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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 5
Anna Mahler: Ich bin in mir selbst zu Hause. Hrsg. von Barbara Weidle und Ursula Seeber, Weidle Verlag Bonn, in Kooperation mit der Österreichischen Exilbibliothek, 2004, 240 S., 25 €, ISBN 3-931135-79-9
Das Buch setzt der Tochter von Gustav Mahler und Alma Mahler-Werfel zum 100. Geburtstag ein spätes Denkmal. Anna Mahler (1904-1988) war eine überaus vielleitig begabte Künstlerin, so musikalisch, dass sie für ihren zweiten Mann, den Komponisten Ernst Krenek Klavierauszüge der Werke ihres Vaters und anderer erstellen konnte – sie spielte Cello und Klavier - . Als junge Malerin wurde sie Schülerin u.a. von Giorgio de Chirico und fand ihre eigenste Lebensaufgabe als Bildhauerin. Die Herausgeberinnen haben ihren Band so reich bebildert, dass Leben und Werk der Künstlerin gut sichtbar werden.

Die Darstellung ist in verschiedene Abschnitte gegliedert. Auf den ersten Teil: Barbara Weidle „Kindheit im Schatten“ folgt als Einschub der Beitrag von Gregory Hurworth: „Aus Anna Koller wird Anni Krenek“. Barbara Weidle zeichnet das Leben Anna Mahlers in den Jahren 1924 bis 1938 nach – ergänzt durch den Artikel von Oliver Hilmes „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ sowie den Auszug aus einem Manuskipt von Albrecht Joseph, dem letzten Ehemann der Künstlerin: „Zu Besuch bei Alma Mahler-Werfel“ und von Murray G.Hall: „Warum nicht Zsolnay?“, über Paul Zsolnay, den dritten Mann Anna Mahlers, und seinen Verlag.
Im siebten Kapitel kommt Anna Mahler selbst zu Wort mit ihren Briefen an die Mutter aus London, wo sie während und nach dem Zweiten Weltkrieg lebte, bis dann Barbara Weidle ihre Biographie weiterführt: „Ich bin in mir selbst zu Hause“ - London, Montreal, Los Angeles und Spoleto 1938 bis 1988. Erinnerungen an Anna Mahler steuert Herta Blaukopf bei: „Das überlebensgroße Bild des Vaters“, Ursula Seeber wendet sich A.M. als literarischer Figur zu: „Der Kult des rastlosen Überschwangs“ und zum Schluß portraitiert Barbara Weidle Anna Mahler als Künstlerin: „Diese fast mystische Gewißheit“.
Es folgt noch ein umfangreicher Anhang mit den Rubriken Zeittafel, Quellen, Bibliographie, Abgebildete Werke, Photonachweis, Autoren, Dank und Register. Die für das Buch gewählte Form der „unterbrochenen“ Biographie ermöglicht eine differenzierte Betrachtungsweise – man muss sich allerdings mit einiger Geduld einlesen, wird dann aber belohnt. Es ist nur schade, dass die Herausgeberinnen ihr Vorgehen nicht eigens begründet haben, etwa in einer Einleitung oder einem Nachwort.
Es bestimmte Anna Mahlers Leben von Anfang an, dass sie nicht nur die Tochter eines berühmten Vaters war, sondern auch einer unglaublich vitalen Mutter, die sich mit bedeutenden Männern umgab. Den Vater, den sie früh verlor – er starb 1911 - , liebte sie sehr, das Verhältnis zur Mutter war früh schon schwierig. Eine ältere Schwester war 1907 an Diphterie gestorben. Alma Mahler erinnerte sich: „Nach dem Tode Mahlers kam eine furchtbare, einsame Zeit für mich. Ich wollte nichts anderes als Musik machen. Ich tat es nur mit meiner grundmusikalischen Tochter Anna Mahler, mit der ich mich kolossal verstanden habe. Wir hatten das sonderbarste Leben. Wir waren den ganzen Tag am Klavier [...] Anna und ich musizierten Tag und Nacht. Ich spielte Klavier und sie sang mit ihrer jungen und wunderbaren Stimme und Kunstbeflissenheit alle Partien mühelos vom Blatt.“ (14/15) In den folgenden Jahren trat Oskar Kokoschka in ihr Leben; er schloss Anna in die Liebe zu ihrer Mutter ein. 1912 schrieb er aus Wien: „Dein Kind verbindet Dich zu mir...“ (16) Möglich ist, dass Kokoschka Anna zum Malen und Zeichnen angeregt hat, aber bei Almas Trennung von ihm war sie erst elf Jahre alt. 1915 dann heiratete die Mutter den großen Architekten Walter Gropius; den neuen Stiefvater mochte Anna. Seiner Mutter verdanken wir eine Schilderung der 12jährigen: „Gucki [so wurde Anna genannt] ist ein anziehendes Kind – auch nicht ganz vertraut. Doch bewundere ich, wie es Alma gelungen ist, sie in ihrem unruhigen Leben so einfach und kindlich zu erhalten. Ihre geistige Reife und Intelligenz kann ich nicht beurteilen, weil sie davon wenig zeigt, aber das gerade bewundere ich sehr. Sie ist so schlicht und kindlich und natürlich und hat einen großen Charme für mich.“ (19/20). 1916 wurde Annas Halbschwester Manon Gropius geboren, die ihr nahe stand, die aber mit 18 Jahren an Kinderlähmung starb Die Ehe mit Gropius erwies sich bald als brüchig, zumal Alma 1917 Franz Werfel begegnete – die Liebe zu ihm dauerte ihr ganzes Leben an.
