Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Alexander Ulfig: Die Überwindung des Individualismus. Versuch einer Lebensorientierung. Verlag Die blaue Eule, Essen 2003, 105 Seiten, ISBN 3-89924-063-4, 16 €

Seit der Renaissance, verstärkt jedoch seit der Aufklärung, gibt es politische, soziale, wie philosophische Tendenzen zur Emanzipation des Individuums, dazu mithin, dem einzelnen Menschen ein Selbstbestimmungsrecht über sein Leben zuzubilligen. Ulfig weist gleich zu Anfang seiner Untersuchung auf die positiven Seiten dieses Prozesses hin, der notwendig gewesen sei, "um uns von traditionellen Mächten und Herrschaftsstrukturen zu befreien" (S. 9). Die Idee der Autonomie verband sich in ihm mit derjenigen der "Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und Kräfte" (ebda.). Beide münden in die Vorstellung der Selbstverwirklichung, die in der Aufklärung immer in einen gesellschaftlichen Rahmen eingebunden war. Jedes Individuum war unmittelbar Teil eines Ganzen, dem es mit seiner Entwicklung diente (vgl. hierzu S. 16).

Der moderne Individualismus entsteht, wenn die Sinn-Einheit eines solchen Ganzen nicht mehr verbindlich ist. Seit dem 19. Jahrhundert verlieren die großen hierarchischen Institutionen: die Kirche und der Staat, ihre integrative Kraft. Immer mehr ist der Einzelne darauf verwiesen, in sich selbst und in selbstgeschaffenen Strukturen den Zweck seines Daseins zu finden. "Sinn" jedoch ist, wie Ulfig später ausführen wird, etwas Objektives, das sich nicht wirklich in rein subjektive Kategorien überführen lässt. Deswegen bedroht von vornherein ein "Sinnvakuum" (ebda.) denjenigen, der nun die Ziele seines Egos auch unter Absehung von der Gesellschaft, der er angehört, verfolgen will. Der egoistisch auf sich zentrierte Mensch sei weiterhin von "Erfahrungsarmut" bedroht: "Wichtige Erfahrungen, wie z. B. sich selbst vergessen und das Aufgehen in einer Tätigkeit bzw. im Engagement für Andere, können von innenorientierten Menschen gar nicht gemacht werden" (ebda.). Wird, mit anderen Worten, die Entwicklung der Individualität nur noch als diejenige eines "Ichs" (S. 19) begriffen, so lösen sich scheinbar paradoxerweise dessen Wünsche nach Erfüllung, die doch immer zum greifen nah erscheint, auf: "Je mehr der Einzelne nach etwas strebt, je intensiver er etwas herbeisehnen möchte, umso mehr verfehlt er es auch schon" (S. 58).

Aus den genannten Gründen könne das Streben nach Selbstverwirklichung "nur als eine wichtige Etappe in der Entwicklung des Individuums betrachtet werden, eine Etappe, auf der er (? - Ulfig schreibt insgesamt verständlich und präzise, nur an wenigen Stellen, wie auch der oben zitierten: "Erfahrungen, wie ... sich selbst vergessen", kommen sprachliche Ungenauigkeiten vor) sich von den Hindernissen und Zwängen befreit, sich selbst, seine Kräfte und Potentiale erkennt" (S. 10); dann jedoch müsse der "Schritt von der Innen- zur Außenorientierung" (ebda.) vollzogen werden. Was Ulfig damit meint, soll gleich skizziert werden.

Um zu analysieren, wie die nach innen, auf ein mehr oder weniger egoistisches Selbst, gerichtete Orientierung wieder nach außen, auf andere Menschen, insgesamt auf nicht (nur) - subjektive Zusammenhänge, gewendet werden könne, bezieht sich Ulfig vor allem auf Viktor Frankls Logotherapie und Mihaly Csikszentmihalyis Untersuchungen über das so genannte "flow"-Erlebnis. Frankl habe erkannt, dass heute viele Menschen "weniger unter einer sexuellen [wie Freud annahm] als vielmehr unter einer existentiellen Frustration" (S. 49) leiden. Hieraus resultiere ein "spezifischer Neurotizismus" (V.E. Frankl: Theorie und Therapie der Neurosen. Einführung in Logotherapie und Existenzanalyse), der sich in einer Fokussierung auf die eigenen Ängste äußere und nur durch eine Selbsttranszendierung überwunden werden könne (S. 50). Die von der Angst ständig aktivierte Innenschau versucht Frankl bei seinen Patienten mit der Technik der "Dereflexion" und der "paradoxen Intention" zu durchbrechen. Ziel ist es dabei, dass die oder der Kranke wieder Distanz zur eigenen Person gewinnt, sich selbst transzendieren und wieder Verantwortung auch für andere übernehmen kann. Ähnlich wie Frankl hat auch der ungarische Psychologe Csikszentmihalyi festgestellt, dass die Erfahrung von Glück und Erfüllung besonders bei Aktivitäten stattfindet, "in denen der Einzelne aufgeht, sich selbst vergisst und mit der Umwelt verschmilzt" (S. 66). "Der Zustand des Aufgehens in einer Tätigkeit wird von ihm [Csikszentmihalyi] als flow bezeichnet" (ebda.).

