Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Sigrid Bauschinger: Else Lasker-Schüler. Biographie. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 493 S. ISBN 3-89244-440-4. Ln. 38.00 EUR

Else Lasker-Schüler gehört zweifellos zu den wichtigsten Autorinnen des Expressionismus, ihre Liebeslyrik gehört zu den schönsten Dichtungen in deutscher Sprache. Aber auch als Dramatikerin, Erzählerin, Zeichnerin und nicht zuletzt als Performance-Künstlerin hat sie Außergewöhnliches geschaffen. Ihre Texte haben starke autobiographische Züge. Existentielle Erfahrungen, starke emotionale Bindungen, aber auch die Erinnerung an das heimatliche Elberfeld finden sich dort verarbeitet. Zugleich nutzt sie ihre Dichtungen aber auch, um sich selbst als Künstlerin neu zu erfinden. Tino von Bagdad und Yussuf, der Prinz von Theben, sind Figuren, die sich in ihren Texten und Zeichnungen immer wieder finden, mit denen die Dichterin sich aber auch im wirklichen Leben identifiziert. Gelegentlich unterschrieb sie ihre Briefe mit diesen Pseudonymen.

Else Lasker-Schüler war eine Person, die polarisierte. Sie wurde bewundert, verehrt, abgöttisch geliebt, aber auch verachtet und verspottet. Ihr Leben umspannt die Zeit vom Deutschen Kaiserreich bis zum Zweiten Weltkrieg. Sie lebte in Elberfeld (heute Wuppertal), wo sie 1869 geboren wurde, in Berlin, in Zürich, wohin sie 1933 vor dem braunen Ungeist floh, zeitweilig auch in Ascona und schließlich in Jerusalem, wo sie eine neue Heimat fand und 1945 starb. Jede Menge Stoff also für eine interessante Biographie. Merkwürdigerweise sind aber Gesamtdarstellungen des Lebens der Lasker-Schüler immer noch selten. Und wo es sie gibt, kolportieren sie immer noch viel – zu viel – Anekdotenhaftes, Unwahres, ja sogar Verleumderisches – und sei es auch mit den besten Absichten. Sigrid Bauschinger, die an der University of Massachussets in Amherst lehrt, hat es sich daher zum Ziel gesetzt, das Leben Else Lasker-Schülers zu beschreiben, „wie es wirklich war“, es von allem Spektakel, Exotismus und Legendenhaften zu befreien. Dabei herausgekommen ist die erste seriöse Lebensbeschreibung Else Lasker-Schülers, zweifellos ein Standardwerk, das für die Lasker-Schüler-Forschung und alle, die am Leben der Dichterin interessiert sind, unverzichtbar ist.

Die Quellenlage zum Leben Else Lasker-Schülers ist voller Stolperfallen. Zu vielen wichtigen Entwicklungen in ihrem Leben hat sie selbst geschwiegen oder bewußt falsche Fährten gelegt. Auch was andere über sie mitzuteilen haben, ist oft vieldeutig, wenig erhellend oder gar irreführend. Daher kommt es, dass Sigrid Bauschinger das Leben Else Lasker-Schülers nicht als komplettes Ganzes präsentieren kann. Es bleiben Lücken und Ungereimtheiten, die sich nur durch Mutmaßungen füllen lassen – eine Versuchung, der die Autorin zum Glück nicht erlegen ist. Bestes Beispiel dafür ist das Verhältnis der Dichterin zu ihrem ersten Mann Berthold Lasker. Lasker war als Arzt und Bildungsbürger sicher zu nüchtern, als dass das phantasievolle und eigenwillige Mädchen aus der Stadt an der Wupper auf Dauer mit ihm zusammen hätte Leben können. Obwohl sie sich als „Frau Doktor“ durchaus gefiel, fühlte sie sich alsbald in der Ehe eingeengt. Immerhin, Berthold Lasker ermöglichte ihr ein Leben in der europäischen Kulturmetropole Berlin, wohin das Ehepaar 1894 umzieht. Ihre teilweise hasserfüllten Äußerungen aus den späten Ehejahren sind zu vieldeutig, als dass man eindeutig ihren Anlass erkennen könnte. Tatsache ist, dass sie Berthold Lasker auch nach der Scheidung 1903 noch als Arzt konsultierte.

Berlin bedeutete für Else Lasker-Schüler als Künstlerin den Durchbruch. Hier konnte sie ihre künstlerischen Fähigkeiten - sowohl als Zeichnerin, als auch als Dichterin - entwickeln und ausleben. Nach ersten Veröffentlichungen ihrer Gedichte in Zeitschriften fand sie schnell Anerkennung bei den Künstlern der literarischen Avantgarde. Sie schloss sich dem lebensreformerisch geprägten Kreis um die Brüder Hart an. Dort traf sie auch Peter Hille, der für sie das Ideal einer bedingungslosen Künstlerexistenz darstellte, dem sie wohl auch – unbewußt – nacheiferte, der für sie die höchste literarische Autorität war und blieb und den sie womöglich höher schätzte als Gottfried Benn oder Gerhart Hauptmann. Hille starb bereits 1904. In der Berliner Literatenszene lernte sie auch ihren zweiten Mann, Herwarth Walden, kennen. Auch diese Ehe wurde geschieden, die Verbindung blieb aber künstlerisch fruchtbar. Im Hintergrund wirkte Karl Kraus gleichsam als Mentor. Der Briefwechsel zwischen Kraus und Walden ist eine wichtige Quelle für Else Lasker-Schülers Biographie.