Anna versuchte sich aus dem stürmischen Umkreis ihrer Mutter zu lösen – so kam es zu ihrer ersten Ehe mit Rupert Koller, dem Sohn einer Malerin, der Anna sehr zugetan war. Die beiden fanden sich in der Liebe zur Musik, doch erwies sich die Beziehung bald als wenig fundiert. Vor ihrer Scheidung 1923 musste Anna Koller erst für volljährig erklärt werden. Damals war sie bereits mit dem Komponisten Ernst Krenek verlobt.
Annas Ehe mit Krenek wird von Gregory Hurworth im Kapitel über „Die Zeit mit Ernst Krenek 1922-1924“ beschrieben. Kennengelernt hatte er sie als Studentin an der Berliner Kunstakademie, also als Malerin, sie half dem jungen Komponisten jedoch auch durch ihre Musikalität, so fertigte sie 1922 einen Klavierauszug seiner Dritten Symphonie an und begleitete ihren Mann zu seinen Konzerten. Ostern 1924 besuchten Kreneks gemeinsam mit dem Schweizer Mäzen Werner Reinhart und der Geigerin Alma Moodie Rainer Maria Rilke in Muzot, der ihnen die „Duineser Elegien“ vorlas. Alma Moodie und Krenek kamen sich bald näher – Anna zog die Konsequenz: ihre zweite Ehe war Ende des Jahres gescheitert, sie reiste nach Rom, um ihre Studien bei Giorgio de Chirico zu beginnen, immer noch mit dem Ziel, Malerin zu werden. Auf den Seiten 170 bis 175 finden sich Abbildungen einiger ihrer frühen Gemälde und Zeichnungen, deren eine schon hindeutet auf ihren späteren Entschluss zur Bildhauerei.
In den Jahren 1925 bis 1929 macht Anna weite Reisen, manche mit ihrer Mutter, und beginnt ein Studium in Paris – eine schwere Zeit für sie, aus der sie krank nach Wien zurückkehrt. Sie lernt dort der Verleger Paul Zsolnay kennen, den sie Ende 1929 heiratet, 1930 wird die Tochter Alma geboren. 1932 beginnt sie zu modellieren und lernt den Bildhauer Fritz Wotruba kennen, der sie für die Steinbildhauerei begeistert. Leider sind nur wenige ihrer frühen Arbeiten erhalten. Aus dieser Zeit stammt eine Erinnerung der Schriftstellerin Hilde Spiel an Anna Mahler: „Unvergesslich für immer ist mir ihr Anblick. Sie war schön, eine schöne Hexe, eine Nixe, ein elbisches Wesen, schlank und grazil, mit seidig-gelblichen Haaren und diesen großen herrlichen Augen, veilchenblau, und dem melancholischen Mund. Nicht die Augen, die Canetti verewigt hat, ihr Mund erschien mir das Erregendste an ihr, die vollen, aber flachen Lippen, die untere ein kleines bißchen vorstehend, weit weniger als die Gustav Mahlers, das Bittere dieser leicht herabgezogenen Mundwinkel, wie bei Jeanne Moreau, deren Faszination der ihren glich. Eine fabulöse Frau.“ (62) Ende des Jahres 1934 verläßt Anna ihren Mann, die Tochter bleibt bei ihm. 1937 wird ihre Skulptur „Die Stehende“ bei der Weltausstellung in Paris gezeigt und erhält ein „Diplome de Grand Prix“ (Abb.S.69 und 186).
In Wien ist Anna Mahler, wie sie sich weiter nennt, vielfältig in die politischen Ereignisse einbezogen und muss deshalb das Land am 13.März 1938 gemeinsam mit ihrer Mutter verlassen – sie kehrt auch später nicht zurück. Über Prag, Budapest, Zürich und Paris reist sie nach London, wo sie bis 1948 lebt, während ihre Mutter und Franz Werfel zunächst in Frankreich Zuflucht finden und dann in die USA gelangen. In all diesen Jahren arbeitet sie im eigenen Atelier, auch als sie im Winter 1941/42 dem russischen Dirigenten Analole Fistoulari begegnet, den sie im März 1943 heiratet – sie ist seine Korrepititorin und studiert mit ihm Mahlers Werke ein, organisiert ein Orchester. Die gemeinsame Tochter Marina bleibt ihr auch nach der Trennung von Fistoulari.
