Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Annette Pehnt - Insel 34 - Roman
Piper Verlag München 2003, 190 S. ISBN 3-492-04572-3

Es handelt sich um die Geschichte einer Obsession, die mit den Worten beginnt: "Als Kind hörte ich lange von der Insel nicht mehr als die anderen auch." Aber schon bald ist eine der Inseln etwas besonderes: "Meine Insel war Nummer vierunddreißig, weil sie am weitesten weg war".(5) Alle diese Inseln liegen vor dem Land, von dem die Rede ist, sie haben keine Namen, werden nur gezählt. "Nummer vierunddreißig lag auf der Karte gut drei Fingerbreit entfernt vom Festland, ein kleiner Vogeldreck im zerkratzten Blau..."(5/6)

Der dringende Wunsch, diese Insel, auf der niemand war, selbst zu erforschen, beginnt das Leben des Mädchens zu bestimmen, das hier erzählt. Bevor in ihr dieser Wunsch Macht gewinnt, ist sie eine vorzügliche Schülerin, den anderen überlegen. Aber: "Bald begann die Leidenschaft aufzukeimen und unübersehbar zu werden. Mein Vater merkte es als erster. Du siehst anders aus, sagte er, als ich drei Stunden zu spät aus der Schule kam, weil ich in der Bibliothek Studien über das Leben in ländlichen Gemeinschaften gelesen und mich mit der Bibliothekarin über die Insel Achtundzwanzig unterhalten hatte, auf die sie früher beinahe einmal gereist wäre..."(14) Der Vater begrüßt das wachsende Interesse der Tochter, anders die Mutter: "Zuviel Leidenschaft war ihr unheimlich. Mir eigentlich auch".(15)

Der Tochter und ihrer Leidenschaft für die Inseln zuliebe verbringen sie die nächsten Ferien an der Küste - aber es sind eben nicht die Inseln und so vergehen Tage trostloser Langeweile: "Die Strände sind aschig und voller Quallen, die von innen heraus stumpf leuchten, das Wasser schwappt müde über den Tang und niemand hat daran gedacht, Papierkörbe aufzustellen...".(19) Die Autorin beschreibt in diesem Ton trockener Authentizität die Orte der Erzählung, man meint die Zeit an der Küste mitzuerleben, die ihren einzigen Höhepunkt in dem Ausflug zum Leuchtturm findet; die Inseln sind im Nebel kaum zu erkennen.

"Wir kehrten gereizt und übergewichtig nach Hause zurück. Kaum war ich allein in meinem Zimmer holte ich aus meiner Schultasche das Bild des Inseljungen und legte es vor mich auf den Schreibtisch. Sein Blick schien mir nun nicht mehr beharrlich, sondern streng und herausfordernd, der gerade Strich der Augenbrauen, die fest geschlossenen Lippen. Ich finde dich, sagte ich leise". (27) Dies Bild hat das Mädchen aus einem Buch in der Bibliothek herausgerissen und eingesteckt, das einzige von der Insel 34. Es wird zu einer Art Leitmotiv für die Forschungen, die sie als Vorbereitung nun allen Ernstes und unter Vernachlässigung alles übrigen, auch des eigenen Aussehens, beginnt. Lakonisch stellt die Erzählerin fest: "Meine neue Leidenschaft schien ungesund zu sein." (ebd.) Stunden um Stunden sitzt sie in der Bibliothek über den Büchern, die von Inseln handeln, von den Menschen, die auf Inseln leben, von den Sprachen, die dort gesprochen werden, den Pflanzen, die es dort gibt. Die Autorin selbst hat sie offenbar auch alle gelesen, jedenfalls trägt jedes der zehn Kapitel ein Insel-Motto.

Die wichtigste Begegnung in dieser Phase ist die mit Professor Losten. Er fasziniert das Mädchen durch die Intensität seines Lesens; umso mehr, als es ihn zunächst für einen Penner hält, der wie sie seine Tage im Landesarchiv verbringt. "Die Schule und sogar die Inseln hatte ich fast vergessen. Die anderen gingen in die Tanzstunde, machten den Führerschein und soffen bei Sternenlicht vor dem Rathaus, bis die Polizei kam. Ich saß im Landesarchiv, nahm zu und starrte Professor Losten an..." (39). Nach dem eben bestandenen Abitur heißt es dann: "Ich würde Geographie, Völkerkunde und bei Professor Losten Dialektologie studieren, würde mich in seinen Seminaren bemerkbar machen, immer wieder Laut geben, bis er mich zwischen den Gesichtern herauspickte, mich wiedererkannte und in die Lehre nahm, in sein Vorzimmer hielte ich Einzug, den Schlüssel zu seinem Postfach bekäme ich und seinen Leihausweis. Ich würde ihm Tee kochen. Und gleichzeitig Dinge erforschen, von denen niemand etwas ahnte. Und dann würde ich die Inseln bereisen. So wollte ich es. Und so wurde es." (44)

Unterbrochen in ihrem Vorhaben wird die Erzählerin während des Studiums durch die Beziehung zu Zanka und die Affäre mit Nessel; aber das berührt sie nur am Rande, auch der Sex ist nicht so wichtig, dennoch: "Allmählich gerieten die Dinge außer Kontrolle. Ich lernte nicht mehr genug über die Inseln.." (59) und so bricht sie nach der ersten Prüfung zu den Inseln auf, und gelangt auf die Achtundzwanzig.

