Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Dritte Replik zur Verteidigung des „Grundlegenden Denkfehlers“

Erwiderung auf B. Ehlerts „Zweite Replik“

von Friedrich Seibold

Herr Ehlert beginnt seine Erwiderung mit einem Referat über Wiedergeburtslehren, wozu er eine beiläufige Bemerkung meinerseits als Aufhänger benützt. Für den oberflächlichen Leser muß ich mich deshalb von Wiedergeburtslehren ganz allgemein ausdrücklich distanzieren und wiederhole dazu eine klarstellende Passage aus meinem Essay „Ein grundlegender Denkfehler in der Philosophie“:

„Der Tod eines Lebewesens ist [...] das Zurücksinken eines relativ hohen Bewußtseinsgrades (Komplexitätsgrades) eines Individuums auf den minimalen vieler ‚Individuen’ (bzw. ‚Entitäten’, um auch alle unbelebten Objekte mit einzuschließen) in Form von Materieeinheiten.“

Dennoch bringt mich Ehlert in Verbindung mit den suspekten Wiedergeburtslehren, und das obwohl er paradoxerweise auch noch mich mit meiner klaren Absage an ein individuelles Fortbestehen von Bewußtsein nach dem Tod zitiert! Ich spreche dort vom „Fortbestehen von Bewußtsein (bei mir allerdings nicht als das ursprüngliche individuelle Bewußtsein) nach dem Tod einesLebewesens.“ (Kursive Hervorhebung durch B.E.)

Daß Bewußtsein in einer Bewußtseinswelt nicht untergehen kann, sondern in irgendeiner Form immer bestehen bleibt, ist eine logische Notwendigkeit und hat nicht das geringste mit Wiedergeburt zu tun. - Ehlert brauchte offensichtlich um jeden Preis einen scheinbaren Grund für sein Referat.

So voluminös Herrn Ehlerts Erwiderung ist, so wenig direkten Bezug hat sie zu meinen Beweisen des ‚Denkfehlers’ und der Bewußtseinswelt. Ehlert sieht in meinen Aussagen anscheinend nur übliche Behauptungen bzw. Meinungen aus dem Philosophiebetrieb und glaubt, sie pauschal mit den Annahmen der „realistischen Naturwissenschaft“ aushebeln zu können. Es scheint ihm noch nicht klar zu sein, daß mein genannter Essay eine logisch-philosophische Analyse ist, deren Ergebnis die logische Unhaltbarkeit von Begriffen ist, deren Bedeutung sich vom Denken ausschließt, was zugleich die Definition des ‚Denkfehlers’ ist.

Diese logische Analyse mit Aussagen über (empirische) anschaulich-meßbare Sachverhalte bzw. mit dem Kriterium zu konfrontieren, ob die logischen Aussagen „in der Praxis überprüft werden [können]“, ist ein kardinaler Kategorienfehler, d.h. das Schließen von einer Kategorie auf eine andere. Hier  bedeutet es, die logische Denkebene mit der empirischen realen Erfahrungsebene zu verschränken. Einen schlimmeren der bekannten philosophischen Fehler kann man sich schwerlich vorstellen. Es ist natürlich derselbe kardinale Fehler, vom Denken auf ein empirisches (reales) Sein Schlüsse ziehen zu wollen. Dazu weiter unten zwei berühmte historische Beispiele.