In der Berliner Zeit entstanden die Werke, die Else Lasker-Schüler berühmt gemacht haben: die Gedichtsammlung „Styx“ 1901, „Die Nächte Tino von Bagdads“ 1907, „Die Wupper“, ihr bekanntestes, vom Naturalismus Hauptmanns beeinflusstes Schauspiel 1909, der Liebesroman „Mein Herz“ 1912, die „Hebräischen Balladen“, ebenfalls 1912, „Der Malik“ 1919, die Verleger-Schelte „Ich räume auf!“ 1925, 1932 die Prosasammlung „Konzert“ und im gleichen Jahr „Arthur Aronymus“ in einer Prosafassung und als Schauspiel.

Ab 1913 war Else Lasker-Schüler finanziell ganz auf sich allein gestellt. Sie mußte nicht nur für sich selbst, sondern auch für den 1899 geborenen Sohn Paul aus der ersten Ehe mit Berthold Lasker sorgen. Das Geld reichte hinten und vorne nicht. Die Zeiten waren ohnehin schwierig – vielmehr aber noch für eine allein erziehende Dichterin. Die Sorgen waren manchmal so drückend, dass sie nichts schreiben konnte - nichts außer Bittbriefen. Die schrieb sie aber nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, denen es genauso schlecht oder noch schlechter ging. So individualistisch Else Lasker-Schüler war, so selbstlos konnte sie auch sein. Einmal brachte sie es sogar fertig, trotz größter finanzieller Not, nach Moskau zu fahren um dort einen jungen deutschen Schriftsteller – Johannes Holzmann, genannt „Senna Hoy“ –  aus dem Gefängnis auszulösen. Dem Unternehmen war allerdings kein Erfolg beschieden.

Der Antisemitismus war eine allgegenwärtige Erscheinung im Deutschen Reich. Else Lasker-Schüler versteckte sich nicht davor, sie war stolz, Jüdin zu sein. Gegenüber Antisemiten ging sie mutig in die Offensive. Ihre Schlagfertigkeit ließ sie aus verbalen Auseinandersetzungen meist als Siegerin hervorgehen. Diese Situation änderte sich schlagartig im Januar 1933, als die Nazis an die Macht kamen. Else Lasker-Schüler entschloss sich, ins Exil zu gehen. Grund war, dass sie mehrfach zum Ziel der Angriffe nationalsozialistischer Schlägertrupps geworden war. Im April 1933 verliess sie Deutschland für immer.

In Zürich, ihrer ersten Station im Exil, gehörte sie zu den vielen ungeliebten Immigranten, die sich den kleinlichen Vorschriften der schweizer Ausländerpolizei unterwerfen mussten. So war ihr die „Erwerbstätigkeit als Dichterin“ laut fremdenpolizeilicher Weisung verboten. Sie war auf die Unterstützung reicher Gönner angewiesen. Zu ihren Fürsprechern gehörten dabei auch hochrangige schweizer Politiker und Beamte. Immerhin erlebt sie in Zürich am 19. Dezember 1936 die Uraufführung ihres Schauspiels „Arthur Aronymus“.

Von Zürich aus unternahm sie 1934 ihre erste Reise nach Palästina. Die Ausreise war unter anderem deswegen notwendig, um eine neue Aufenthaltsgenehmigung in der Schweiz zu bekommen. Sie liest in Tel-Aviv, Haifa und Jerusalem aus ihren Gedichten. Einen recht merkwürdigen Eindruck muss sie auf Gershom Sholem gemacht haben. Er schreibt in einem Brief an Walter Benjamin über die 66jährige Else Lasker-Schüler: „Eine Ruine, in der der Wahnsinn weniger haust als gespenstert.“ Auf dieser ersten Reise entsteht ihr Buch „Das Hebräerland“, das 1937 erscheint. Im selben Jahr besucht sie ein zweites Mal Palästina.

Von ihrer dritten Reise nach Jerusalem kehrt sie nicht mehr zurück. Obwohl sich der schweizer Schriftstellerverband für sie einsetzt, wird es immer schwieriger für Else Lasker-Schüler, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Das Deutsche Reich hat sie 1938 ausgebürgert. Im März reist sie über Marseille aus.

In Jerusalem kann sie zwar unbehelligt von den Behörden leben, aber in um so größerer finanzieller Not. In ihren letzten Lebensjahren widmet sie wiederum ihre ganze Kraft der literarischen Produktion. Sie gründet eine literarische Vereinigung – „Der Kraal“ - , für die sie regelmäßig Vortragsabende organisiert. Sie arbeitet an dem Schauspiel „Ichundich“. Im Juni 1943 erscheint die letzte Gedichtsammlung „Mein blaues Klavier“. Else Lasker-Schüler stirbt am 22. Januar 1945 in Jerusalem. Sie wird auf dem Ölberg beigesetzt.

Sigrid Bauschinger präsentiert das Leben Else Lasker-Schülers faktenreich und angenehm unpathetisch. Eine Biographie, die Lust macht, Else Lasker-Schüler wieder und neu zu entdecken, kurz: sie zu lesen – und das sei auch der Zweck des Buches, schreibt die Autorin in ihrem Nachwort.

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