf an. Wenn der Baum direkt neben der Straße steht und ich Hinweise daraufhin finde, dass der Fahrer durch das fallende Blatt in seiner Aufmerksamkeit abgelenkt wurde, so kann ich sagen, dass ich den Bezug des Denkens und der Aussage zur und auf der materiell-körperlichen Ebene herstellen konnte, ich konnte diesen Bezug dadurch erfahren und auch sinnhaft nachvollziehbar machen. Die Aussage hat sich dann bestätigt und es war ein richtiges Denken. Wenn allerdings der betreffende Baum kilometerweit von Unfallort wegsteht, so kann ich zwar immer noch an die Richtigkeit dieser Aussage glauben, indem ich übernatürliche Kräfte voraussetze, die angeblich auf der materiell-körperlichen Ebene wirken, so dass das fallende Blatt oder irgendein anderes Ereignis (schwarze Katze usw.) den Unfall verursacht hat, aber in einem nicht abergläubischen Verständnis gilt das dann, bei fehlender natürlicher Erfahrung und Nachvollziehbarkeit, eben als Denkfehler und als Aberglaube.
Die moderne Naturwissenschaft findet nun auf der materiell-körperlichen Ebene nicht die geringsten Hinweise oder gar Beweise für ein den Tod überdauerndes Bewusstsein, das umherwandert und sich eine neue Existenz sucht oder das als Seele oder Gesamt-Bewusstsein in irgendwelche Bereiche eingeht oder überhaupt als solches existiert. Daher sind alle diese Vorstellungen, so große Bedeutung sie für viele Menschen und ihre Emotionen auch haben mögen, als Denkfehler und Aberglaube anzusehen. Ansonsten könnte mit derselben Begründung alles und nichts behauptet werden.
Aberglaube sind so die Ideen und Vorstellungen des Menschen, die sich ganz offensichtlich nicht mit den sehr konstanten Naturgesetzmäßigkeiten auf der materiell-körperlichen Ebene im Einklang befinden und natürliche Vorgänge nicht auf natürliche Weise erklären, sondern dazu übernatürliche Kräfte oder Wesen bemühen. Diese übernatürlichen Kräfte und Wesen werden zwar wie alle Phantasien gedacht und befinden sich dadurch innerhalb des Bewusstseins, aber sie widersprechen den Naturgesetzlichkeiten.
Richtiges Denken könnte dabei in der folgenden Weise definiert werden. In unserem Denken können wir uns als Phantasie grundsätzlich alles vorstellen. Das Denken dient aber dazu, die materielle Ebene und ihre sehr konstanten Gesetzmäßigkeiten abstrahierend zu betrachten und, falls die Abstraktion richtig und passend ist, zu erkennen. Darin würde die vordringliche Definition eines richtigen Denkens, eines Denkfehlers und damit auch des Aberglaubens liegen. Problematisch wird die Sache dadurch, dass die Naturgesetzlichkeiten zwar sehr konstant aber nicht absolut sind, wie es sich insbesondere in der Quantenphysik zeigt. Hier endet dann unsere Abstraktion und Logik. Naturwissenschaftliches Denken ist in diesem Sinne immer richtiges Denken, soweit es durch die Gesetzmäßigkeiten der materiellen Ebene bestätigt wird bzw. es diese ja wiedergibt. So kann sich das naturwissenschaftliche Denken zwar als Sonderfall eines umfassenderen Gesetzes erweisen, so wie Newton durch Einstein nicht als falsch, sondern nur als Sonderfall erwiesen wurde. Aber selbst wenn so einmal die Materie als geistig geschaffen gesehen wird, gelten die Newtonsche Gesetze immer noch, wenn auch vielleicht nur unter bestimmten Rahmenbedingungen.
Die Problematik des richtigen Denkens und der Denkfehler betrifft dann auch alle Aussagen, die sich nicht direkt mit den Naturgesetzlichkeiten und den Eigenschaften der Materie überprüfen lassen, wie eben auch die Aussage von Friedrich Seibold, dass auch die Materie und das Universum Geist und Bewusstsein sind. Diese Aussage oder Idee kann bisher nicht in der Praxis überprüft werden, d.h. sie kann weder bestätigt noch widerlegt werden. Aber genau deswegen kann die Aussage von Friedrich Seibold, dass es mit Sicherheit so ist, dass Materie im Grunde nur Geist und Bewusstsein ist, als Denkfehler entlarvt werden, was im folgenden zweiten Teil getan werden soll.
Bezüglich der eigentlichen Aussage und dem neuen Weltbild von Friedrich Seibold, dass auch die Materie nur Geist ist (Jg. 5 (2004), Heft 2: „Also kann man das Universum essentiell als Geist bezeichnen und das logisch zwingend“), und dass eine vom diesem Bewusstsein unabhängige Realität nicht existiert, ist das nun zunächst einmal ebenfalls ein Denken mit einer bestimmten Bedeutung, wie es alles Denken ist.
Doch ist diese Aussage auch erfahrbar und damit richtiges Denken oder ist sie dadurch, dass sie nicht erfahr- und beweisbar ist, aber trotzdem als unzweifelhaft wahr genommen wird, ein Denkfehler und damit auch ein Form von Aberglauben? Offensichtlich ist sie nicht erfahrbar und überprüfbar, denn dann müsste man ja erkennen und nachvollziehen können, wie die Materie geistig geschaffen wird, denn das heißt Erfahrung (hier macht sich negativ bemerkbar, dass Seibold nicht zwischen Bedeutung und Erfahrung unterscheidet). Die Materie ist für uns immer schon in ihren Kategorien Raum, Zeit und (getrenntes) Sein in jeder Erkenntnis von vornherein da. Ich kann nicht erkennen und nicht erfahren, wie sie entstanden ist und dass sie geistiger Art ist, sondern die realistische Naturwissenschaft nimmt an, dass sie vom Bewusstein unabhängig ist und vor langer Zeit einmal (in einem Urknall) entstanden ist. Wie und aus was sie entstanden ist und bleibt dabei allerdings letztlich vollkommen unbekannt.