An Besuche bei ihrer Mutter in London erinnert sich Alma Zsolnay: „Die Tage waren wirklich sehr schön. Es war zwar eine furchtbare Geldnot bei meiner Mutter ... jedes Konzert war ein Verlust ... Sie konnten die Spieler nicht mehr bezahlen, mußten Geld ausborgen, mein Vater hat ihr auch 100 Pfund geborgt. Meine Mutter hat keinen Groschen ausgegeben. Und mit dem Essen war es auch sehr schwierig. Daß überhaupt etwas zu essen da war: Ich habe damals ein recht sparsames Taschengeld bekommen ... habe immer versucht, etwas zu sparen. Zwei Shilling, und da habe ich sie ins Kino führen können. Meine Mutter ist direkt gehüpft auf der Straße, das Kino hat sie damals sehr gern gehabt.“ (1946, 131).
1937 besucht Alma Mahler-Werfel zum ersten Mal nach dem Krieg Europa und trifft ihre Tochter in London; in den beiden folgenden Jahren besucht diese die Mutter in den USA und verläßt im November 1950 England. Vorläufig lebt sie in Los Angeles bei Alma Mahler – eine konfliktreiche Zeit, bis sie wenigstens bei der Schriftstellerin Gina Kraus ein eigenes Atelier findet. An der University of California in Los Angeles erhält sie einen Lehrauftrag für Modellieren und kann ebenso wie schon in London eine Ausstellung ihrer Arbeiten in einer Gallerie erreichen. Es fehlt ihr aber die amerikanische Staatsbürgerschaft – sie hat einen britischen Pass: Damit ein Einbürgerungsverfahren in den Vereinigten Staaten begonnen werden kann, muß sie mit ihrer Tochter Marina ausreisen, und kann nach fast einem Jahr des Wartens in Kanada erst zurückkehren. In diesem Jahr muß sie sich mit verschiedenen Jobs durchbringen – längere Zeit lebt auch Alma Zsolnay bei ihr in Montreal.
In den folgenden Jahren entstehen viele Steinskulpturen Anna Mahlers, die in jährlichen Ausstellungen gezeigt werden. Mit einem nahen Freund, Albrecht Joseph, dreht sie einen biographischen Kurzfilm über Alma Mahler-Werfel, die 1964 in New York stirbt. Erst im nächsten Jahr fährt Anna zum ersten Mal wieder nach Europa, besucht Wien, kauft ein Haus mit Atelier in London und ebenso einen Stadtpalazzo in Spoleto, wo sie nun vor allem lebt und arbeitet. 1970 geht sie ihre fünfte Ehe ein, mit Albrecht Joseph, 1975 erscheint ein Bildband „Anna Mahler. Ihr Werk“ auf deutsch und englisch.
Seit ihrer Jugend hatte sich Anna Mahler gewünscht, nach China zu reisen, jetzt kann sie diese Pläne 1982/83 und 1985 noch verwirklichen, obwohl sie gesundheitliche Probleme hat. Einem größeren Publikum wird sie vorgestellt durch den Fernsehfilm „Ich bin nicht das, was man so tut“. Die Eröffnung ihrer großen Ausstellung im Festspielhaus in Salzburg erlebt sie nicht mehr: Anna Mahler stirbt am 3.Juni 1988 in London. So endet ein Leben in der Emigration: beispielhaft für so viele Biographien im vergangenen Jahrhundert.
Aber nicht nur in ihren Skulpuren lebt Anna Mahler weiter – zu ihrem 100.Geburtstag wird am 15.Juni 2004 die Ausstellung „Anna Mahler. Ich bin in mir selbst zu Hause“ im Literaturhaus in Wien eröffnet und der vorliegende Band mit den Texten zu Leben und Werk Anna Mahlers erscheint. Ein anderes Denkmal hat ihr schon 1985 Elias Canetti im dritten Band seiner Autobiographie „Das Augenspiel“ errichtet und in dem Roman von Marlene Steruwetz „Nachwelt“ arbeitet die Hauptperson an einer Biographie über Anna Mahler. Nicht nur diesen beiden Werken ist der Aufsatz über „Anna Mahler als literarische Figus“ gewidmet (153-167), der beredt Zeugnis ablegt von ihrer Ausstrahlung, die sich in den Autobiographien etwa Ernst Kreneks oder Albrecht Josephs spiegelt, aber auch in Kokoschkas Drama „Orpheus und Eurydike“ und Werfels „Bocksgesang“ oder dem Roman „The Inquest“ von Robert Neumann.
Gerade durch die Ergänzungen zur Lebensgeschichte im engeren Sinne, die von Barbara Weidle geleistet ist, gewinnt das Buch an Aussagekraft, nicht zuletzt durch ihre Auseinandersetzung mit „Anna Mahler als Künstlerin“ (168-214), zumal in diesem Kapitel die wichtigsten der erhaltenen Werke der Steinbildhauerin abgebildet sind – einen Bildband kann dies nicht ersetzen, gibt aber einen guten Eindruck von Anna Mahlers großem Werk, dem man durch die vorliegende Publikation gewonnen wird.
Renate Scharffenberg