Das Sechste Kapitel trägt als Motto einen Satz aus Anton Tschechows "Die Insel Sachalin" und lautet: "Und wahrhaftig, es gab nichts Interessantes, durch die Fenster sah man Beete mit Kohlpflänzchen, daneben häßliche Gräben, und in der Ferne schimmerte eine dürre Lärche, die am Vertrocknen war." (75) Und wirklich sieht es auf der Insel nicht anders aus: die folgenden Wochen und Monate sind bestimmt durch die Ödnis der Landschaft und die Undurchsichtigkeit der menschlichen Verhältnisse. "Nach einem Vierteljahr auf Achtundzwanzig habe ich das Sackpfeifen erlernt, einen umfangreichen bedeutungslosen Aufsatz verfasst und mein Stipendium vollständig aufgebraucht." (127) Zanka taucht auf, sie streiten sich und schließlich fährt er sie zur Insel Zweiunddreißig.

Auf dieser Insel arbeitet eine Gruppe von Archäologen an der Freilegung eines Weges aus Eichenbohlen durch das Moor; eine Zeitlang hilft sie dort aus, macht sich nützlich, aber dann geht das Müllschiff zur Deponie auf der Insel Dreiunddreißig und nimmt sie mit. Ebenso wie die Tätigkeit der "Graber" auf der Zweiunddreißig und deren Leben, wird auf der Dreiunddreißig die einsame Existenz des für die Mülldeponie verantwortlichen Ingenieurs Wiesent ausführlich und genau beschrieben.

Jedesmal könnte sie bleiben, aber: "Irgendwann wird das Versorgungsboot kommen, mit frischen Eiern, Milch, den Tageszeitungen der letzten Wochen und einem Brief von meiner Mutter. Ich werde ihn nehmen, werde zum Strand gehen und mir zwischen rostroten Felsen einen stillen Fleck suchen. Wenn ich den Umschlag gegen das Licht halte, um zu sehen, wie viele Seiten darin sind, wird er mir aus der Hand rutschen und in einen der kleinen salzigen Tümpel fallen, die überall zwischen den Felsen schwarz glänzen. Ich ziehe ihn sofort heraus, aber er hat sich schon vollgesogen und liegt matschig in meiner Hand. Ich lehne mich zurück und schaue über das Wasser. Es ist Ebbe, und ich merke auf einmal, daß die Insel nicht aufhört, sie verläuft sich allmählich, aus Sand wird bläulicher Schlick, durchzogen von Prielen, der weiche Saum des Meeresbodens, der sich hinten im Nebel wieder verfestigt zu Insel Vierunddreißig. Ich könnte hinübergehen."(186/87).

Aber so endet die Geschichte nicht; es folgt noch ein kleiner Absatz: "Doch ich stehe auf und gehe zu Herrn Wiesents Haus. Den Brief lege ich in die Trockenkammer. Dann packe ich meine Sachen." (187) Und darin liegt der Reiz dieses kleinen Romans - im Grund bleibt alles offen. Durch den hier verwendeten Wechsel von erzählter Zeit und Futur wird der Leser in die Gedanken der Erzählerin einbezogen - aber was wirklich geschehen wird, erfährt er nicht. Die "Insel 34" bleibt am Rande des Blickfeldes im Nebel, der sie umgibt. Was hilft, ist das Motto dieses letzten Kapitels, diesmal aus dem "Leben des Heiligen Brendan": "Als sie nachher von dort weitersegelten, fanden sie eine sehr steile Insel, aber einen günstigen Hafen, um die Insel zu betreten, fanden sie nicht?

Beunruhigend ist nach der Lektüre die scheinbare Sinnlosigkeit, auf die so viel Energie verwandt wurde und der Gedanke daran, was nun aus der Inselforscherin werden wird. Wird sie im Nebel verschwinden? Diese Fragen zeigen, dass es der Autorin gelingt, unsere Teilnahme zu gewinnen für ihre Geschichte, die doch auf vieles Verzicht leistet, was unser Interesse wecken könnte: Liebe und Tod spielen keine Rolle, die dargestellte Umwelt ist das Gegenteil von exotisch oder auch nur starkfarbig. Ein trübes Grau bestimmt die Atmosphäre und die "Leidenschaft" der Erzählerin hat keine große Überzeugungskraft, bis sie uns hineinzieht in das seltsame Geschehen. Die Rätsel bleiben ungelöst, ob es nun die seltsame "Gesellschaft" auf Achtundzwanzig ist oder das Bild des Knaben, das mehrfach auftaucht. Wir wüßten gern mehr...

Renate Scharffenberg

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