Im flow-Zustand reflektiert der Handelnde nicht auf sich selbst; aus solcher Konzentration auf die jeweilige Sache geht dennoch das Selbst gestärkt hervor (vgl. S. 69). "Man hat dabei das Gefühl, dass man die Grenzen des eigenen Selbst überschreitet und zumindest für eine kurze Zeitspanne Teil eines größeren Ganzen ist" (ebda.). Aus dieser Beobachtung ließen sich Schlüsse über die Struktur menschlicher Sinn-Erfahrung überhaupt ziehen. Wirkliches Glück und das Erlebnis von Sinn scheinen identisch, weil das Individuum jeweils mit einem es Umfassenden verschmilzt, das zugleich außen und innen erfahren wird. In ihm findet der Einzelne, der sich aktiv an der Herstellung eines solchen Zustandes beteiligt, dessen Eintreten jedoch seinem Willen entzogen ist, sich selber. Eigentlich ist hier die Rede von einer das Bewusstsein nicht auslöschenden, sondern es in tiefste Konzentration versenkenden Ekstase ("Man ist selbst in einem so ekstatischen Zustand, dass man sich [...] beinahe inexistent fühlt", beschreibt ein Komponist seine Tätigkeit; S. 69, zit. nach Csikszentmihalyi: Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile im Tun aufgehen, Stuttgart 1993, 5.Aufl., S. 63). Offensichtlich ist, dass sich in der individuellen Glückserfahrung kollektive Elemente befinden, die im Ich selbst reaktiviert werden. Diese Tatsache muss uns bei der Beurteilung der von Ulfig versuchten "Lebensorientierung" noch beschäftigen.

Flow (Fließen, Strömen) hat einen, wie Csikszentmihalyi sagt, "autotelischen" Charakter, d. h. diese Tätigkeit wird um ihrer selbst willen ausgeführt (S. 70). Ulfig kritisiert an dieser Bestimmung, "dass der flow-Zustand kein oberstes Ziel bzw. kein Selbstzweck sein kann; vielmehr kann er [...] nur Nebeneffekt einer auf externe, in der Außenwelt liegende, Ziele, Aufgaben und Ereignisse ausgerichteten Tätigkeit sein" (ebda.). Eine solche Tätigkeit findet sich besonders im freiwilligen sozialen Engagement, dessen Darstellung Ulfig ein eigenes Kapitel widmet. Wer sich solchermaßen sozial engagiert, hat nicht selten Flow-Erlebnisse, die sich jedoch nur als "Nebenprodukte" (S. 83) der eigentlichen Aufgabe einstellen: das Helfen wird "daher niemals als Mittel zur eigenen Selbstverwirklichung aufgefasst werden" (ebda.). Als besonders wichtiges Beispiel eines das eigene Ich transzendierenden Engagements erwähnt Ulfig das Erziehen von Kindern.

In der Analyse der sozialen Komponente von Sinn-Erfahrungen arbeitet Ulfig bereits das über-individuelle Element jener Erfahrungen heraus, das in seiner "Abschlussbetrachtung" im Zentrum steht. "Sinn" müsse die Sphäre von Einzelerlebnissen überschreiten und letztlich das ganze Leben umgreifen (S. 90). Das jedoch bedeute: "Die Phänomene des Lebenssinns, Todes und Glücks verweisen aufeinander. Ein volles Verständnis eines dieser Phänomene setzt das Verständnis der beiden anderen voraus" (ebda.).

Jede nur das Ego betreffende Lebensperspektive scheitert notwendig am Tod, damit aber an der Vergänglichkeit aller Gehalte unseres Daseins überhaupt. Auch die von Martin Heidegger in "Sein und Zeit" vorgestellte Möglichkeit einer eigentlichen Existenz, die dem eigenen Ende gerade nicht ausweicht, sondern im "Vorlaufen zum Tode" die Bedingung des Lebens erfährt, kann nach Ulfig die Grenzen des Individuellen nicht transzendieren. (Vielleicht greift diese Kritik zu kurz. Man vergleiche dazu etwa: "Als unbezügliche Möglichkeit vereinzelt der Tod aber nur, um als unüberholbare das Dasein als Mitsein verstehend zu machen für das Seinkönnen der Anderen." "Sein und Zeit", Tübingen 1979, S. 264).