Das logische Denken an empirischer (realer) Erfahrung messen zu wollen, es daran bewerten, damit kontern oder von letzterem auf ersteres schließen zu wollen, ist zudem deshalb ein Unding, weil man denken kann, ohne Empirie zu betreiben, ja, wie die Philosophie zeigt, ohne überhaupt ihr Wirklichkeit zuzuerkennen, aber nicht Empirie betreiben kann, ohne (logisch) zu denken. Das alles betrifft nicht die übliche Überprüfung einer Theorie durch die Praxis, weil es dabei nicht um essentielle Aussagen über die Welt geht, also nicht um Kategorien wie die des Realen oder Idealen. Außerdem werden bei jeder Bewahrheitung (Überprüfung) letztlich nur Denkinhalte verglichen, in diesem Fall theoretische Aussagen (Behauptungen) mit empirischen Aussagen, d.h. Beschreibungen praktischer Sachverhalte (Wahrheit ist eben das Resultat von Denkprozessen; s. den Essay „Einmal mehr: Was ist Wahrheit?“). Ein Kategorienfehler ist dagegen die Verschränkung von Inkompatiblem, wie die von bewußtseinsabhängigen Denkinhalten mit einer angeblich bewußtseins- und damit denkunabhängigen Wirklichkeit. Kategorien sind nicht ineinander überführbar und nicht auseinander ableitbar, sind Entitäten, die mit anderen keine gleichartigen Elemente enthalten. Weitere Beispiele sind Quantität und Qualität.

Ferner kann man einen Beweis nicht durch eine bloße Gegendarstellung widerlegen, sondern alleine durch den Nachweis eines Fehlers in der Struktur der Beweisführung, d.h., ein Beweis kann nur in sich widerlegt werden. Ehlert ist offensichtlich der irrigen Meinung, es genüge zu zeigen, daß seine Gewährsleute bezüglich der Konsequenzen aus dem ‚Denkfehler’ gegenteiliger Auffassung sind, und das auch noch, wie in der etablierten Philosophie üblich, ohne stichhaltige Begründung. Gegen meinen Beweis des ‚Denkfehlers’ hilft auch kein Kant, der ihm selbst erlegen ist. Kaum ein Philosoph, der ihn nicht beging. Man kann es eigentlich nur mit der Trägheit des menschlichen Denkens in weltanschaulichen Dingen entschuldigen, einen Berg von widersprüchlichen bloßen Behauptungen, wie ihn die Geschichte der Philosophie im wesentlichen darstellt, gegen ihren ersten inhaltlichen und grundlegenden, auch noch mehrfach abgesicherten Beweis ausspielen zu wollen.

Auch deshalb, weil der ‚Denkfehler’ ein rein logischer Fehler ist, entbehrt es der Logik, wenn Ehlert behauptet, ich wollte ihn den Naturwissenschaften zum Vorwurf machen und „insbesondere bei den Naturwissenschaften ein neues Weltbild begründen“, so als gälte ein solches nicht dann auch für die Geisteswissenschaften. Ich habe in meiner vorausgegangenen Replik bezüglich der Naturwissenschaften lediglich deutlich gemacht, daß sie das letzte Wort in Sachen Weltbild haben. Die Philosophie hat leider diese Rolle verspielt. Und verantwortlich für das gängige falsche Weltbild ist alleine die Philosophie. Die Einzelwissenschaften dürfen von bestehenden metaphysischen Annahmen, wie z.B. der einer bewußtseinsunabhängigen Außenwelt ausgehen, ohne sich um deren Begründung bemühen zu müssen, weil das eben die Aufgabe der Metaphysik, der Philosophie ist. Daß die etablierte Philosophie sich dazu als unfähig erwiesen hat, ist kein Mangel der Natur- bzw. Einzelwissenschaften. – Angesichts Ehlerts Parteinahme für die Realitätssicht der Naturwissenschaften und gegen die von mir vertretene Bewußtseinswelt mutet es geradezu komisch an, wenn er in seiner vorausgegangenen Erwiderung schreibt: „Um nicht falsch verstanden zu werden: ich bin ebenfalls der Meinung, dass vieles auf die Geistigkeit der Materie hinweist“.

Wie schon H. Welger gebraucht auch Ehlert wieder das zur Stützung der Realitätssicht untaugliche Argument, sie habe sich als nützlich bzw. „als sehr erfolgreich erwiesen“. Abgesehen davon, daß ihr Erfolg nichts mit ihrer metaphysischen Grundannahme zu tun hat, sondern nur mit ihrer Methodik, war wohl jede alte Theorie einst mehr oder weniger tauglich. Eine neue ist aber immer dann die bessere, wenn sie umfassender ist, dabei das, was die alte leistet, in sich integriert, und vor allem, wenn sie im Gegensatz zur alten widerspruchsfrei ist. Alles das ist der Fall in der nachgewiesenen Bewußtseinswelt gegenüber der unbeweisbaren und zu Widersprüchen führenden ‚realen’ Welt.

