Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

"Roll over Beethoven", "Erziehung zu bewußtem Hören" oder "Vorwärts zu Beethoven" mit  Jost Hermands neuem Beethoven-Buch?

Prometheus oder einer von den "Menschen wie Du und Ich"? Diese Frage nach dem heute zulässigen, gebräuchlichen oder sinnvollen Beethoven-Bild scheint den prospektiven Leser zu bewegen, nach Meinung des Autors, Jost Hermand, Germanist und Kulturhistoriker, Jahrgang 1930, seit Jahrzehnten in den USA lehrend und lebend.

Um sein Buch über "Beethoven. Werk und Wirkung" zu lesen und zu verstehen braucht es keinerlei Notenkenntnisse (auf den ca. 260 Seiten finden sich 5 Notenbeispiele!); so fühlt sich die Rezensentin als Nicht-Musikwissenschaftlerin (aber Germanistin) berechtigt zur Buchbesprechung. Zielgruppe für Hermand also die musikalischen Laien, die Musikliebhaber, die Beethoven-Fans? Ja und Nein! Denn für diese gibt es schon die eine oder andere Stolper - Schwelle im ansonsten äußerst verständlich geschriebenen Text. Im übrigen ist das Buch eine Fundgrube von musikwissenschaftlichen Fachliteraturangaben zu Beethoven (u.a.) im Anmerkungsapparat. Dies ließe, neben seinem eminent pädagogischen Anspruch, auf heutige Musiklehrer als besondere Zielgruppe schließen.

Der Autor setzt sein Buch aus 12 Kapiteln zusammen; z.T. vorher in Fachzeitschriften veröffentlichte Beiträge aus den 80er und 90er Jahren, unterteilt in die zwei großen Bereiche "Das Werk" und "Die Wirkung". - Dieses Buch ist ein politisches und soll es sein! Es trägt, vom Autor so gewollt, eine "Botschaft", so wie Hermand das auch an den von ihm darin besprochenen Beethoven-Werken demonstriert. Diese "Botschaft" Hermands bzw. für ihn auch Beethovens verrät schon die Umschlaghülle, auf der Joseph Karl Stielers Beethoven-Bild von 1820 in den Tönen der revolutionären Tricolore blauweißrot eingefärbt ist. Auf diesem Bild hält Beethoven eine Partitur seiner "Missa solemnis" in der Hand. Dieses Spät - werk wird von Hermand jedoch  - wohl wegen seiner religiösen Form und Thematik wie auch seines Umfangs halber - im Buch nicht näher behandelt. Das Anfangskapitel beschäftigt sich - sehr instruktiv - mit der musikalischen Seite der Französischen Revolution: Liedern (allein von 1789 - 1791 gab es 2.500 - 3.000 revolutionäre Lieder!), Hymnen, Märschen, Volksopern usw., deren Verbreitung und Auswirkung auf französische, italienische und deutsche Komponisten. - Das 2. Kapitel gilt der "Grande Sonate Pathétique" op.13, die Hermand u.a. wegen der ausnahmsweise authentischen Titelgebung des Komponisten und der für ihn hier wesentlichen Tonart c-moll besonders anzog. - Der Autor bespricht 'nur' eine von Beethovens 9 Sinfonien; natürlich wählt er, seiner politischen Intention folgend, die 3. Sinfonie op.54, die "Eroica", dafür aus. - Ebenso auf der Hand liegt sein Eingehen auf des Komponisten einzige Oper: Kapitelüberschrift "Ein Stern der erfüllten Hoffnungen, genannte Erde. Utopisches in Beethovens Fidelio". - Der letzten Klaviersonate op.111 ( zusätzlich berühmt durch Thomas Manns "Dr.Faustus") und dem letzten Streichquartett op.135 werden weiter eigene Kapitel eingeräumt. - Unter "Heil dir, Germania!" geht es um "Beethovens 'patriotische' Kompositionen aus der Zeit der Befreiungskriege", heute meist unbekannte, von Dirigenten und Musikwissenschaftlern weniger geschätzte und zeitbedingte Auftragswerke (3 Lieder:"Der Barden-geist", WoO 142, "Merkenstein", WoO 144, "Des Kriegers Abschied", WoO 145; Schlußchor "Germania", WoO 94 zu Treitschkes Singspiel "Die gute Nachricht"; Kantate "Der glorreiche Augenblick" op.136; 4 Nummern für das nie aufgeführte Drama "Leonore Prohaska", WoO 96; Schlußchor "Es ist vollbracht", WoO 97 für das patriotische Festspiel "Die Ehrenpforte").