Diesen Realismus der Naturwissenschaft bestreitet Seibold nun gerade und verurteilt ihn als dogmatisch und irrational (siehe späteres Zitat), indem er sagt, dass die Materie nicht eine vom Bewusstsein unabhängige Realität ist, wie es die Naturwissenschaft voraussetzt, sondern dass sie zum Bewusstsein gehört und er stellt dann fest, dass es über dieses erweiterte Bewusstsein nichts mehr gibt. Zu dieser Kritik von Seibold an dem Realismus der Naturwissenschaften ist zunächst zu sagen, dass sich mit dieser realistischen Annahme der Naturwissenschaften, d.h. dass die Materie vom Bewusstsein unabhängig ist und sie eigene, sehr konstante Gesetzmäßigkeiten besitzt, zumindest sehr erfolgreich arbeiten lässt. Damit ist die Menschheit nicht nur bis zum Mond gekommen, sondern kann in der Gentechnologie selbst die Grundlagen des eigenen körperlichen Seins verstehen. Mehr Ansprüche als die Naturgesetzlichkeiten zu verstehen erhebt die Naturwissenschaft eigentlich gar nicht und dabei hat sich ihre Annahme einer objektiven Welt als sehr erfolgreich erwiesen. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sind erfahrbar, ist das auch die neue Weltsicht von Seibold?
Seibold begründet seine neue Weltsicht nun gerade nicht mit einer Erfahrung, sondern einer rein logischen Schlussfolgerung. Er sagt dazu insbesondere in Jg. 4 (2003), Heft 5:
Mit dem Nachweis der prinzipiellen Unerkennbarkeit und fehlenden Beweisbarkeit einer Bewußtseinsunabhängigkeit der Natur ist freilich nicht bewiesen, daß diese reale Außenwelt nicht existieren könne.
In dieser Aussage, mit der Seibold sich u.a. auf den Realisten Bertrand Russell bezieht, der sagt dass ein Beweis der realistischen Grundansicht (dass die Natur oder Materie vom Bewusstsein unabhängig ist) nicht möglich ist, liegt er zunächst einmal richtig. Das bestreitet auch Monod etwa nicht, d.h. die moderne Naturwissenschaft verwendet die Ansicht, dass die Natur oder Materie unabhängig von unserem Bewusstsein existiert und daher objektiv vorhanden ist, im Grunde nur als Arbeitshypothese (obwohl das viele andere natürlich auch anders sehen). Monod sagt, dass wir diese Objektivität und damit die Grundannahme der modernen Naturwissenschaft nie werden beweisen können, wie etwa an folgender Stelle:
Grundpfeiler der wissenschaftlichen Methode ist das Postulat der Objektivität der Natur. Das bedeutet die systematische Absage an jede Erwägung, es könne zu einer "wahren" Erkenntnis führen, wenn man die Erscheinungen durch eine Endursache, d.h. durch ein "Projekt", deutet. Die Entdeckung dieses Grundsatzes läßt sich genau datieren. Galilei und Descartes haben mit der Formulierung des Trägheitsprinzips nicht nur die Mechanik, sondern auch die Erkenntnistheorie der modernen Wissenschaft begründet und damit die aristotelische Physik und Kosmologie außer Kraft gesetzt. Den Vorläufern von Descartes hat es gewiß weder an Verstand, noch an Logik, noch an Erfahrung oder gar am Einfall gemangelt, Verstand, Logik und Erfahrung systematisch miteinander zu konfrontieren. Doch nur auf diesen Grundlagen konnte die Wissenschaft, so wie wir sie heute verstehen, sich nicht konstituieren. Dazu brauchte man noch die strenge Zensur der Objektivitätsforderung. Diese ist ein reines, für immer unbeweisbares Postulat, denn es ist offensichtlich unmöglich, ein Experiment zu ersinnen, durch das man die Nicht-Existenz eines Projektes, eines irgendwo in der Natur angestrebten Zieles beweisen könnte.
Aber das Objektivitätspostulat ist mit der Wissenschaft gleichzusetzen. Es hat ihre außerordentliche Entwicklung seit dreihundert Jahren angeführt. Sich seiner – und sei es nur provisorisch oder in einem begrenzten Bereich – zu entledigen, ist unmöglich, ohne daß man auch den Bereich der Wissenschaft verläßt. (Zufall und Notwendigkeit, Jacques Monod, dtv, München 1991, S. 36ff)
Die Welt als Bewusstsein zu verstehen hat dabei wohl viel mit der Annahme zu tun, sie auch als ein Projekt mit einem vorgegebenen Ziel zu verstehen, wie etwa in der Religion, auch dem Buddhismus, der eine nachtodliche Wiedergeburt lehrt.
Jedenfalls gibt es viele Naturwissenschaftler und Realisten, die gar nicht bestreiten, dass die Annahme der Objektivität und Bewusstseinsunabhängigkeit der Natur eben nur eine letztlich unbeweisbar Annahme ist (mit der sich aber gut arbeiten lässt).