Herr Ehlert bemängelt, daß ich nicht ausdrücklich zwischen Bedeutung und Erfahrung unterscheide, weil das zur Beurteilung eines Denkfehlers wesentlich sei. Das mag für einen x-beliebigen so genannten Denkfehler schon richtig sein, aber nicht für den hier in Rede stehenden ‚grundlegenden Denkfehler’, weil dieser die Erfahrung selbst zum Gegenstand hat. Überhaupt ist es sehr mißlich, weil verwirrend, daß Ehlert den Begriff ‚Denkfehler’ unspezifisch, nun für vielerlei gebraucht und so mit dem von mir exakt definierten Begriff vermengt. Nach ihm soll es auch ein Denkfehler sein, wenn „Vorstellungen objektiv nicht mit der Erfahrung und den natürlichen Gesetzmäßigkeiten in Einklang zu bringen sind“ (das ist eben ein Fehler in diesen Vorstellungen), weiter bringt er meinen ‚Denkfehler’ in Beziehung mit einer „Identitätsherstellung“ im Zusammenhang mit der „Wiedergeburtsproblematik“, spricht von Denkfehlern als Aberglauben und will schließlich die logisch zwingenden Konsequenzen aus dem von mir nachgewiesenen ‚Denkfehler’ seinerseits als Denkfehler entlarvt haben. Ein wahres Denkfehler-Potpourri.

Und auch dort, wo Ehlert meine Aussagen zum ‚Denkfehler’ wortwörtlich nimmt, begeht er denselben aufgezeigten Kategorienfehler. Obwohl ich deutlichst darauf hinweise und er mich darin sogar zitiert, vermag er anscheinend nicht zu unterscheiden zwischen der Nicht-Beweisbarkeit bzw. Nicht-Widerlegbarkeit der Existenz/Nicht-Existenz einer bewußtseinsunabhängigen Außenwelt und der Nicht-Denkbarkeit bzw. Denkbarkeit dieser Realität. Nun im Detail. Zunächst zitiert mich Ehlert:

„Der Gedanke „unabhängig vom Bewußtsein“ impliziert den Gedanken „unabhängig vom Denken“ – denn das Denken ist im Bewußtsein enthalten -, ein Gedanke, dessen Bedeutung gedanklich nicht vollziehbar ist, weil es unabhängig vom Denken kein Denken gibt. Diese Bedeutung müßte unter Ausschluß des Denkens gedacht werden! Die genannten Gedanken in ihrer Bedeutung denken zu wollen, heißt, das Undenkbare denken zu wollen. Damit ist eine vom Bewußtsein unabhängige reale Welt nur als Denkfehler denkbar und die Rede von der Existenz einer solchen Realität bzw. Welt sinnlos.“

Weiter interpretiert mich Ehlert (aus den hier wegen der gebotenen Kürze nicht im Wortlaut wiedergegebenen „ersten Sätzen“), indem er sagt: 

„Wir können zwar eine vom Bewusstsein unabhängige Außenwelt nicht erkennen, nicht beweisen und auch nicht denken - aber damit eben auch nicht widerlegen. Das ist wie in den ersten Sätzen gesagt richtig, d.h. wir können, wie in den ersten Sätzen festgestellt, weder etwas über ihre Existenz noch über ihre Nicht-Existenz aussagen. Erkennen und Beweisen ist letztlich auch nichts anderes als Denken, so dass wir über eine Realität außerhalb des Bewusstseins auch nichts denken können. Bis hier stimmt die Logik.“

Also volle Zustimmung Ehlerts, möchte man meinen. Aber dann sagt er: „Doch dann widerspricht Seibold dieser seiner eigenen Feststellung, indem er sagt: Weil wir darüber nichts denken können, kann eine solche Realität auch nicht existieren.“

