Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Das Hessische Landestheater
Fausto Paravidino: Geflügelschere (Trinciapollo)
Deutschsprachige Erstaufführung - Deutsch von Sabine Heymann

Premiere: 9. Oktober 2004 Theater am Schwanhof

 

Marco: Markus Klauk
1. Fremder/1. Polizist
Verteidiger/Arzt
2. Richter: Gabriel Spagna
2. Fremder/2. Polizist
Gefängniswärter/Arzt
1. Richter: Ulrich Wittemann a.G.
Chiara: Barbara Schwarz

Regie: Luisa Brandsdörfer
Bühne und Kostüme: Ilka Kops
Dramaturgie: Jürgen Sachs

 

Bevor das Hessische Landestheater am nächsten Samstag (16. Oktober) sein ehrgeiziges Projekt „Schiller Spielplan“ startet, bringt es als deutschsprachige Erstaufführung ein zeitgenössisches Stück, das Erstlingswerk des jungen italienischen Erfolgsautors Fausto Paravidino, (geb. 1976) auf den Spielplan.

Paravidino packt brisante Themen an: Menschenrechtsverletzungen, Weltwirtschaftsgipfel 2001 in Genua, wo es bei Demonstranten und Polizisten 500 Verletzte und einen Toten gab, die Politiker und Banker für „Peanuts“ halten, und so heißt auch sein von „Theater heute“ zum besten ausländischen Stück des Jahres 2003 gewähltes Drama.

Geflügelschere. Schon der Titel macht neugierig: Wer oder was wird hier zerlegt werden, fragt man sich. Denn „die Geflügelschere ist ein  Arbeitsgerät, mit dem man gegartes oder ungegartes Geflügel zerlegt“, sagt schon das Wörterbuch.

Barbara Schwarz (Chiara) und Markus Klauk (Marco)

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein junger, irgendwie unsicherer Mann, Marco, (hochkonzentriert und verhalten gespielt von Markus Klauk) öffnet auf  Klingeln die Tür zu seiner Wohnung. Herein kommt ein irgendwie fürchterlicher Mensch in einem fürchterlichen gelben Rollkragenpullover, drängt sich auf, nervt und verhält sich unverschämt raumgreifend. Wehe dem, der sein Territorium nicht verteidigt. „Schmeiß ihn raus! Sonst wirst du gegrillt“, denkt der Zuschauer noch, aber Marco kocht stattdessen Espresso für den Fremden. Marco sagt: “Ich möchte nicht unhöflich oder unpassend sein.“ Und schon kommt noch eine zweite Person in die Wohnung.  Marco leistet keinen Widerstand mehr, geht in die Küche, macht noch einen Espresso. Derweil erschießt der zweite Fremde den ersten. Marco bleibt zurück,  mit einer Leiche im Flur. Jetzt klingelt auch noch Chiara, Marcos Freundin und Marco weiß genau, dies hier wird er keinem erklären können. Was jetzt? Die Absurdität des Geschehens evoziert absurde Gedanken: “Ich leg ihn in die Badewanne. Ich nehme die Geflügelschere, zerteile die Leiche in Teile. Friere die eine Hälfte ein und die andere Hälfte schicke ich  deiner Mutter.“, sagt Marco zu Chiara, die aber lieber die Polizei ruft.

Bleibt man bei der Geflügelscheren-Vorstellung, lässt sich das Nachfolgende auch so beschreiben: Zwei Polizisten (Gabriel Spagna und Ullrich Wittemann) kommen in dicken Mänteln mit Kojak-Hütchen und nehmen Marco von zwei Seiten in die Zange, so dass er unweigerlich im Gefängnis landet, wo er den Psychiatern und Richtern sozusagen „serviert“ wird. Marco ist das Hühnchen und die Geflügelschere schneidet gnadenlos weiter. Der Verteidiger verteidigt niemanden, er ist vielmehr Conferencier des Treibens. Am Ende des Stücks steht nur noch ein menschliches Gerippe auf der Bühne, von dem die Institutionen jetzt gesättigt ablassen können.