Direkt im Anschluss des oben zitierten Satzes heißt es dann bei Seibold weiter:
Ihre Nicht-Existenz [der Bewußtseinsunabhängigkeit der Natur] läßt sich ebenfalls nicht beweisen, weil wir über das essentielle Sein einer Existenz nichts Grundsätzliches wissen können, sondern immer nur davon, was wir über das Sein denken. Eben weil wir keinen Zugang zu einem Sein (Ding!) an sich haben, muß auch die Nicht-Existenz eines solchen Seins unerkennbar bleiben.
Bis hier ist der Logik zuzustimmen, d.h. sowohl die Beweisbarkeit der Bewusstseinsunabhän- gigkeit von etwas als auch deren Widerlegung kann in einem Bewusstsein nicht durchgeführt werden, weil das Bewusstsein nicht über sich selbst hinausgelangen kann. So ist aber auch die naturwissenschaftliche Annahme, dass Natur und Materie bewusstseinsunabhängig und objektiv da sind, weder beweisbar noch widerlegbar. Doch dann hebt Seibold diese seine richtigen Schlussfolgerungen in den direkt folgenden Sätzen selbst auf und widerspricht sich somit selbst:
Ein Beweis bzw. Gegenbeweis jener Existenz ist aber für unser Wissen um dieses Sein nicht erforderlich, weil beweisbar ist, daß eine vom Bewußtsein unabhängige reale Welt ein Denkfehler ist.
„Ein Beweis bzw. Gegenbeweis ist nicht erforderlich, weil beweisbar ist...“? Ist es nun, wie in den ersten Sätzen gesagt, eine außerhalb des Bewusstseins liegende Realität, ob das die Natur ist oder irgendetwas anderes, grundsätzlich weder beweisbar noch widerlegbar, oder ist es doch beweisbar? Es heißt dann direkt weiter:
Der Gedanke „unabhängig vom Bewußtsein“ impliziert den Gedanken „unabhängig vom Denken“ – denn das Denken ist im Bewußtsein enthalten -, ein Gedanke, dessen Bedeutung gedanklich nicht vollziehbar ist, weil es unabhängig vom Denken kein Denken gibt. Diese Bedeutung müßte unter Ausschluß des Denkens gedacht werden! Die genannten Gedanken in ihrer Bedeutung denken zu wollen, heißt, das Undenkbare denken zu wollen. Damit ist eine vom Bewußtsein unabhängige reale Welt nur als Denkfehler denkbar und die Rede von der Existenz einer solchen Realität bzw. Welt sinnlos. Damit ist ‚bewußtseinsunabhängig’ als weiterer spezieller Denkfehler aufgezeigt.
Wir können zwar eine vom Bewusstsein unabhängige Außenwelt nicht erkennen, nicht beweisen und auch nicht denken - aber damit eben auch nicht widerlegen. Das ist wie in den ersten Sätzen gesagt richtig, d.h. wir können, wie in den ersten Sätzen festgestellt, weder etwas über ihre Existenz noch über ihre Nicht-Existenz aussagen. Erkennen und Beweisen ist letztlich auch nichts anderes als Denken, so dass wir über eine Realität außerhalb des Bewusstseins auch nichts denken können. Bis hier stimmt die Logik. Doch dann widerspricht Seibold dieser seiner eigenen Feststellung, indem er sagt: Weil wir darüber nichts denken können, kann eine solche Realität auch nicht existieren. Mit dieser Aussage denkt Seibold eine Realität außerhalb des Bewusstseins, wenn auch in negativer Weise, und widerspricht sich somit selbst. Wenn sie außerhalb unseres Bewusstseins liegt, so dass wir darüber weder wissen können, ob sie existiert noch ob sie nicht existiert, kann daraus eben nicht geschlossen werden, dass sie nicht existiert. Das ist der Denkfehler.
Wenn einem Tier mit seinen Instinkten die geistige Welt etwa der Mathematik verschlossen bleibt, weil mit den Instinkten ins Geistige zu kommen unmöglich ist, so heißt das zwar, dass es damit für ein Tier keinen Geist und keine Mathematik geben kann, aber nicht, dass es damit überhaupt keinen Geist und keine Mathematik geben kann und dass Geist und Mathematik nicht Einflüsse auf das Tier haben können (indem etwa Tiere damit überlistet werden).
Wenn ich in der Naturwissenschaft die Natur mit Sicherheit als bewusstseinsunabhängig ansehe oder wenn ich eine von dem Bewusstsein unabhängige Realität mit Sicherheit annehme, so ist das zunächst einmal Denken, und zwar ein Denken, das über das Denken hinausgeht, was darin ein Widerspruch und so ein Denkfehler wäre. (Obwohl solche Denkfehler wie in der Religion eine große Bedeutung haben oder wie in der Naturwissenschaft eine erfolgreich sind.) So weit ist die Logik von Seibold richtig. Doch die Aussage, dass es über unser Bewusstsein hinaus mit Sicherheit nichts geben kann, ist auch ein Denken über das Bewusstsein und Denken hinaus und Seibold begeht mit dieser Feststellung und Aussage denselben Fehler, den er direkt davor anderen vorwirft.
Wir können weder sagen, ob es eine bewusstseins- und denkunabhängige Realität gibt, noch ob es sie nicht gibt. Das wäre die richtige Aussage. Wir können lediglich Hypothesen machen (immer innerhalb unseres Denkens), wie es die modernen Naturwissenschaft und Religion (hier allerdings nicht als Hypothese) tut und wie es auch Seibold tut, indem er sagt, dass es keine bewusstseinsunabhängige Realität gibt, und dann können wir sehen, wie wir mit diesen Hypothesen in der Welt zurechtkommen. Der grundlegende Denkfehler wäre dann der, die Hypothese für eine substantielle Erkenntnis zu halten, wie es insbesondere auch in den Religionen getan wird und wie es nun auch Seibold tut.
