Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Ulrich Horstmann: Picknick am Schlagffluß

Eine Auswahl aus den neuen bisher unveröffentlichten Gedichten

 

Picknick am Schlagfluß

Annäherungsweise rauscht es
in den Ohren. Ein gutes Zeichen.
Zum Abend ist man in Reichweite.
Jeden Moment kann die träge Strömung
rostrot durch die Sträucher schimmern,
mit deren Namen sich kein Mensch belasten muß.
Das zwischen uns, der Proviant,
wiegt schwer genug. Dich jedenfalls
hat er in Schweiß gebadet, dir
deinen Mund gelöchert, deine Wangen ausgehöhlt,
den Blick verglast, so daß mich
jener Fisch darin durchschaut,
den ich im flachen Seitenarm
- Fluchtweg mit Treibgut dichtgemacht -
per Zeltgestänge doch erst speeren will.
Dann eben nicht. Man nimmt's,
wie's kommt, wird unromantisch satt.
(Wozu schleppt man sich ab.)
Prost, prost! das Biwak steht
schon in den Sternen. Tiefer
die Bucht; der Wind dreht
auf; es flattern Magenwände
mit den Planen um die Wette,
und du pumpst Futter für die Fische in die Welt.
Nur zu, nur zu!
Am Schlagfluß, Halbherz,
laß uns Hütten bauen!

 

Repoussoir

Der Tiefsinn,
weiß jeder Fotograf,
ist auf Vordergründiges angewiesen,
damit er sich einstellen kann.
Wer in den Abgrund hält
ohne den Brocken an seiner Kante,
den kalkweiß überhängenden Strauch,
die mumifizierte Klaue des Verstiegenen,
der lichtet Verflachtes, Eingelaufenes, Zusammen­
                                                              gestülptes ab.

Das Auge braucht Halt,
um ihn zu verlieren.
Deshalb der Rückstoß.
Deshalb das REPOUSSOIR.
Deshalb dieses Gedicht.

 

Fettlebewohl

Wir lüften unsere Sechszylinder,
wir stoßen an, wir stoßen auf.
Das alte Glück vergrätzt sanft seine Kinder,
flott weg läuft es beim Notverkauf.

Vom Feinsten haben wir uns abgeschnitten,
die Jahre zog das große Los
zusammen auf vier Silben: wohlgelitten;
bestellt wird Lachs an Trauerkloß.

Nie wieder sehn wir so viel Sterne,
sagt einer von der Leber weg.
Paßt auf, beim nächsten Mahl spuckt ihr die Kerne
von Cocktailkirschen in den Dreck.

Die Unke läßt uns Kröten schlucken,
wir stoßen an, wir stoßen auf -
los, Toast auf einen Abgang ohne Mucken
und ausgecheckt noch Trinkgeld drauf.

Wir lüften unsere Sechszylinder,
der Zugwind facht die Gläubiger an.
Ein Mundgeruch vereint uns alte Sünder;
doch Vorgeschmack spitzt schon die satten Münder:
auch dieser Kelch wird abgetan.

 

Ego - wer sonst?

Im Morgengrauen,
ausgespuckt vom Tivoli der Träume,
steckst du im Drehkreuz,
das sich wieder festgefressen hat -
wer holt dich raus?
    Wenn's mir nicht einfiel,
    wär's schon abgepfiffen, dein Spiel.

Zur Morgenstunde, hold und lind,
das Müsli steht dir bis zum Hals,
steckst du im Stau,
die kalte Wut wirft ihren Schredder an -
wer redet Blech (so bleibt die Kiste heil)?
    Wenn's mir nicht einfiel,
    wär's schon abgepfiffen, dein Spiel.

Den lieben langen Tag,
hinter dem Milchglas ruckt die Schlange an,
steckst du in den Routinen;
die Weißglut auf den Schienen -
wer hat sie eiskalt abgetan?
    Wenn's mir nicht einfiel,
    wär's schon abgepfiffen, dein Spiel.

Die Sonne sinkt,
das Abo hat euch wieder,
Gesteck der Hochkultur,
ein Kranz mit Thomas Bernhard-Schleifen dran -
wer schießt der Leichenschändung die Placebos zu?
    Wenn's mir nicht einfiel,
    wär's schon abgepfiffen, dein Spiel.

Vorhang: die Nacht.
Ein schaler Nachgeschmack liegt noch auf ihrer Zunge,
du steckst nicht drin, sagst du,
dann steckst du doch -
wer deckt den Rückzug und spendiert dir noch
den runden Obolus fürs Tivoli der Träume?
    Wenn's mir nicht einfiel,
    wär's schon abgepfiffen, dein Spiel.