Marco zwischen seinen Ärzten (Ulrich Wittemann, Gabriel Spagna)

Den Epilog  platziert Paravidino neun Jahre nach der „qualvollen Psycho- und Prozesskiste“, wie Marco retrospektiv das Ungeheuerliche nennt.  Der Protagonist berichtet jetzt gemeinsam mit seiner irre lächelnden Verbündeten Chiara (Barbara Schwarz) im Therapeuten-Jargon dem Publikum von der schönen Gemeinsamkeit ihrer „Ängste und Probleme“ und vom „Mut, das Glück zu suchen.“ Eine starke Szene. Der eigentliche Mörder kehrt sodann wieder ins Spiel zurück und gesteht Marco seine Tat. Aber diese Realität interessiert Marco nicht mehr. „Sie sind meine dunkle Seite und ich war stärker... Sie sind ein Konstrukt meiner Phantasie. Die Instanz um Schuld abzuladen.“ Marco wurde zwischenzeitlich offensichtlich erfolgreich umgepolt und festgelegt auf das, was man ihn glauben gemacht hat. In verzweifelter Geste beschwört Marco schließlich sein neues „Glück“. Der Fremde muss gehen. Aber er trägt jetzt das gleiche Hemd wie Marco am Anfang des Spiels. Das nächste Hühnchen ist offenbar bereit.

Die Ensemble-Leistung der jungen Spieler ist beachtlich. Gabriel Spagna und Ullrich Wittemann geben jeweils fünf Rollen und glänzen vor allem als Psychiater, die auf hohen Eisenstelzen laufen, diese dann nach Feierabend mühevoll abschnallen, um wie zwei Kinder an einer „Caprisonne“ zu nuckeln und Zauberwürfel zu spielen. Gabriel Spagna überzeugt aber besonders als Verteidiger, den Ilka Kops (Bühne und Kostüme) mit rotem Samtanzug, Lackschühchen, Zauberstab und Zylinder ausstattet. Kops hellblauer Bühnenhintergrund aus Papier lässt auf eine rissige Wirklichkeit schließen. Luisa Brandsdörfer hat Marcos Geschichte nämlich wie einen Alptraum inszeniert, dem man als Zuschauer, manchmal wie durch Watte gesehen, folgt. Sie verzichtet auf Plakatives und das ist gut so. Die innertextlichen Anspielungen auf „Einer flog über das Kuckucksnest“ reichen hier aus, zumal eine ausgesprochen eindrückliche Vorstellung des gleichnamigen Stücks von Dale Wasserman vor zwei Jahren im Theater im Schwanhof (Inszenierung: Ekkehard Dennewitz, s. die Rezension im Marburger Forum) noch manchem Zuschauer präsent sein wird.

Niemand glaubt ihm. Markus Klauk als Marco

In Geflügelschere wird man gefordert, selbst „merkwürdige Antworten auf normale Fragen oder normale Antworten auf merkwürdige Fragen“ zu geben und länger nachzudenken, etwa über einen der letzten Sätze Marcos: „Ich kam mir vor wie ein Kind, das eine Vase zerschlagen hat. Erst war ich das Kind, dann die Vase.“ Das Theaterstück spielt mit den Assoziationen, die um den zentralen Begriff Geflügelschere kreisenund hat eine einfache Botschaft: Ihr Menschen, die ihr alle wie die Hühnchen auf den Stangen sitzt, passt bloß auf!

„Warum soll man sich das anschauen?“ fragt Luisa Brandsdörfer im Programmheftchen. Weil ein sehr junger Autor, der dieses parabelhafte Stück mit 21 Jahren schreibt, eine Menge zu sagen hat, ist zumindest eine Antwort. Schiller war erst 18, als er „Die Räuber“ anfing.  Mit 22 Jahren hatte er einen überwältigenden Erfolg damit. Das war 1782.

Die nächsten Vorstellungen: 12., 13. und 29. Oktober 20.00 Uhr TASCH 2.

Erika Schellenberger-Diederich

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