Der Physiker, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Gerhard Vollmer beachtet diesen grundlegenden Denkfehler, indem er als Realist zwar mit seiner Evolutionären Erkenntnistheorie das Kopernikanische und Revolutionierende der Erkenntnistheorie von Kant grundsätzlich in Frage, indem er sagt:
Wir gewinnen auch Erkenntnis über die reale Welt (das Ding an sich). Die Kantische Kritik behält zwar soweit recht, als diese Erkenntnis nicht sicher ist, aber sie ist doch möglich und darüber hinaus prüfbar. (Evolutionäre Erkenntnistheorie, Gerhard Vollmer, Stuttgart 1998, S. 121. [Runder Klammerzusatz im Zitat: G. Vollmer]
Vollmer sieht Raum und Zeit als Eigenschaften der realen Welt an und hält daher diese Welt für objektiv, d.h. von unserem Bewusstsein unabhängig gegeben. Doch trotzdem ist für Vollmer der hypothetische Charakter dieser realen Erkenntnisse selbst dann gegeben, wenn der Grad der Übereinstimmung der von der theoretischen Erkenntnis rekonstruierten Welt mit der wirklichen, realen Welt vollkommen wäre, und er zitiert dazu Xenophanes (ca. 577-485 v.Chr.):
Nimmer noch gab es den Mann und nimmer wird es ihn geben, der die Wahrheit erkannt von den Göttern und allem auf Erden. Denn auch wenn er einmal das Rechte vollkommen getroffen, wüsste er selbst es doch nicht. Denn nur Wähnen [= hypothetisches Wissen] ist uns beschieden. (Vollmer 1998, S. 137). [Eckiger Klammerzusatz im Zitat: G. Vollmer]
Diese sehr alte Erkenntnis ist heute leider immer noch nicht sehr verbreitet (bzw. sie bedingt ein anderes Paradigma), auch nicht in den modernen Naturwissenschaften bezüglich der Ansicht der Materie und Natur als objektiv gegeben. Wir besitzen zwar relativ ein sicheres Wissen über die Naturgesetzlichkeiten, können aber nicht mit Sicherheit sagen, ob diese erkannten Gesetzmäßigkeiten und die Welt, in der sie wirken, absolut und „an sich“ objektiv gegeben sind.
Ein Denkfehler liegt ebenfalls in der nachfolgenden Aussage von Seibold vor (ebenfalls Jg. 4 (2003), Heft 5):
Indem die Naturwissenschaft letztlich auf einer unbeweisbaren Annahme beruht, die obendrein logisch unhaltbar ist, ist sie in ihrer Basis nicht nur dogmatisch, sondern irrational. Diese Aussage ist allerdings insofern einzuschränken, als die hier nachgewiesene Unhaltbarkeit einer bewußtseinsunabhängigen Außenwelt durch Erkenntnisse der experimentellen Quantenphysik bestätigt wird. ANTON ZEILINGER (Universität Wien) schreibt in ‚Neue Zürcher Zeitung’, 13.12.00, „100 Jahre Quantentheorie“: „Meines Erachtens unterstreichen gerade die neuen Experimente, daß die gängige Anschauung nicht haltbar ist, nach der die Welt mit all ihren Eigenschaften, die wir beobachten, unabhängig von der Beobachtung und vor der Beobachtung existiert. Zumindest in den Fällen einer quantenphysikalischen Einzelmessung ist eine solche Position nicht haltbar.“
Die Erkenntnis, dass „die gängige Anschauung nicht haltbar ist, nach der die Welt mit all ihren Eigenschaften, die wir beobachten, unabhängig von der Beobachtung und vor der Beobachtung existiert“, sagt nichts darüber aus, ob es hinter diesen Beobachtungen oder Erscheinungen nicht ein uns nicht zugängliches Etwas oder eine Substanz geben könnte. Zeilinger relativiert hier nur wie schon andere (Russel, Monod, Vollmer) die Grundannahme der Naturwissenschaft und bestätigt dabei Kant, der eben sagt, dass alle von uns erkannten Dinge nur Erscheinungen sind, die wir selbst schaffen. (Wobei Zeilinger diese Aussage allerdings ausdrücklich nur auf Quantenprozesse einschränkt, was Seibold hier zusätzlich übergeht).
Daraus zu folgern, dass es eine bewusstseinsunabhängige Außenwelt oder Realität nicht geben könnte, ist wie schon vorher ausgeführt ein Denkfehler und hier eine grobe Verzerrung der Aussage Zeilingers. Wenn die Welt mit all ihren Eigenschaften nicht unabhängig von der Beobachtung und vor der Beobachtung existiert, so heißt das zwar, dass alles, was ich in der Welt erkenne, nur im und durch das Bewusstsein existiert und dass ich etwas darüber hinaus Gehendes nicht erkennen kann, aber es heißt gerade nicht, dass es damit eine außerhalb des Bewusstseins liegende Realität nicht geben könnte. Darüber hat sich Zeilinger hier überhaupt nicht geäußert.
Ich möchte diese Problematik einer bewusstseinsunabhängigen Realität oder eines Dings an sich nun einmal von einer widerspruchsfreien Zusammenschau von Kant, Meister Eckhart, dem Buddhismus und der modernen Naturwissenschaft aus betrachten.