 

Phobophobie

Ein Aufschrecken,
wenn er aus der Sasse prescht
ohne Grund
mit trommelnden Läufen,
ein Zusammenfahren,
weil er gleich - panisch verrannt -
Purzelbäume schlagen wird
in der Herzkammer,
als pochte ihm eine Flinte dort
Schuß um Schuß
die Seele aus dem Leib.
Das Schlimmste ist die Angst
vor dem Angsthasen, sagst du tapfer
hinter dem wie stotternd beschrifteten Panier.
Und warum soll in einer Welt,
redest du dir gut zu,
wo das Tier unter Strom gesetzt
und am Zittern gehalten wird
durch die Vorfreude auf käufliche Wonnen,
wo Leerstellen an den Litfaßsäulen mit Werbung
für Werbung an den Litfaßsäulen überkleistert sind,
hinter dem Lechzen nach Lust
nicht auch die Angstangst aufmucken,
doppelläufig
und vor sich selbst auf der Flucht?
Weshalb wohl nicht?
Das Warumwarum, die Entleerungsfülle,
hast du deinem Hasen hinter die Löffel geschrieben,
kennzeichnet sie sowieso,
die Kammlage jeder Hochkultur.
Von dort sieht
der lidlose Blick nichts als Abhänge
und darauf schon flockig
den Sabber der Meute,
die Schießhunde hinter der Treiberkette,
die Schleifspuren der Beute.
Geschäftig rückt alles
auf den Tiefpunkt vor.
Bis die Ausweglosigkeit dich hochtreibt
- in panischer Detonation -
auf den nächstbesten Körperabdruck zu.

Ulrich Horstmann ist für seine ironisch-unterkühlten Texte bekannt. Seine letzte Gedichtsammlung: "Göttinnen, leicht verderblich" ist vor vier Jahren erschienen und enthält im letzten Teil: "Also spricht Jaldabaoth" sieben Gedichte jenes "Pfuschergott[es], der nach Ansicht der Gnosis für die misslungene Schöpfung verantwortlich zeichnet". Mitleid mit den sich in ihr abplagenden Kreaturen wird man bei diesem Gott und demjenigen, der ihn sprechen lässt, vergeblich suchen. "Es ist ein Irrtum, / mit den Irrtümern aufzuräumen, / und zwar schon deshalb, weil sich die Wahrheiten / sonst gegenseitig an die Gurgel gehen." Der Nihilismus, der aus dieser Einsicht spricht, lässt sich nicht mehr steigern, allenthalben noch fortsetzen -  wozu jedoch?

Aber es findet sich in "Picknick am Schlagfluß" eine Steigerung ganz anderer Art. "Zum Abend ist man in Reichweite" des Flusses, den man in sich trägt, und der "Proviant" ist diejenige transformierte Nahrung, die sich als mehr oder weniger korpulenter Leib um die inneren Organe spannt. Wird man wirklich "unromantisch satt"? Nein. Und Hütten zu bauen am Schlagfluß, solcherart im Angesicht des Todes zu leben, ohne in Illusionen zu flüchten, verlangt wohl Kälte, ja Sarkasmus; dennoch stellt sich eine nur unterschwellig zu vernehmende melancholische Wehmut ein, ein neuer Ton in Horstmanns Gedichten. Die Aufforderung, im Vergänglichen selbst ephemere Wohnstätten zu errichten, enthält eigentlich die einer unmöglichen Bejahung des Daseins in einem Universum der Verneinung.

Eine solche paradoxe Haltung nicht zu beschreiben, sondern überhaupt erst zu stiften, ist die Aufgabe des Gedichts: "Das Auge braucht Halt, / um ihn zu verlieren." Ohne eine zum Nichts konträre, sich auf keinen möglichen Anhalt stützende Hoffnung wäre es nicht wahrnehmbar. Ohne "Sinn" zu leben, verlangt einen Aufschwung im Sinnlosen selber. Wer sich solche Kälte abverlangt, muss ebendeshalb ein Quäntchen Wärme zulassen. Der "Toast auf einen Abgang ohne Mucken" enthält eine minimale Beimischung von Trauer. Das "Ego - wer sonst?" mag normalerweise den "Schleier der Maya", wie Schopenhauer mit der indischen Philosophie sagt, weben, also die immer wieder zerfallenden, in sich nichtigen Ziele des Lebens bereitstellen, so insgesamt eine Welt schaffend, "wo das Tier unter Strom gesetzt / und am Zittern gehalten wird", die Angst vor der Angst (Kierkegaard), also die "Angstangst" - welch ein Wort! - uns "auf den nächstbesten Körperabdruck" zutreibt - dennoch ergreift die Stimme dieser Gedichte, die lakonisch behauptet, man könne den immer falschen Gefühlen nur ein Wahres entgegensetzen, nämlich Gefühllosigkeit, ein versteckter, ja verschämter Schmerz.

Sinnlosigkeit muss genauso erzeugt werden, wie Sinn; beide bedürfen immer wieder einer letzten Steigerung, in der sie zuletzt, beinahe, zusammenfallen. Horstmann führt uns diese nihilistische Trost-Bewegung auf exemplarische Weise vor. Seine streng komponierten Gedichte öffnen dem Leser erst nach mehrfacher Lektüre ihre ineinanderspielenden Bildebenen. Schließlich berühren sie uns auf eine seltsame, innig-eisige  Weise.

Max Lorenzen

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