Wer den Tod nur als individuelles Scheitern versteht, für den ist auch die "Verinnerlichung und Privatisierung des Glücks" (S. 92) kennzeichnend. Im Grunde vernachlässigen also alle individuellen Lebenskonzepte ein Grundbedürfnis unseres Daseins, nämlich das "Verlangen, über die Grenzen des eigenen Selbst hinauszugehen" (S. 95). Der Befriedigung dieses Verlangens dienten ehemals die monotheistischen Religionen, aber: "Das monotheistische Weltbild kann als überwunden und damit als überkommen betrachtet werden" (S. 96). An seine Stelle könne eine "nicht-monotheistische (atheistische) Religiosität" mit "einer bestimmten Haltung zur Welt" (ebda.) treten. Deren wichtigste "Merkmale" seien: "Gelassenheit im Sinne des Geschehen-lassen-Könnens bzw. des Sich-von-den-Dingen-leiten-lassen-Könnens, Offenheit im Sinne einer abwartenden Empfängnisbereitschaft, Selbstvergessenheit und Selbsttranszendenz, Aufgehen in einer Tätigkeit, selbstlose Hingabe an Andere und Verschmelzung mit der Umwelt" (S. 97). Eine solche Haltung impliziere das Aufgeben einer Homo-faber-Einstellung mit ihrem "vorstellend-berechnenden Denken" (ebda.). Erst wer sich selbst loslassen könne, sich nicht mehr an das eigene Ich klammere, sei frei. "Die Loslösung von den Dingen und von sich selbst ist mit einem Befreiungsgefühl verbunden" (S. 99). Es ermögliche "eine ekstatische Stimmung" (ebda.). Wer sie empfindet, "glaubt, von einer höheren, über-individuellen Kraft getragen zu sein. In der Erfahrung des Getragenseins offenbart sich ihm ein über-individueller Lebenssinn, der für die Gestaltung seines Verhältnisses zur Welt, allgemein: seiner Lebensorientierung, bestimmend ist (ebda.).

Die Rede ist offensichtlich von einer "Mystik ohne Gott" (Musil), einer Religiosität ohne institutionalisierte Kirchen, wie sie in früheren Zeiten Fritz Mauthner, Gustav Landauer oder auch Leopold Ziegler anstrebten. Ulfig verklammert diese Bestrebungen mit seiner Analyse der gegenwärtigen Gefährdungen des Menschen. Er zeigt in größter Deutlichkeit, dass das Streben nach Selbstverwirklichung notwendig in eine Sackgasse führt; gerade wer nur sein Selbst sucht und es als alleinigen Maßstab seines Handelns setzt, verliert es, denn dieses Selbst ist ein Scheingebilde, das eben von dem zehren muss, dem es keine Realität mehr zubilligen will: einer in sich objektiven Existenz. Aber wäre die Rückwendung ins Über-Individuelle tatsächlich ein Heilmittel gegen den immer schrankenloser werdenden Egoismus? Oder ist es nicht so, dass alle Heilmittel, setzen sie sich durch, über kurz oder lang zur neuen Gefahr werden? Die kollektiven Elemente unserer Existenz, seit dem Nationalsozialismus zurecht in Misskredit geraten, sind in sich zutiefst antagonistisch. Sie enthalten unsere Potenziale von Glück - und von Gewalt, von Sinn und Zerstörung. Die durch die deutsche Geschichte bedingte Abwendung von ihnen hat jedoch, als müsste jeder Lernprozess und jede Weiterentwicklung wieder in ein Scheitern münden, dem nachmodernen Aufbau krassester, in sich sinnleerer Konzepte des Lebens als bloßer Maximierung von Lustgewinn Vorschub geleistet. Zurück aber zur fraglosen Eingliederung der Individuen in kollektive Zusammenhänge führt kein Weg. Versucht Ulfig also eine neue Quadratur des Kreises, nämlich individuelle und über-individuelle Strukturen in eine Balance zu bringen?

Seltsamerweise wird in diesem Buch der ökonomische Bereich, die eigentliche gesellschaftliche Basis der neuzeitlichen Individualisierung, nicht eigens behandelt. Welche realen Chancen die von Ulfig vorgeschlagene Lebensorientierung also in einer globalisierten kapitalistischen Welt haben könnte, wird nicht gefragt. Eine Verklammerung mit den wirklichen politischen und ökonomischen Tendenzen der Gegenwart findet nicht statt. Trotzdem ist die Lektüre der "Überwindung des Individualismus" lohnend. Alexander Ulfig bietet eine Besinnung auf wichtigste Grundgegebenheiten der menschlichen Existenz, die heute wieder mehr -  aber dennoch kritisch - in den Blick genommen werden müssen. Zudem verbindet er theoretische Analyse und wirkliches Engagement auf eine unprätentiöse und wirklich undogmatische Weise und arbeitet so daran mit, der Philosophie auch außerhalb der Universitäten (wo sie in Gefahr steht zu verkümmern) einen Platz zu erobern.

Peter Rhonfeld

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