Kant sagt, dass die von uns in der Welt erkannten materiellen Dinge nur Erscheinungen sind und dass wir die dahinter stehende Substanz, die Dinge an sich, nie erkennen können und nie etwas darüber wissen werden. Diese Ansicht, dass die von uns erkannten Dinge nicht substantiell so da sind, sondern in allem, was wir in ihnen erkennen, durch den Geist geschaffen sind, ist dann nach seinen eigenen Worten mit der Kopernikanischen Wende vergleichbar:
Es ist hiermit ebenso als mit den ersten Gedanken des Copernicus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. (Kritik der Reinen Vernunft, Kant, 1787, BXVII, nach der Ausgabe Meiner Verlag, Hamburg 1998, S. 21)
Genau meinte er damit folgendes:
Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten....Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten. (Kant, S. 21)
Über die Dinge an sich, die dann außerhalb dieser Erkenntnis und dieses Denkens liegen, sagt er dann lediglich:
Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann. (Kant, Meiner, S. 391-392)
Wäre also nicht der Raum (und so auch die Zeit) eine bloße Form eurer Anschauung, welche Bedingungen a priori enthält, unter denen allein Dinge für euch äußere Gegenstände sein können, die ohne diese subjektiven Bedingungen an sich nichts sind, so könntet ihr a priori ganz und gar nichts über äußere Objekte synthetisch ausmachen. Es ist also ungezweifelt gewiss, und nicht bloß möglich, oder auch wahrscheinlich, dass Raum und Zeit, als die notwendigen Bedingungen aller (äußeren und inneren) Erfahrung, bloß subjektive Bedingungen aller unserer Anschauung sind, im Verhältnis auf welche daher alle Gegenstände bloße Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art gegebene Dinge sind, von denen sich auch um deswillen, was die Form derselben betrifft, vieles a priori sagen lässt, niemals aber das Mindeste von dem Dinge an sich selbst, das diesen Erscheinungen zum Grunde liegen mag. (Kant, Meiner, S. 122) [runder Klammerzusatz im Zitat: Kant]
Kant sagt also, dass alle Dinge nur Erscheinungen sind und dass sie durch unsere Anschauungsformen geschaffen werden. Das ist zunächst einmal ein Denken und eine Aussage mit einer bestimmten Bedeutung. Ist sie auch wahr, ist sie erfahrbar? Nein, wir können es offenbar nicht erfahren und erkennen, denn ansonsten hätte es ja die moderne Naturwissenschaft zwischenzeitlich erkannt und nachvollzogen, und insofern ist es eine bloße Idee oder Annahme.
Kann es vielleicht sein, dass diese revolutionierende Philosophie trotzdem zutreffend ist, dass sie nur in der Logik und rein theoretisch erkannt, aber nicht erfahren werden kann? Scheinbar nicht, denn ansonsten müsste diese Logik und Erkenntnis zwischenzeitlich allgemein anerkannt sein, doch das Gegenteil davon ist eingetreten, d.h. diese revolutionierende Philosophie, dass die von uns erkannten Dinge der Welt nicht objektiv und unabhängig von unserem Bewusstsein existieren, spielt heute nur eine Nebenrolle. (Was aber darin kein Argument sein muss).
Was sagt nun Meister Eckhart dazu, dessen Gott als ein Nichts ebenfalls wie die unerkennbaren Dinge an sich von Kant jenseits von Zeit und Raum liegt, der dabei aber von einer (Gottes)Erkenntnis und so scheinbar auch von einer Erfahrung spricht? Meister Eckhart sagt etwa:
Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist Eines. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn erkennen oberhalb von Zeit und Raum; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese (irdischen) mannigfaltigen Dinge (es sind): denn Gott ist Eines.
Soll die Seele Gott sehen, so darf sie auf kein Ding in der Zeit sehen; denn solange die Seele der Zeit oder des Raums oder irgendeiner Vorstellung dergleichen bewusst wird, kann sie Gott niemals erkennen. Wenn das Auge die Farbe erkennen soll, so muss es vorher aller Farbe entblößt sein. Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie mit dem Nichts nichts gemein haben. Wer Gott erkennt, der erkennt, dass alle Kreaturen (ein) Nichts sind. Wenn man eine Kreatur gegen die andere hält, so scheint sie schön und ist etwas; stellt man sie aber Gott gegenüber, so ist sie nichts. (Meister Eckehart -Deutsche Predigten und Traktate-, Josef Quint, Diogenes Taschenbuch 20642, Zürich 1979, Pr. 36, S. 325)
Ist es also doch möglich, die eigentliche Substanz, die sich jenseits von Zeit und Raum befindet und in der sich die Kreaturen, alle Dinge und die Welt selbst als Nichts erweisen (was darin den Dingen an sich von Kant entsprechen würde), zu erkennen und sie zu wissen? Nein, denn es ist nach Meister Eckhart eine besondere Erkenntnis, ein „nichterkennendes Erkennen“, über das Eckhart sagt:
Nun könntest du fragen: Was wirkt (denn) Gott ohne Bild in dem Grunde und in dem Sein? Das kann ich nicht wissen, weil die Kräfte nur in Bildern auffassen können, denn sie müssen alle Dinge jeweils in deren eigentümlichem Bilde auffassen und erkennen. Sie können ein Pferd nicht im (= mit dem) Bilde eines Menschen erkennen, und deshalb, weil alle Bilder von außen hereinkommen, darum bleibt jenes (= was Gott ohne Bild im Grunde wirkt) ihr verborgen; das aber ist für sie das allernützlichste. Dieses Nichtwissen reißt sie hin zu etwas Wundersamem und lässt sie diesem nachjagen, denn sie empfindet wohl, dass es ist, weiß aber nicht, wie und was es ist. Wenn (hingegen) der Mensch der Dinge Bewandtnis weiß, dann ist er alsbald der Dinge müde und sucht wieder etwas anderes zu erfahren und lebt dabei doch immerfort in bekümmertem Verlangen, diese Dinge zu erkennen und kennt doch kein Dabei-Verweilen. Daher: (Nur) das nichterkennende Erkennen hält die Seele bei diesem Verweilen und treibt sie doch zum Nachjagen an. (Quint, 1979, Pr. 57, S. 421)
Man kann es sich vielleicht in etwa so vorstellen, dass das Jenseits (die Dinge an sich, die eigentliche Realität) etwas ist, dessen Strukturen gänzlich von denen der Welt unterschieden sind. Eckhart nennt es dementsprechend mehrdeutig und zum Teil widersprüchlich Einheit, Grund, Funke, Licht, Dunkel, einfaltige Stille, überseiendes Sein und insbesondere eben auch Nichts. Für die Welt ist dieses Jenseits, das nicht über, neben, oder nach der Welt liegt (sondern eher einem Anstatt) ein Nichts, während umgekehrt auch die Strukturen der Welt in diesem Jenseits ein Nichts sind. Das Jenseits schafft dann wohl die Strukturen der Welt, aber dieser Vorgang gehört nicht zu den Strukturen der Welt, ist hier nicht erkennbar und nicht einmal vorstellbar. Es kann nur zu den Strukturen des Jenseitigen gehören und ist daher auch kein kausales Geschehen. Wenn es ein kausales Geschehen wäre, würde das Jenseits zur Welt gehören und beide hätten zumindest zum Teil dieselben Strukturen, wodurch und worin wir dann das Jenseits erkennen könnten.
Während für Kant hier eine absolute Grenze vorhanden ist (wobei seine Erkenntnistheorie die Rolle einer „Grenzpolizei“ erfüllt, um nicht zulässige Grenzüberschreitungen zu verhindern), spricht Eckhart von einer Überschreitung dieser Grenze. Doch es ist wie gesagt eine besondere Erkenntnis und besondere Art der Überschreitung. Das wird deutlich, wenn dazu folgendes anschauliche Bild von Kant betrachtet und verwendet wird:
Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreist, und jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern es auch durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt. Dieses Land aber ist eine Insel, und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank, und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen, und gewiß zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen, und erstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein könnten, oder auch aus Not zufrieden sein müssen, wenn es sonst überall keinen Boden gibt, auf dem wir uns anbauen könnten; zweitens, unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen, und uns wider alle feindseligen Ansprüche gesichert halten können. (Kant, Meiner, S. 336)
Das Grundbestreben des Menschen ist es, die Welt in ihrer Substanz zu erkennen und zu erklären, um dann sagen zu können: Es ist so und so. Das wäre dann fester Boden, und der Traum wäre es so, dass die Welt und Erkenntnis keine Insel ist, sondern umfassend ein fester Kontinent und eine feste, substantielle und objektive „Erde“, die man ausmessen und bestimmen kann.
Meister Eckhart geht nun aber den genau umgekehrten Weg, er wagt sich nicht auf den „Ozean“ hinaus, um das wahrhaft feste und substantielle Land zu entdecken, mit dem dann auch unsere „Insel“ verbunden oder zu verbinden wäre, sondern er sagt im Grunde, dass diese scheinbar so feste „Insel“, auf der wir leben, d.h. unser Bewusstein (als da seiende Welt und Kreatur), überhaupt kein fester Boden ist, sondern nur „erstarrter oder beruhigter Ozean“ (diese Begriffe verwendet Eckhart natürlich nicht, sie wären aber sinngemäß die passende „Übersetzung“ zu Kant). Das „Wasser“ (der betrachtende, nicht-wollende und nicht erkennende Geist, die Beatitudo von Aristoteles) ist nach Eckhart die eigentliche Substanz. Das Überschreiten der absoluten Grenze von Kant wäre in diesem Sinne nicht die Entdeckung neuer Länder von der vorhanden Insel aus, um die Insel zu erweitern und letztlich alles als „Kontinent“ mit einem eingeschlossenen See zu erkennen, sondern im Gegenteil „die Verwässerung der Insel“ und alles „Erdigen“.
Die jenseitige Einheit kann nach Eckhart nur durch das Zunichtewerden restlos aller weltlichen Strukturen vollzogen werden. Das ist nach Eckhart auf geistige Weise möglich. Seinen Aussagen nach wäre es in dem Zunichtewerden aller weltlichen Strukturen, alles Schaffens von Erscheinungen, um es mit einem modernen Begriff auszudrücken, ein umfassender „Blackout“ (als Verwässerung alles „Erdigen“). Dann würden jedoch, einem „geistigen Urknall“ gleich, die weltlichen Seins- und Erkenntnisstrukturen wieder einsetzen – und dieses Ereignis benennen und einordnen (bzw. „befestigen“).