Genau das sage ich gerade nicht und nirgends. Ich sage lediglich, wie aus dem obigen Zitat ersichtlich, daß „eine vom Bewußtsein unabhängige reale Welt nur als Denkfehler denkbar und [damit] die Rede von der Existenz einer solchen Realität bzw. Welt sinnlos [ist].“ D.h., es ist sinnlos, von einer solchen Existenz zu reden und deshalb zwangsläufig auch sie zu denken. Salopp gesagt, es ist Unsinn, sie überhaupt in den Mund zu nehmen, oder akademischer formuliert, sie ist eben ein Denkfehler. Und mit Unsinn bzw. einem Denkfehler sollte man in den Wissenschaften nicht operieren.

Zwischen einer bewußtseinsunabhängigen EXISTENZ oder gar ihrem Beweis bzw. auch ihrer Widerlegung und dem DENKEN dieser Existenz, d.h. zwischen Denken und realem Sein nicht säuberlich zu trennen, ist eben ein grandioser Kategorienfehler. Ich habe auf den Unterschied schon vor der Darstellung des grundlegenden Denkfehlers in meinem Essay hingewiesen mit den Worten:

Daß „etwas, weil es als real, d.h. als unabhängig vom Denken existierend gedacht wird, deshalb nicht auch schon unabhängig vom Denken existent [ist]“. Aus dem DENKEN einer Realität folgt nicht ihre reale EXISTENZ, beides die zwei grundlegendsten Kategorien!

Es ist ein fundamentaler Unterschied, zwischen dem Denken des Denkinhalts ‚reale/bewußtseinsunabhängige Existenz’ und dem Denken (der Behauptung), daß diese gedachte Existenz real/bewußtseinsunabhängig existiert. Im ersteren Fall handelt es sich um den bekannten Denkfehler infolge des Denkens von ‚real/bewußtseinsunabhängig’ und damit des Denkinhalts ‚denkunabhängig’, im letzteren Fall handelt es sich um das Postulat einer gedanklich unzugänglichen, weil außerhalb des Denkens liegenden Existenz. Und in diesem Fall kann diese Existenz deshalb natürlich auch nicht Gegenstand eines Beweises oder einer Widerlegung sein. Indem Ehlert beides vermengt, d.h. die Denkebene und die empirische Ebene nicht säuberlich trennt, erzeugt er zwangsläufig Widersprüche, die er dann mir anlastet.

Als berühmteste Beispiele für diesen kardinalen Kategorienfehler stehen Descartes’ Satz: „Ich denke, also bin ich“ und sein ontologischer Gottesbeweis, in dem er aus dem Denken des Denkinhalts ‚Gott’ etwas diesem real Entsprechendes ableitet. Jedes für sich ein doppeltes Kuriosum, weil man zudem, wie schon andernorts gesagt, aus einer Prämisse alleine gar nichts folgern kann. Es lassen sich weder aus einem so genannten realen Sein auf das Denken, d.h. auf das ideale Sein, Folgerungen ziehen, noch umgekehrt.

Im weiteren sagt Ehlert noch in Bezug auf mich: „Doch die Aussage, dass es über unser Bewusstsein hinaus mit Sicherheit nichts geben [also nichts existieren!] kann, ist auch ein Denken über das Bewußtsein und Denken hinaus und Seibold begeht mit dieser Feststellung und Aussage denselben Fehler, den er direkt davor anderen vorwirft.“ Mit Verlaub, aber das ist Quatsch, den ich  nirgendwo sage und bei gründlichem Lesen auch nirgends bei mir herausgelesen werden kann.

Ebenso sind die restlichen Einlassungen Ehlerts, soweit überhaupt einschlägig,  mit dem Kategorienfehler und dem grundlegenden Denkfehler behaftet, was mich enthebt, darauf im einzelnen einzugehen. Herrn Ehlerts zum eigentlichen Diskussionsgegenstand gehörende Ausführungen sind ein mahnender Beleg dafür, wie dringend nötig es ist, in der (inhaltlichen) Philosophie wieder ganz von vorne zu beginnen.

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