Der 2. Teil des Buches, "Die Wirkung", setzt sich mit Rezeptionsgeschichte aus recht disparaten Abschnitten und Ländern zusammen: Da bespricht Hermand den DEFA-Film von 1976 "Beethoven - Tage aus einem Leben", nach seinem, wie auch Gerh. Kochs (Musikkritiker der F.A.Z.) Urteil ausgesprochen empfehlenswert. Da kritisiert der Autor die "Spiegel"-Berichterstattung zu dem Beethoven-Jubiläum 1970 als "auf die Ebene des Erotischen und Kommerziellen heruntergezogen", die Beethoven als "ein frustriertes oder neurotisch - gehetztes, wenn auch geschäftstüchtiges Talent" karikiere. Da rezensiert Hermand Th. W. Adornos nachgelassene "Beethoven - Fragmente" von 1993 enttäuscht, da hier kein "Bekenntnis zum Heroischen, Mitreißenden oder Beseligenden", wie er es offenbar erwartet hatte, erfolgt. Adornos Musik-Philosophie und Sicht Beethovens, an Hegels "Phänomenologie des Geistes" wie Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" orientiert, arbeitet, nach Hermands Ansicht, mit "unnötigen Verkomplizierungen und betont kennerischer Zurschaustellung handwerklicher Techniken" [ als Komponist und Musiksoziologe! HSE] und tendiert "immer wieder ins Exklusive, ja Esoterisch-Elitäre, wenn nicht gar Überhebliche."

"Intellektuelle Arroganz" Adornos sieht Hermand hier, wenn Adorno vermutet, daß sich Beethovens Werk "nur wenigen Connaisseuren erschließe". Während Adorno skeptisch eine ästhetische Erziehung der Massen durch Radio-Übertragungen der Beethoven-Sinfonien bezweifelt und "emotionale Schablonen" - Bildung sowie das "ominöse schöne-Stellen"-Hören befürchtet, glaubt und hofft Hermand (wie anfangs Walter Benjamin) noch an die musikpädagogische Wirksamkeit der Massenmedien. [Man stelle sich B.s, A.s und Hermands Reak-tion auf die heutigen Handy-Klingeltöne mit "klassischen" Themen, z.B. dem Klopf-Motiv der 5.Sinfonie, vor!]

Ein US - amerikanisches Kapitel über "Genderspezifische Aspekte der jüngsten Beethoven-Forschung" bleibt enttäuschend unergiebig und zu breit dargelegt.

Im Anfangskapitel des 2.Teils "Nähe in der Distanz. Über den Umgang mit Werken älterer Kunst." sortiert Hermand zwischen den romantisierend-konservativen "Rückwärtsern" mit nostalgischer und den anthropologisch, psychoanalytisch, lebensphilosophisch ausgerichteten Hörern bzw. Interpreten von Beethovens Musik. Hermand lehnt die Möglichkeit einer spontaneistischen unmittelbaren Einfühlung ab auf Grund seines historischen Ansatzes. Er empfiehlt, wiederholt über das ganze Buch, die Methode der geschichtlich fundierten "Form-Inhalt-Relation" einer "dialektisch ausgerichteten (...) Hörweise". Auf diese Weise charakterisiert er Beethovens Leben und Werk als Weiterhoffen, Weiterkämpfen, das "stellenweise ans Illusionäre grenzt, aber zugleich von faszinierender Utopieträchtigkeit" ist. Wegen dieses "uneingelösten Utopie-Anspruchs" fordert er seine Leser auf, als Hörer wegzukommen von Musikhören als Hintergrundkulisse und Berieselung, sondern stattdessen zum "historisch-bewußten Hören" Beethovens zu gelangen.

Hannelore Schmidt-Enzinger

Jost Hermand, Beethoven.Werk und Wirkung. Böhlau Verlag Köln 2003, 260 S., 24.90 €, ISBN: 3-412-04903-4

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