Auch Eckhart benennt es, als Einheit, Nichts usw., doch seine Benennungen unterscheiden sich von denen, die darauf eine Kirche und eine Religion „bauen“ (bis weit über die „Insel“ hinaus, was aber nur „Nebelbänke“ und „bald wegschmelzendes Eis“ wären). Eckhart verneint letztlich alle seine Aussagen darüber wieder und sagt, es sei trotz seiner Aussagen letztlich „unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden“ (Quint, 1979, Pr. 23, S. 261). Vor allem sieht er es nicht als „Rettung“ und Verewigung des persönlichen weltlichen Seins an (indem er die „Insel“ zur absoluten und göttlichen Substanz erklärt). Das persönliche Sein und alle Aussagen über das eigentliche mystische Geschehen (der Verwässerung der Insel) müssen vielmehr selbst wieder zunichte werden, um diese jenseitige Einheit (wieder) zu vollziehen (jenseits aller „festen“ und darin voneinander getrennten Strukturen).
Meister Eckhart denkt nun zwar über dieses mystische Geschehen und macht Aussagen darüber, die eine bestimmte Bedeutung haben, doch letztlich verneint er alle diese Aussagen wieder. Das ist der eigentliche Aspekt seiner (negativen) Theologie und Philosophie (und Aussagen machen muss er ja, denn sonst wäre er kein Mensch und kein Theologe mehr und andere hätten nie etwas von ihm gehört).
Kann Meister Eckhart dieses Geschehen (des „Blackouts“) erfahren haben? Nein, denn er war dabei gerade, wie alle anderen weltlichen Strukturen (wenn denn sein göttliches Nichts ernst und wörtlich genommen wird) nicht zugegen. Das Wiederentstehen der weltlichen Strukturen kann dabei wie gesagt auch kein kausales, weltliches Geschehen sein, weil die weltlichen Strukturen komplett erloschen sind und sie nichts mit den jenseitigen gemein haben. „Ist“ dieses vollkommen andere Jenseits dann überhaupt (in der Welt)? Selbst diese Frage bleibt ungeklärt und mystisch, denn Sein kann für uns nur in Zeit und Raum (und damit getrennt voneinander) existieren, ein überseiendes und einheitliches Sein jenseits von Zeit und Raum (als reiner „Ozean“) ist für „uns“ und unsere („festen“) Seins- und Vorstellungsstrukturen ein reines Nichts. (Über Kant hinaus relativiert Eckhart neben Zeit und Raum auch das Sein als Anschauungsform.) „Wir“ können diese Erfahrung der Einheit (als Aufhebung allen getrennten Seins) und der allem zugrundeliegenden Substanz nicht machen, „wir“ können uns die eigentliche Realität nicht einmal vorstellen, d.h. feststellen, dass es so oder so ist.
Sowohl Kant als auch Meister Eckhart sagen daher im Grunde nur aus, dass die von uns für so absolut und fest angesehene Welt (einschließlich unseres eigenen Seins darin) nur relativ und nicht objektiv, also unabhängig von unserer Erkenntnis und unserem Bewusstsein, »da« ist. Aber sie sagen übereinstimmend (im Gegensatz zu Seibold), dass darüber hinaus noch etwas „ist“, obwohl wir uns in keiner Weise auch nur annährend vorstellen können, was das ist. Wir können nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es „ist“, d.h. in unseren Vorstellungen und Strukturen ist es nicht. (Dadurch, dass es für Seibold nichts darüber hinaus gibt, „nichts“ hier aber anderes verstanden wird als das Nichts Eckharts, erklärt Seibold praktisch sein Gesamt-Bewusstsein zur Realität und zum „Kontinent“, während das Nichts-Verständnis Eckharts die weltlichen Strukturen nicht verfestigt und für absolut setzt, sondern gerade auflöst und relativiert.)
In dieser Relativierung der Welt durch Kant und Eckhart gibt es auch Verbindungen zur modernen Naturwissenschaft, etwa im Radikalen Konstruktivismus oder der Aussage des Mathematikers John L. Casti, der die eigentliche Erkenntnis der Quantenphysik folgendermaßen treffend ausdrückt (wobei besonders das „Vielleicht“ treffend und passend ist):
Shakespeare, Newton und mein Friseur sagen: Jawohl, die Welt ist wirklich »da«. Der moderne Quantenphysiker erklärt uns: Vielleicht auch nicht. (Verlust der Wahrheit, John L. Casti, München 1990, S. 516)
Die Vorstellung, dass diese von uns wahrgenommene Welt und unsere Sein nicht objektiv und substantiell „da“ sind, kann letztlich in der Welt und in unserem Denken nur eine bloße Idee oder Annahme sein (und in diesem Sinne nicht erfahrbar). Diese Idee oder Annahme hat nur den Vorteil, dass sich mit ihr, wie mit der Idee eines Koordinatensystems, die Phänomene der Welt in einer größtmöglichen Weise ordnen lassen, etwa in der Vernetzung von Kant, Meister Eckhart, dem Buddhismus und auch der modernen Naturwissenschaft, insbesondere aber auch hinsichtlich der Vergänglichkeit allen weltlichen Seins. (Die Vernetzung ist nur mit dieser Idee möglich und mit ihr würden sich etwa die Widersprüchlichkeiten der Religionen mit einem Schlage lösen lassen – sofern sie denn akzeptiert und von der versuchten Verewigung des menschlichen Seins Abstand genommen werden würde.) Nur darin, d.h. in der durch diese bloße Idee oder Annahme einer Relativität und Geschaffenheit allen Seins ermöglichten Vernetzung, würde der einzig passende Bezug zur materiell-körperlichen Ebene und zur Erfahrung liegen. Wir werden aber nie wissen, warum das dann so ist.
Als feste Aussage ist auch die Idee oder Annahme Geschaffenheit und Substanzlosigkeit allen Seins ein Denkfehler. Ihre Richtigkeit kann sich letztlich auch nur (indirekt) in der Praxis erweisen, etwa hinsichtlich der momentanen Umgestaltung der Welt (die ein begrenztes Ökosystem ist) durch den Menschen mit Hilfe der Technik (auch der Gentechnik) nach seinen Vorstellungen, Überzeugungen und Wünschen, nach denen er zuallererst sich selbst als wirklich »da« seiend betrachtet und von einer jenseitigen Macht, die in diesen seinen (einander jedoch widersprechenden religiösen) Vorstellungen weltliche Strukturen (etwa der Personalität) besitzt, und ihn behütet und letztlich vor dem Tod und der Vergänglichkeit „rettet“. Ist also die Annahme oder das Paradigma richtig, dass wir und die Welt wirklich und objektiv »da« sind und sich der Sinn der Welt um dieses unseres Sein dreht? Nach Kant, Meister Eckhart und auch der ursprünglichen buddhistischen Lehre ist das nicht der Fall (nach Seibold wohl schon).
So hat auch der Buddha seine Lehre nicht als eine Vermittlung einer bestimmten Ansicht angesehen (wie etwa in der Lehrrede vom Netz der Ansichten eindrucksvoll dargestellt), sondern er hat gesagt, dass seine Lehre vielmehr wie ein Floß zu gebrauchen ist. Nachdem sie zum „Erlöschen“ oder „Verwehen“, d.h. zur umfassenden Leere geführt hat, in der sich die Ich-Vorstellung als reine Illusion erweist, soll man nicht länger an der Lehre verhaftet sein. Mit dieser ursprünglichen Lehre von der Leerheit und Vergänglichkeit sind all die nachtodlichen Wiedergeburtsvorstellungen, die ein nach dem Tod angeblich herumwanderndes und einen neuen Mutterschoß suchendes Bewusstsein voraussetzen (das nach der Erleuchtung dann in ein angebliches Pari-Nirvana eingehen und dort ewig verweilen soll), nicht vereinbar. Die erste überlieferte Lehre des Buddhas nach seiner Erleuchtung lautete:
Was immer dem Gesetz des Entstehens unterworfen ist, das ist auch dem Gesetz des Vergehens unterworfen!
Und auch seine letzten Worte vor seinem Tod handeln von dieser zentralen Aussage:
Nun denn Mönche, ich beschwöre euch: Die Persönlichkeitsbestandteile (sankhara) unterliegen dem Gesetz der Vergänglichkeit.
Diese übereinstimmende, mystische Aussage von Meister Eckhart, Kant, dem ursprünglichen Buddhismus und auch der Quantenphysik ist die, dass wir die letztendliche Wahrheit dieser Welt nie erkennen und wissen werden (und sie uns schon gar nicht in unserem persönlichen Sein vor ihr selbst, d.h. vor dem Tod und der Vergänglichkeit „rettet“ und verewigt). Gut hat das auch Schiller in dem folgenden Gedicht ausgedrückt:
Menschliches Wissen
Weil du liesest in ihr, was du selber in sie geschrieben,
Weil du in Gruppen fürs Aug ihre
Erscheinungen reihst,
Deine Schnüre gezogen auf ihrem unendlichen Felde,
Wähnst du, es fasse dein Geist ahnend die
große Natur.
So beschreibt mit Figuren der Astronome den Himmel,
Dass in dem ewigen Raum leichter sich finde
der Blick,
Knüpft entlegene Sonnen, durch Siriusfernen geschieden,
Aneinander im Schwan und in den Hörnern des
Stiers.
Aber versteht er darum der Sphären mystische Tänze,
Weil ihm das Sternengewölb sein Planiglobium
zeigt?
Auch wir selbst sind dann wie die gesamte Welt letztlich nur eine Verknüpfung oder Benennung. Diese Aussage ist dabei aber selbst wie gesagt nur eine bloße Idee oder Annahme (die sich letztlich praktisch selbst aufhebt), aber ich meine, dass es eine sehr vernünftige Idee oder Annahme ist, deren großer Wert für die Praxis sich gerade in der modernen und globalisierten Welt zeigen könnte.
Jedes Sein vergeht und jeder Mensch stirbt. Dem naturwissenschaftlichen Weltbild nach wird die Sonne einmal verglühen und auch das Weltall selbst wieder vergehen. Darin würde sich dann diese letztendliche Wahrheit der Vergänglichkeit und Geschaffenheit allen Seins in der Welt widerspiegeln. Die interessante Frage wäre, auf welche Weisen der Mensch auch schon vorher diese letztendliche Wahrheit, sollte sie es denn wirklich sein, verwirklichen kann oder verwirklichen wird. Welche Bedeutung hätte die Selbstauslöschung der Menschheit, die ja durch die Technik heute in vielerlei Hinsicht ohne weiteres möglich ist? Wäre das wie nach der Vorstellung des herkömmlichen Christentums (Meister Eckhart bezeichnet den Gott und das Jenseits in der Zeit ausdrücklich als Irrweg) die Erlösung und der Beginn eines ewigen Reiches, in dem „wir“ göttliche Eigenschaften erlangen? Oder ist es nur eine Illusion, auf die schon Paulus vergeblich wartete? Dem gegenwärtigen Paradigma nach, das unser Sein und die Welt sowohl in der Religion und Philosophie als auch in der modernen Naturwissenschaft als objektiv vorhanden ansieht, ist die Selbstauslöschung unvorstellbar bzw. ein letztendlicher „höherer“ Sinn oder ein Projekt der Welt (der oder das ein Scheitern ausschließt) keine Illusion.